URI: 
       # taz.de -- Festivals im Sommer: Der immer gleiche Urlaub
       
       > Neues entdecken und sich überraschen lassen ist der Antrieb, wieso man
       > auf Festivals geht. Oder, sagt unser Kolumnist, man freut sich einfach am
       > Wiedersehen.
       
   IMG Bild: Crowdsurfing als eine stimmungsvolle Bootsfahrt beim diesjährigen Rudolstadt-Festival
       
       Zwei Dinge sind mir vom Wochenende auf dem Zeltplatz in Erinnerung
       geblieben: erstens das Dozieren des Nachbars darüber, dass es auf Festivals
       heute nicht mehr um die Musik gehe; und zweitens der Trickreichtum eines
       Mitreisenden, der seine Einlassarmbänder der vergangenen Jahre mit
       Magnetclips präpariert hatte, um sie bei Bedarf an- und wieder ablegen zu
       können – was an diesem Bild so schön ist, bedarf keiner Erklärung.
       
       Das Gespräch vom Nachbarlager aber schon. Denn was als kampfeslustiger
       Gedanke über den Stand der Eventisierung halbwegs interessant anfing,
       entpuppte sich bald als schlichte nostalgische Einlassung über die
       Entbehrungen von einst.
       
       Es ging dem lauten Mittfünfziger im Leinenhemd nicht um Musik, sondern um
       einen Kult der Entbehrungen: als Festivalklos noch keinen Wasseranschluss
       hatten und Pasta wie Bier ausschließlich in Dosen zu haben waren. Und was
       man sonst so alles auf sich nahm, um dabei zu sein – [1][um die Stones
       gesehen zu haben] oder meinetwegen [2][Atari Teenage Riot]. Je nachdem, wie
       alt man eben so ist.
       
       Lustig an dem Vortrag ist, dass er im thüringischen Rudolstadt stattfand,
       auf dem [3][ehemaligen „Tanz- und Folkfest“,] wo es im Grunde schon immer
       recht zivilisiert zuging, ganz ohne Schlammschlachten und Drogenexzesse.
       
       Viel spannender ist hier die Geschichte der ganzen Angelegenheit: wie das
       schon damals internationale Festival in der DDR entstand, um den
       Sozialismus folkloristisch zu unterfüttern; wie es den Zusammenbruch der
       Sowjetunion überstand; und wie es spätestens vor zehn Jahren dann auch noch
       den Stunt vollbrachte, sich aus Trachtenreigen und Ethnotraditionals zu
       einem im besten Sinne modernen Großevent des Global-Pop-Zirkus zu
       entwickeln.
       
       Funktioniert hat das auch in diesem Jahr wieder für rund 90.000 Besucher,
       die sich zwischen mehr als 300 Konzerten, Workshops und Symposien
       offensichtlich sehr gut amüsiert haben. Und obwohl ich den
       renovierungsbedingten Ausfall der Heidecksburg als Spielstätte bedauerlich
       finde und ich mit dem musikalischen Länderschwerpunkt Österreich nichts
       anfangen kann, gilt das auch für mich. Also das mit dem Amüsement.
       
       ## Die immer gleichen Marktstände
       
       Begeistert oder auch nur ein bisschen überrascht hat mich hingegen nichts –
       und es tut mir leid, das zu sagen. Vielleicht hat mich die Gewöhnung nach
       25 Jahren zwischen den immer gleichen Marktständen dann doch noch
       überwältigt. Vielleicht sind es umgekehrt auch die schönen wie traurigen
       Erinnerungen des Dauercampers, die auch das spannendste Neue schon im
       Aufkeimen überlagern.
       
       Wahrscheinlich hat mich der Früher-war-mehr-Rotze-Typ auf dem Zeltplatz vor
       allem deshalb so geärgert, weil es mir im Grunde ja ganz genauso geht. Weil
       auch mir etwas verloren gegangen ist, seit ich mich schon Wochen vor dem
       Festival durch lückenlos bestückte Playlists klicken kann, um mein
       Wochenende zu planen. Und dafür kann nun wirklich niemand was.
       
       Ich frage mich, ob es Menschen so geht, die jedes Jahr den gleichen Urlaub
       am selben Ort machen – für die jede Begegnung ein Wiedersehen ist –, und ob
       es nicht auch für mich die bessere Lösung wäre, den Part mit dem
       Versprechen eines neuartigen Dies und überraschenden Das von vornherein zu
       streichen.
       
       Vielleicht muss ich mir den Gedanken weniger resignativ verkaufen, denn
       eigentlich könnte ich mich damit anfreunden. Weil es ja langfristig auch
       heißt, sich weniger über die selbstgerechte Nostalgie der anderen zu
       ärgern, als sich über Wiederkehrendes zu freuen. Zum Beispiel über
       Festivalarmbänder, die man an- und wieder ablegen kann.
       
       12 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Konzert-der-RocknRoller-in-Berlin/!5515335
   DIR [2] /Alec-Empire-ueber-Punk-Acid-und-Techno/!5022409
   DIR [3] /Folkfestival-in-Rudolstadt/!5944620
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jan-Paul Koopmann
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt Stadtland
   DIR Kolumne Speckgürtelpunks
   DIR Musikfestival
   DIR Thüringen
   DIR Weltmusik
   DIR Folk
   DIR nord-kolumnen
   DIR Schwerpunkt Stadtland
   DIR Schwerpunkt Stadtland
   DIR Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Bodyshaming im Sommer: Der Sommer, die Oberarme und modische Fragen
       
       Die Frage, wieviel Arm man sich und den anderen zumuten darf, wenn es heiß
       ist, rührt an alte Körperklischees. Aber die muss man sich ja nicht
       anziehen.
       
   DIR Nachbarschaftliches Klima: Alle reden vom Wetter – oder eben auch nicht
       
       Als Smalltalkthema ist das Wetter brisant, weiß unser Kolumnist. Aber gern
       hätte er doch mit dem Nachbarn darüber geplaudert. Und über den
       Rasensprenger.
       
   DIR Eine Form von Reichtum: Diese ganzen Dinge, sie kommen immer noch zu mir
       
       Immer neuer Kram in der Wohnung? Dagegen kann sich unsere Kolumnistin nicht
       wehren. Selbst wenn sie an die denkt, die die Wohnung mal ausräumen müssen.