# taz.de -- Erinnern und Vergessen: Den richtigen Nerv treffen
> Wie wir erinnern, ist ein Mysterium. Nun blickt neueste Forschung in die
> Tiefen des Gehirns. Was, wenn wir entscheiden könnten, was wir erinnern?
IMG Bild: Durch die Löcher, die der Chirurg Valeri Borger ins Gehirn seiner Patienten bohrt, kann er die Aktivität einzelner Neuronen messen
Es beginnt mit einem Kribbeln im Bauch, das langsam hinaufkriecht in den
Kopf. Es macht die Lippen und die Zunge taub, steigt die Nase hinauf und
dringt schließlich zwischen den Augen tief hinein in den Schädel. „Dann
fühlt es sich an, als würde ich einen Schritt von der echten Welt
wegrücken“, sagt Mejreme. „Meine Augen verlieren den Fokus und drehen sich
weg. Meine Beine krampfen und zucken. Ich habe keine Kontrolle über meinen
Körper. Wenn es endlich vorbei ist, bin ich müde und verwirrt – und
irgendwie auch beschämt, weil ich mich nicht erinnern kann, was passiert
ist.“
Wenn Mejreme von ihrem Empfinden und ihren Erfahrungen als Epileptikerin
erzählt, möchte sie das lieber nur mit ihrem Vornamen tun. Trotz der
Anfälle arbeitete sie zunächst weiter als Bankangestellte, das Kribbeln und
das Zucken war selten und dauerte nur ein paar Sekunden. Der Alltag
funktionierte noch. Doch als ihre Töchter auf die Welt kamen, wurden die
epileptischen Anfälle häufiger und stärker.
„Meine große Tochter ist fünf, die nimmt das ganz cool, sie kennt Mama
nicht anders“, sagt Mejreme. „Sie hält meine Hand, passt auf mich auf und
erzählt mir später, was geschehen ist. Aber die Kleine, sie ist jetzt drei,
die bekommt Panik und rennt vor mir davon. Als würde sie ihre Mutter nicht
wiedererkennen. Das geht so nicht weiter.“
Mejreme hat sich in mehreren Spezialkliniken untersuchen und medikamentös
einstellen lassen, zuletzt schluckte sie vier Pillen am Tag. Die Anfälle
aber hörten nicht auf. Unter den Krämpfen leidet auch das Gedächtnis,
Erinnerungen gehen verloren. „Irgendwann hatte ich richtig Angst, dass ich
mich nach einem Anfall nicht mehr an einen geliebten Menschen erinnern
kann“, sagt Mejreme.
Deswegen ist sie nun in der Epilepsie-Klinik in Bonn. Dort unterzieht sich
die 33-Jährige einer brachial anmutenden Therapie. Eine Hirnoperation
ermöglicht der Forschung, was aus technischen und vor allem ethischen
Gründen zuvor unvorstellbar schien: den messbaren Einblick in ein
lebendiges, menschliches Gehirn und die Funktionsweisen des Gedächtnisses.
Diese Erkenntnisse sind nicht nur für Epilepsie-Betroffene wertvoll. Mit
ihnen könnten Forschende besser verstehen, wie unser Gehirn Erinnerungen
speichert und wieder abruft. Und vielleicht eines Tages sogar: die Fehler,
die beim Speichern entstehen, beheben.
## Trügerisches Gedächtnis
Mejreme leidet unter dem Verlust von Erinnerungen, den ihre Anfälle
verschulden. Aber auch das gesunde Gehirn vergisst ständig. Es filtert, es
versteckt, es sortiert aus. Es behält, was neu, lustig, schlimm oder
emotional aufgeladen ist. Es verwirft, was beim Erleben langweilig scheint,
und manchmal unterdrückt es auch die Erfahrungen, die traumatisch waren.
Doch wenn wir unsere verzerrten Erinnerungen ins Gedächtnis rufen, tun wir
das mit absoluter Gewissheit. [1][Voller Überzeugung erzählen wir die
Märchen], die unser Gehirn erfunden hat, und erwarten, dass die Geschichten
der Realität anderer entsprechen.
Natürlich führt das ständig zu schrecklichen Missverständnissen, falschen
Urteilen, Streit und Ungerechtigkeit. Dass wir in den letzten Jahrzehnten
die Unzuverlässigkeit unseres Erinnerns besser verstanden haben, hat zum
Beispiel den Umgang mit Zeugenschaft vor Gericht verändert.
Was wäre, wenn wir darüber [2][entscheiden könnten, woran wir uns erinnern]
und woran nicht? Die Urlaubserinnerungen, Spanischvokabeln und alle
schlauen Bücher: abspeichern. Den ganzen Groll, die Werbe-Jingles und alle
erlebten Peinlichkeiten: weg damit. Könnten wir uns mit mehr Wissen über
unser Gehirn dann auch besser therapieren oder gar optimieren?
Florian Mormann steht mit blauem Arztkittel, Latexhandschuhen und
Mundschutz in einem OP-Saal der Bonner Uni-Klinik und kürzt mit seinem
Skalpell ein haardünnes Kabel. „Lange Zeit konnte man die Neurone nicht
invasiv messen, höchstens an einzelnen Zellen oder im Tierversuch“, erklärt
der Hirnforscher. „Doch hier haben wir eine besondere Gelegenheit.“
Mormann löst die Isolierung an der Spitze des Kabels, sodass nun winzige
Mikrodrähte zum Vorschein kommen. Mehrere dieser mit Elektroden versehenen
Kabel werden sich gleich ihren Weg in das Gehirn eines lebenden Menschen
bahnen: zum Hippocampus, der beim Speichern und Abrufen von Erinnerungen
und unserem Sprachverständnis eine große Rolle spielt; zum Frontallappen,
mit dem wir kontrollieren, koordinieren und urteilen; zur Amygdala, einer
Kernregion des Gehirns, die mitunter emotionale und soziale Informationen
verarbeitet.
Etwa bei der Hälfte der unter Epilepsie leidenden Menschen entstehen die
Anfälle [3][an derselben Stelle im Gehirn]. Lokalisieren die Ärzte diesen
Ort, kann das epileptische Gewebe entfernt oder verödet werden, sodass es
keine Anfälle mehr auslösen kann. Dafür muss die Stelle aber erst gefunden
werden – hierzu werden mehrere Elektroden über in den Kopf gebohrte Löcher
direkt ins Gehirn platziert.
## Einblicke in das menschliche Gehirn
Auf dem OP-Tisch liegt ein Patient im Narkoseschlaf, sein Kopf ist rasiert.
Das EKG piepst gleichmäßig, zwei Anästhesisten überwachen die Monitore. Im
Scheinwerferlicht justiert sich ein Roboterarm anhand seiner Kamera und
vorausgegangener Scans. Neurochirurg Valeri Borger setzt eine Markierung
auf der Schläfe. Dann spannt er die Bohrmaschine in die Halterung des
Roboterarms. Es surrt, es raucht ein bisschen, schon ist der Schädelknochen
durchbohrt. Loch 1 von 18.
Florian Mormann reicht seinem Kollegen einen Draht. Bis zu vier Zentimeter
tief wird der ins Gehirn gefädelt und schließlich mit einer Schraube
fixiert. Die zieht Florian Mormann selbst fest. Er will sicher gehen, dass
das Kabel bleibt, wo es ist, und ein paar seiner Mikrodrähte auf einem
passenden Neuron sitzen, um zuverlässig Daten zu liefern.
Es ist Mormanns 118. OP. Seine Forschung begann vor 15 Jahren. Fast
zeitgleich fingen die Bonner Epileptologie und über 100 weitere europäische
Forschungseinrichtungen damit an, das Computermodell eines menschlichen
Gehirns zu erstellen, um mit dieser Simulation das gesamte Wissen aus der
Neuroforschung zusammenzufassen. Als ein Teil der Forschung entstand ein
dreidimensionaler Atlas, den [4][jeder online erkunden] kann.
In ihm stecken die Daten aus Studien, in denen Gehirne in hauchdünne
Scheiben geschnitten wurden, um ihre Struktur zu durchschauen. Studien, für
die Nervenzellen mit ihren Fortsätzen, den Axonen, eingefärbt wurden, um
die Hirnareale einzugrenzen. Daten von lebendigen Gehirnen aus
Kernspintomografen, also MRTs.
Die Medizinerin und Neurowissenschaftlerin Katrin Amunts leitete das
sogenannte [5][Human Brain Project] bis zu seiner Fertigstellung. „Mit dem
Modell ist eine Art digitale Landkarte entstanden“, erklärt die Forscherin.
„Man kann bis zur Zellebene hineinzoomen und sich unterschiedliche Level
anschauen: die Hirnareale, die Faserbahnen, die molekularen Strukturen und
so weiter. Die Komplexität des neuronalen Netzwerks ist einfach
unglaublich.“
Heute wissen wir: Ein einzelnes Neuron ist gerade mal 0,01 bis 0,1
Millimeter groß. Durch seine Verästelungen, die Dendriten und das Axon,
kann es sich mit zehntausend anderen Zellen verbinden. „Durch diese
Verknüpfungen und auch Rückkopplungen entsteht ein komplizierter Austausch
an Informationen“, beschreibt Katrin Amunts. Auch unsere Erinnerungen
entstehen, weil ein Teil unserer 86 Milliarden Nervenzellen im Gehirn
miteinander funkt.
## Vergessen lohnt sich
Wenn wir etwas erleben oder erfahren, bilden die Zellen neue Verbindungen.
Werden diese öfter genutzt, wachsen sie und verstärken sich vom neuronalen
Trampelpfad zur neuronalen Autobahn. Dadurch sind uns manche Verbindungen
bewusster, andere bleiben im Datenwust verborgen. So speichert unser Gehirn
nicht alles Wahrgenommene.
„Ich muss mich nicht mehr an die Zimmernummer des Hotels erinnern, in dem
ich vor zehn Jahren übernachtet habe“, erklärt Katrin Amunts. „Es ist
sinnvoll, Unnötiges zu vergessen. Die Muttersprache etwa vergisst ein
funktionierendes Gehirn aber nicht. Wahrscheinlich, weil sich die dafür
verantwortlichen Nervenzellen verstärken, indem sie immer wieder
beansprucht werden.“
Diese neuronale Funktion besser zu begreifen, würde uns helfen zu
verstehen, wie und warum wir vergessen, insbesondere dann, wenn wir nicht
vergessen wollen. Es könnte uns helfen, Demenz und Alzheimer zu behandeln
oder ein Trauma aufzuarbeiten, indem wir bestimmte Erinnerungen zurückholen
oder vergessen.
Was Florian Mormann und sein Team an dem riesigen Netzwerk in unserem Kopf
besonders interessiert, ist das Konzeptneuron. Es wurde vor 20 Jahren
entdeckt. Es ist in der Lage, gezielt Konzepte unseres Erlebens zu
verarbeiten: die Erinnerung an gelerntes Wissen, an eine Reise oder eine
bestimmte Person zum Beispiel.
Lange Zeit belächelten Forschende die Idee, das Gehirn würde so präzise und
wählerisch Erinnerungen in einer Zelle speichern. Doch dann reagierte eine
Nervenzelle bei einem Test mit Bilderfolgen ausschließlich auf Fotos von
Jennifer Aniston. Ein anderes Neuron feuerte nur beim Anblick von Fotos von
Halle Berry und sogar auf ihren geschriebenen Namen. Auf andere Bilder oder
Schriftzüge reagierten sie nicht.
Es gibt also Neurone, die ihre Aktivität einem einzelnen Konzept wie einer
Schauspielerin widmen und Erinnerungen an sie abrufen und neue Erlebnisse
mit ihnen einspeichern können. Ebenso haben einzelne Konzeptneurone die
eigene Großmutter, die Lieblingspizza oder den Urlaub an der Ostsee
abgespeichert. In den vergangenen Jahren entdeckten Hirnforschende
Konzeptneurone, die explizit auf den Duft von Bananen reagierten, nicht
aber auf den Duft von Erdbeeren. Diese Neurone spielen eine wesentliche
Rolle, um sich vielschichtige Erinnerungen zu merken; nicht vereinzelte
Bilder, sondern komplexe Ideen.
„Wenn ich ein Konzert besuche und dort zufällig eine alte Freundin treffe,
muss ich die Erinnerung an eine bekannte Person mit unterschiedlichen Orten
und Zeiten kombinieren“, erklärt Florian Mormann. „Das heißt, mehrere
Konzeptneurone müssen unabhängig voneinander aktiviert werden können. Sie
haben unterschiedlich scharf umschriebene Teilrepräsentationen gespeichert,
die erst durch ihr Zusammenwirken einen Sinn ergeben.“
## Das Neuron im Heuhafen finden
Um zu verstehen, wie genau wir erinnern und vergessen, müssen Forschende
einzelne Zellen unter den vielen Milliarden Neuronen aufspüren. Klassischer
Fall von Nadel im Heuhaufen also. Zusätzlich versteckt sich der Haufen
hinter einer Wand, der Schädeldecke. Mit nichtinvasiven Methoden lässt sie
die Hirnaktivität längst nicht so isoliert messen wie nötig. Die
Epilepsie-Klinik in Bonn jedoch bietet Florian Mormann genau diese
Gelegenheit: Dort kommen Menschen hin, die sich freiwillig den Kopf
durchlöchern lassen.
Mejreme hat genau das getan. Knapp zwei Wochen liegt sie bereits in Bonn in
einem Zimmer, wo sie rund um die Uhr überwacht und dies mit Bild und Ton
aufgezeichnet wird. Auf ihrem Kopf trägt sie einen weißen Turban, aus dem
ein Kabelbündel ragt, das mit etlichen weiteren Drähten und Schaltungen an
einem Computer angeschlossen ist. Mejremes Medikamente werden reduziert. Um
Anfälle zu provozieren, die dann von den Elektroden in ihrem Kopf gemessen
und lokalisiert werden können. Bis dahin ist Zeit genug für
Grundlagenforschung.
Auf einem Laptop läuft eine Bilderfolge über den Monitor: die Pyramiden von
Gizeh, ein Vereinslogo, Donald Duck, auch persönliche Fotos aus der
Kindheit, von Freunden oder Erinnerungen sind dabei. Florian Mormann hat
einen zweiten Bildschirm im Blick, der die aufgezeichneten Hirnströme durch
Dutzende bunter Linien anzeigt. Aus einem Lautsprecher sind die feuernden
Neurone zu hören. Der Forscher wartet auf ein Zeichen. Unter den Hunderten
Bildern könnte eines sein, das ein isoliertes Signal auslöst: die Amplitude
einer Konzeptzelle.
Wo ist es, das Jennifer-Aniston-Neuron, das Großmutter-Neuron oder
vielleicht wieder das Harry-Potter-Neuron? Bei einer von Mormanns
Testreihen schlich sich einmal ein Fehler ein: Das Potter-Neuron war
gefunden, also sollte der Zauberschüler in einer Bildfolge gezeigt werden,
um die Nervenzelle feuern zu lassen. Stattdessen aber tauchte das Foto von
Potters Freund Ron Weasley auf. Und das Neuron: Es feuerte trotzdem. „Wir
haben dadurch herausgefunden, dass es eine semantische Breite gibt, auf die
die Nervenzellen reagieren“, sagt Mormann. „Jedes Neuron reagiert auf paar
Dutzend Stimuli, die nicht zufällig sind, sondern sich auf ein rezeptives
Feld im semantischen Raum beziehen.“
Die Konzeptzellen sind also in einen breiteren Kontext eingebettet. So
könnte ein Frankreich-Neuron zum Beispiel auf den Eiffelturm reagieren oder
die Marseillaise. Oder das Großmutter-Neuron auf den Duft von Kölnisch
Wasser oder einen Korb bunter Wollknäuel und Stricknadeln. „Wir konnten
Neurone identifizieren, die mit Konzeptneuronen zusammenwirken, indem sie
Kontexte verarbeiten“, so der Forscher. „Durch sie wissen wir, wann, wo und
unter welchen Umständen wir etwas erlebt haben.“
[6][Tiere] können das offenbar nicht. Das jedenfalls zeigt so weit die
Forschung. Einer Ratte etwa scheinen die Kontextneurone im Gehirn zu
fehlen. Ohne die kann sie nicht abstrakt denken. Sie kann zwar Erinnerungen
wie etwa eine Gefahr oder eine Belohnung abrufen, nicht aber den Gedanken
an einen gestorbenen Artgenossen oder was sie an einem bestimmten Ort
erlebt hat. Elefanten, Wale, Primaten hingegen trauern und gedenken sehr
wohl. Möglicherweise verfügen sie über Neurone, die andere Tiere nicht
haben.
## Mehr als eine Festplatte
Aber selbst wenn nur das menschliche Gedächtnis entschlüsselt und dann
sogar beeinflussbar wäre, stellt sich immer noch die Frage, ob wir das
überhaupt wollten. Gezieltes Erinnern und Vergessen in der Medizin helfen.
So könnten winzige Drähte im Gehirn herkömmliche Psychopharmaka und
Gesprächstherapien ergänzen. Aber kontrollierte Erinnerung, das klingt auch
nach einem Horrorszenario.
So leicht ist es sowieso nicht. Zwar speichert unser Gedächtnis Wissen an
konkreten Orten ab, aber unser Gehirn funktioniert nicht wie eine
Festplatte. Es ist beides: lokaler Speicher und vernetzte Datencloud. Die
Forschung geht davon aus, dass eine Nervenzelle mit einem ähnlich
abgespeicherten Konzept bis zu zwei Millionen Mal vorhanden sein könnte.
Würde man das Abrufen und Speichern einer Erinnerung manipulieren wollen,
müsste man das nicht nur mit einer Zelle tun, sondern mit vielen.
„Außerdem sind wir zwar dem Ablauf nahegekommen, wie wir Erinnerungen
speichern“, ergänzt Katrin Amunts. „Wie wir sie aber abrufen, ist noch
lange nicht so gut verstanden. Der Zugriff auf den Speicher ist noch
schwerer zu erforschen.“ Immerhin wissen wir, wo wir suchen müssen: Das
Lernen und Einprägen geschieht im Hippocampus. Das zeige die Forschung an
Alzheimerpatienten, bei denen dieses Hirnareal besonders früh geschädigt
ist.
Im Film „Vergissmeinnicht“ lassen sich die herzgebrochenen Hauptfiguren all
ihre Erinnerungen aneinander von einem verrückten Hirnforscher löschen.
Aber selbst in der Utopie schlägt die Behandlung fehl. Im Film ist der
Grund natürlich der, dass die Liebe stärker ist und unkaputtbar. Doch
wahrscheinlich hat der verrückte Forscher beim Festplattenformatieren nur
ein paar Konzeptzellen übersehen.
## Ein Versprechen auf Heilung
„Gute Nachrichten: Die Patientin hatte Heteropien um die Hirnventrikel
herum“, sagt der Arzt Florian Mormann. „Wir konnten die Läsionen in einer
bestimmten Region lokalisieren, sodass wir sie mit einer
Radiofrequenz-Thermokoagulation behandeln können.“ Soll heißen: Das
Ärzteteam in Bonn hat mehrere Anfälle bei Mejreme gemessen. Sie kamen alle
aus derselben Hirnregion.
So können die dort liegenden Elektroden in Mejremes Kopf genutzt werden, um
das betroffene Gewebe ganz punktuell durch einen Stromimpuls zu veröden.
Oder wie man flapsig in der Epilepsie-Klinik sagt: Wir haben die böse
Stelle aufgespießt. Jetzt wird gegrillt!
Mejreme ist während der Behandlung wach und bei vollem Bewusstsein. Sie
liegt aufrecht auf einer hochgeklappten Liege, umgeben von Chefchirurg
Valerie Borger und seinen Kollegen. Aus dem Aufnahmezimmer werden
Koordinaten durchgegeben: erst die Elektrode D 7 und 8, dann E 7 und 8,
später noch F 5 und 6. Die Drähte werden heiß. Es ploppt. Es zischt. Wie
ein Spiegelei in der Pfanne. Mejreme verzieht keine Miene.
Dann kommen endlich die Kabel raus. Schrauben werden gelöst, Schorf wird
abgewischt, die kleinen Wunden desinfiziert und der Kopf noch ein letztes
Mal verbunden. Mejreme tastet nach ihrem Smartphone, es liegt neben einem
Teddy am Fußende. Sie schreibt ihrer Mutter, dann ihrem Mann. Es ist
geschafft. Ab jetzt hört alles auf. Mejreme weint vor Erleichterung.
Hoffentlich nie wieder Anfälle. Hoffentlich nie mehr ohne Erinnerungen zu
sich kommen.
11 Jul 2026
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