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       # taz.de -- Nachhaltige Schifffahrt: Hoch die Segel
       
       > Moderne Schifffahrt ist abhängig von Schweröl. In der aktuellen Ölkrise
       > wird ihr das zum Verhängnis – doch ein altbewährter Antrieb könnte
       > helfen.
       
   IMG Bild: Auf Knopfdruck lassen sich die Segel der „Grain de Sail 2“ an die Windverhältnisse anpassen
       
       Bevor der Frachtsegler mit seiner Ladung den Hafen von Concarneau in der
       Bretagne verlassen kann, prüft Kapitän Hadrien Bissou noch mal persönlich
       die Frachträume. Er klettert die steilen Leitern in den Schiffsbauch hinab
       und begutachtet auf allen drei Etagen, ob die Paletten mit Spirituosen und
       anderen französischen Produkten so gelagert sind, dass sie auch einem hohen
       Seegang standhalten.
       
       Es ist ein Tag im Sommer 2024 und Hadrien Bissou steht ein erstes Mal
       bevor. Bissou ist bisher nur Öltanker gefahren, dieses Mal aber
       transportiert er Waren mit einem Frachtsegler. Und auch für dieses Schiff,
       die „Anemos“, ist es fast so was wie eine Jungfernfahrt. Erst mal überquert
       sie in den darauffolgenden Tagen den Atlantik. Dadurch wird sie zum ersten
       Schiff im 21. Jahrhundert, das diese Strecke mit über tausend Tonnen Fracht
       an Bord allein mit einem altbekannten Hauptantrieb zurücklegt: dem Wind.
       
       Zwei Jahre später ist das Problem, dass Schiffe wie die „Anemos“ lösen
       sollen, noch drängender geworden. Je nach Rechnung werden 80 bis 90 Prozent
       der Waren weltweit per Containerschiff transportiert. Und dieser Transport
       hängt am Öl. Die Schließung der Straße von Hormus hat zwischenzeitlich
       einen Teil des Containerschiffsverkehrs zum Erliegen gebracht und gezeigt,
       wie instabil und angreifbar der Transport von Erdöl und Waren ist. Dabei
       ist auch die Schifffahrt selbst in besonderem Maße von den steigenden
       Ölpreisen und der fossilen Infrastruktur abhängig.
       
       Das Hauptantriebsmittel für Containerschiffe ist Schweröl. Eigentlich ist
       es eine Art Entsorgung von Sondermüll auf Hoher See. Entstanden als
       billiges Rückstandsprodukt der Erdölraffinerien, ist Schweröl hochgiftig
       und gefährlich für die Umwelt; klimaschädlich sowieso.
       
       ## Klimaneutral bis 2050
       
       Nach Angaben der Internationalen Maritimen Organisation (IMO), eine
       Unterorganisation der Vereinten Nationen, ist die Handelsschifffahrt für
       gut drei Prozent der klimaschädlichen Abgase weltweit verantwortlich. Gute
       Gründe einen Wandel voranzutreiben. Dazu hat sich die IMO bereits vor drei
       Jahren entschieden. Bis 2050 soll die gesamte globale Schifffahrt
       klimaneutral sein.
       
       Ansätze dafür gibt es. Forschende arbeiten an alternativen, synthetischen
       Kraftstoffen wie Methanol, Ammoniak oder Wasserstoff. Ihre Herstellung ist
       bislang jedoch langwierig und teuer. Deshalb hat die Schifffahrt in den
       letzten Jahrzehnten verschiedene Windhilfssysteme entwickelt:
       Drachenzugmodelle, die wie riesige Kites an Frachtern befestigt sind oder
       Flettner-Rotoren, riesige sich drehende Zylinder, die ähnlich wie ein Segel
       wirken.
       
       Schifffahrtsingenieure schätzen, dass diese Systeme bis zu 15 Prozent
       Energie einsparen können. Vorausgesetzt die Seeleute setzen sie auf Hoher
       See auch richtig ein. Moderne Frachtsegler wie die „Anemos“, gehen deutlich
       weiter. Sie werden von Beginn an für den Hauptantrieb Wind konstruiert und
       können nach Angaben der Betreiber bis zu 90 Prozent der CO2-Emissionen
       einsparen.
       
       Allein im Jahr 2024 gehen vier solcher modernen Frachtsegler an den Start,
       drei davon in Frankreich. Der vierte wurde an der Hochschule Emden/Leer für
       die Marshallinseln konstruiert, die 48 Meter lange „JurenAE“. Seit zwei
       Jahren ist der Segler im Warenverkehr zwischen den Marshallinseln im
       Westpazifik im Einsatz und unterstützt damit die bisher eingesetzten
       Motorschiffe.
       
       Von der Mastspitze bis zum Kiel ist dieses Schiff so konstruiert, dass es
       480 Tonnen Fracht nur mit Windkraft transportieren kann. Fast emissionsfrei
       liefert die „JurenAE“ Agrarprodukte, technische Hilfsmittel, medizinische
       Produkte, Treibstoff und Lebensmittel von Insel zu Insel.
       
       ## Mit hunderten Messwerten den Bau optimieren
       
       Dem Bau gingen jahrelange Forschungen voraus. Nach ersten Entwürfen bauten
       die Schifffahrtsexperten der Hochschule Emden/Leer ein Modellschiff und
       testeten es im Schleppkanal unter realitätsnah simulierten Wind-, Wellen-
       und Strömungsbedingungen. Hunderte Messwerte lieferten die Grundlage für
       die Berechnung der optimalen Rumpfform.
       
       Für einen schwer beladenen Frachtsegler ist entscheidend, dass Segel und
       Unterwasserschiff als Einheit funktionieren. „Anders als beim Motorschiff
       muss das Segelschiff Seitenkräfte aufnehmen“, erklärt Michael Vahs, Leiter
       des Forschungsteams. „Und das soll mit möglichst wenig zusätzlichem
       Fahrwiderstand geschehen.“ Das Konzept ging auf: Die „JurenAE“ erreicht
       nach Angaben der Entwickler Energieeinsparungen von über 80 Prozent.
       
       Lange lag die Segelfrachtschifffahrt, die zuvor über Jahrhunderte Stoffe,
       Gewürze, Waren um die Welt brachte, brach. Vor genau einhundert Jahren,
       1926, wurde der Segelfrachter „Padua“ gebaut. Er war der letzte seiner Art:
       Robuste Viermastsegler, die Getreide und Salpeter um die halbe Welt
       transportierten und mit denen bis in die 50er Jahre des letzten
       Jahrhunderts gutes Geld verdient wurde. Aber mit dem Aufkommen der
       Verbrennungsmotoren sah man keinen Grund mehr, Segelschiffe für die
       Handelsschifffahrt zu bauen.
       
       Die Weiterentwicklung der Segeltechnik wurde eingestellt. Zu einfach und zu
       billig war der Motorantrieb, mit dem immer größere Frachtschiffe gebaut
       werden konnten. Dazu kam der Bau des Suez- und des Panamakanals. Zwar
       wurden dadurch die Wege kürzer, aber für traditionelle Segelschiffe kaum
       passierbar. Erst mit dem zunehmenden Bewusstsein, dass fossile Energien
       eine endliche Ressource sind und dem Klima schaden, fand ein Umdenken
       statt.
       
       Besonders in Frankreich erlebt die Weiterentwicklung der Segeltechnik seit
       einigen Jahren einen Aufschwung. Bereits 2010 strebten die Zwillingsbrüder
       Olivier und Jacques Barreau an, die Schifffahrt per Windenergie zu
       dekarbonisieren. Sie bauten zunächst die „Grain de Sail 1“, einen 24 Meter
       langen Prototypen, der 2020 erstmals mit französischen Waren den Atlantik
       bis nach New York überquerte. Danach folgte die größere „Grain de Sail 2“,
       die bis zu 350 Tonnen Kaffee und Kakao laden kann.
       
       Mit ihren gigantischen Segeln sieht sie fast aus wie ein traditionelles
       Segelschiff. Doch statt aus Holz sind ihre beiden über 40 Meter hohen
       Masten aus Carbon, durch ein hydraulisches System lassen sich die Segel
       exakt an Wind- und Wetterverhältnisse anpassen. Dafür benutzt die Crew
       modernes digitales Wetterrouting. Spezielle Programme berechnen aus
       meteorologischen Daten die optimale Route und berücksichtigen Wind, Wellen
       und Strömungen. Bis zu vier Atlantikrundreisen pro Jahr stehen heute auf
       dem Plan und mit dem System gelingen die weitgehend durch Segelkraft.
       
       ## Langer Weg bis zum vollständigen Umstieg
       
       Seit Oktober 2025 verkehrt mit der 136 Meter langen „Neoliner Origin“ das
       bislang größte Segelfrachtschiff der Welt; 5.300 Tonnen kann es
       transportieren. Wie bei einer Fähre können Fahrzeuge, Maschinen, Lkw und
       Container nach dem Roll-on-Roll-off-Prinzip direkt in den Schiffsbauch
       gelangen.
       
       Möglich wird diese Größe durch eine speziell entwickelte Segeltechnik, die
       Solid Sails, also: feste Segel. Das sind riesige flexible Platten.
       Herkömmliche Segel wären in der Dimension kaum handhabbar. Mit der Technik
       allerdings lassen sich die riesigen Segelflächen per Knopfdruck an die
       Windverhältnisse anpassen.
       
       Bisher kann ein einzelner moderner Frachtsegler die Ladekapazität großer
       Containerschiffe nicht ersetzen. Experten schätzen, dass etwa zehn Schiffe
       der Größe eines Neoliners nötig wären, um so viele Waren wie ein großer
       Frachter mit 50.000 Tonnen Tragfähigkeit zu transportieren.
       
       Die Frage, ob sich neue Techniken so etablieren, wie es für das Ziel der
       klimaneutralen Schifffahrt bis 2050 notwendig wäre, hängt auch am Preis.
       Bisher bleibt das Verfeuern von Schwerölen immer noch am billigsten.
       Deshalb werden auch heute noch herkömmliche Frachtschiffe gebaut, denn
       verbindliche Regeln und wirtschaftliche Anreize wie eine globale CO2-Abgabe
       scheiterten bisher. Die Lebensdauer eines Frachtschiffs von rund 25 Jahren
       macht Systemveränderungen langsam.
       
       Aber das Interesse der Branche an neuen Technologien wächst. 2028 soll die
       „Grain de Sail 3“ vom Stapel laufen, sie kann bis zu 6.000 Tonnen Waren
       transportieren. Ein weiterer Schritt weg vom Nischenprodukt hin zu einem
       wirtschaftlich relevanten Segelfrachtverkehr.
       
       15 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Monika Kovacsics
       
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