# taz.de -- Gartenbau inmitten von Beton: „Die Natur ist keine Idylle“
> Dunja und Lothar Zech betreiben am Berliner Ostkreuz eine lebendige
> Stadtgärtnerei. Sie wollen den Berlinern zeigen, was in ihrer Stadt
> noch geht.
IMG Bild: Ein Garten in der Stadt: Lothar und Dunja Zech haben sich am Berliner Ostkreuz mit ihren Pflanzen eingerichtet
Direkt am Berliner Verkehrsknotenpunkt Ostkreuz befindet sich auf einem
alten Bahngelände die „Lebendige Stadtgärtnerei“ mit Wildstaudenverkauf und
Café, Workshops und Veranstaltungen. Es gibt einen Naturteich und
Senkgarten mit Trockenmauern und Totholzecken, zusammengewürfelte
Gartenmöbel, Bücherregal und Trockentoilette. Dunja und Lothar Zech haben
hier eine wilde, urbane Oase gebaut. Und das, obwohl hier eines Tages eine
Auffahrt für den nächsten Streckenabschnitt der mitten durch die Stadt
führenden Autobahn 100 entstehen soll.
taz: Frau und Herr Zech, stellen wir uns vor, die Bagger kämen morgen früh.
Welche drei Pflanzen würden Sie als Erstes retten?
Dunja Zech: Oh. Eigentlich müsste alles weg. Ich würde am liebsten alle
retten. Nacht-und-Nebel-Aktion, alle Freunde anrufen.
Lothar Zech: Ich sehe das mittlerweile ein bisschen anders. Vielleicht ist
mein Denken inzwischen auch radikal geworden. Ich würde sagen, mir ist die
Symbolwirkung dieses Gartens wichtiger als die einzelnen Pflanzen. Wenn
hier alles wegmüsste, dann würde ich nicht an einzelnen Blümchen
festhalten. Ich würde einen neuen Ort schaffen und hoffen, dass die Leute
aus den Fehlern lernen.
taz: Das klingt weniger nach Gärtnern als nach Stadtpolitik.
Lothar Zech: Ja, aber das ist es ja auch. Wir interessieren uns für die
Stadt als umkämpften Raum. Es geht um Menschen, die den Raum brauchen und
verstehen, und um Leute, die vehement gegen diesen Raum arbeiten und in
letzter Zeit immer mächtiger werden. Wenn wir erzählen, dass hier am
Ostkreuz, wo wir gerade sitzen, irgendwann eine Auf- und Zufahrt für eine
Autobahn sein soll, fallen die Leute aus allen Wolken. Das wissen die
wenigsten. Deshalb sind wir auch in der [1][Bürgerinitiative A 100] und
machen auch bei den [2][Aktionen unserer Clubnachbarn] mit.
taz: Sie sind aus Heidelberg nach Berlin gekommen. Müssen zwei Leute aus
der Provinz den Menschen hier die Stadt erklären?
Lothar Zech: Vielleicht ein bisschen. Ich glaube, die Leute hier wissen gar
nicht, was sie für eine Macht haben. Berlin ist für mich die einzige Stadt
in Deutschland, wo man von heute auf morgen alles lahmlegen könnte. Nur ist
das den Leuten nicht so bewusst. Und wenn man dann hört, wie bürgernah die
Politik angeblich sein möchte, da denke ich: Mein Gott, fahr doch einfach
mal mit dem Fahrrad spazieren. Guck dir doch mal an, was hier ist.
Dunja Zech: Wir wollten aber nie eine politische Einrichtung sein.
Lothar Zech: Nee, überhaupt nicht. Der Garten spricht für sich selbst. Die
Leute kommen her, trinken einen Kaffee, sitzen hier, sehen den Wasserturm,
hören die Züge und merken ganz von selbst, was das für ein Ort ist. Und
irgendwann kapieren sie: Uns ist viel genommen worden. Vielleicht wird uns
auch das hier wieder genommen.
taz: Wie reagieren die Menschen, wenn sie hier zum ersten Mal durch das Tor
zum Garten kommen?
Dunja Zech: Einfach so: Wow, sieht das toll aus. So was will ich auch.
Oder: So was braucht es in der Stadt.
Lothar Zech: Mich interessiert dieser Kontrast. Draußen ist Beton, Verkehr,
Hitze. Die normalen konventionellen Flächen ums Ostkreuz herum sind jetzt
nur noch braun und staubig. Dann geht man hier rein und da blüht immer noch
was. Schmetterlinge schwirren herum.
taz: Wer kommt zu Ihnen in die Gärtnerei?
Dunja Zech: Viele kommen schon gezielt [3][wegen der Wildstauden], die wir
in Töpfen verkaufen.
Lothar Zech: Leute mit Balkon, Hinterhof, Kleingarten, Baumscheibe. Und
Leute mit Grundstück in Brandenburg. Leute mit Lastenrad und Wägelchen, aus
der Nachbarschaft. Wir können davon leben. Das ist nicht so, wie es oft
dargestellt wird. Es gibt genug Menschen, die so etwas wollen.
Dunja Zech: Aber wir wollen auch nicht nur die Leute aus unserer Bubble
ansprechen. Hier sollen auch einfach Leute mal kurz durchatmen können, ohne
was zu kaufen. Das ist uns wichtig.
Lothar Zech: Deshalb haben wir auch so eine Partnerschaft mit einem
Unternehmen. Da können Leute Gepäckstücke abgeben, wenn sie ihren Anschluss
verpasst haben und auf den nächsten Zug warten müssen. Die merken das aber
auch: Das ist ein ganz anderer Raum.
taz: Wie kriegt man Leute, die eigentlich Rasen, Formschnitt und
unkrautfreie Beete wollen, dazu, mehr Chaos im Garten zuzulassen?
Lothar Zech: Je älter ich werde, desto leichter fällt es mir, Menschen
positiv zu beeinflussen. Ich habe Hunderte Privatgärten gemacht. Ich
glaube, man kann den Leuten helfen, bestimmte Ängste zu überwinden. Das
hört sich dreckig an, aber Gartenplanung ist ganz viel Psychologie. Man
kann nicht immer mit der Hammerkeule kommen und alles rausreißen. Ein
Garten ist auch Biografie. Vielleicht wurde eine Pflanze auf dem
Mutterkuchen vom Kind gepflanzt. Dann hat die eine Bedeutung. Das gilt auch
für diesen Ort. Wir haben an den Rändern Akzeptanzschnitt, damit es nicht
schon von außen linksversifft aussieht. Und innen ist es wild und struppig.
(lacht)
taz: Es reflektiert die Stadt, oder?
Lothar Zech: Ja. Der Boden hier ist komplett verdichtet und kontaminiert,
Brückenfundamente, alte Bahnhof-Geschichte, da kann man kein Gemüse
anbauen. Wir haben Recyclingschotter mit Sand gemischt, und da wachsen
unsere eigenen Wildstauden, die nicht für den Verkauf bestimmt sind, am
allerbesten. Für den Naturgarten mit Teich musste ich 450 Kubikmeter Erde
bewegen. Dafür brauchte ich große Maschinen. Aber ich fand, das war kein
Widerspruch, es passte zum Ort. Hier liegen auch überall Dachziegel,
Totholz und alte Steine rum.
taz: Für viele wäre das Müll. Für Sie ist es Lebensraum.
Lothar Zech: Ich brauche bei Material immer einen Bezug. Eine kleine
Geschichte. Die Platten am Teich kommen aus einem Betonhaufen an der
[4][Rummelsburger Bucht.] Am [5][Platz der Luftbrücke] haben wir alte
Randsteine gefunden, die ausgebaut wurden und wegsollten. Das Totholz haben
wir von einer alten Bio-Obstplantage aus Brandenburg.
taz: Also besteht der Garten aus Resten?
Lothar Zech: Ja. Und ich finde es schön, wenn Leute das nachmachen. Nicht
eins zu eins. Aber dass sie anfangen, anders zu gucken. Da liegt ein alter
Stamm? Super für Holzbienen. Die Dachziegel? Geben eine gute Käferburg ab.
Viele sagen: Ich würde ja gern etwas tun. Dann sagen wir: Fang doch einfach
an. In der Stadt zählt jeder Blumentopf.
taz: Man merkt hier beim Blick so rundherum: Stadt und Natur sind kein
Gegensatz.
Lothar Zech: Eben. Alle denken, Natur ist draußen. Dabei habe ich auf dem
Land oft weniger Tiere gesehen als hier. Wenn du Gegenden hast mit
intensiver Landwirtschaft, riesigen Feldern, keine Hecken – da ist wenig.
Hier hast du Füchse, Wildbienen, Eidechsen. Wir haben eine Nachtigall, die
macht Techno-Sounds.
taz: Techno-Sounds?
Lothar Zech: Ja. Die sitzt in einem Busch zwischen unseren Containern und
macht ganz schnelle Beats. [6][Berliner Nachtigallen werden sogar
erforscht, weil sie mehr Songs können als andere.] Wir haben eine Menge
Clubs, Werkstätten, Proberäume und eine Wagenburg in der Nachbarschaft.
Oder noch so ein Thema: die Berliner Igel. Ich habe gelesen, dass viele von
denen nikotinabhängig sind, weil sie gerne Zigarettenstummel fressen. Wenn
Leute sie dann im Winter in den Keller holen, sterben sie am kalten Entzug.
Die Natur ist keine Idylle.
taz: Sie haben früher Designgärten gebaut. Was fehlte Ihnen?
Lothar Zech: Ich habe lange konventionelle Gärten gemacht. Auch krasse
Architekturgärten, mit quadratischen Betonplatten, Bauhaus, alles gerade.
Diese Gärten waren immer weiter weg von dem, was ich eigentlich wollte.
Mich interessiert heute viel mehr, wie ein Garten lebt. Dass Tiere kommen.
Dass Menschen bleiben. Garten ist für mich ein interessantes Miteinander.
Man kann der Natur nicht einfach etwas aufdrücken.
taz: Woher kommt bei Ihnen eigentlich diese Begeisterung für Natur?
Dunja Zech: Ich komme eigentlich aus der Hotellerie. Als wir uns
kennenlernten, sind wir viel mit dem Bus herumgefahren, bis nach Marokko
und Griechenland, viel draußen, viel wandern. Und dann waren da die
Pflanzen auf meinem Balkon.
Lothar Zech: Ich habe das ganz dezent gemacht. Jedes Mal, wenn ich
vorbeikam, habe ich ihr Pflanzen mitgebracht.
Dunja Zech: Es war einfach schön, im Grünen zu sitzen. Es kühlt auch. Und
dann merkt man plötzlich: Da kommen Insekten. Da passiert etwas.
Lothar Zech: Und dann kam Corona.
Dunja Zech: Mein damaliger Arbeitgeber hat mich gleich in Kurzarbeit
geschickt, für ein ganzes Jahr. Nach und nach bin ich bei ihm eingestiegen.
Wir waren in Heidelberg auf den Wochenmärkten und haben gemerkt, dass die
Leute Beratung brauchen.
Lothar Zech: Dunja konnte das alles viel besser als ich. Ich habe noch nie
jemanden getroffen, der so schnell Pflanzennamen lernen kann. Und sie kann
gut mit Leuten reden.
Dunja Zech: Ich bereue es nicht, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Es
war die beste Entscheidung von mir ever.
taz: Und wie sind Sie Gärtner geworden, Herr Zech?
Lothar Zech: Meine Eltern waren eher konservativ. Wir hatten nie einen
eigenen Garten, weil mein Vater, der Anwalt war, damit nichts anfangen
konnte. Wir sind viel raus in die Natur. Meine Eltern haben später erzählt,
sie hätten mich bei Wanderungen einfach irgendwo am Wegrand abgesetzt, und
ich habe dann kleine Landschaften gebaut, aus Wurzeln und Steinen und was
da lag.
taz: Ihr Vater war Anwalt?
Lothar Zech: Ja. Und er hat nie richtig verstanden, was ich eigentlich
wollte. Aber auf eine Art war er trotzdem ein Vorbild. Seine letzte
Gerichtsverhandlung hatte er eine Woche vor seinem Tod. Das finde ich
inspirierender, als sich mit fünfzig eine Wampe anzufressen und den
Wohlstand der Eltern aufzubrauchen.
taz: War das auch der Grund, noch einmal neu anzufangen?
Dunja Zech: Eigentlich hatten wir für eine Gärtnerei schon ein Grundstück
im Rhein-Neckar-Kreis zugesagt bekommen.
Lothar Zech: Ich habe Berlin schon immer geliebt. Aber dann ging das mit
dem ganz billigen Wohnen zu Ende und ich hatte das Gefühl, dass Berlin
kaputt geht. Bis ich auf einmal eine kleine Einzimmerwohnung geerbt habe,
40 Quadratmeter, die niemand sonst aus der Familie haben wollte.
Dunja Zech: In dieser Wohnung wohnen wir heute noch. Hat viele Vorteile.
Man muss nicht so viel putzen. (lacht)
Lothar Zech: Wegen dieser Wohnung sind wir dann immer öfter hergekommen.
Und irgendwann saßen wir mal wieder in der [7][Ankerklause am
Landwehrkanal] und Dunja hat mich gefragt: Warum machen wir nicht in Berlin
irgendwas?
taz: Und dann?
Lothar Zech: Dann sind wir erst mal fast 3.000 Kilometer mit dem Roller
durch Berlin gefahren und haben alle Brachen auf einer Karte markiert. Wir
wussten damals nur: Es gibt in der Stadt viel zu wenig Wildstauden. Und wir
wollten nicht irgendwo draußen sein, sondern mitten in der Stadt. Wir
wollten ein bisschen dreist sein, haben eine Bewerbungsmappe gemacht, extra
in A3. Dann konnten wir einfach in die Bezirksämter reinlaufen und sagen:
Die passt nicht in den Briefkasten und auch nicht in den Mailkasten und
überhaupt in gar keinen Kasten, wir würden gern mal den Bürgermeister
sprechen. Und komischerweise hat das zu dreißig Prozent hingehauen.
Manchmal hieß es: Vielleicht geht es in zwei Stunden, ich hole noch
jemanden dazu. Dann saßen wir plötzlich vor lauter interessanten Leuten.
Eine E-Mail nicht beantworten, das geht ruck, zuck. Jemandem ins Gesicht zu
sagen: Nein, ich will dich da nicht haben – das ist schwieriger.
taz: Waren die Bezirke die richtigen Ansprechpartner?
Lothar Zech: Irgendwann haben wir kapiert: Berlin hat in der dümmsten Zeit
die meisten Flächen verkloppt. Die Bezirke haben gar keine mehr.
taz: Wie haben Sie es trotzdem geschafft?
Lothar Zech: Ich bin seit 30 Jahren selbstständig. Da muss man sich immer
wieder was einfallen lassen. Ich glaube, wenn man eine Vision hat und die
wirklich verfolgt, dann geht viel mehr, als einem erzählt wird.
taz: Zunächst haben Sie einen Garten [8][auf dem umstrittenen RAW-Gelände]
gemacht, wo zwischen Clubs, Ateliers und Brachen noch Berliner Restwildnis
überlebt – zumindest, solange die nächsten Baupläne sie lassen. Den mussten
Sie aber komplett wieder zurückbauen. Dann haben Sie für diese Fläche hier
einen Mietvertrag mit der Bahn bekommen.
Dunja Zech: Innerhalb von einer Woche. Das gab es wohl noch nie.
taz: Sie sagen immer wieder: Der Ort soll den Leuten etwas Gutes tun. Gilt
das auch für Kinder?
Lothar Zech: Wir hatten eine sogenannte Problemschule aus Wedding hier. Die
Lehrerin kam an und sagte sinngemäß: Mit denen können Sie machen, was Sie
wollen. Nach zwei Stunden stand sie da, hat Fotos gemacht und gute Noten
verteilt, weil sie ihre Schüler noch nie so gesehen hatte. Da haben Mädchen
aus fünf Kulturräumen um die Wette gebuddelt. Ein Junge war so schnell mit
der Handsäge, dass ich ihm die ein bisschen stumpf gemacht habe, weil mir
irgendwann keine Arbeit mehr für ihn eingefallen ist. Da merkst du, was so
ein Ort kann.
taz: Spürt man als Gärtner mehr Verantwortung als andere?
Lothar Zech: Ich glaube, man müsste den Leuten noch viel mehr andrehen, um
der Verantwortung gerecht zu werden. Die Natur ist ein großes Ganzes. Wenn
mal ein Blümchen eingeht, steht da vielleicht ein Stängel, in den ein Tier
seine Eier legt. Diese Sicht ist vielen verloren gegangen, aber ich glaube,
sie ist reparierbar.
taz: Haben Sie Angst um den Ort?
Dunja Zech: Vergangenes Jahr haben wir hier sogar geheiratet. Was denken
Sie denn? (lacht)
Lothar Zech: Das Verrückte ist: Wir haben nicht nur Angst vor dem
Baubeginn. Wir haben auch Angst davor, dass das Bauprojekt scheitert. Würde
der neue Bauabschnitt aus dem Verkehrswegeplan genommen werden, dann wäre
die Bahn verpflichtet, das Grundstück den Immobilienspekulanten zu
veräußern. Und dann entstehen hier Luxuswohnungen, Büros oder irgendwas
anderes in der Art, was kein Mensch braucht.
Was hoffen Sie stattdessen?
Lothar Zech: Wir würden uns wünschen, dass die Stadt aufwacht. Und dass wir
mit ganz vielen anderen kleinen Akteuren noch so viel Wirbel schaffen wie
möglich. Dass unser Biotop schnell wächst und mit Libellen, Schmetterlingen
und Fröschen vielleicht doch noch zum Hindernis wird, wenn auch nur zu
einem kleinen. Aber manchmal reicht ja schon so eine winzige Störung, damit
die Leute anfangen hinzugucken.
16 Jul 2026
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