# taz.de -- Ukrainisches Ultimatum an Belarus: Ohne einen einzigen Schuss
> Die Ukraine wollte Belarus zwingen, Relaisstationen abzubauen, mit deren
> Hilfe Russland seine Drohnenangriffe steuert. Jetzt hat Lukaschenko
> eingelenkt.
IMG Bild: Spricht von Frieden mit der Ukraine, aber paktiert weiter mit Russland: der belarussische Machthaber Lukaschenko (l.), hier am 9. Mai 2026 in Moskau an Putins Seite
Am Freitag ist ein militärisches Ultimatum abgelaufen, das der ukrainische
Präsident Wolodymyr Selenskyj vor einer Woche der belarussischen Regierung
gestellt hatte. Selenskyj forderte darin, die Signalverstärker, also
Relaisstationen für russische Kamikaze-Drohnen, die aus dem
belarussisch-ukrainischen Grenzgebiet heraus in die Ukraine geschickt
werden, zu entfernen. Andernfalls, so drohte der ukrainische Staatschef,
werde man das „selber tun“. Damit machte er deutlich, dass seinen Drohungen
die heiße Phase des Konflikts folgen werde.
Die offiziellen Stellen in Minsk bestreiten die Existenz solcher
Relaisstationen. Es war eine angespannte Woche für Machthaber Alexander
Lukaschenko und sein politisches Umfeld. Bis zum Donnerstag hatte er sich
nicht zu den Forderungen der ukrainischen Nachbarn geäußert und stattdessen
eine längere Auslandsreise angekündigt. In der belarussischen
Öffentlichkeit wird das als regelrechte Flucht wahrgenommen. Allerdings
versuchte der belarussische Diktator über den Gouverneur der Region Gomel,
die Bevölkerung zu beruhigen. Angeblich sei die Armee stark und man werde
die Angriffe der Feinde abwehren.
Der politische Frühling wird im Bezug auf die belarussisch-ukrainischen
Beziehungen betrachtet. Im Januar hatte Selenskyj [1][den Chef des
ukrainischen Militärnachrichtendienstes Kyrylo Budanow zum Leiter des
Präsidialamtes ernannt]. Und der erinnerte sich plötzlich daran, dass die
Ukraine einen nicht sehr angenehmen Nachbarn im Norden habe. Und so
kritisierten er und der ukrainische Präsident die belarussische Regierung
mehrmals scharf.
Auch Lukaschenko heizte die Stimmung an: Er sprach laut von
Kriegsvorbereitungen, [2][führte ständig Militärübungen durch] und
überprüfte die Einsatzbereitschaft der Truppen.
## Unerwarteter belarussischer Friedenskurs
Im Mai ließ die Spannung jedoch nach – der selbsternannte Präsident von
Belarus [3][sprach in der Öffentlichkeit immer häufiger von Frieden] und
seiner Abneigung gegen einen Krieg. Er entschuldigte sich sogar bei
Selenskyj für seine Kritik und erklärte, die belarussische Armee sei nicht
bereit für einen Krieg gegen die Ukraine. Dieser gesamte Friedenskurs fiel
überraschenderweise mit dem Besuch des stellvertretenden
Ministerpräsidenten der chinesischen Regierung in Minsk zusammen.
China ist nach Russland die zweitwichtigste Macht, die direkten Einfluss
auf die Außenpolitik des belarussischen Regimes ausübt.
Doch Mitte Juni stellte eine Tragödie die Entspannung in den Beziehungen
zwischen den beiden Staaten infrage. Ein Bus mit jungen belarussischen
Sportlern wurde, nur sechzig Kilometer von der ukrainischen Grenze
entfernt, auf russischem Territorium von einer unbekannten Drohne
angegriffen. Die russische Propaganda und die Ermittlungsbehörden beeilten
sich, den Vorfall als „ukrainische Provokation“ und als Kriegsverbrechen
Kyjiws darzustellen. Ganz offensichtlich war der Kreml daran interessiert,
die Nachbarn langfristig zu entzweien.
Dennoch beeilte sich die belarussische Seite nicht, die Ukraine für den
Vorfall verantwortlich zu machen. Vor dem Hintergrund von Lukaschenkos
plötzlichem Pazifismus beschloss der ukrainische Präsident, bis zum
Äußersten zu gehen, und griff alte Vorwürfe wieder auf.
## Lukaschenko siebentägige Frist gesetzt
Abgesehen von den Signalverstärkern für Drohnen ist Selenskyj unzufrieden
damit, dass Belarus die russische Armee mit Benzin und Dieselkraftstoff
versorgt. Er behauptete, jedes belarussische Werk zu kennen, das Geschosse
und Güter mit doppeltem Verwendungszweck für die militärischen Bedürfnisse
der Russischen Föderation herstellt. Er setzte eine Frist von sieben Tagen
für die Erfüllung seiner Forderungen.
Am Mittwoch erklärte Selenskyj, dass die Relaisstationen auf belarussischer
Seite verstummt seien. Russische Schahed-Drohnen, die die Infrastruktur der
Ukraine angreifen, fliegen nun eine andere Route, berichten unabhängige
Telegram-Kanäle, die die Luftangriffe überwachen. Der belarussische
Verteidigungsminister brach sein Schweigen und erklärte, dass „es keinen
Sinn macht, sich in den Krieg hineinziehen zu lassen“. Gibt es nun wieder
eine Pause im belarussisch-ukrainischen Konflikt?
## Belarus unterstützt Moskau mit Öl und Rüstungsgütern
Tatsächlich sind neben der Forderung, die Relaisstationen zu entfernen,
auch Fragen bezüglich des belarussischen Exports von Treibstoff und
Munition nach Russland nach wie vor ungelöst. Es ist unwahrscheinlich, dass
die belarussische Rüstungsindustrie und die Ölraffinerien von heute auf
morgen aufhören werden, Moskau zu unterstützen.
Das bedeutet, dass die Ukraine ihre Drohungen wahr machen und Fabriken
sowie Ölraffinerien in Belarus angreifen könnte – mit ebenso verheerenden
Folgen, [4][wie sie derzeit die russische Ölindustrie zerstört]. Die
Spannung bleibt bestehen, doch gab es tatsächlich einen Casus Belli?
Minsk bestreitet, dass sich Relaisstationen auf belarussischem Staatsgebiet
befunden haben. Diese Version lässt sich weder bestätigen noch widerlegen.
Glaubt man den Rechtfertigungen des belarussischen Regimes, dann hat
Selenskyj selbst einen virtuellen Konflikt geschaffen und darin aus einer
Position der Stärke heraus virtuell gesiegt. In diesem Fall kann man den
ukrainischen Geheimdiensten zu einer weiteren erfolgreichen Operation auf
diplomatischem Parkett gratulieren.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
27 Jun 2026
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## AUTOREN
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