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       # taz.de -- 1.589 Tage Krieg in der Ukraine: Alles ganz normal?
       
       > Im Krieg ändern sich Gewohnheiten. Was früher absurd schien, ist
       > plötzlich Alltag. So wie das Schlafen im Flur. Und der Drohnendetektor im
       > Auto.
       
   IMG Bild: Alltag im Krieg: russischer Raketeneinschlag in Kiew am 25. 06. 2026
       
       „Laut Vorhersage gibt es Sturm, Beschuss mit Marschflugkörpern und eine
       Zombie-Apokalypse. Aber die Zombie-Apokalypse ist nicht auf unserer
       Straßenseite, deshalb kann man ruhig kurz rausgehen“. Das ist ein typischer
       Witz in Zeiten des russisch-ukrainischen Krieges. Wir lachen sogar darüber.
       Aber da kommt schon die Frage nach der neuen Normalität.
       
       Was ist normal? Sich am Gewohnten festhalten? An Protokollen? Oder am
       gesunden Menschenverstand? Und wo endet der eigentlich?
       
       Meine Großeltern haben [1][den Holodomor], den Zweiten Weltkrieg und den
       Zerfall der Sowjetunion miterlebt. Bis zu ihrem Lebensende konnten sie kein
       Essen, nicht einmal Brotkrümel, in den Müll werfen. Für sie war das normal.
       Und sogar ich, der in den 1980ern und 1990ern aufgewachsen ist, kann es
       nicht ertragen, dass auf meinem Teller Essen übrig bleibt.
       
       ## Kugelsichere Weste und Drohnendetektor im Kofferraum
       
       Dieser Krieg lehrt uns eine neue Normalität. Seit über vier Jahren ist mein
       Auto immer vollgetankt, habe ich einen Schlafsack, eine Powerbank, eine
       kugelsichere Weste, einen Helm und eine Notfallapotheke dabei. Und
       Aderpressen – eine pro Körperteil. Und einen kleinen Lebensmittelvorrat
       nebst Wasser. Außerdem will ich noch einen Drohnendetektor kaufen. Das ist
       in der Ukraine ganz normal – viele machen das.
       
       Überall wo ich übernachte, vergewissere ich mich als erstes, auf welcher
       Etage die Wohnung liegt. Woraus das Haus gebaut wurde. Ist es ein
       Plattenbau, dann ist das Risiko der Zerstörung wesentlich höher. Und was
       gibt es dort für eine Heizung? Entzündet die sich vielleicht, wenn eine
       Drohne einschlägt?
       
       Wie weit ist es vom Fenster bis zum Bett, und wo kann man sich am besten
       verstecken, damit man nach einem Angriff keine Glassplitter abbekommt? Ich
       schwöre, selbst in anderen europäischen Ländern tue ich das alles. Ich
       würde es sogar generell bevorzugen, in trockenen Kellerräumen ohne Fenster
       zu schlafen. Das ist jetzt normal.
       
       ## Schlafen mit Schutzbrille – im Flur
       
       Ich kenne viele Menschen, die jede Nacht einen Koffer mit den wichtigsten
       Dokumenten bei sich haben und vorm Schlafengehen frische Wäsche anziehen.
       Wissen Sie, warum? „Wenn eine Drohne mich tötet, sollen die Rettungskräfte
       und Passanten sehen, dass ich ordentlich gekleidet bin.“
       
       [2][Ein guter Freund von mir aus Cherson] hat seine eigene Form von
       Normalität gefunden. Er schläft immer im Flur, damit er nicht bei jedem
       Luftalarm extra dort hinlaufen muss. Ihm ist auch wichtig, dass er immer
       einen Vorrat an Getreide, Nudeln, einen Campinggaskocher, zwei zusätzliche
       Gaskartuschen und 300 Liter Wasser hat, falls es mal abgeschaltet wird.
       Seine neue Gewohnheit ist übrigens, dass er jetzt immer eine Schutzbrille
       beim Schlafen trägt, um seine Augen vor möglichen Splittern und Staub zu
       schützen.
       
       In unserer Realität ist es normal, täglich Explosionsgeräusche zu hören.
       Wir haben aufgehört zu denken, es sei nur ein Gewitter. Uns kommt es nicht
       länger ungewöhnlich vor, wenn Menschen mit Kindern auf der Uferpromenade
       entlang schlendern und vom Rattern des Maschinengewehrfeuers, dem Donnern
       von Flugabwehrgeschützen oder dem Summen von Abfangdrohnen begleitet
       werden. So ist das jetzt einfach.
       
       ## Gleitbombenangriffe verschlafen
       
       Wir gehen selten in die Schutzräume, auch das ist mittlerweile normal.
       Nicht, weil wir besonders heroisch oder verrückt sind. Sondern weil es
       einfach unmöglich ist, sich dauernd zu verstecken. Man muss ja auch lernen,
       arbeiten – ja, überhaupt leben. Ausländer, die in die Ukraine kommen, und
       sei es nur für eine Woche, übernehmen das ganz schnell.
       
       Für uns ist es schon ganz normal, den Angriff mit einer Gleitbombe zu
       verschlafen, aber zusammenzuzucken, wenn eine Stecknadel herunterfällt oder
       eine Straßenbahn vorbeifährt.
       
       Wahrscheinlich verstehen wir heute noch nicht so recht, wie sich diese
       Kriegsjahre auf uns auswirken werden. Werden wir wieder so sein wie früher,
       oder werden wir bis ans Ende unseres Lebens Aderpressen mit uns
       herumtragen, zu Hause Hunderte Liter Wasser vorrätig halten, in den Fluren
       mit Schutzbrillen schlafen?
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey
       
       30 Jun 2026
       
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