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       # taz.de -- Zweiter Tag beim Bachmannpreis 2026: Die Rücken schöner Männer
       
       > Die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt gehen weiter. Mit
       > Ozan Zakariya Keskinkılıç schält sich ein klarer Favorit heraus.
       
   IMG Bild: Klarer Favorit: Ozan Zakariya Keskinkılıç
       
       Handelt ein Text von Sex, ist es mitunter nicht ganz leicht zu bestimmen,
       ob der Text ein guter Text ist oder bloß gut unterhält. Ist ein Text voller
       Klischees, scheint die Sache klar. Doch auch Klischee ist nicht gleich
       Klischee, vor allem, wenn die Autorin das Klischee wie eine Waffe schwingt.
       
       Caroline Rosales liest in Klagenfurt am zweiten Lesetag einen Text über
       Sexarbeit. Eine Frau, mit Partner und mit Kindern, bucht einen Callboy.
       Dass der Prosatext zum Teil einschließlich ganzer Sätze sehr einem ihrer
       Zeit-Artikel vom vergangenen Frühjahr ähnelt, in dem Rosales von einer
       Nacht mit einem Callboy berichtet – geschenkt. Mögen die Götter vom
       Wörthersee darüber urteilen.
       
       In „Das Schiff des Theseus“ imaginiert das Ich die Biografie des Du, womit
       Kevin gemeint ist, Kevin, der nichts für seinen Vornamen kann, der ihn aber
       trotzdem für immer als Kind einer bestimmten Schicht ausweisen wird. Kevin
       hatte einmal große Träume, Modelambitionen, las als Kind gern Bücher, doch
       das war im Ostdeutschland der 90er keine Option für einen Jungen.
       
       Warum genau die wohlhabende Frau im Text Kevin für Sex bezahlt, ist nicht
       zweifelsfrei auszumachen, genauso wenig übrigens, worin die Notwendigkeit
       des Texts besteht. Unterhaltend ist er nichtsdestotrotz, Sex sells eben,
       und in seiner Abgeklärtheit dennoch ungemein deprimierend. Der
       kapitalistische Realismus durchdringt den Text, tropft dem Ich und dem Du
       aus jeder Pore. Eine Welt, in der der Interaktionsmodus nicht auf
       Wettbewerb, das Verhältnis nicht auf Warenaustausch lautet, ist für beide
       Figuren schlicht nicht vorstellbar.
       
       Jurymitglied Philipp Tingler ist voll des Lobes, erkennt den „Nihilismus
       einer ganzen Generation“, der hier zum Ausdruck komme und noch zu selten
       Thema in der Literatur sei. Mara Delius wiederum interessiert, wie der Male
       Gaze hier zum Female Gaze wird, der sein Gegenüber genauso sexualisiere und
       somit objektifiziere. Kolonisiere gar, wie Mithu Sanyal einwirft.
       
       ## Ein anderer männlicher Blick
       
       Von einem andersartigen Male Gaze erzählt Ozan Zakariya Keskinkılıç in
       seinem Text „Vater ohne Sohn“. In einer Art Zwiegespräch wird ein
       mittelalter Vater von seiner besten Freundin zur Brust genommen, weil
       dieser sich einem halb so alten Mann hingibt, anstatt sich um seinen Sohn
       Yahya zu kümmern, der im Begriff ist, sich von seinem ständig auf Grindr
       herumscrollenden Vater loszusagen.
       
       Keskinkılıçs klare, poetische Sprache sticht heraus aus den bisherigen
       Beiträgen und auch die Jury (bis auf den wie üblich auf dem Gegenteil
       bestehenden Philipp Tingler) zeigt sich beeindruckt von Text wie Vortrag.
       Arg viel besser kann man einen sprachlich brillanten Text wie diesen wohl
       auch nicht lesen.
       
       Keskinkılıçs Stimme legt sich genüsslich in jede Wortkuhle, nimmt große
       Bissen von der eigenen Poesie, ohne je überheblich oder selbstgefällig zu
       klingen und wie Kinga Tóth am Vortrag kann auch Keskinkılıç auf
       traurig-schöne Weise singen.
       
       Die Beschreibungen des 23-jährigen Liebhabers durch den 46-jährigen
       Protagonisten erinnern nicht nur wegen des erheblichen Age-Gaps an die
       Beschwörungen des jugendlichen Tadzios durch den alternden Schriftsteller
       Gustav von Aschenbach in Thomas Manns „Tod in Venedig“.
       
       Wo sich Mann allerdings noch mit einigermaßen keuschen Schwärmereien aus
       der Ferne begnügt, geht Keskinkılıç gewissermaßen all-in, ohne je vulgär zu
       sein. In einer sinnlichen Sprache der Wollust schafft es der Text stets,
       die noch disparatesten Sprachebenen mit der eigenen Poetologie zu
       vereinbaren. Schon [1][in Keskinkılıç’ Roman „Hundesohn“] werden
       Arschlöcher ausgeleckt, Körperöffnungen nicht verschwiegen, sondern zum
       lüsternen Objekt der Begierde erklärt.
       
       Und auch wenn es in „Vater ohne Sohn“ etwas weniger explizit zugeht, so
       wird auch hier mal gefickt, dann wieder über Kafka, Camus oder die
       Beziehung zwischen Heidegger und Arendt sinniert – und das alles in den
       sehr klaren „Keskinkılıç-Sätzen“ und einer Sprache, die es nach
       Jurymitglied Laura de Weck glücklicherweise vom Roman auch in die kurze
       Form geschafft hat.
       
       ## Lust und Text
       
       In [2][„Die Lust am Text“] bricht Roland Barthes mit vielen bis dahin
       vorherrschenden Paradigmen des Poststrukturalismus, vor allem aber mit dem
       Gebot, dass ein Text eine Art geistiges Rätsel darstellt, dem man mithilfe
       von Hermeneutik auf die Schliche kommt, ja, das man zweifelsfrei lösen
       kann. In diesem „lustvollen“ Textverständnis ordnet sich der Logos dem Eros
       unter und der Leseakt wird zur körperlichen Erfahrung. Barthes wollte Text
       begreifen wie einen Körper, dem man sich hingeben und ausliefern muss,
       statt über eine Vergeistigung jede Sinnlichkeit aus dem Leseakt auszuixen
       und die zahlreichen und taktilen Texturen zu leugnen, die einen Text wie
       Keskinkılıçs „Vater und Sohn“ tatsächlich umgeben.
       
       Keineswegs ging es bei Barthes „Wollust“ nur um Texte, die selbst
       Erotisches behandeln, sondern sich über eine sprachliche Qualität und
       Schreibweise als Texte der Lust qualifizieren. Keskinkılıçs „Vater ohne
       Sohn“ liefert beides und hätte Barthes ein gewiss auf vielen Ebenen
       lustvolles Leseerlebnis beschert. Klarer Favorit!
       
       Über das Genre der Autor:innenvideos wurde an dieser Stelle noch gar
       nicht gesprochen. Keskinkılıç kann auch auf dem Metier überzeugen,
       inszeniert sich als sinnlicher Gourmet, im eigentlichen und erweiterten
       Sinne, wenn er für seine Freunde kocht und vom Rücken eines jungen Mannes
       isst.
       
       Etwas ratlos lässt einen dagegen die Bildsprache von Seraina Koblers teuer
       anmutendem Imagefilm zurück, der statt für die Autorin genauso gut für die
       Sommervariante einer Schokopraline oder einen Ökostromanbieter werben
       könnte. Ihren Text, der vor allem eine literarische Ortsbegehung ist,
       bewertet die Jury unterschiedlich. Tiefstes Biedermeier, urteilt
       Kastberger, und so ganz mag man ihm nicht widersprechen.
       
       Lena Schätte wiederum liest eine Geschichte, die zur Weltflucht nicht
       taugt. Um zwei Teenagermädchen, die schwer an sich und ihrem Körpergewicht
       tragen, geht es hier, um die Beziehung zur Mutter und auch deren Beziehung
       zum eigenen Körper. Bei der Jury kommt die Geschichte gut an, mehrfach wird
       die nüchterne, klare Sprache gelobt. Mara Delius spricht von der
       Entledigung und der Entleibung im Text, was einem in Erinnerung ruft, dass
       die Juror:innen hier mitnichten spontan auf Gelesenes reagieren, sondern
       die Texte im Voraus kennen und sich ihr rhetorisches Spielkartenset
       sorgfältig zurechtlegen können.
       
       Krisenreiche Zeiten sind alliterationsreiche Zeiten, denn je größer der
       Pool an Problemen, desto leichter finden sich zwei oder drei, die auch
       orthografisch zusammenpassen. Karriere und Kinderwunsch, das sind die
       beiden Bereiche, in denen sich Frauen um die 40 normalerweise umtun, doch
       in Magdalena Schrefels Text ist es mit dem Krebs ein anderes K, das da
       plötzlich Eingang findet ins Leben ihrer Protagonistin. Er ist mehr Essay
       denn Geschichte, Schrefel zitiert berühmte Autor:innen, die über die
       Krankheit schrieben, Kathy Acker, Anne Boyer und Susan Sontag.
       
       Letztere kann auch als Erwiderung auf die Kritik Tinglers herangezogen
       werden, die Schlussnote des Textes sei widersinnig, da eine
       Brustkrebsdiagnose und das Reden darüber nicht nur Frauen in Angst
       versetzen würde. Gewiss erkranken auch immer mehr Männer an Brustkrebs,
       doch Statistiken belegen klar, dass Brustkrebs eine Erkrankung ist, an der
       zuallererst Frauen erkranken. Oder in den Worten Sontags: „Ich bin eine
       Frau. Und dadurch hat sich eine ganz neue Welt des Todes vor mir aufgetan.“
       
       26 Jun 2026
       
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