# taz.de -- Nach den Erdbeben in Venezuela: Stimmen aus den Trümmern
> Internationale Teams suchen in den Trümmern nach Überlebenden.
> Gleichzeitig haben Tausende Venezolaner die Rettungsmaßnahmen selbst in
> die Hand genommen.
IMG Bild: La Guaira, Venezuela, 27. Juni: Anwohner begleiten die Rettungsarbeiten in den zerstörten Vierteln
In La Guaira, an der Karibikküste im nördlichen Zentrum Venezuelas,
herrscht zeitweise Stille, unterbrochen von Stimmen, die versuchen, durch
die Trümmer zu dringen.
„Wir sind das kolumbianische Rettungsteam, wenn jemand da ist, soll er
jetzt schreien!“, ist in einem der eingestürzten Bereiche zu hören. Minuten
später durchschneidet ein weiterer Ruf die Luft: „Absolute Stille! Wir sind
die Suchmannschaft aus El Salvador. Wenn noch jemand am Leben ist, soll er
ein Geräusch machen!“ Zwischen diesen beiden Rufen scheint die ganze Stadt
den Atem anzuhalten. Ein Geräusch unter den Trümmern ist zu vernehmen. „Ich
bin hier“, ist eine Stimme zu hören.
Die Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5, die am 24. Juni den Norden Venezuelas
erschütterten, waren die schwersten in dem südamerikanischen Land seit mehr
als einem Jahrhundert. Sie haben ein Bild hinterlassen, das weit über die
Küste hinausreicht. In Caracas, Miranda, Carabobo und Aragua wiederholen
sich die Bilder von rissigen Gebäuden, teilweise eingestürzten Bauwerken
und improvisierten Evakuierungen
Die Rettungsteams – Venezolaner, Salvadorianer, Mexikaner von „Los Topos“
sowie Einsatzkräfte aus Spanien, den USA, Kolumbien, der Schweiz und
Deutschland – arbeiten sich durch instabile Gebäude vor. Die Suche nach
Überlebenden dauert bereits mehr als 72 Stunden. Sie hängt von winzigen
Anzeichen ab: einem Geräusch, einem Signal, einer Reaktion unter Tonnen von
Beton.
## An vielen Orten kommt die Hilfe zu spät an
Für María Cáceres, einer Bewohnerin des Stadtteils Caraballeda in La
Guaira, war die Anwesenheit dieser Teams von entscheidender Bedeutung. „Wir
haben internationale Unterstützung, aber es fehlt noch mehr.“ Anwohner
berichten, dass sie erst 72 Stunden nach der Katastrophe zum ersten Mal
zwei Hubschrauber in der Gegend gesehen haben: einen der venezolanischen
Marine und einen der US-Regierung.
Und obwohl laut offiziellen Angaben der venezolanischen Regierung 21
internationale Delegationen zur Unterstützung der Rettungsarbeiten entsandt
wurden – insgesamt 2.242 Rettungskräfte und 96 Hundestaffeln –, kam die
erste Hilfe vor dem Eintreffen dieser internationalen Organisationen von
anderen: [1][von Nachbarn, Angehörigen und Überlebenden], die versuchten,
ohne Werkzeuge, ohne Maschinen und ohne klare Informationen darüber, wer
noch am Leben war, die Trümmer wegzugraben.
An mehreren Stellen waren sie es, die als Erste mit bloßen Händen
Betonbrocken beiseite räumten und dabei einfach ihrer Intuition folgten. In
diesen ersten Stunden lagen Leichen auf den Gehwegen und warteten darauf,
geborgen zu werden; sie waren provisorisch mit Laken bedeckt, während die
Zufahrtswege weiterhin blockiert waren.
An verschiedenen Orten in La Guaira haben sich die Hilfsmaßnahmen
überlagert: Nachbarn, Institutionen und schließlich internationale Teams.
Doch das ist nicht überall so. An vielen Orten kommt die Hilfe weiterhin zu
spät oder ohne ausreichende Koordination an. Der Hilfsbedarf in diesen
Gemeinden besteht weiterhin. Laut öffentlich zugänglichen Datenbanken, die
von der Zivilgesellschaft erstellt wurden, wird geschätzt, dass in der
Region mehr als 100 Gebäude einen Totalschaden erlitten haben und Dutzende
Hochhäuser eingestürzt sind.
## Hilferufe aus dem Schutt mit dem letzten Rest Hand-Akku
Bis zum Abend des 26. Juni, so María Cáceres, wurden in den sozialen
Netzwerken weiterhin Live-Videos von Menschen gepostet, die unter den
Trümmern eingeschlossen waren. „Es gab Menschen, die um Hilfe riefen,
während sich ihre Geräte mit den letzten Prozenten Akkuleistung
ausschalteten“, sagt sie.
Die Opferzahlen haben sich seit dem ersten Tag verändert. Nach der jüngsten
Bilanz der venezolanischen Behörden liegt die Zahl der Todesopfer bei über
1.400 Menschen, während in Krankenhäusern mehr als 3.200 Verletzte
registriert wurden. Die Zahl der Vermissten bleibt jedoch weiterhin
ungewiss: Bürgerinitiativen mit digitalen Erfassungsplattformen und
humanitäre Organisationen sprechen von Tausenden Vermissten, [2][in einigen
Fällen sogar von Zehntausenden], in einem Land, in dem es immer noch
Gebiete gibt, die nicht erreichbar sind oder für die noch keine
vollständigen Erhebungen vorliegen.
Der Unterschied zwischen den Zahlen ist nicht nur statistischer Natur,
sondern auch territorial bedingt. Er hängt davon ab, welche Gebiete
erreicht wurden, welche Krankenhäuser Meldung erstatten konnten, welche
Familien es geschafft haben, Kontakt zu jemandem aufzunehmen, und welche
Teile des Landes weiterhin von der Außenwelt abgeschnitten sind.
## „Stolz auf unsere Widerstandsfähigkeit“
Inmitten dieses Chaos stützt sich die Organisation der Rettungsmaßnahmen
auch auf Improvisation. 48 Stunden nach Beginn der Suchaktionen erschwerte
sich alles aufgrund der großen Zahl von Menschen, die versuchten, die
Autobahn zwischen Caracas und La Guaira zu nutzen, was den Transport der
Rettungsfahrzeuge zum Erliegen brachte.
Die freiwillige Ärztin Florangel Vargas bringt es so auf den Punkt:
„Manchmal verstehen die Menschen nicht, dass sie Hilfsgüter, auch wenn es
nur Kleinigkeiten sind, in einer Sammelstelle abgeben können. In den ersten
Stunden nach einer Katastrophe muss man Prioritäten setzen, und deshalb
müssen wir nach den Menschen suchen und den Fachkräften Raum geben, sich um
sie zu kümmern. Es gab Krankenwagen, die auf der Straße durch die Autos
anderer Menschen blockiert waren.“
David Aragort, ein Bürgerhelfer in Caraballeda, bestätigt diese Situation,
die sich in mehreren Gebieten wiederholt hat: „Wir sind unorganisiert, das
stimmt, aber es ist nicht einmal unsere Schuld; das sollte nicht auf uns
abgewälzt werden“, sagt er. Viele Einwohner [3][hatten eine schnellere
Reaktion des Staates erwartet], mit schwerem Gerät und sofortigen
Rettungseinsätzen. Dennoch betont Aragort, dass die Tragödie auch eine
andere Seite des Landes offenbart habe. „Trotz allem bin ich als
Venezolaner stolz auf die Widerstandsfähigkeit und die Unterstützung, die
wir einander geben.“
An manchen Stellen gibt es Werkzeuge und eine Grundausstattung, um Trümmer
zu beseitigen. An anderen gibt es nur Menschen. „Manchmal waren dort fünf
Leute mit Werkzeugen und zwanzig drumherum, die nichts hatten.“
Feuerwehrleute suchen trotz der Unterstützung weiterhin mit dem Licht ihrer
Handys in den eingestürzten Gebäuden, weil es nicht genügend Taschenlampen
gibt. Gleichzeitig bitten die Menschen weiter um Werkzeuge, da sie mit
ihren eigenen Händen graben oder Betonblöcke zerbrechen mussten.
## Von sechs Angehörigen blieben fünf unter den Trümmern
Innerhalb weniger Stunden sind Bürgerplattformen entstanden, um Vermisste
zu erfassen, eingestürzte Gebäude zu melden und humanitäre Hilfe in einem
Land zu koordinieren, dessen Krankenhäuser mit Strom-, Wasser- und
Medikamentenmangel zu kämpfen haben. Diese digitalen Netzwerke fungieren
mittlerweile als parallele Suchinfrastruktur in einem Land, in dem die
offiziellen Kanäle es nicht schaffen, Daten in Echtzeit zu bündeln, und bei
der Versorgung an ihre Grenzen stoßen.
In Playa Grande, Catia La Mar, kann selbst das Rauschen des Meeres den Lärm
der Rettungseinsätze nicht übertönen. Die 25-jährige Arlen Aray versucht,
die letzten Stunden ihrer Familie zu rekonstruieren. Fünf ihrer sechs
Familienmitglieder wurden unter den Trümmern verschüttet. Die einzige
Überlebende ist ihre Tante, die mit einem Beinbruch in ein Krankenhaus
gebracht wurde. Ihren Aussagen zufolge beteiligten sich später auch
Rettungskräfte aus Chile an den Sucharbeiten und konnten die unter den
Trümmern Eingeklemmten lokalisieren. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie
es ist, das in diesem Moment erlebt zu haben“, sagt sie.
In den ersten Stunden sah sie auch, wie sich das Stadtbild schlagartig
veränderte: geplünderte Geschäfte, Menschen, die vor Apotheken und
Supermärkten schliefen, und Straßen, in denen noch immer kein Strom war.
Über allem lag ein Gefühl der Überforderung. „Ich verstehe immer noch
nicht, wie das passieren konnte“, sagt sie.
## Die Leichenhallen geraten an die Grenze ihrer Kapazität
Zwischen dem Geruch von Zement, Sand und Erde liegt Staub in der Luft, der
das Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken notwendig macht. Doch es gibt auch
Momente der Hoffnung. An einem anderen Ort der Katastrophe wartet José
Alberto Galipolli mehr als 24 Stunden darauf, dass Rettungskräfte seinen
Sohn, seine Schwiegertochter und seinen Enkel unter sieben Stockwerken
Beton finden. Jede Rettung hängt davon ab, selbst das leiseste Signal
zwischen den Trümmern wahrzunehmen.
Schließlich gelang es, sie lebend zu finden. „Der Glaube war das Einzige,
von dem ausreichend vorhanden war. In den dunkelsten Momenten ist es das
Festhalten an der Hoffnung, das uns aufrecht hält“, sagt er.
Im Laufe der Stunden verschiebt sich der Schwerpunkt der Rettungsarbeiten.
„Die Bedingungen in den Leichenhallen werden immer schwieriger“, warnt
Ámbar Maldonado, eine Freiwillige, die in Krankenhäusern nach Vermissten
sucht. „Schon einen Block weiter riecht es sehr übel.“
Bestattungsunternehmen und Leichenaufnahmestellen stoßen zunehmend an ihre
Kapazitätsgrenzen. Familien warten auf Identifizierungen, die sich
verzögern, während Überführungen wegen fehlender forensischer Kapazitäten
nur schleppend vorankommen. Der Schwerpunkt der Rettungsarbeiten verlagert
sich zunehmend: weg von der Suche nach Überlebenden, hin zur Bergung von
Leichen.
## Unter den Trümmern tauchen Körperteile auf
Viele Venezolaner haben die vergangenen Nächte auf Plätzen, in Parks, in
provisorischen Unterkünften oder auf der Straße verbracht.
Menschenrechtsorganisationen berichten von immer mehr vermissten Kindern
und Jugendlichen sowie Minderjährigen, die ohne ihre Angehörigen
aufgefunden wurden. Vanessa Moreno von Cecodap warnt: „Es muss betont
werden, dass Kinder und Jugendliche in der Eile, sie in ein Krankenhaus zu
bringen oder aus den Trümmern zu bergen, nicht von ihren Eltern getrennt
werden dürfen; ihre Angehörigen müssen gesucht werden.“
In San Bernardino, einem der am stärksten urbanisierten Stadtteile von
Caracas, ist das Wohngebäude „Rita“ nach den Erdbeben teilweise
eingestürzt. Bei den ersten Rettungsversuchen dreht sich alles um das, was
fehlt: unvollständige Listen, unbeantwortete Anrufe, leise wiederholte
Namen. Einer der Anführer einer Freiwilligengruppe, die an den Sucharbeiten
beteiligt ist, versucht, den Zustrom von Hilfsgütern zu koordinieren,
während er selbst mit einem persönlichen Schicksalsschlag kämpft: Seine
gesamte Familie befindet sich in dem eingestürzten Wohngebäude – sie ist
verschüttet oder wird vermisst.
Die Sucharbeiten gehen unvermindert weiter. Inmitten des Staubs bleibt ein
Arbeiter neben einem Angehörigen einer vermissten Person stehen. Sie
sprechen nicht viel. Sie beten nur – in einer Geste, die keinen Unterschied
zwischen Glauben, Hoffnung und Erschöpfung macht. Unter den Trümmern
tauchen an einigen Stellen Hände, Kleidungsfetzen oder Schuhe auf, die
zwischen Betonblöcken eingeklemmt sind. Jeder Fund bringt die Arbeiten für
einige Sekunden zum Stillstand.
Die Gefahr bleibt. Seit dem Hauptbeben wurden mehr als 300 Nachbeben
registriert. Mitten in der Nacht ruft der venezolanische Feuerwehrmann José
David an der Küste: „Macht die Taschenlampe an, macht sie an, denn
vielleicht dringt das Licht durch die Risse und ihr könnt noch einen
letzten Versuch unternehmen.“
Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops [4][Green Panter
Amazonien] der [5][taz Panter Stiftung] mit Klimajournalist*innen.
28 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Liliana Rivas
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