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       # taz.de -- ARD-Doku über Aufstieg von Erdoğan: Für Türkei-Versteher
       
       > Der Vierteiler glänzt mit Archivmaterial und einem Einblick in das System
       > Erdoğan. Dabei wird allerdings auch einiges ausgelassen oder
       > schöngeredet.
       
   IMG Bild: Die ARD-Doku zeichnet Erdoğans Aufstieg nach
       
       taz | Die Türkei befindet sich derzeit innenpolitisch in einem angespannten
       Zustand: Der Parteivorsitzende Özgür Özel von der größten Oppositionspartei
       CHP wurde [1][vor knapp einem Monat festgenommen], Bürgermeister werden
       landesweit abgesetzt und durch Erdoğan-nahe Politiker ersetzt, der
       Friedensprozess mit den Kurden verläuft schleppend. Kurz vor dem
       Nato-Gipfel Anfang Juli in Ankara hat die Regierung Erdoğan zudem ein
       komplettes Demonstrationsverbot erteilt und die Medienzensur weiter
       verschärft.
       
       Pünktlich dazu zeigt die ARD eine vierteilige Dokumentation von Kristina
       Karasu und Michael Wech über Recep Tayyip Erdoğan, der seit über 20 Jahren
       in der Türkei herrscht. Die Serie zeichnet den Weg des Jungen aus dem
       Istanbuler Armen- und Arbeiterviertel Kasımpaşa nach, der zu einem der
       mächtigsten Staatsführer seit Atatürk wurde.
       
       „Erdoğan“ ist in der Mediathek neben Deutsch auch auf Türkisch
       synchronisiert. Das ist ein Novum, das die Produktion vor Herausforderungen
       stellte. Denn laut Wech fanden es viele türkische
       Synchronsprecher:innen zu heikel, bei einer Doku über den Staatsführer
       mitzumachen.
       
       Auch merken die Regisseure an, dass sie von Interviewpartnern Absagen
       bekamen, insbesondere von der Opposition und der Zivilbevölkerung. Die
       fürchten entweder Haftstrafen oder sind bereits inhaftiert. Stattdessen
       kommen frühere Weggefährten zu Wort, die mittlerweile mit Erdoğan gebrochen
       haben.
       
       [2][Die Doku beeindruckt] mit einem Schatz an seltenen Aufnahmen, etwa lang
       verschollenem Archivmaterial von seinem Auftritt in der Lanxess Arena in
       Köln oder von ihm gemeinsam mit ehemaligen politischen Führungsfiguren wie
       Schröder und Berlusconi.
       
       Inhaltlich verliert die Produktion zwischenzeitlich jedoch an Mut. Die
       Filmemacher halten sich mit eigenen Bewertungen merklich zurück, leisten
       nur kurze Kontextualisierungen und können die Informationslücken, die von
       Erdoğan-nahen Figuren absichtlich offen gelassen werden, nur schwer füllen.
       Zudem spricht die Doku mit Rücksicht auf ein konservativ-türkisches
       Publikum beschönigend über den Republikgründer Atatürk.
       
       ## Kurden kommen zu kurz
       
       Die prokurdische Opposition DEM, ehemals HDP, und der Umgang mit dem immer
       noch inhaftierten Selahattin Demirtaş werden in der über
       zweieinhalbstündigen Serie in gerade einmal fünf Minuten abgehandelt.
       Selbst beim verheerenden Erdbeben im Februar 2023 wird allein über Hatay
       gesprochen. Ausgespart werden die vom Erdbeben betroffenen kurdischen
       Metropolen in der Türkei, in denen die Bergungsarbeiten absichtlich
       vernachlässigt wurden, ebenso wie die Situation im kurdisch geprägten
       Nordsyrien.
       
       Ebenfalls völlig ausgeblendet bleiben auch die türkischen Militäreingriffe
       in Syrien und der Krieg gegen die Kurden in Rojava. In solchen Momenten
       kann man sich von einer ausländischen Dokumentation mehr wünschen.
       
       Stattdessen bedient die Doku das wehleidige Narrativ des Westens als
       Sündenbock. Erdoğans Autokratisierung wird damit begründet, dass Merkel
       eine EU-Mitgliedschaft der Türkei abgelehnt habe. Kein Wort davon, dass
       deutsche Regierungen [3][die Türkei über Jahrzehnte hinweg mit Finanzhilfen
       und Waffenexporten stützten] – bis heute.
       
       Am Ende wird Erdoğan als alter Herrscher gezeigt, der ein autokratisches
       System aufgebaut hat, das auch über seinen Tod hinaus wirken wird. Auch das
       Narrativ über die Türkei, das zeigt die Doku, hat der Präsident noch
       ziemlich gut unter Kontrolle.
       
       28 Jun 2026
       
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