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       # taz.de -- Gefährdete Ateliers in Berlin: Lärm gegen Verdrängung
       
       > Mehr als 150 Künstler*innen arbeiten im Atelierhaus Prenzlauer
       > Promenade. Nun wurde jenen gekündigt, die es in eine Genossenschaft
       > überführen wollen.
       
   IMG Bild: Vorm Atelierhaus, in der Mitte u. a. Steffen Krach (SPD), Sandra Scheeres (SPD), Peer Mock-Stümer (CDU) und Daniela Billig (Grüne)
       
       „Berlin steht für Kultur und die freie Szene“, ruft [1][Steffen Krach,
       SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl], beherzt ins Mikrofon.
       „Aber wir müssen jetzt aufpassen. Wenn Orte wie diese einmal weg sind, dann
       sind sie weg.“
       
       Vorm [2][Atelierhaus in der Prenzlauer Promenade], mit mehr als 150
       Künstler*innen einem der größten Produktionsstandorte für Kultur in der
       Stadt, antworten am Freitagnachmittag über 100 bunt angezogene Leute mit
       einem Johlen, das selbst den Verkehr auf diesem Autobahnzubringer übertönt.
       Holzratschen knattern, Tröten mischen sich in den kreativen Lärm. Auf
       Transparenten steht: „Berlin braucht Kunst“ und „Selbstorganisation ist
       kein Kündigungsgrund“.
       
       Der Protest richtet sich gegen Kündigungen, die vor wenigen Tagen sieben
       Künstler*innen zugestellt wurden, die hier arbeiten. Drei von ihnen
       engagieren sich in einer entstehenden Genossenschaft, die das Gebäude
       erwerben will. Vermieterin ist die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE),
       die das Haus treuhänderisch für das Land Berlin verwaltet, Besitzerin die
       landeseigene Immobilienfirma Berlinovo. Ausgerechnet jene, die
       Verantwortung für die Zukunft des Standorts übernehmen wollen, sollen zum
       Jahresende gehen.
       
       Dass hier weit mehr als ein Mietstreit vorliegt, zeigt die
       Redner*innenliste. Neben [3][Vertreter*innen der Grünen wie der
       stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Daniela Billig] sind auch solche
       aus der aktuellen Koalition gekommen, darunter der Vorsitzende des
       Kulturausschusses, Peer Mock-Stümer (CDU). Das hat eine seltsame Ironie.
       Denn ausgerechnet Politiker*innen demonstrieren gegen die Folgen einer
       Politik, die ihre eigene Regierung mitzuverantworten hat.
       
       Der Konflikt spielt sich nämlich nicht nur zwischen GSE, Berlinovo und der
       Genossenschaft ab. Er ist auch das Ergebnis des Berliner Kultursparkurses.
       Während die anwesenden Politiker*innen wahlkampftauglich den Erhalt
       des Atelierhauses beschwören, wurden unter Stefan Evers, [4][CDU-Senator
       für Finanzen und inzwischen auch der Kultur,] alles zusammengestrichen, was
       solche Orte langfristig sichern könnte.
       
       ## Solidarität ist das eine, der Haushalt ist das andere
       
       Das [5][Berliner Arbeitsraumprogramm] wurde im vergangenen Haushalt fast
       halbiert; die Mittel für den Ausbau neuer Ateliers sogar um mehr als 85
       Prozent eingedampft. Rund ein Drittel der geförderten 1.027 Ateliers in
       mehr als 60 Häusern gilt als akut bedroht.
       
       Solidarität auf der Straße ist das eine, Haushaltsentscheidungen sind das
       andere. Hinzu kommt, dass die GSE, die in einer Pressemitteilung von
       letzter Woche verlauten ließ, das Mietverhältnis zu den betroffenen
       Künstler*innen sei „zerrüttet“, eigentlich im Sinne des Landes Berlin
       handeln sollte. Eine Anfrage der taz vom Freitag ließ das Unternehmen bis
       Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       Nach der Kundgebung draußen geht es hinein zu Mechthild Beckmann. Seit 2010
       arbeitet die Künstlerin hier. Ihr Atelier ist licht und luftig, die hohen
       Fenster öffnen den Blick in die Baumkronen. Beckmanns Zeichnungen an den
       Wänden verdichten Naturbeobachtung zu einer grafischen Bildsprache zwischen
       Gegenständlichkeit, Spiegelung und Abstraktion. In der Reduktion erinnern
       sie an chinesische Tuschemalerei, kommen aber spröder daher.
       
       Erst von Beckmanns Atelier aus erschließt sich auch das Gebäude richtig.
       Ende der 1970er Jahre entstand der Plattenbau für die Akademie der
       Wissenschaften der DDR, nach der Wiedervereinigung zog die
       Humboldt-Universität ein. Anfang der 2000er Jahre übernahmen
       Künstler*innen die leerstehenden Räume. Aus einem Verwaltungsbau wurde
       ein Produktionsort. Ein Stück DDR-Architektur blieb nicht als Denkmal
       erhalten, sondern durch wertschätzende Nutzung.
       
       „Im Moment bleibt allerdings kaum Zeit für die Kunst“, sagt Beckmann
       [6][wie derzeit viele andere Künstler*innen in der Stadt], zu
       nervenaufreibend seien die Konflikte, zu zeitfressend die Gespräche mit den
       Mitstreiter*innen. Die Kündigungen führt sie auf den eskalierten Streit um
       den Verkauf des Hauses zurück. Die Genossenschaft habe das Gutachten der
       Berlinovo nicht akzeptiert und ein Gegengutachten erstellen lassen, das den
       erheblichen Sanierungsstau berücksichtigt. Dementsprechend weit lägen die
       Preisvorstellungen auseinander. Hinzu kommt eine Mieterhöhung: Statt der
       ursprünglich vereinbarten Obergrenze von 7 Euro sollen künftig 11 Euro warm
       pro Quadratmeter gezahlt werden.
       
       ## Nach den Kürzungen liegt das Projekt auf Eis
       
       Wie groß dieser Sanierungsstau ist, lässt sich im Haus leicht erkennen. Ein
       ganzer Gebäudeteil wurde bereits entkernt. Dort sollten mit Mitteln des
       erwähnten Arbeitsraumprogramms weitere Ateliers entstehen. Doch nach den
       Kürzungen liegt das Projekt auf Eis. Das Atelierhaus ist damit nicht nur
       Opfer eines festgefahrenen Immobilienkonflikts, sondern auch unmittelbare
       Folge einer Kulturpolitik, die zwar den Erhalt bestehender Räume beschwört,
       deren Ausbau aber kaum noch finanziert.
       
       Dabei schien der Standort lange gesichert. [7][2015 gründeten die
       Nutzer*innen das Atelierhaus Prenzlauer Promenade e. V.], zwei Jahre
       später schloss die GSE einen Generalmietvertrag über 25 Jahre. Parallel
       entstand die Idee der Gründung einer Genossenschaft. Doch die exklusiven
       Verhandlungsrechte der Mieter*innen laufen Ende des Jahres aus. Wenn es
       bis dahin keine Einigung gibt, könnte die Berlinovo das Gebäude verkaufen
       oder anderweitig nutzen.
       
       Der Streit um das Atelierhaus in der Prenzlauer Promenade zeigt, woran sich
       Berlins Kulturpolitik derzeit selbst zerlegt. Kaum jemand stellt den Wert
       der Kultur infrage. Auf der Kundgebung herrscht darüber sogar
       parteiübergreifend Einigkeit. Doch zwischen politischem Bekenntnis und
       Handeln wächst eine peinliche Lücke. Es geht also auch um die Mangelware
       Glaubwürdigkeit – zumal [8][in einer Stadt, in der zuletzt die
       Fördergeldaffäre gezeigt hat], wie schnell kulturpolitische Entscheidungen
       unter Verdacht geraten, wenn Nähe, Einfluss und Geld nicht sauber
       voneinander getrennt werden.
       
       28 Jun 2026
       
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