# taz.de -- Behinderungen durch E-Scooter in Berlin: Unregulierte Stolperfallen
> E-Scooter, die Berlins Gehwege versperren, gefährden Menschen mit
> Behinderungen. Ein neues Bündnis fordert mehr Regulierung und ein Ende
> des Wildparkens.
IMG Bild: Ein Haufen Elektroschrott auf dem Gehweg: So sieht die Revolution der Mobilität aus
Die Jelbi-Stationen, an denen E-Scooter, E-Motorroller und Fahrräder
parken, sind ein Angebot der BVG und sollen dazu beitragen, dass die
Leihfahrzeuge nicht auf den Gehwegen abgestellt werden. Das funktioniert
oft nicht ganz so gut: E-Scooter blockieren stehend und liegend Gehwege und
versperren Baustellen. Keine 5 Meter von der Jelbi-Station
U-Bahnhof-Kochstraße entfernt, parkt ein E-Scooter mitten in einer
Baustellenunterführung, ein E-Fahrrad blockiert den schmalen Streifen
Gehweg daneben. Fußgänger weichen gezwungenermaßen über die Straße aus.
Ein Bündnis aus 37 zivilgesellschaftlichen Organisationen fordert nun das
Ende unregulierten Wildparkens auf Berlins Gehwegen. Initiiert wird das
Bündnis vom Fußgängerlobbyverein FUSS und dem Allgemeinen Blinden- und
Sehbehindertenverein Berlin (ABSV). „Menschen mit Sehbehinderungen sind am
stärksten betroffen“, erklärt Roland Stimpel, Vorstand von FUSS. Gemeinsam
vertritt das Bündnis nach eigener Angabe die Interessen von über einer
Million Menschen in Berlin – und sie rechnen mit weiterem Zuwachs. Auf der
Website von FUSS können sich Organisationen und Privatpersonen zur
[1][Unterstützung der Forderungen] melden.
Derzeit stehen in Berlin rund 65.000 E-Scooter, Fahrräder und E-Motorroller
zum Leihen zur Verfügung. Nur wenige Cent die Minute kosten die Angebote
von Bolt, Voi, Lime und anderen Anbietern. Geparkt werden darf nach der
Fahrt fast überall. E-Scooter werden deswegen oft auf Gehwegen abgestellt
und versperren dort die Wege von Fußgänger:innen, Kinderwägen und Menschen
mit Behinderungen und körperlichen Beeinträchtigungen.
## Veränderung kommt zu spät
„Wildparken stellt eine Beeinträchtigung dar“, sagt Henrike Weber,
sozialpolitische Referentin des Sozialverband VdK. „Das Gefährdungsrisiko
ist extrem hoch“. E-Scooter versperren nicht nur Gehwege, sondern auch
Aufzüge. Menschen, die auf diese angewiesen sind, können die E-Scooter
oftmals nicht aus eigener Kraft aus dem Weg räumen, so Weber. Auch Bedia
Kunz, stellvertretende Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins
ABSV, läuft in ihrem Alltag ständig Gefahr, über herumliegende E-Scooter zu
stolpern. „Es behindert mich täglich“, sagt sie.
Oftmals sind die Gehwege zu schmal für Fußgänger:innen, Bäume und
abgestellte und umgestürzte E-Scooter. „Ich habe schon zwei Stürze hinter
mir“, so Kunz. „Da packt einen nur noch die Wut.“ Dabei könnte es so
einfach sein. Zumindest in ihren Wahlprogrammen sind CDU, SPD, Linke und
die Grüne sich einig, dass gegen das „E-Scooter-Chaos“ vorgegangen werden
müsse. Das Bündnis fordert, dass die Parteien konkret werden und sich bis
spätestens März 2027 der Problematik annehmen. Dann läuft die derzeitige
Sondernutzungserlaubnis der Verkehrssenatsverwaltung aus.
Das Bündnis fordert, dass neue Genehmigungen die Auflage enthalten, die das
Abstellen in der ganzen Stadt nur an festen Stationen ermöglichen. Solange
kein Ausbau dieser Abstellstationen erfolgt, sollen nur so viele
E-Fahrzeuge zugelassen werden, wie es Platz an den Stationen gibt. Die CDU
möchte das in einer sogenannten [2][Sharing-Strategie] allerdings bis 2035
umsetzen und nicht schon zum kommenden Frühjahr. Stimpel sieht das
kritisch: „Wollt ihr zehn weitere Jahre Chaos genehmigen?“
Oda Hassepaß, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen, begrüßt die
Sharing-Strategie, kritisiert jedoch den Zeitplan. Die Abstellflächen
bereitzustellen, sei „keine große Sache“, sagt sie der taz. Es ginge
schnellstmöglich, würde man ein paar Parkplätze dafür umfunktionieren. Auch
bis zum Auslaufen der jetzigen Sondernutzungserlaubnis würde Hassepaß nicht
warten. „Ich sehe nicht, wieso man das nicht sofort umsetzen kann“, so
Hassepaß. Wichtig sei, nicht nur in innerstädtischen Bereichen
einzugreifen, sondern auch die Außenbezirke mit einzubeziehen.
## Verbote sind nicht zwingend die Lösung
[3][Andere Städte gehen einen Schritt weiter und verbieten den Verleih der
E-Scooter gänzlich, so zum Beispiel Madrid, Paris und Melbourne.] Thomas
Krämer, Geschäftsführer der ABSV, möchte den Verleih nicht verbieten. Man
sei eine pluralistische Gesellschaft, sagt er. Aber noch zehn Jahre auf
Veränderung zu warten, das sei nicht tragbar, so Krämer.
Auch Bedia Kunz möchte sich nicht von den Langzeitplänen des Senats
hinhalten lassen: „Ich stolpere und stürze heute und nicht erst in zehn
Jahren.“ Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Berlin appelliert
auch Stimpel deutlich: „Sieben Jahre geschlafen, jetzt aber ran.“
30 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.fuss-ev.de/blog/aktuelles/e-scooter-aus-dem-weg-breites-berliner-buendnis/
DIR [2] https://www.berlin.de/sen/uvk/mobilitaet-und-verkehr/verkehrsplanung/geteilte-mobilitaet/sharing-strategie-2035/
DIR [3] /Abstimmung-ueber-E-Roller-in-Paris/!5925639
## AUTOREN
DIR Ann Toma-Toader
## TAGS
DIR Verkehr
DIR Leben mit Behinderung
DIR E-Scooter
DIR Verkehrswende
DIR Elektromobilität
DIR Mobilität
DIR Scooter
DIR Reden wir darüber
DIR Social-Auswahl
DIR E-Scooter
DIR Kolumne Szene
DIR E-Scooter
DIR Verkehrsunfälle
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Strengere Verkehrsregeln: Griechenland verbietet E-Scooter für unter 17-Jährige
Neue E-Scooter-Regeln in Griechenland sollen schwere Unfälle verhindern.
Auch für Erwachsene ändert sich einiges. Bei Verstößen drohen Bußgelder.
DIR Von E-Scootern und Fliegen: Das Lipgloss-Drama
In der Abenddämmerung ist bei Fliegen und Mücken Rushhour angesagt. Wer da
zweirädrig unterwegs ist, trägt die Lippenpflege besser erst hinterher auf.
DIR E-Scooter in Hamburg: Kampf um die Gehwege
Die elektrischen Roller gehören in Hamburg auf Fußwegen geparkt. Dabei ist
für die erforderlichen 1,60 Meter Abstand oftmals kein Platz.
DIR Tödlicher E-Scooter-Unfall in Berlin: Weniger Fahrzeuge, mehr Kontrolle
Nach einem tödlichem E-Scooter-Unfall werden Rufe nach mehr Beschränkungen
lauter. Die Grünen fordern strengere Altersprüfungen – und deren Kontrolle.