# taz.de -- Bachmannpreis 2026: In frontaler Opposition zu allem
> Lena Schätte gewinnt den Ingeborg-Bachmannpreis und den Publikumspreis
> gleich mit dazu. Das Prekariat offenbart sich am Wörthersee in Form von
> Flecken.
IMG Bild: Vier glückliche Gewinner:innen: Kinga Tóth, Magdalena Schrefel, Lena Schätte und Ozan Zakariya Keskinkılıç (v.l.)
Es ist ein heißer Sommertag und auf der Anklagebank sitzt Gott
höchstpersönlich. Ob er wirklich schuldig ist, wird abschließend nicht
geklärt. In Ingeborg Bachmanns Hörstück „Der gute Gott von Manhattan“ klagt
der Richter diesen guten Gott zwar an, doch lässt ihn schließlich laufen.
Immerhin hat er die Wahrheit, [1][nichts als die Wahrheit] gesagt.
Mehrfach wurde an diesen Junitagen auch der Bachmannpreis mit einem
Tribunal verglichen. Vor den Augen der Autor:innen nehmen sieben
Juror:innen deren Texte auseinander – das sei Mobbing, sagte so etwa
Jurorin Mithu Sanyal. Auch auf Social Media entspannten sich dieser Tage
wieder die üblichen Debatten, es kam der Wunsch nach einem konstruktiveren
Format auf. Dabei muteten die Diskussionen in der Jury bereits jetzt mehr
als konstruktiv an. Mitunter wähnte man sich eher in einer Schreibwerkstatt
denn beim wichtigsten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum.
Geschürt wurde die Debatte in diesem Jahr insbesondere durch die Teilnahme
Slata Roschals. Die Schriftstellerin hatte vorab im Interview mit der SZ
angekündigt, die Fernsehbühne gleich nach ihrer Lesung zu verlassen, ohne
sich der Jury zu stellen. [2][Was sie auch tat.] Ihre Entscheidung
unterfütterte sie mit berechtigter, ja, notwendiger Kritik an den
Verhältnissen im Literaturbetrieb; schlecht bezahlte Stipendien, schmale
Gewinnmargen seien die Leitplanken, innerhalb derer zumeist die Bahnen des
Lebens von Schriftsteller:innen verlaufen.
Dass sie auf die Frage, ob sie im Fall eines Gewinns ihr Preisgeld teilen
würde, zögerlich reagierte, kam hingegen weniger gut an. Auch, dass es in
ihrer in Klagenfurt vorgelesenen Erzählung nur vordergründig um das
Prekariat und in der Hauptsache um den Literaturbetrieb ging, festigte den
Eindruck: Sie hätte die Sache besser angehen können. Dabei ließe sich
Roschal durchaus auf den Spuren der einst von Burkhard Spinnen geforderten
„Frontalopposition zu allem“ verorten. Der Autor und einstige
Bachmannpreisjuror hatte 2001 zum 25. Jubiläum des Bewerbs in einer
TV-Dokumentation erklärt, zum Kunstmachen gehöre ein „gerüttelt Maß an
Freiheit“; Freiheit nicht nur von ästhetischen Dogmen, sondern auch von
gesellschaftlichem Druck und ökonomischen Zwängen.
Ökonomisches spielte überhaupt eine große Rolle bei diesen nun 50. Tagen
der deutschsprachigen Literatur. Das fiel auch der Jury auf, die den
Komplex auf eine Weise thematisierte, die zeigte, wo der Vorwurf der
angeblich elitären Literaturkritik noch greift – und wo nicht. Denn obwohl
einige Texte durchaus mittelmäßig daherkamen, ließ die Jury kaum einen
durchfallen, würdigte Einfälle und sogar einzelne Sätze, die hervorstachen.
Hierarchien lassen sich da wahrscheinlich eher im Monetären vermessen. Oder
wie lassen sich Kommentare wie, etwas sei „wunderbar proletarisch“ oder die
attestierte „Faszination für Unterschichtskräfte“ anders erklären?
## Blinde Flecken
Eben diese „Faszination“ offenbarte sich übrigens auch in der Häufung
bestimmter Motive über die Texte und Textgattungen hinweg. So sorgte der
immer wieder auftauchende „Fleck“ für Heiterkeit. Ist nun die Tatsache,
dass sich ein:e Schriftsteller:in naturgemäß für Flecken – blinde, aber
auch Unheil kennzeichnende – interessiert, beinahe eine Binse, ist die
räumliche Verortung dieser Flecken in den jeweiligen Texten eben doch
bemerkenswert, tauchen diese nämlich bevorzugt als Wasser- oder
Schimmelflecken und geben Auskunft über prekäre Wohnverhältnisse. Bei Lena
Schätte sind die Flecken auf Polstern zu finden.
Mit einigem Abstand gewann die den mit 30.000 Euro dotierten Hauptpreis des
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs und konnte auch den Publikumspreis mit nach
Hause ins sauerländische Altena nehmen. Genauso wie der Bachmann’sche
Hitzedom gehört zum Wettlesen am Wörthersee eigentlich, dass die
Preisvergabe am Ende nur über Stichwahlen zu klären ist und man ohne
ORF-Justiziar und heimlichem Publikumsliebling Andreas Sourij schnell den
Überblick verliert.
Für die ehemalige Psychatriekrankenschwester Schätte jedenfalls eine schöne
Summe und wichtig für die Sichtbarkeit von Diskriminierung gegenüber
übergewichten Menschen, wie Schätte kurz nach der Preisvergabe – und
sichtlich schockiert – bemerkt.
## Die Unsichtbarkeit akzeptierend
[3][In ihrem Text „Was wir tragen“] erzählt sie von der Beziehung zweier
übergewichtiger Schülerinnen, die schon von Kindesbeinen an aus dem
sozialen Leben ausgegrenzt werden und in der Folge die Unsichtbarkeit nicht
nur akzeptieren, sondern auch selbst herstellen – indem sie sich etwa für
das Pausenbrot auf der Schultoilette einschließen, „auf dem Klodeckel
sitzend, wo die Blicke nicht auf unseren kauenden Mündern ruhen“.
Es ist ein Text, der von der Gewalt erzählt, der übergewichtige Menschen
ihr Leben lang ausgesetzt sind, nicht nur durch Fremde, sondern auch die
eigene Mutter: „Wenn sie mich schlägt, rollt sie eine Zeitung zusammen,
zieht einen Hausschuh aus oder greift nach dem, was sonst herumliegt. […]
Aus dir wird mal ein fettes Fabrikweib, schreit sie dann.“
Doch Schätte gewährt auch einen Einblick, welche Coping-Mechanismen sich
einschleifen, wie die Flucht in Gedanken einen Ausweg aus der traumatischen
Lebenserfahrung gewährt: „Ich stelle es mir vor, während ich stillhalte.
Dutzende dicke, glückliche Frauen an einem Fabrikfließband, mit Schürzen
auf den Bäuchen, die sich unterhalten, gegen den Lärm anreden, mit offenen
Mündern lachen, während sie sich Metallteile hin und her reichen. […[ Wie
sie dann irgendwann nach Hause gehen und essen, was sie wollen, kauend vorm
Fernseher sitzen, die Füße hochgelegt, zufrieden.“
Dass Kinga Tóth den KELAG-Preis erhielt, überrascht nicht, denn bereits
nach ihrer Lesung am Donnerstag zeigte sich die Jury begeistert von
Sprachwitz und Polyphonie der Autorin mit ungarischen Wurzeln. Es ist
bemerkenswert, mit welcher Genauigkeit Tóth das Schicksal, die täglichen
Herabwürdigungen von „Ostblockmädchen“ in einer Sprache beschreibt, die sie
erst in der Schule gelernt habe. Tóth brach mehrfach in Tränen aus und
dankte nicht nur Jury und Publikum, sondern auch allen Personen, die im
Hintergrund dafür sorgen, dass der Bachmannpreis stattfinden kann. Gäbe es
einen Preis für das sympathischste Preisgewinnen, Tóth hätte ihn sicher
verdient.
## Heimlicher Favorit
Verdient hätte den Hauptpreis in jedem Fall auch [4][Ozan Zakariya
Keskinkılıç, der für seinen Text „Vater ohne Sohn“] stattdessen mit dem
Deutschlandfunkpreis ausgezeichnet wurde. Der vielleicht beste Vorleser
dieses Jahrgangs erzählte vom Zwiespalt eines schwulen Vaters, der, statt
sich um seinen Sohn zu kümmern, vor allem Zeit mit seinem deutlich jüngeren
Liebhaber verbringt und dafür von seiner besten Freundin zurechtgewiesen
wird. Ein sinnlicher, nie vulgärer Text, der in seiner „sprachlichen
Pracht“ nicht nur den scheidenden Jurychef Klaus Kastberger überzeugen
konnte, sondern auch in den sozialen Medien viel Anklang fand.
Den mit 7.500 Euro „kleinsten“ 3sat-Preis erhielt Magdalena Schrefel für
ihren Text „Kirschen, Herz mit Verband“, der sich mit einer
Brustkrebs-Diagnose und vor allem dem Sprechen darüber beschäftigt. In
seiner zurückgenommen, fast sachlichen Sprache zeugt der Text vom dem
Versuch, durch das Sprechen über die Erkrankung Kontrolle über sie und den
eigenen Körper zurückzuerlangen. Einen „meisterhaften“ Text, hatte Schrefel
vorgelegt, meinte Jurorin Laura de Weck in ihrer Laudatio.
Irgendwo ist der Bachmannpreis auch eine Castingshow. Doch wo die im
Privatfernsehen zusammengesetzten Popstars schnell wieder in der Versenkung
verschwinden, treten in Klagenfurt mitnichten Unbekannte an.
Anfänger:innen waren unter den Teilnehmenden eigentlich keine
vorhanden, 13 der 14 Nominierten haben bereits Romane oder Lyrikbände
veröffentlicht. So war das Niveau der Texte in diesem Jahr auch höher als
im letzten Jahr, [5][wo der Bachmannpreis überdies noch mit drohenden
Sparmaßnahmen konfrontiert war,] die nun jedoch vorerst abgewendet sind.
Auch die 51. Tage der deutschsprachigen Literatur werden so im nächsten
Jahr wohl wieder und, so der gute Gott will, unter den Augen Heinz
Bachmanns stattfinden, der an den Bachmanntagen wie selbstverständlich in
Klagenfurt weilt. Ein Blick ins Gesicht des 87-Jährigen ist auch ein Blick
in eine Zukunft, die nie eingetreten ist, durfte seine Schwester aufgrund
ihres frühen Feuertods das hohe Alter doch nie erreichen.
28 Jun 2026
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## AUTOREN
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