# taz.de -- Nach Messerangriff auf Antifaschisten: Polizeibesuch am Krankenbett
> Nach einem Messerangriff kämpfte ein Antifaschist in Göttingen um sein
> Leben. Kaum war er aus dem Koma erwacht, wollte die Polizei ihn
> vernehmen.
IMG Bild: Stark in Göttingen: Antifa-Szene
Die Göttinger Polizei hat versucht, einen schwerverletzten, kaum aus dem
Koma erwachten Studenten zu vernehmen und bei ihm DNA-Material
sicherzustellen. Der 23-jährige Antifaschist war vor gut einer Woche in der
Nacht zu Sonntag niedergestochen worden. Die antifaschistische Szene geht
davon aus, dass der Angriff rechtsextremistisch motiviert war, und hat den
Namen und das Foto des möglichen Täters publiziert.
Der Student hatte gegen 2 Uhr nachts einen Stich in die Brust bekommen,
knapp neben dem Herzen. Eine Arterie wurde zerrissen, die Lunge getroffen.
Fünf Liter Blut mussten zugeführt werden. Es bestand die Gefahr einer
Infektion. Drei Tage lang lag der junge Mann im Koma. Erst vier Tage nach
dem Angriff stand fest: Der Antifaschist überlebt.
Statt den Gesundheitszustand und die Rechte des Verletzten zu
berücksichtigen, seien vier Polizeibeamte einfach in sein Zimmer gekommen
und hätten versucht, ihn zu sprechen, kritisiert der [1][Rechtsanwalt Sven
Adam]. Sein Mandant weigerte sich. „Unklar ist schon, ob ihm überhaupt
bewusst wurde, was von ihm genau warum verlangt wurde“, sagt Adam.
Der Anwalt hatte erst im Nachhinein von der Polizeimaßnahme im Zimmer der
Universitätsmedizin Göttingen (UMG) erfahren. Die Eltern hatten ihn
informiert.
## Auf Indymedia an den Pranger gestellt
Der Angriff war im Fridtjof-Nansen-Weg geschehen, in der Nähe des
Wohnhauses von Max. D., eines 17-Jährigen, der in der rechtsextremen Szene
aktiv sein soll und mit einem Freund unterwegs war. Der genaue Verlauf der
Auseinandersetzung kann noch nicht rekonstruiert werden. Der
Niedergestochene konnte noch nicht aussagen, dessen vier Begleiter –
ebenfalls aus der linken Szene – wollten noch abwarten.
Dem Rechtsanwalt Adam versicherten sie, an dem Abend keine Gegenstände mit
sich geführt zu haben, die als Waffen benutzt werden könnten. „Auch kein
Pfefferspray“, sagt Adam.
Am Sonntagnachmittag nannten Antifaschist:innen auf dem linksradikalen
Portal Indymedia Max D. als möglichen Täter – mit Namen und Bild. Schon
länger soll der Sohn eines Professors sich in einer rechtsextremen Clique
bewegen. Die Polizei nahm ihn mit seinem Freund im Wohnhaus kurzfristig
fest, stellte die Tatwaffe sicher und befragte die beiden jungen Männer.
Die Staatsanwaltschaft ließ den Beschuldigten jedoch frei. In einer
Pressemitteilung erklärte sie, dass „eine Notwehrsituation nicht
auszuschließen“ sei. Ein dringender Tatverdacht sei „derzeit nicht zu
begründen, weshalb der Beschuldigte freigelassen wurde“.
In der Öffentlichkeit, gegenüber Medien, hat sich der Tatverdächtige bisher
nicht geäußert. Sein Kamerad verbreitet aber eine eigene Version des
Geschehens: In der Tatnacht seien D. und er in der Innenstadt unterwegs
gewesen. Eine Gruppe von Vermummten soll sie dann angegriffen haben.
D. habe Pfefferspray dabei gehabt, sagt er der Zeit. Beide betrieben sie
Kampfsport, er selbst Muay Thai, D. Mixed Martial Arts. Sie hätten sich das
Deutschlandspiel gegen Elfenbeinküste angeschaut und danach bei D.
übernachten wollen. D. habe ein Messer dabei gehabt, weil er sich „von
Leuten“ bedroht gefühlt habe. [2][Rechtsextrem] sei aber weder D. noch er
selbst.
Wer das Pfefferspray bei sich hatte, sei nun geklärt, sagt Adam. Der
Rechtsanwalt wiederholt, dass die Gruppe um den schwer Verletzten keine
„körperliche Auseinandersetzung“ gesucht habe. Sich bedroht fühlen,
rechtfertige aber auch nicht „unvermittelt in die Brust“ zu stechen, sagt
Adam. Mit dem Zustechen sei der Tod in Kauf genommen worden.
Der Staatsanwaltschaft hält Adam vor, den Gesundheitszustand des Studenten
nicht zu berücksichtigen. „Nach unseren Informationen haben die Ärzte der
UMG stattdessen die Ermittlungsbehörden aufgrund des Gesundheitszustandes
gebeten, den Verletzten nicht vor Beginn der kommenden Woche zu vernehmen“,
sagte er der taz. Adam beteuert jedoch: „Es geht nicht darum, Ermittlungen
zu verlangsamen oder zu verhindern.“
Am vergangenen Samstag [3][protestierten in Göttingen zum wiederholten Mal
Menschen gegen rechtsextreme Gewalt]. Die Polizei zählte 1.100
Demonstrierende.
29 Jun 2026
## LINKS
DIR [1] /Verzoegerung-im-Fretterode-Prozess/!6093088
DIR [2] /Offensichtlich-rechtsextrem-motiviert/!6184083
DIR [3] https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/nach-messerangriff-1100-demonstrieren-gegen-rechte-gewalt,aktuellbraunschweig-3080.html
## AUTOREN
DIR Andreas Speit
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