URI: 
       # taz.de -- Die Wahrheit: Im Wachshalla der Semiprominenz​
       
       > Der notorische Rollkragenträger Ulf P. soll endlich zum Kabinettstückchen
       > bei Madame Tussauds werden​.
       
   IMG Bild: Ulf P.: bald sehr bedeutsam neben Britney Spears im wächsernen Kabinett
       
       Als der Erfolgsautor Ulf P. neulich die Ateliers von Madame Tussauds am
       Berliner Boulevard Unter den Linden betritt, sieht er nicht gerade aus wie
       jemand, der in einem Wachsfigurenkabinett sein möchte. „Ich sage es
       gleich“, sagt der alerte Blondschopf, noch bevor ihm jemand das Du anbieten
       kann. „Ich halte das alles hier für unerquicklich.“
       
       Kein Wunder. Obwohl es ein heißer Junitag ist, trägt Ulf P. – der auf
       eigenen Wunsch hin in diesem Text nicht mit vollem Namen auftauchen möchte
       („Applaus macht dumm“) – einen schwarzen Rollkragenpulli. Dazu hat er eine
       seiner vier Vollhonkbrillen auf, „die schwerste, die Fielmann je gebaut
       hat“. Unter seinem Arm klemmt eine abgegriffene Ledermappe, aus der –
       zufällig? – ein halbfertiges Manuskript ragt. „Backpfeifentum“ ist auf dem
       Deckblatt zu lesen.
       
       Trotz seiner offensichtlichen Unlust, lässt sich der 59-Jährige in den
       nächsten Stunden bereitwillig von den Mitarbeitern des wohl bedeutendsten
       deutschen Wachsfigurenkabinetts vermessen: Schädel, Ohrläppchen, Kinn –
       alles wird auf den Millimeter genau gescannt, ertastet, erfasst.
       Anschließend bestimmt eine Maskenbildnerin seinen Hautton, skizziert ein
       Bildhauer die Falten um seine Augen, zählt eine Stylistin die grauen Haare
       in den Brauen. „Das sind keine grauen Haare“, korrigiert sie Ulf P. „Das
       ist gelebte Altersteilzeit.“ Es klingt wie Alters-Steilzeit, aber niemand
       wagt, dem streitbaren Publizisten zu widersprechen.
       
       Dass er überhaupt hier aufgekreuzt ist, grenzt an ein kleines Wunder.
       Wochenlang hatte P. sich geziert. Er lehne jeglichen Personenkult ab, ließ
       er über verschiedene Podcasts verlauten. Doch der Druck wuchs. Immer mehr
       und immer bedeutendere Influencer forderten ihn auf, seiner Aufnahme in
       „das deutsche Wachshalla der Semiprominenz“ – der „einzig wahren“, wie P.
       findet – endlich zuzustimmen.
       
       Den Ausschlag für „die große Chance, wenigstens als Ausstellungsstück vor
       der Geschichte zu bestehen“ (Jan Fleischhauer), gaben die jüngsten
       Bucherfolge des „Staatsfeinds“, als den sich P. sieht. 2025 erschien
       „Cheeseburgertum“, der zunächst als Pixi-Buch konzipierte erste Band einer
       auf vier Teile angelegten „Wutbürger-Trilogie“. Laut Klappentext eine
       „chilischarfe Abrechnung“ mit jenem, von P. stets abfällig nur
       „Gürkchentruppe“ genannten Milieu linksgrüner McDonald's-User. Diese
       scheuten sich mittlerweile nicht mal mehr, mit ihren staatlich gesponsorten
       Lastenrädern an den Autoschaltern der legendären Burgerkette vorzufahren.
       Als eine „kulturvergessene Kolonisation des Drive-in“ bezeichnet P. deshalb
       diesen schamlosen Versuch, „eine weitere deutsche Kfz-Bastion zu
       schleifen“.
       
       Der Durchbruch aber gelingt dem „Weltniveau-Autor“ (NZZ) ein Jahr drauf mit
       dem zweiten Band. „Drückebergertum“ ist ein vulgäressayistischer Rant gegen
       das „frech in die freigeistigen städtischen Zentren drängende provinzielle
       Milieu“, mit dem „der Durchbrenner“ (Stern) offenbar einen Nerv der Zeit
       trifft; zumindest den einer suburbanen Klientel, die sich immer mehr von
       den „Miefbürgern“ drangsaliert sieht. „Da kommen diese Landeier mit ihren
       staatlich geförderten, teils treckergroßen SUVs in unsere Städte geknattert
       und gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie hier, wie in ihren
       Güllekäffern üblich, jeden Meter mit dem Kfz zurücklegen können. Und
       überall gratis parken dürfen wie daheim auf ihren Kuhwiesen. Höchste Zeit,
       dass dem endlich der Riegel namens ‚Erhöhte Parkgebühr‘ vorgeschoben wird.“
       
       Harald Martenstein war der erste, der den Wunsch des Museums nach einer „in
       Wachs gegossenen Ewigkeitsfigur des charismatischen Bestsellerautors“ mit
       einer ganzen Bild-Kolumne unterstützte. Zwar verwechselte er darin das
       Hamburger Panoptikum mit Madame Tussauds in Berlin, doch die Botschaft war
       eindeutig. Auch der TV-Humorist Dieter Nuhr sprach sich in seiner Sendung
       für den „wachsweichen Ulf“ aus, der Essayist Julian Reichelt hingegen mehr
       für einen „wachsharten.“
       
       Und dann waren da noch die vielen treuen Leserinnen, die, so P., sowieso
       den größten Teil seines Publikums bilden. Hunderte von, wenn auch seltsam
       gleichlautenden, Zuschriften erreichten in den vergangenen Monaten das
       Management von Madame Tussauds: Man möge „den freiesten Mitarbeiter“ (Ulf
       Poschardt) doch unbedingt dazu überreden, von sich diese Wachsfigur
       kreieren zu lassen.
       
       Derweil hat Ulf P. die aufwändige erste Sitting-Session in den
       Kreativstudios von Madame Tussauds überstanden. Noch in der Nacht wollen
       die Bildhauer mit der Modellierung der Wachsform beginnen. Rund sechs
       Monate lang werden 200 Spezialisten mit der detailgenauen Fertigstellung
       beschäftigt sein.
       
       ## Arrogante Arschgesichtspose
       
       Wie mit ihm abgesprochen, wird der Autor exakt in der Pose dargestellt, die
       er in seinen täglichen Videos bevorzugt: Der „des arroganten Arschgesichts,
       das ich nun mal bin“, so P. in einem Insta-Reel am nächsten Morgen.
       Hauptsache, am Handgelenk seiner Figur werde, „wie auch in meinen Videos
       immer gut zu sehen“, eine Original-Rolex mit Jubilé- oder Oyster-Armband
       und schwarzem Zifferblatt angebracht. Die Mehrkosten seien ihm
       „scheißegal“.
       
       Um so größer das Erstaunen, als Ulf P. nur zwei Videos später darauf
       besteht, nun doch lieber als ein „woke Fressen polierender Hool mit
       Bierbauch“ modelliert zu werden. Die Hooligan-Kultur sei schließlich
       „absolut inspirierend“. Doch das Management von Madame Tussauds winkt ab.
       Einziges Zugeständnis: Seine Figur bekommt, wie von P. gewünscht, „eine
       Fluppe ins Gesicht gesteckt“. Und zu jeder vollen Stunde soll Rauch aus
       seinem Kopf aufsteigen.
       
       Enthüllt werden wird die Wachsfigur anlässlich des Erscheinens von
       „Elfenbeintum“, dem dritten Band besagter Wutbürger-Trilogie, vorausgesetzt
       natürlich, Ulf P. verzögert seine eigene Wachswerdung nicht noch mit
       weiteren Eitelkeiten.
       
       30 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Fritz Tietz
       
       ## TAGS
       
   DIR Satire
   DIR Ulf Poschardt
   DIR Axel Springer
   DIR Erinnerungskultur
   DIR Museum
   DIR Reden wir darüber
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Insolvenz
   DIR Demokratie
   DIR Kolumne Die Wahrheit
   DIR Benzinpreise
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Die Wahrheit: Gesinnungsschwenker allüberall
       
       Dem Zivildienstleistenden aus antiken Zeiten sind die neuen Freunde des
       Militärs aus allen Generationen mehr als suspekt.
       
   DIR Die Wahrheit: Danny Dilemma mit der roten Nase
       
       Ein Insolvenzclown versüßt künftigen Arbeitslosen auf sagenhaft lustige Art
       die letzten Stunden im Betrieb.
       
   DIR Die Wahrheit: Die unaufgeregte Demokratie
       
       Beim Steffen-Bilger-Ähnlichkeitswettbewerb in Vaihingen an der Enz müssen
       die Kandidaten die enorme Vielschichtigkeit des Parlamentariers abbilden.
       
   DIR Die Wahrheit: Absteigen, sonst Beule
       
       Für Radfahrer ändert sich nie etwas: Autofahrer mit ihren Blechbüchsen
       sitzen in ihrem jahrzehntelang gehegten, automobilen Weltbild fest.
       
   DIR Die Wahrheit: Tränen an Tankpistolen
       
       Die ersten Opfer des anhaltend hohen Spritpreises werden nun therapeutisch
       betreut. Ein berührender Wahrheit-Report von der Tankstelle.