URI: 
       # taz.de -- „Hormonfleisch“-Importe aus Brasilien: Von wegen Premium-Steak
       
       > In Brasilien werden Rinder mit einem Hormon behandelt, das in der EU
       > wegen Krebsgefahr verboten ist. Dennoch gelangte „Hormonfleisch“ nach
       > Europa.
       
   IMG Bild: Wurden sie auch mit Hormonen behandelt? Rinder bei einer Auktion in Xinguara, Brasilien, im März 2025
       
       Brasilianisches Rindfleisch wird gern als „Premium“-Ware verkauft – im
       Steakhaus etwa oder im Internet. Es wurde auch schon zu teurem
       italienischen Schinken verarbeitet. 2025 aber sind mehrere Dutzend Tonnen
       aus dem südamerikanischen Land in die Europäische Union gekommen, die gar
       nicht „premium“ waren. Im Gegenteil: Das Fleisch stammte von Rindern, die
       mit dem Hormon Östradiol behandelt worden waren. Und das, obwohl solche
       Behandlungen in der EU schon seit [1][2009] vollständig verboten sind, weil
       Östradiol Krebs verursachen kann. Und obwohl EU-Inspektoren bereits 2024
       festgestellt hatten, dass Brasilien keine Lieferungen ohne „Hormonfleisch“
       garantieren kann.
       
       Im Oktober 2025 entdeckten EU-Inspektoren dann tatsächlich
       Fleischlieferungen von mit Östradiol behandelten Rindern. Die stellten kein
       „unmittelbares“ Gesundheitsrisiko dar, sagt eine Sprecherin der
       EU-Kommission auf taz-Anfrage. Es handele sich um „relativ kleine Mengen“.
       Doch weitere solche Lieferungen lassen sich nicht ausschließen, und die
       Kommission hat selbst festgestellt, dass das Krebsrisiko durch das Hormon
       anhand der verfügbaren Daten nicht zuverlässig zu beziffern ist. Man kann
       also auch keine sichere Dosis festlegen. Es lägen umfangreiche
       wissenschaftliche Hinweise vor, „dass Östradiol-17β als [2][vollständiges
       Karzinogen] einzustufen ist“, so die Behörde. Die Substanz kann demnach
       sowohl Krebs auslösen als auch das Wachstum bestehender Tumoren fördern.
       
       In Brasilien dürfen Landwirte Östradiol einsetzen. Sie machen ihre Kühe
       damit brünstig und das zeitgleich, um sie zum gewünschten Zeitpunkt
       künstlich besamen zu können. Der Einsatz zur Wachstumsförderung ist auch in
       Brasilien verboten. Für die Bauern in der EU sind die laxeren Regeln der
       Brasilianer ein Wettbewerbsnachteil, weil sie ohne das Hormon tendenziell
       höhere Kosten haben.
       
       Und dieses Problem könnte sich noch vergrößern. Denn am [3][1. Mai] ist das
       Handelsabkommen der EU mit Brasilien und drei weiteren Staaten der
       südamerikanischen Mercosur-Gruppe vorläufig in Kraft getreten. Durch den
       Vertrag entfallen vor allem Zölle auf Industriegüter, aber auch einige
       Fleischkontingente kann Brasilien jetzt günstiger nach Europa verkaufen.
       Schon vor dem Abkommen hatte die EU 2025 brasilianisches Rindfleisch mit
       einem Schlachtgewicht von rund [4][92.000 Tonnen] importiert. Was sagen die
       Fachleute der EU zu dem ganzen Vorgang?
       
       ## Die Vorkehrungen seien „unwirksam“, sagten Inspekteure
       
       Claire Bury steht in einem Konferenzsaal in der Brüsseler Zentrale der
       Europäischen Kommission, einem kreuzförmigen Bürogebäude mit scheinbar
       endlosen Gängen. Die Britin ist Vizechefin der Generaldirektion Gesundheit
       und zuständig für den Lebensmittelbereich. „In der EU haben wir
       wahrscheinlich die höchsten Sicherheitsstandards der Welt“, sagt die
       Topbeamtin. Burys Botschaft ist der Generaldirektion so wichtig, dass sie
       auf EU-Kosten Journalisten aus ganz Europa nach Brüssel geholt hat.
       „Jegliche Lebensmittel, die hereinkommen, müssen diese Standards erfüllen“,
       sagt die Juristin.
       
       Als Beleg führt Bury ausgerechnet das Fleisch von den Hormonrindern aus
       Brasilien an. Die 15 Lieferungen „wurden sofort abgefangen, sobald uns die
       Informationen vorlagen“. Aufgedeckt hätten den Fall EU-Inspektoren. Ob die
       EU-Kontrollen aber wirklich so ideal verlaufen, daran könnte der Vorgang
       Zweifel wecken.
       
       Der [5][erste] Alarm im Schnellwarnsystem für Lebensmittel und
       Futtermittel, in dem sich Kommission und die Behörden der EU-Länder
       austauschen, tauchte Mitte November 2025 auf. Das Mindesthaltbarkeitsdatum
       von 5 [6][Tonnen des Fleisches] war aber schon Ende Oktober abgelaufen,
       deshalb sei davon auszugehen, dass die Ware zum Zeitpunkt des Hinweises
       „größtenteils bereits verzehrt worden war“, schrieb die niederländische
       Regierung.
       
       Für Deutschland teilte das Bundesamt für Verbraucherschutz und
       Lebensmittelsicherheit (BVL) mit: „Ein Verzehr von möglicherweise
       betroffenen Produkten kann grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden.“
       
       Schon im Juni 2024 hatte die EU-Kommission bemerkt, dass das Hormon in
       brasilianischen Rindfleischlieferungen enthalten sein könnte. Denn nach
       einer Inspektion in Brasilien zogen zwei EU-Experten ein vernichtendes
       Fazit. Die Vorkehrungen des Landes gegen Fleisch von mit Östradiol
       behandelten Rindern in Lieferungen für die EU seien „[7][unwirksam]“. Die
       Farmen müssten noch nicht einmal dokumentieren, welche Medikamente ihre
       Tiere erhalten. Kontrollen dazu auf den Betrieben gebe es nicht.
       
       ## Nur 15 Lieferungen wurden zurückgezogen
       
       Der Bericht der Inspektoren stellte infrage, ob Brasilien weiter
       Rindfleisch in die EU exportieren dürfen sollte. Dennoch verhängte Brüssel
       keinen Importstopp. Die Kommission verließ sich auf Versprechen des
       brasilianischen Agrarministeriums, dass es die Ausfuhr von Fleisch
       weiblicher Rinder selbst unterbinden werde – zumindest bis ein privates
       Kontrollsystem eingeführt sei, das solche Exporte verhindere. Das sollte
       laut den Brasilianern zwölf Monate dauern, schrieb die Kommission im
       September 2024.
       
       Die Brasilianer hielten ihre Zusicherung aber nicht ein, wie EU-Inspektoren
       nach einem weiteren Besuch in dem Land im [8][Oktober 2025] feststellten.
       Beamte des Ministeriums hätten schon in einer vorbereitenden Videokonferenz
       eingeräumt, dass es das private Kontrollsystem bereits Anfang April 2025
       für einsatzbereit erklärt und damit Fleischexporte weiblicher Rinder in die
       EU wieder erlaubt habe. Also viel früher als angekündigt. „Diese
       Entscheidung […] war der Europäischen Kommission nicht mitgeteilt worden.“
       Brasilien erlaubte also sechs Monate lang fragwürdige Exporte, ohne dass
       die EU davon wusste. In dieser Zeit stellte das Agrarministerium in
       Brasília laut Prüfbericht 290 Veterinärzertifikate für
       Rindfleischlieferungen aus, wonach die Ware den Hormonregeln entsprach.
       
       Zurückgerufen hat die EU allerdings nur 15 Lieferungen. Zudem besuchten die
       EU-Inspektoren während ihrer Brasilienreise nach eigenen Angaben lediglich
       5 von rund 1.200 Rinderfarmen, die für den Export nach Europa zugelassen
       sind. Es scheint weitgehend Zufall zu sein, dass sie die Farm entdeckten,
       die für die später zurückgerufenen „Hormonfleisch“-Lieferungen
       verantwortlich war.
       
       Die Inspektoren dokumentierten, dass 174 mit Östradiol behandelte Rinder
       „aufgrund eines Verwaltungsfehlers auf der Farm“ für den Export in die EU
       zugelassen worden seien. Obwohl das brasilianische Ministerium das entdeckt
       habe, seien die europäischen Importeure nicht informiert worden.
       
       ## Die Mängel hätten Vertrauen gekostet
       
       Allein 6 der 15 Sendungen wogen laut der niederländischen Regierung
       insgesamt etwa 113 Tonnen. Rund 5 Tonnen gingen dem Bundesamt für
       Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zufolge nach Deutschland. Da
       normalerweise Fleisch von männlichen und weiblichen Rindern gemischt wird,
       war wahrscheinlich nicht alles mit dem Hormon belastet. „Die Menge an
       Rindfleisch, das Östradiol enthielt und aus Brasilien in die EU eingeführt
       wurde, belief sich auf etwa 40 Tonnen“, sagte ein Kommissionsmitarbeiter
       der taz.
       
       Wie viele Tonnen auch immer belastet waren: Die EU-Inspektoren urteilten
       nach ihrer Brasilienreise, die von ihnen entdeckten Mängel würden das
       Vertrauen untergraben, dass das Land seine Zusicherungen einhält. Doch
       selbst dann reagierte die EU-Kommission nicht mit einem Importverbot. Sie
       forderte Brasilien nach eigenen Angaben nur dazu auf, der erwischten Farm
       und ihrer Zertifizierungsstelle den Fleischexport von weiblichen Rindern in
       die EU zu verbieten. Das sicherte das Agrarministerium in Brasília in einem
       Schreiben zu, das der taz vorliegt.
       
       Erst ab kommenden September – also fast zwei Jahre nach den ersten
       Hinweisen auf Missstände – will die EU nun doch neben Rindfleischimporten
       auch alle anderen tierischen Lebensmittel aus Brasilien verbieten. Aber
       nicht wegen des „Hormonfleisches“, sondern weil Brasilien laut
       Vizegeneraldirektorin Claire Bury nicht nachgewiesen hat, dass es eine
       andere EU-Regel einhält. Ab 3. September gilt nämlich auch für Importe,
       dass Antibiotika „in der Nutztierhaltung weder zur Förderung des Wachstums
       noch zur Steigerung der Leistung eingesetzt werden“ dürfen, [9][so die
       Kommission]. Außerdem dürften Tiere nicht mit Antibiotika behandelt werden,
       die ausschließlich zur Behandlung von Menschen vorgesehen sind. Diese
       Regeln sollen verhindern, dass beim Menschen Resistenzen gegen diese
       Antibiotika entstehen.
       
       Ob dieses Exportverbot Bestand haben wird, ist unklar. „Brasilien kann
       immer noch, jederzeit, die notwendigen Garantien vorlegen, dass es die
       rechtlichen Anforderungen der EU erfüllt“, sagt die Kommissionssprecherin.
       
       ## Mercosur-Vertrag habe auch Vorteile
       
       War es ein Fehler, den Rindfleischimport aus Brasilien nicht schon 2024 zu
       untersagen? Auf diese Frage antwortet die Sprecherin, dass die Europäer im
       Fall von Regelverstößen in einem Nicht-EU-Land dieses um Abhilfe bitten
       oder es in „schwerwiegenden Fällen“ mit einem Importverbot belegen würden.
       Und mehr „physische“ Überprüfungen, also nicht nur der Zolldokumente, von
       Fleischimporten aus Brasilien an den EU-Grenzen habe die Kommission bereits
       vorher verfügt.
       
       Brasiliens Agrarministerium und die Vertretung des Landes bei der EU ließen
       eine Bitte der taz um Stellungnahme unbeantwortet.
       
       Lobbygruppen wie der Bayerische Bauernverband klagten, dass das
       Importverbot [10][viel zu spät] komme. Die Deutsche Umwelthilfe sieht wegen
       des Falls „[11][gravierende Defizite] bei Kontrollen im Fleischmarkt in
       Deutschland und Europa“. Beide Organisationen haben das
       EU-Mercosur-Abkommen scharf kritisiert. War der Vertrag also ein Fehler?
       
       „Die Handelsabkommen haben auch Vorteile für die Landwirte“, sagt
       Kommissionsbeamtin Bury. Die Verträge würden ebenfalls den EU-Bauern
       Exporte erleichtern. Um die Lebensmittelsicherheit noch besser zu
       garantieren, will die Kommission 2026 und 2027 mehr Inspektionen ansetzen.
       50 Prozent mehr in Nicht-EU-Ländern und 33 Prozent mehr bei
       Grenzkontrollstellen innerhalb der EU.
       
       18 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://eur-lex.europa.eu/eli/dir/2008/97/oj%5D2009
   DIR [2] https://food.ec.europa.eu/food-safety/chemical-safety/hormones-meat_en?prefLang=de
   DIR [3] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/mercosur-auf-dem-weg-2398594
   DIR [4] https://agridata.ec.europa.eu/extensions/DashboardBeef/BeefTrade.html
   DIR [5] https://webgate.ec.europa.eu/rasff-window/screen/notification/803245
   DIR [6] https://open.overheid.nl/documenten/5ecd05b1-c93a-4316-ad0b-0c12651c6a1b/file
   DIR [7] https://ec.europa.eu/food/audits-analysis/audit-report/details/4804
   DIR [8] https://ec.europa.eu/food/audits-analysis/audit-report/download/17196
   DIR [9] https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/mex_26_1063
   DIR [10] https://www.bayerischerbauernverband.de/hormone-rindfleischimporte
   DIR [11] https://www.duh.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/62-tonnen-illegales-hormonfleisch-aus-brasilien-in-europaeischen-regalen-deutsche-umwelthilfe-warnt/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Jost Maurin
       
       ## TAGS
       
   DIR Brasilien
   DIR Fleischindustrie
   DIR Mercosur
   DIR Freihandel
   DIR Viehzucht
   DIR Fleisch
   DIR Social-Auswahl
   DIR Reden wir darüber
   DIR Landwirtschaft
   DIR Vegetarismus
   DIR Mercosur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Kritik an Fleisch-Kampagne: Tiere essen, ohne nachzudenken
       
       „Iss was dir schmeckt“ appelliert eine Kampagne von Fleischindustrie und
       Bauernverband. Sie lenke ab von Problemen der Tierhaltung, sagen Kritiker.
       
   DIR Namen von Fleischersatzprodukten: Fleischlobby frisst „Seitan-Steak“ und „Veggie-Hühnchen“
       
       Pflanzliche Fleischalternativen gehören für viele fest zum Speiseplan. Die
       EU hat nun final entschieden: Bestimmte Begriffe dafür sind nun tabu.
       
   DIR Grüne Handelspolitikerin über Vertrag: „Das Mercosur-Abkommen könnte Gefahr für EU-Gesetzgebung werden“
       
       Die grüne Europa-Abgeordnete Anna Cavazzini verteidigt die gerichtliche
       Prüfung des Handelsvertrags. Dieser schade Bauern, Regenwald und Klima.
       
   DIR EU-Mercosur-Handelsabkommen: Rindfleisch gegen Autos
       
       Das Abkommen zwischen EU und Mercosur-Block soll am Samstag in Paraguay
       unterzeichnet werden. Worum geht es? Die wichtigsten Fragen und Antworten.