# taz.de -- KitschKrieg, Shirin David und Co.: Sternstunden der Inhaltslosigkeit
> Die deutsche Musikindustrie setzt dem Aufstieg der AfD hohle
> Selbstoptimierung entgegen. Wollen wir diesem Genöle noch lange zuhören?
IMG Bild: Christian Meyerholz (r.) und Christoph Erkes von KitschKrieg
Vor einigen Wochen tauchten in meinem Viertel Aufkleber mit dem Slogan „Du
bist gut genug“ auf. Sie prangten so ziemlich überall, und daher dachte ich
erst, dass sich eine hippieske Person an Ampelmasten und Straßenschildern
ausagiert hat.
Irgendwann stand ich dann an einer Straßenecke und bemerkte, dass
diejenigen, die „Gut genug“ stickern, die ungeschriebenen Gesetze des
Stickerns ignorieren. Man überklebt nämlich nur dann andere Aufkleber, wenn
man deren Aussage nicht teilt, etwa, wenn Anhänger:innen des
Fußballstadtrivalen sich verewigen, oder wenn Sticker auf Termine
hinweisen, die bereits in der Vergangenheit liegen.
Mir fiel das auch nur auf, weil an der Ampel immer wieder Sticker von den
vermeintlichen Hippies überklebt wurden. Und so witterte ich nach einigen
Tagen Klebebattle, dass es sich hier um Marketing in großem Stil handelt,
und befragte das Internet. Es stellte sich dann schnell heraus: Für „Gut
genug“ wird richtig Geld in die Hand genommen, und zwar nur, um einen
einzigen Song zu bewerben. Und das muss man wohl auch tun, denn so schlimm
der Songtext von [1][„Gut genug“] ist, musikalisch klingt er noch
schlichter.
Zusammengetan haben sich für den Marketing-Coup die drei deutschen
Künstler:innen [2][KitschKrieg], Blumengarten und Shirin David. Online
lässt sich dieser Mesalliance noch schlechter entkommen. Nachdem Letztere
im Sommer unseres Missvergnügens 2024 bei [3][ihrer Selbstoptimierungsarie
„Bauch, Beine, Po“] schon „Geh ins Gymmie, werde skinny“ reimte, kann sie
nun verkünden: „Du bist gut genug.“ Unklar, ob das nur für die gilt, die
skinny sind, oder auch für alle anderen. Davon ganz abgesehen: Gut genug
für was? Und in welchen Verhältnissen?
## Jeder Tag wie fünf vor Apokalypse
In dem Buch „Als die Welt noch unterging“ beschreibt der Autor Frank
„Apunkt“ Schneider, welche enorme Wirkung das atomare Wettrüsten auf die
popkulturellen Erzeugnisse der 1970er und 1980er Jahre hatte, und zählt
Perlen des Punk und New Wave auf, die darauf Bezug nahmen. Das drohende
Armageddon bescherte uns damals immerhin zeitgemäß nihilistische Musik,
aber alles, was wir heute bekommen, ist KitschKrieg. Zwar fühlt sich schon
seit einigen Jahren jeder Tag wie fünf vor Apokalypse an. Die Turbulenzen
haben aber gezeigt, dass die Welt eben nicht untergeht, sondern jeden Tag
ein bisschen beschissener wird.
Was bleibt dann gesamtgesellschaftlich anderes übrig, als der Rückzug ins
Private? Und so wird die Promotion für KitschKrieg mit den Waffen der
kompletten Entkopplung zwischen Individuum und den politischen
Verhältnissen, von denen es umgeben ist, geführt. Ökonomisch wird das mit
den Mitteln der kompletten Verblödung (Marketing) geleistet, das einem die
egalsten Mantras so oft ins Gesicht haut, bis man glaubt, sie würden
irgendetwas bedeuten.
„Selflovecore“ war ursprünglich mal der Genrebegriff, den ich dieser Musik,
die gleichzeitig auch ihr eigenes Marketing ist, für diesen Text geben
wollte. Aber dann kam Juse Ju mit seinem neuen Song „EGALMUSIK“ ums Eck und
der Titel beschreibt den Zustand noch viel besser. „F**k deine Egalmusik /
Doch das heißt nicht, mach jetzt bitte was zu Klimawandel, Politik, Iran
und Krieg“, rappt er darin.
## Forderung nach politischer Positionierung
Abgebildet wird in diesen Zeilen, welches Problem aus der permanenten
Forderung an Musiker:innen nach politischer Positionierung hervorgeht.
Wenn Musikjournalist:innen ständig fragen: „Muss Musik politisch
sein?“ und „Müssen Musiker:innen sich politisch positionieren?“, dann
ist in der Frage die Antwort so implizit, wie bei Talkshows, die mit Titeln
wie „Haben wir in Deutschland ein Flüchtlingsproblem?“ auf Sendung gehen.
In einer Welt, in der die Maxime „du bist, was du isst“ gilt, ist man eben
zwangsläufig auch das, was man hört. So wird die politische Positionierung
des Künstlers zum Kaufargument und entbindet die Konsument:innen, die dem
Warenfetisch voll und ganz verfallen sind, gleichzeitig auch noch von einer
eigens angestrengten Auseinandersetzung.
Wobei es durchaus auch die Art von Musiker:innen gibt, von denen kein
inhaltliches Statement erwartet wird. Leider sind es genau die, von denen
es dann kommt. Oder hat in letzter Zeit mal jemand um Morrisseys Meinung
zum Thema Migration gebeten oder Xavier Naidoo zum Thema Impfungen befragt?
Unwahrscheinlich. Äußern sollen sich die, deren Weltanschauung sowieso
ungefähr auch die vermutet eigene ist.
Vor einem Jahr gewann Zartmann, der unter anderem durch Egalmusik-Hits wie
„Tau mich auf“ bekannt wurde, den Bambi als „Musikact des Jahres“. „Ich
will noch eine Sache sagen: Fick die AfD. Fick rechtspopulistische
Scheiße!“, verlautbarte der Rapper in seiner Dankesrede. Vorgetragen wurde
sie mit ausgestrecktem Mittelfinger, weil diese Haltung rebellisch und
glaubwürdig wirkt. Außerdem lässt sich so eine Geste noch durch den
Algorithmusfleischwolf drehen und zweitverwerten.
Dabei hat jemand, der so was sagt, eigentlich noch gar nichts gesagt. Und
hätte vielleicht auch besser geschwiegen. Denn wer „AfD ist scheiße“ sagt,
sollte auch in der Lage sein, benennen zu können, dass politische Maßnahmen
wie Grenzschließungen, die seit Langem von der AfD gefordert werden,
mittlerweile von anderen Parteien umgesetzt werden.
Der sollte Medien für deren Umgang mit rechten und rechtsextremen
Positionen kritisieren können. Dann beispielsweise, wenn diese rechte
Kampfbegriffe wie „Remigration“ einfach übernehmen, aber bei dem Wort
„Umverteilung“ schon den Kommunismus wittern.
Aber eingehegt zwischen Marketing und Management sollen bloß alle A sagen,
aber bitte niemand B. Denn B könnte eine potenzielle Hörerschaft
abschrecken. Man darf sich also auf Hits wie „Klimaanlage“, „Wenn die Miete
zu teuer ist, dann ziehen wir auf’s Land“ oder „Das ist normal und niemand
kann was dafür“ freuen. Unendlich viele weitere Sternstunden der
Inhaltslosigkeit sind vorprogrammiert. Oder, wie Shirin David sagen würde:
„Glaub mir, Boy, schwer wiegt das Haupt, das die Birkin trägt.“
9 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Johanna Schmidt
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