# taz.de -- Roman „Kleine Schwächen“: Welche Abgründe müssen in dieser Familie lauern
> Aus dem streng katholischen Irland der 70er ins düstere London der 90er:
> Megan Nolan erzählt von einem Todesfall und den Tricks der
> Boulevardpresse.
IMG Bild: Die Autorin: Megan Nolan
Drei Zeilen eröffnen Megan Nolans zweiten Roman, „Kleine Schwächen“. Wie
ein Motto sind sie dem Beginn der eigentlichen Erzählung vorangestellt:
„Unten am Skyler Square schlich die Sorge rasch / von Tür zur Tür, ging ein
Raunen von Mutter zu Mutter: / Baby fort, böser Mann, wilde Bestie.“ Es ist
eine unheimlich wirkende Verdichtung dessen, was folgt.
Wir sind im London des Jahres 1990, als ein dreijähriges Mädchen aus einer
Wohnsiedlung verschwindet. Kurz darauf wird es tot aufgefunden. Verdächtig
aber ist kein böser Mann, sondern die zehnjährige Lucy. Sie ist der jüngste
Spross der Familie Green, die zehn Jahre zuvor aus dem irischen Waterford
nach London emigrierte.
Megan Nolan, 1990 in jenem Waterford geboren, längere Zeit in London lebend
und heute wohnhaft in New York, zeigt, wie leicht sich die Meinung gegen
jene richtet, die doch schon immer seltsam schienen, anders.
Die Nachbarschaft raunt also von der jungen schönen Carmel, die damals, bei
ihrer Ankunft, erst 17 und hochschwanger war und sich dann nicht um ihre
Tochter Lucy kümmerte. Von ihrem alkoholkranken Bruder Richie, dem
arbeitslosen Vater John und der Mutter Rose, die sich als Einzige gekümmert
hat. Auch um ihre Enkelin Lucy, aber Rose ist inzwischen tot. Und man hat
ja schließlich zuletzt Lucy mit dem Mädchen zusammen gesehen, spielend.
## Die Familie zum Reden bringen
All das saugt der Reporter Tom auf, der zufällig vor Ort ist und nun die
ganz große Story für sein Boulevardblatt wittert. Welche Abgründe müssen in
dieser Familie lauern, dass eine Zehnjährige zur Mörderin eines Kleinkinds
wird! Seine Redaktion quartiert die Familie vermeintlich zu ihrem Schutz in
einem Hotel ein. Tom soll sie dort exklusiv zum Reden bringen.
Was etwas konstruiert wirken könnte, entwickelt die Autorin ganz schlüssig
und glaubhaft. Tatsächlich wird das Hotel zum erzählerischen Ausgangspunkt
für die Entfaltung eines Psychogramms der Familie Green. Ein Mittel dabei
sind Rückblenden, die jeweils einzelne Familienmitglieder in den Fokus
rücken. So gehen die Leser*innen etwa zurück ins Jahr 1978 und erfahren
von der großen, letztlich unglücklichen Liebe Carmels. Als ihr älterer
Freund aus Waterford wegzieht, bleibt sie schwanger zurück, sagt es ihm
nicht, niemandem.
Nolans Sprache ist klar, eher nüchtern, doch nicht distanziert. Ihre
Beschreibung der Abtreibungsversuche Carmels sind schwer erträglich, brutal
geht diese gegen sich selbst und das ganz und gar unerwünschte „mickrige
Ding“ vor. Schließlich spaltet sie die Realität ihrer Schwangerschaft ab,
sie „(hatte) nie einen Schwangerschaftstest gemacht, nie einen Beweis
gesehen. Es machte Klick und Carmel glaubte nicht mehr an die
Schwangerschaft. Sie existierte einfach nicht mehr; außer in ihrem Körper,
außer in Wirklichkeit.“ Die Wirklichkeit des streng katholischen Irlands
Ende der 1970er-Jahre.
Jeder ihrer Figuren kriecht die Autorin in den Kopf, unter die Haut, kennt
sie ganz. Darin liegt keine übergriffige Deutung oder Beurteilung. Empathie
und Sympathie für alle Greens tragen den Ton des Textes. Es ist
beeindruckend, mit welcher erzählerischen Gewandtheit Nolan die
verschiedenen Leben einerseits als einzelne geltend macht und sie zugleich
miteinander verwebt, ihr Ineinanderwirken sichtbar werden lässt.
## Große Scham
[1][Transgenerationale Verzweiflung], so brachte es ein englischer Kritiker
auf den Punkt, und das fasst gut, wovon dieser Roman erzählt. Nolan nähert
sich den individuellen Erfahrungen von Verletzungen und Zurückweisung, die
jede und jeder in der Familie allein zu bewältigen hat, weil das Sprechen
darüber, das Bitten um Hilfe unmöglich scheinen. Scham spielt eine zentrale
Rolle. Zugleich, das macht die Autorin klar, sind gesellschaftliche
Strukturen, die soziale Herkunft von Bedeutung.
Nolan versteht es, fesselnd zu erzählen. Wenn sie Richies zunächst
glückenden Neuanfang in London beschreibt, wie er dann sehenden Auges alles
aufs Spiel setzt – man möchte einschreiten, kann aber nur tatenlos
weiterlesen. Hier zeigt die Autorin zudem ein tiefes Verständnis der
Mechanismen der Alkoholsucht. Schildert die inneren Aushandlungsstrategien
Richies, mit denen er die Kontrolle behalten will; und sich doch immer mehr
in jene Einsamkeit trinkt, der er zu entfliehen sucht.
Immer wieder kehrt der Text in die Erzählgegenwart im Hotel zurück. Damit
auch zu Tom, den Nolan mit scharfen, präzisen Worten als Handlanger der
britischen toxischen Medienkultur jener Jahre charakterisiert. Und ihn doch
als zwiespältige Figur zeichnet, die nicht ganz aufgeht in ihrer
moralischen Verworfenheit.
Tom bekommt seine Geschichte einer „monströsen“ Familie nicht. Stattdessen
findet Nolan eine hoffnungsvolle Wendung für Carmel und Lucy, und auch dies
ist ganz glaubhaft. Vorsichtig, unsicher sind die Begegnungen von Mutter
und Tochter, die eine so lange währende Ferne und Entfremdung zu überwinden
haben. Bis zum Ende ihres traurigen und schönen Romans trägt und berührt
Megan Nolans feines Gespür für die inneren Regungen wie auch die kleinen
sichtbaren Gesten ihrer Figuren.
16 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Carola Ebeling
## TAGS
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