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       # taz.de -- Geschichtspolitik in Moskau: Wie in Putins Russland an den 22. Juni 1941 erinnert wird
       
       > Zynische Instrumentalisierung des Gedenkens an Hitlers Überfall auf die
       > UdSSR: Wo an den Gulag erinnert wurde, inszeniert der Kreml einen neuen
       > Kriegskult.
       
   IMG Bild: Das war das Gulag-Museum, hier kurz nach der Schließung. An diesem Tag, dem 17.3.2024, diente es als Wahllokal
       
       Zum 85. Jahrestag von [1][Hitlers Überfall auf die UdSSR] wurde in Moskau
       das Museum „Zum Gedenken an die Opfer des Genozides am sowjetischen Volk“
       eröffnet.
       
       Die Ausstellung wurde im ehemaligen Gulag-Museum eingerichtet, das im
       Herbst 2024 angeblich wegen „Problemen mit dem Brandschutz“ geschlossen
       war. Natürlich gab es in diesem hochmodernen Museum keinerlei solche
       Probleme.
       
       Die Sowjetmacht verwandelte oft historische Orte in ihr Gegenteil: Kirchen
       wurden zu [2][Museen antireligiöser Propaganda], das Museum für Westliche
       Kunst in Moskau zu einer Ausstellung der Geschenke an Stalin. Doch selbst
       vor dem Hintergrund solcher Praktiken erscheint die heutige Umwandlung
       eines Museums zur Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen in ein
       Museum staatlich gelenkter Kriegserinnerung als besonders zynisch.
       
       Die neue Ausstellung umfasst 18 Abteilungen, die über „die auf dem Gebiet
       der UdSSR während des Krieges begangenen Verbrechen“ informieren sollen.
       Wie die Vertreter des Kremls bei der Eröffnung erklärten, werden die
       Besucher hier eine „Impfung gegen den Neonazismus“ erhalten, denn „die
       Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand“.
       
       ## Instrumentalisierung des Genozidbegriffs
       
       Gerade aus dem, was die Ideologen des Kremls betonen, werden die
       eigentlichen Ziele dieses Museums deutlich.
       
       An erster Stelle steht seine demonstrative Errichtung im Gulag-Museum. Sie
       bedeutet den Versuch, [3][die Erinnerung an den stalinistischen Terror
       auszulöschen]. Und zugleich die schwarzen Seiten aus der Kriegsgeschichte
       zu verdrängen: den Hitler-Stalin-Pakt, die Brutalität sowjetischer
       Kriegsführung, die ihre eigenen Soldaten nicht schonte, die Sklavenarbeit
       im Gulag, die Deportationen der Russlanddeutschen, Krimtataren und anderer
       Völker der UdSSR; die Repressionen gegen sowjetische Kriegsgefangene und
       Ostarbeiter nach ihrer Rückkehr.
       
       Eine weitere Aufgabe des Museums besteht in der Instrumentalisierung des
       Begriffs „Genozid“ durch die Formel vom „Genozid am sowjetischen Volk“. Ein
       solches Konzept existierte nicht mal in der sowjetischen
       Geschichtswissenschaft. Aber 2025 wurde ein Gesetz „Über die Verewigung des
       Gedenkens an die Opfer des Genozides am sowjetischen Volk“ verabschiedet,
       das die Leugnung dieses „Genozides“ unter Strafe stellt – bis zu fünf
       Jahren Haft.
       
       Nach dieser Erzählung erscheinen Russland und das russische Volk
       ausschließlich als Opfer fremder Aggression: „Wir haben niemals jemanden
       angegriffen – wir wurden stets gezwungen, uns zu verteidigen.“ Zugleich
       wird der deutsche Angriff auf die Sowjetunion zunehmend als Angriff einer
       „deutschen und europäischen Kriegsmaschine“, eines „kollektiven Westens“,
       dargestellt, den Russland damals besiegt habe und heute erneut besiegen
       müsse.
       
       Genau diese Verbindung zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Krieg gegen
       die Ukraine zog Putin am 23. Juni bei einem Treffen mit Absolventen
       russischer Militärhochschulen. Er erklärte: „Das Handlungsschema des
       pseudodemokratischen Westens ist sehr einfach: Zunächst schafft er
       Bedrohungen für unser Land, zwingt uns zu Maßnahmen der Selbstverteidigung
       und beschuldigt uns anschließend aller Todsünden … selbst nach dem Überfall
       auf die Sowjetunion haben der Westen und das nationalsozialistische
       Deutschland versucht, die UdSSR und Stalin der Aggression gegen den
       heutigen ‚kollektiven Westen‘ zu bezichtigen.“
       
       Die gestalterische Form des neuen Museums entspricht, laut Fotos im
       Internet, seinem ideologischen Inhalt. Die Besucher erwartet ein
       pseudohistorischer Kitsch mit quasinaturalistischen Installationen im Stil
       von Foltermuseen: Blut, Stacheldraht, verstümmelte Körper und drastische
       Gewaltdarstellungen. Ausgerechnet hierher sollen die russischen
       Jugendlichen bereits ab der sechsten Klasse gebracht werden.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Irina Scherbakowa
       
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