# taz.de -- Hamburgs neue Abitur-Ordnung: Kulturelle Bildung wird zum „Nice to have“
> Hamburgs Schulbehörde will die Fächer Kunst, Musik und Theater in der
> Oberstufe ausdünnen. Kunstverbände wehren sich dagegen – mit viel
> Unterstützung.
IMG Bild: Ästhetische Fächer wie Musik können in Hamburg künftig abgewählt werden: Verbände wehren sich dagegen
Ganze 45 Institutionen vom Ohnsorg-Theater bis zur Landeshochschulkonferenz
haben einen offenen Brief an Hamburgs Schulsenatorin Ksenja Bekeris (SPD)
unterzeichnet, in dem sie sie darum bitten, den Status der Fächer Kunst,
Musik und Theater zu erhalten. „Die [1][Fächer werden zerschnitten]“, sagt
Nina Rippel, Vorsitzende des [2][Fachverbands für Kunstpädagogik BDK
Hamburg], mit Blick auf die neue „Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die
Allgemeine Hochschulreife“ [3][(APO AH)], die jetzt als Entwurf vorliegt.
Seit 18 Jahren ist es in Hamburg üblich, dass Schüler in den vier Semestern
ihrer Oberstufenzeit durchgehend eines der drei ästhetischen Fächer
belegen: Kunst, Musik oder Theater. Das soll sich ändern. Nach einem
Schuljahr können, so sieht es der Entwurf der neuen Ausbildungs- und
Prüfungsordnung vor, die Schüler künftig wechseln, von Kunst zu Theater
oder Musik und umgekehrt oder zum neu geschaffenen musikpraktischen Kurs,
wie Chor oder Big Band.
„Dieses Abwahlrecht betrifft ausschließlich die ästhetischen Fächer“,
kritisieren die Fachverbände für Kunst, Theater und Musik. „Das halten wir
für einen erheblichen Eingriff in den fachlichen Bildungsanspruch unseres
Unterrichts.“ Die Erfüllung der Lehrpläne und die ansonsten geforderte
„fachliche Tiefe“ wäre in diesen Fächern nicht mehr möglich. Außerdem fragt
sich Rippel, ob die neu angedachten musikpraktischen Kurse nicht in den
Musikunterricht integriert werden könnten.
## Grüne fordern mehr Innovation
Dass die Ausbildungs- und Prüfungsordnung überhaupt geändert wird, liegt an
neuen [4][Vorgaben der Kultusministerkonferenz] (KMK). Schüler müssen
künftig 36 Kursnoten in ihren Abiturschnitt einbringen. Bisher waren es nur
32, was es leichter machte, schlechte Kursnoten auszuklammern.
Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Bildung der Hamburger Grünen hatte
vorab in einem Papier hohe [5][Erwartungen an die Reform] geknüpft und
vermisst nun eine „bildungspolitische Vision“. Schulsenatorin Bekeris habe
die Chance vertan, die Oberstufe konzeptionell weiterzuentwickeln, heißt es
in einer Stellungnahme, die die LAG an Bildungsgremien schickte.
Die Bildungsgruppe der Grünen stößt sich zum Beispiel daran, dass die
sogenannten Kernfächer Deutsch, Mathe und Fremdsprache mit vier Stunden die
Woche großen Raum einnehmen. Auch sei so eine Novelle der Ausbildungs- und
Prüfungsordnung nicht sinnvoll, ohne gleichzeitig die Bildungspläne zu
überarbeiten.
Die LAG wünscht sich zudem, dass Hamburg – wie Niedersachsen dies plane –
klassische Klausuren auf die Prüfungsfächer beschränkt. Ersetze man diese
in den anderen Fächern durch „lernförderliche Rückmeldeformate“ wie
Portfolioarbeit, entlaste dies Schüler und Lehrkräfte.
Ein wichtiger Punkt ist auch die vierte Prüfung im Abitur. Bisher war es
möglich, dass Schüler statt mündlich geprüft zu werden, einen zehnminütigen
Vortrag halten, über den sie anschließend mit den Prüfern ein Fachgespräch
führen. Diese „Präsentation“ soll nun gestrichen werden. Eine Begründung:
Die Form verführe zur Inanspruchnahme fremder Hilfe sowie zuletzt
„verstärkt einem unreflektierten Einsatz k[6][ünstlicher Intelligenz]“, den
schwächere Schüler „weder beurteilen noch verantworten“ könnten.
## Schulleiter vermissen Debatte
Die Grünen sehen das etwas anders. „Die Art der Prüfung wirkt auf die
Lernkultur“, schreibt die LAG. Statt aus Sorge vor KI diese
Präsentationsprüfung zu streichen, sollten andere Formate ermöglicht
werden, die sich an Lernprozessen der künftigen Arbeitswelt orientieren.
Dafür gebe es rechtlich sichere Beispiele, wie die Teamprüfung in Form
eines Fachgesprächs zur Reflexion und Kontexteinordnung eines von Schülern
erstellten Produkts.
„Die Abschaffung der Präsentationsprüfung ohne Ersatz durch ein zeitgemäßes
Prüfungsformat ist ein Rückschritt für die Prüfungskultur“, sagt auch
Christian Gefert von der Vereinigung der Leitungen Hamburger Gymnasien und
Studienseminare (VLHGS). Auch er findet, dass mit dem Entwurf der neuen
Ausbildungs- und Prüfungsordnung die Chance vertan werde, neue Formate wie
die Prüfung als Teamleistung zu ermöglichen. „Nur fehlt leider eine offene
Debatte darüber in der Stadt.“
## Verabschiedung bis zu den Herbstferien
In der Tat ist der Entwurf, der auch der taz zugespielt wurde, nicht
öffentlich. So wie es aussieht, können die Eltern-, Lehrer- und
Schülerkammer zwar bis zu den Ferien Stellungnahmen abgeben, entscheiden
kann die Sache aber die Schulbehörde allein, weil es seit 2020 keine
Schuldeputation mehr gibt.
Laut Behördensprecherin Claudia Pittelkow soll die neue Verordnung „etwa
bis zu den Herbstferien vorliegen“. An besagter Präsentationsprüfung,
schreibt sie, könne Hamburg angesichts des Risikos des Einsatzes digitaler
Hilfsmittel nicht festhalten. Um Vergleichbarkeit und „Prüfungsintegrität“
zu sichern, gebe es stattdessen die einheitliche, standardisierte
Einzelprüfung. „Hiermit entspricht die Behörde einem vielfach geäußerten
Wunsch der Schulen“, schreibt Pittelkow.
Die Sorge, dass die Künste geschwächt werden, teile die Behörde nicht. Die
neue Regelung, die Schülern nach zwei Semestern die Abwahl erlaubt,
entspreche vielmehr der Struktur der Oberstufe, die eine individuelle
Schwerpunktsetzung „explizit“ verlange.
Immerhin gibt es am Montag, kurz vor Beginn der Sommerferien, einen Termin,
bei dem Rippel und die künstlerischen Fachverbände in der Schulbehörde rund
4.000 Unterschriften übergeben werden. Sie wollen dann auch noch einmal
ihre Argumente vortragen, warum [7][„Kunst, Musik und Theater ein
Must-have!“] sind, wie es im Petitionstitel heißt.
6 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Neue-Oberstufe-in-Hamburg/!6184012
DIR [2] https://bdk-online.info/hh/stellungnahme-neugestaltung-der-gymnasialen-oberstufe/
DIR [3] https://www.hamburg.de/resource/blob/133942/83622ebebbcb4b771d65dc3b1f1a3996/bsb-apo-ah-18-03-2009-data.pdf
DIR [4] /Plan-fuer-einheitliches-Abitur/!5917974
DIR [5] https://beschluss.gruene-hamburg.de/2025/09/24/positionspapier-lag-bildung-zukunftsorientierte-oberstufe/
DIR [6] /Kuenstliche-Intelligenz-in-der-Bildung/!vn6191735/
DIR [7] https://bdk-online.info/hh/stellungnahme-neugestaltung-der-gymnasialen-oberstufe/
## AUTOREN
DIR Kaija Kutter
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Idee.