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       # taz.de -- Chormitgründerin über Gesang und Protest: „Bedürfnis danach, etwas zusammen zu machen“
       
       > Der Feministische Streikchor Braunschweig tritt bei Demos und
       > Stadtteilfesten auf. Hannah Güse will sich auch in den Kommunalwahlkampf
       > einmischen.
       
   IMG Bild: Alle dürfen mitsingen: feministischer Streikchor in Braunschweig
       
       taz: Hannah Güse, Sie haben in Braunschweig einen [1][feministischen
       Streikchor] gegründet. Was kann man sich darunter vorstellen? 
       
       Hannah Güse: Da wird eine Art von Chorgesang praktiziert, bei dem alle
       mitmachen können, bei dem man sich politisch äußern kann und der viel Spaß
       macht.
       
       taz: Stehen Sie damit in der Tradition der proletarischen Streikchöre aus
       dem frühen 20. Jahrhundert? 
       
       Güse: Ja, da gibt es ja einen großen Kanon von Arbeiter*innenliedern. Eine
       feministische Chor-Tradition musste dagegen erst erschaffen werden. Dabei
       geht es darum, neue Texte zu schreiben oder die alten Lieder umzudichten,
       sodass Klassiker wie „Bella Ciao“ durch feministische Kampfansagen ergänzt
       wurden.
       
       taz: Sie machen sich also einen neuen Reim auf alte Melodien? 
       
       Güse: Ja, zum Beispiel bei dem Lied vom kleinen grünen Kaktus …
       
       taz: … das ursprünglich die Comedian Harmonists in den 1920er Jahren
       gesungen haben … 
       
       Güse: Genau! Und wir singen da jetzt: „Und wenn ein Chauvinist was
       Süffisantes spricht, dann hol ich meinen Kaktus und der sticht, sticht,
       sticht …“
       
       taz: Haben Sie auch neuere Lieder in Ihrem Repertoire? 
       
       Güse: In unserem Chor sind viele Generationen vertreten und da wird auch
       über die Auswahl der Lieder diskutiert. Ganz aktuell haben wir etwa eine
       Chorinszenierung von dem Lied „Nicht alle Männer“ von Mariybu und Ebow
       gegen sexualisierte digitale Gewalt im Programm. Und wir singen
       Punk-Evergreens aus den 1990er Jahren wie [2][„Rebel Girl“ von Bikini
       Kill], die eine wütende und rotzig freche Seite von uns zeigen.
       
       taz: Wo treten Sie denn mit Ihrem Chor auf? 
       
       Güse: Anfang des Jahres haben wir mit anderen feministischen Bands einen
       politischen Konzertabend im Braunschweiger Kulturzentrum Nexus
       veranstaltet. Dann sind wir beim feministischen Kampftag dabei und treten
       bei Kundgebungen auf. Wir singen und rufen bei Demonstrationen. Und es gibt
       Stadtteilfeste, bei denen wir auftreten
       
       taz: Aber Streiks im eigentlichen Sinne sind gar nicht dabei? 
       
       Güse: Für mich stellt der feministische Streiktag am 8. März auch einen
       Streik dar. Es ist ja so, dass in anderen Ländern mit einer ganz anderen
       Selbstverständlichkeit gestreikt wird. In Deutschland scheint ein Streik
       die meisten Menschen abzuschrecken, während das zum Beispiel in Frankreich
       ganz anders ist.
       
       taz: Und auch die Musik als Mittel des politischen Kampfes hat da eine ganz
       andere Tradition. 
       
       Güse: Im Nachkriegsdeutschland waren Volksmusik und damit auch populärer
       Chorgesang auf der intellektuellen und akademischen Ebene lange verpönt.
       Doch seit einigen Jahrzehnten gibt es zum Beispiel viele Chöre für
       Menschen, die meinen, dass sie gar nicht singen können. Das spricht für ein
       Bedürfnis danach, etwas zusammen zu machen und sich selber körperlich
       anders wahrzunehmen. Doch das wurde sehr lange als etwas markiert, das
       nicht ernst genommen wurde.
       
       taz: Und das ändert sich jetzt? 
       
       Güse: Ja, Demonstrationen werden jetzt viel mehr durch Musik, Stimmen und
       Gesang unterstützt. Da sind etwa die vielen „Rhythms of Resistance“-Gruppen
       mit ihren Trommeln aus dem Boden gesprossen und es gibt in Deutschland nun
       auch immer mehr feministische (Streik-)Chöre.
       
       taz: Wo ist für Sie der Gesang des Chors denn politisch am wirksamsten? 
       
       Güse: Wir sind bei der Bundestagswahl vor Wahlständen von Parteien
       aufgetreten, die eine menschenverachtende Politik vertreten. Da haben wir
       lautstark gesungen, damit die möglichst wenig Präsenz bekamen.
       
       taz: Wie waren die Reaktionen? 
       
       Güse: Es wurde vor allem dagegen angeschrien.
       
       taz: Aber da hatten Sie doch sicher die lauteren und effektiveren Stimmen? 
       
       Güse: Wir hatten auch Liedzettel dabei, damit Passant*innen in unseren
       Gesang einstimmen konnten. Und viele Leute waren dankbar, dass da etwas
       passierte – und zwar nicht nur auf einer rein sprachlichen Ebene, weil die
       Menschen durch die Musik noch ganz anders stimuliert werden. Das werden wir
       jetzt bei der Kommunalwahl im September wieder so machen.
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.instagram.com/feministischer_streik_chor_bs/
   DIR [2] /Kathleen-Hanna-ueber-Sexismus-im-Punk/!6012779
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Wilfried Hippen
       
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