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       # taz.de -- Venezuela nach den Erdbeben: Frust und Verwesungsgeruch
       
       > 72 Stunden sind die kritische Zeit um unter den beim Erdbeben
       > eingestürzten Häusern noch Überlebende zu finden. Diese Zeit ist nun
       > verstrichen.
       
   IMG Bild: Catia La Mar, Region La Guaira: Mit bloßen Händen gegen die tonnenschweren Trümmer
       
       An den Wänden der Trümmer dessen, was einst Wohnhäuser an der zentralen
       Küste Venezuelas waren, tauchen allmählich Graffitis mit Telefonnummern und
       handgeschriebenen Botschaften auf: „Hier liegt die Leiche von Kimberly
       Rivas. Um ihre sterblichen Überreste unserer Familie zu übergeben, rufen
       Sie hier an.“
       
       Mehr als 140 Stunden sind seit dem doppelten Erdbeben vergangen, das das
       normale Leben im Norden des Landes schlagartig ausgelöscht hat. 1.719
       Todesopfer sind es inzwischen offiziell, und Venezuela befindet sich
       weiterhin in einem Notstand, der sich nicht stabilisieren lässt.
       
       Am Morgen dieses Montags, des 29. Juni, erschütterte ein Nachbeben der
       Stärke 4,6 (4,2 laut lokalen Agenturen) erneut die Küste von La Guaira und
       den Großraum Caracas und schürte erneut die Angst unter einer erschöpften
       Bevölkerung, die unter schwerwiegendem Versorgungsmangel leidet.
       
       Das Nachbeben zwang zur vorübergehenden Einstellung der Arbeiten in
       mehreren Sammelstellen und führte zu neuen vorsorglichen Evakuierungen aus
       Gebäuden, bei denen weiterhin Einsturzgefahr besteht. Die Schwelle der
       ersten 72 Stunden – die als entscheidend für die Rettung von Überlebenden
       gilt – ist schon seit Tagen überschritten, aber die Rettungskräfte bestehen
       darauf, die Suche fortzusetzen.
       
       ## Mit leeren Händen gegen den Beton
       
       Die Ankunft internationaler Hilfe stößt nun auf neue administrative
       Hindernisse. Seit dem 29. Juni hat das Nationale Institut für
       Zivilluftfahrt (INAC) eine „Notice to Air Missions“ (NOTAM) in Kraft
       gesetzt, die vorherige Genehmigungen für nichtkommerzielle oder humanitäre
       internationale Flüge verlangt und damit die Einreise unabhängiger
       Rettungskräfte, medizinischen Personals und privat gespendeter Hilfsgüter
       einschränkt.
       
       „Wenn internationale Hilfe angefordert wird, werden die
       Einreisebestimmungen normalerweise gelockert, da es vorrangig darum geht,
       das Zeitfenster für Rettungsmaßnahmen zu nutzen“, erklärt ein europäischer
       Rettungshelfer, der anonym bleiben möchte. „Aber hier war das nicht in
       allen Fällen so.“
       
       Unterdessen wurde die [1][Reaktion der Behörden] unter Leitung von
       Interimspräsidentin Delcy Rodríguez und der Bolivarischen Nationalen
       Streitkräfte (FANB) von Freiwilligen und Angehörigen scharf kritisiert. Vor
       Ort improvisierten Männer und Frauen Rettungsmaßnahmen mit Seilen,
       Holzbrettern, Schaufeln und ihren eigenen Händen, da anfangs keine
       Spezialmaschinen zur Verfügung standen.
       
       Carlos González, Mitglied einer dieser Gruppen in La Guaira, versichert,
       dass es im Hotel Negra Hipólita – wo 147 kürzlich aus den Vereinigten
       Staaten abgeschobene Personen untergebracht waren – noch Überlebende geben
       könnte. „Die Suchaktionen wurden nicht ordnungsgemäß durchgeführt. Sie
       dringen nicht bis in die Keller vor“, erklärt er.
       
       Der anhaltende Geruch der Tragödie 
       
       Mit jedem Tag legt sich mehr Verwesungsgeruch in die Luft, die von der
       Küste her weht. „Wenn man La Guaira verlässt und nach Hause kommt, muss man
       alles immer wieder von Neuem waschen“, berichtet Sabrina Martínez, eine
       Freiwillige, die seit dem ersten Tag an der Suche nach einem Verwandten
       eines Freundes beteiligt ist.
       
       Martínez beschreibt auch den Mangel an Ressourcen für die Bergung von
       Leichen. „Diejenigen, die es schaffen, Leichen zu bergen, müssen sie in
       Laken wickeln. Manchmal verwenden sie zwei, weil die Leichen bereits stark
       verwest sind.“
       
       Angesichts des Zusammenbruchs des forensischen Systems wurde das 35 Meter
       hohe Bauwerk namens „Los Silos“ – das vom Künstler Carlos Cruz-Diez
       gestaltet wurde – in eine provisorische Leichenhalle umgewandelt, in der
       Angehörige Reihen von Leichen abgehen, um ihre Verstorbenen zu
       identifizieren.
       
       Die Spannungen zwischen Freiwilligen und Behörden haben in den letzten
       Tagen zugenommen. Von der Spitze eines Trümmerhaufens berichtet Daniel
       Jara, dass zivile und militärische Beamte gefordert haben, die Sucharbeiten
       einzustellen. „Sie sagen uns, wir sollen Leichensäcke besorgen, weil es
       hier kein Leben mehr gibt. Wir sehen zwar einige Soldaten, die Trümmer
       wegschaffen, aber die meisten beobachten das Geschehen nur aus dem Schatten
       heraus, bewaffnet“, erklärt er.
       
       Internationale Hilfe und geopolitischer Streit 
       
       Die Katastrophe hat auch Spannungen bei der internationalen Koordination
       offenbart. Die Presse und lokale Organisationen haben das
       Kommunikationsministerium dafür kritisiert, dass es [2][den Zugang
       internationaler Medien einschränkt] und [3][ausländische Rettungsteams]
       unter dem Verdacht der Spionage schikaniert.
       
       Während multilaterale Organisationen wie UN-Agenturen und internationale
       NGOs versuchen, die Ankunft der Hilfsgüter zu koordinieren, sehen sie sich
       vor Ort mit logistischen und administrativen Einschränkungen konfrontiert.
       Parallel dazu haben die USA Personal des Southern Command (SOUTHCOM) und
       Teams für schnelle humanitäre Hilfe (DART) entsandt, um den Zugang der
       Hilfsgüter zu erleichtern.
       
       Im Gegensatz zur klassischen multilateralen Hilfe verbindet die
       US-amerikanische Unterstützung Notfalllogistik mit einem stärker
       zentralisierten und bilateralen Vorgehen. Bislang führt dieser Einsatz
       jedoch nicht zu einer sichtbaren Verbesserung der Reaktionsfähigkeit vor
       Ort.
       
       Fünf Tage nach dem doppelten Erdbeben hat die Notlage tiefe Brüche
       offenbart: geschwächte Institutionen, [4][eine Bevölkerung, die mit
       minimalen Mitteln weiterhin nach ihren Vermissten sucht] und eine
       internationale Reaktion, die von strategischen Interessen geprägt ist.
       
       „Wenn man sich die Schuhe derjenigen ansieht, die die Trümmer wegräumen,
       wird einem klar, dass es wieder einmal das Volk ist, das das Volk rettet“,
       sagt der 27-jährige César Echeverría. „Es gibt keine Sicherheitsstiefel und
       keine sichtbaren Polizisten. Nur Menschen mit Tatendrang, mit verletzten
       Händen, die auf einen Schutzhelm warten.“
       
       Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops [5][Green Panter
       Amazonien] der [6][taz panterstiftung] mit Klimajournalist*innen.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Erdbeben-in-Venezuela/!6190964
   DIR [2] https://runrun.es/noticias/612997/sntp-denuncio-restriccion-de-acceso-de-prensa-extranjera-a-la-guaira/
   DIR [3] https://lasillarota.com/mundo/2026/6/29/topos-de-chile-denuncian-hostigamiento-militar-durante-rescates-en-venezuela-606142.html
   DIR [4] /Nach-den-Erdbeben-in-Venezuela/!6191432
   DIR [5] /Amazonien-im-Fokus/!t6100300
   DIR [6] /panter-stiftung/vom-wort-zur-tat/!v=e4eb8635-98d1-4a5d-b035-a82efb835967/
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Liliana Rivas
       
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