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       # taz.de -- Tötungsdelikt in Bremen: Einfache Wahrheiten töten
       
       > Nach der Tötung von zwei Menschen, Eltern eines Kleinkindes, beginnt die
       > Suche nach Schuldigen. Die Lokalzeitung findet sie in der
       > Psychiatriereform.
       
   IMG Bild: Einfach weggesperrt werden können Leute nur in Diktaturen: Tür in der geschlossenen Psychiatrie
       
       Ein mutmaßlich [1][psychisch kranker] 22-Jähriger soll seine Nachbarn in
       Bremen-Vegesack getötet haben. Wie immer nach solch furchtbaren Taten
       beginnt die Suche nach weiteren Schuldigen. Diese Perspektive entlastet,
       weil so alles schnell wieder ins Lot gebracht werden kann, ohne sich
       unangenehmen Gefühlen und Wahrheiten stellen zu müssen. Frei von diesem
       Reflex sind die wenigsten, auch taz-Journalist:innen nicht.
       
       In Bremen macht der Weser Kurier [2][„die Psychiatriereform“] aus dem Jahr
       2013 als verantwortlich für das Tötungsdelikt aus – und damit alle, die
       sich dafür eingesetzt haben, dass weniger psychisch Kranke weggesperrt und
       sediert werden.
       
       Sogar ein Name fällt in dem Artikel: der eines ehemaligen Chefarztes, der
       2024 gekündigt und somit nichts mit dem Vorfall zu tun hat, zumal er nie in
       der Klinik in Bremen-Nord gewirkt hat, mit der der mutmaßliche Täter
       Kontakt hatte.
       
       Der Psychiater stehe für „eine in Bremen vorherrschende Neigung zur
       Anti-Psychiatrie“, heißt es im [3][Weser-Kurier] vom Dienstag, die sei „für
       das Fehlverhalten verantwortlich“. Als „Fehlverhalten“ identifiziert ein
       befragter Psychologe aus der Ferne die Tatsache, dass der 22-jährige
       Vegesacker vor zwei Monaten nicht in die Psychiatrie zwangseingewiesen
       worden war.
       
       ## Keine Erkrankung festgestellt
       
       Laut Polizei hatten damals Nachbar:innen nachts Schüsse aus einer
       Druckluftwaffe gehört. Der 22-Jährige soll bei der Fahndung mit „einer
       Langwaffe mit einem Messer an der Spitze in der Hand“ Stichbewegungen in
       Richtung von Polizisten gemacht, einen in die Hand gebissen haben.
       
       Er sei daraufhin in der Klinik in Bremen Nord psychiatrisch begutachtet
       worden. Dabei wurde laut Polizei weder eine Eigen- noch eine
       Fremdgefährdung diagnostiziert, die eine Zwangseinweisung gerechtfertigt
       hätte. Nicht einmal eine psychische Erkrankung sei festgestellt worden.
       
       Dass das eine Fehleinschätzung war und er Hilfe gebraucht hätte, die er
       nicht bekam, ist nicht ausgeschlossen. Doch selbst wenn: Zwangseinweisungen
       und -unterbringungen sind nur in einem gesetzlich sehr engen Rahmen
       möglich, vor allem, wenn es um einen längeren Zeitraum geht.
       
       Das ist aber keine Besonderheit im „antipsychiatrischen“ Bremen, sondern
       überall in Deutschland so, selbst in Bayern. Dort steht ein 23-Jähriger in
       Verdacht, im Februar seine 75-jährige Nachbarin getötet zu haben. Laut
       [4][Medienberichten] gab es zuvor mehrere Vorfälle, wegen derer die Polizei
       gerufen worden war. Für eine Unterbringung habe es nie gereicht; Behandlung
       ist ebenfalls nicht ohne Weiteres ohne Zustimmung möglich.
       
       Nur in Unrechtsstaaten können [5][vorsorglich alle weggesperrt] werden, die
       Straftaten begehen könnten, weil sie sich auffällig verhalten. Der
       überwältigende Teil dieser Menschen [6][wendet nie Gewalt an] und wenn,
       dann meistens gegen sich selbst. Zudem trägt der Aufenthalt in
       psychiatrischen Kliniken nicht unbedingt zur Genesung und damit zu einem
       selbstbestimmten Leben als ungefährlicher Teil der Gesellschaft bei, um es
       mal ganz vorsichtig zu formulieren.
       
       Die Psyche wird auch nicht „einfach so“ krank, weil Botenstoffe im Gehirn
       anlasslos umkippen. Belegt ist der Zusammenhang zwischen schwierigen
       Lebensumständen – dazu zählt Armut – und dem Entstehen einer psychischen
       Erkrankung. Sollte der Täter wirklich krank gewesen sein, kann man die
       Schuld auch an ganz anderer Stelle suchen.
       
       Einfache Wahrheiten können töten – egal ob sie im Wahn begangen werden oder
       bei voller Steuerungsfähigkeit.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Psychische-Gesundheit/!6113192
   DIR [2] /Bremer-Psychiatriereform/!5901353
   DIR [3] https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteil-vegesack/totes-ehepaar-entlassung-des-verdaechtigen-im-april-wirft-fragen-auf-doc86i15d1lseg12t59kcjv
   DIR [4] https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/23-jaehriger-deutscher-neue-details-zum-toetungsdelikt-in-giesing-art-1111076
   DIR [5] /Schutz-vor-Anschlaegen/!6084863
   DIR [6] /Gewalt-und-psychische-Krankheiten/!6093945
       
       ## AUTOREN
       
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