# taz.de -- Fotograf*innen über Rechtsruck: „Es gibt immer wieder dieselben visuellen Fallen“
> Wie kann man sich vom Rechtsruck ein Bild machen? Diese Frage treibt Rosa
> Burczyk, Thomas Victor und Stella Weiß vom Fotograf*innen-Netzwerk
> Shift um.
IMG Bild: Blauer Schatten: Das Auge des SPD-Politikers Matthias Ecke, der 2024 beim Wahlplakatehängen angegriffen und schwer verletzt wurde
Stella Weiß (30), Rosa Burczyk (27) und Thomas Victor (43) sind Teil von
Shift. Das Netzwerk aus neun Fotojournalist*innen und
Dokumentarfotograf*innen hat sich im Frühjahr 2025 gegründet und
setzt sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem gesellschaftlichen
Rechtsruck in Deutschland auseinander. Rosa Burczyk und Stella Weiß
porträtieren in ihrer Bildserie „Und morgen nichts wie gestern“ Menschen,
die im sächsischen Riesa geblieben sind, um vor Ort eine Alternative zu
schaffen, während Thomas Victor in seiner Serie „Blauer Schatten“ die
Propaganda der AfD untersucht und ihre Wirkung in die Gesellschaft hinein.
taz: Frau Burczyk, Herr Victor und Frau Weiß, Sie sind Teil von Shift,
[1][einem Netzwerk von Fotograf*innen], die in ihren Arbeiten rechte
Gewalt, AfD-Propaganda, Neonazi-Aufmärsche sowie solidarische Gegenentwürfe
untersuchen. Was muss man bei der Darstellung des Rechtsrucks vermeiden, um
nicht unbeabsichtigt Narrative rechter Akteure zu reproduzieren?
Thomas Victor: Das ist die schwierigste Frage, die wir uns immer wieder
stellen und viel diskutieren. Darauf gibt es keine allgemeingültige
Antwort. Es gibt unterschiedliche Wege, dieses Thema zu fotografieren.
Wichtig ist, darauf zu achten, welche visuellen Narrative einem von rechten
Playern vorgegeben werden, die man im Zweifel unbewusst übernimmt. Es geht
also darum, wachsam und selbstkritisch zu bleiben.
Rosa Burczyk: Wir versuchen das über die Varianz der Arbeiten zu lösen. Ein
einzelnes Bild lässt viel Interpretationsspielraum. Wenn es neben anderen
Arbeiten steht, die das Thema aus weiteren Perspektiven beleuchten, fällt
die Einordnung deutlich leichter. Das muss man auch bei der Kuration
bedenken. In unserer Gruppenausstellung bei der [2][Triennale Expanded
2026] Anfang Juni in Hamburg hätten deshalb manche Motive nicht
nebeneinander funktioniert.
taz: Das Netzwerk hat sich im Frühjahr 2025 gegründet. Was war die
Motivation?
Burczyk: Wir haben uns gegründet als Reaktion auf den zunehmenden
Rechtsruck in Deutschland und weltweit. Aktuell sind wir neun
Dokumentarfotograf*innen, die sich in ihrer Arbeit kritisch und auf
unterschiedliche Weise mit dem Erstarken der Rechten auseinandersetzen. Mit
dem Zusammenschluss möchten wir Räume für eine konstruktive und
lösungsorientierte Auseinandersetzung schaffen und Kräfte bündeln. Wenn
viele Perspektiven zusammenkommen, entsteht eine andere Wucht.
Victor: Einige von uns kannten sich schon von AfD-Veranstaltungen. Wir
haben festgestellt, dass es immer dieselben visuellen Fallen gibt. Jede*r
entwickelt für sich eine Bildsprache, um mit der extremen Rechten
umzugehen, aber das ist allein viel schwerer als in der Gruppe.
taz: Stella Weiß, Rosa Burczyk, Ihre Arbeit porträtiert Menschen, die trotz
des Rechtsrucks im sächsischen Riesa bleiben und sich engagieren. Warum
haben Sie diesen Fokus gewählt?
Weiß: Wir wollten der einseitigen Berichterstattung über den Osten etwas
entgegensetzen. Sie ist oft sehr negativ und suggeriert, dass er rechts und
abgehängt sei, es vor allem Nazi-Aufmärsche und AfD-Wähler gebe. Bei den
Landtagswahlen 2024 wählten in Riesa circa 40 Prozent rechte Parteien. Aber
das ist nicht alles. Wenn man immer nur diese Bilder zeigt, verfestigen sie
sich auch in den Köpfen. Wir wollten bewusst Gegenperspektiven schaffen,
indem wir Menschen in den Vordergrund rücken, die vor Ort eine Alternative
schaffen. Die muss nicht immer explizit politisch sein. Es kann auch ein
Café sein oder jemand, der Ziegenwanderungen anbietet und damit
Begegnungsräume schafft.
taz: 2024 haben Sie die Serie „Und morgen nichts wie gestern“ über Leben in
Riesa auch in Riesa ausgestellt. Wie wurde das angenommen?
Weiß: Für die Menschen vor Ort war es sehr empowernd zu erleben, dass sie
gehört und ihre Geschichten erzählt werden.
Victor: Bei unserer Gruppenausstellung erleben wir, dass die Leute dankbar
sind, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Aber wir waren auch
immer in Großstädten, ein Mal in Berlin und zwei Mal in Hamburg. Wenn wir
es finanziert bekommen, wollen wir mit der Ausstellung stärker in den
ländlichen Raum gehen. Dort ist der Bedarf an solchen Plattformen deutlich
größer.
4 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Lilly Schröder
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