# taz.de -- Die Wahrheit: Das Brummen des Sisyphos
> In der Stammkneipe beim Griechen werden nicht nur die Gäste am Tresen,
> sondern auch die olympischen Götter von einem Geräusch gestört.
Petris, Wirt des Café Gum, hatte Nerven aus Stahl. „Wisst ihr, philoi“,
sagte er, „wir Griechen halten was aus. Tantalos, Prometheus, Sisyphos –
alles Griechen. Sie haben kaum mit der Wimper gezuckt, als die Götter sie
piesackten, und wir, ihre Nachfahren, haben erst die Pauschaltouristen
klaglos ertragen und dann auch Finanzinspektor Schäuble, der uns
ausgequetscht hat wie Zitronen.“
Jetzt aber war selbst er weichgekocht. Der baumlange Mann, muskelbepackt
wie Herakles, unerschütterlich wie der Koloss von Rhodos, steuerte hart am
Rande des Wahnsinns entlang.
Wir waren schon einen Schritt weiter. „Es ist so ein Brummen“, ächzte Luis.
„Nein, eher ein Dröhnen“, murmelte Theo, und Raimund fand, dass es wie ein
kleiner Betonmischer im Bierlager klang. Es war ein fernes, sonores
Geräusch, das seit Tagen in der Luft lag und uns irremachte. Wir horchten
angestrengt, um seinen Ursprung herauszufinden. Vergeblich.
Nur Rudi, der Blödmann, hörte nichts. „Ballabal …“, grinste er, froh,
einmal nicht der Durchgedrehte zu sein. Aber wir waren in der Überzahl, und
wenn die Mehrheit unerklärliche Geräusche hört, kann das für die Minderheit
unangenehme Folgen haben. „Du musst den Umweltdezernenten anrufen, den
Obermotz der Feuerwehr, den THW-Häuptling, egal“, knurrte Theo, denn Rudi
saß für die Grünen im Stadtparlament und brüstete sich gern mit seinen
angeblich exzellenten Kontakten. „Sie sollen rausfinden, was das für ein
Geräusch ist, und sie sollen es abstellen“, fuhr Theo fort, „sonst wird
sich eine Protestbewegung formieren, die das Rathaus zum Einstürzen
bringt!“
## Rathaus in Schutt und Asche
„Öhm“, machte Rudi, denn er hatte natürlich nicht mal die Telefonnummer des
Feuerwehrhilfshausmeisters und malte sich mit Schaudern die Standpauke aus,
die die Oberbürgermeisterin ihm halten würde, wenn sie rauskriegte, dass er
mit seiner Prahlerei dafür verantwortlich war, dass das schöne Rathaus in
Schutt und Asche lag.
„Da“, rief indessen Raimund, „seht nur!“ Er zeigte auf Petris, der mit
flickernden Augenbewegungen einer herumbrummenden Fliege zu folgen schien.
Aber da war keine Fliege. Der Wirt kuckte hierhin und dorthin, dann
fixierte er plötzlich Theo, holte aus und haute ihm mit der Heldenpranke
dermaßen eine runter, dass es ihn fast vom Barhocker warf.
„Bist du irre!?“, schnaufte Theo und rieb sich die Wange, doch Petris
keuchte: „Gotcha!“, und blickte befriedigt in seine Handinnenfläche. Er
zeigte uns die Hand, und wir sahen immer noch keine Fliege, aber plötzlich
murmelte Raimund: „Stimmt, Jungs, hört nur!“ Wir lauschten angestrengt.
„Tatsächlich, es ist weg“, rief Luis, und als die Wange nicht mehr gar so
schlimm brannte und Petris ihm ein Bier ausgab, merkte auch Theo, dass das
Brummen verschwunden war, nahm einen großen Schluck und sagte: „Man muss
sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“
1 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Joachim Schulz
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