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       # taz.de -- „Zwanzig Minuten“ im Theater Thikwa: Die Poesie der Alltagsdinge
       
       > Ein Leben wird durch 20-minütige Routinen stabilisiert. Das inklusive
       > Berliner Theater Thikwa widmet dem ein ganzes Stück, mitsamt Raum zum
       > Träumen.
       
   IMG Bild: Vom Handstand zur Kaffeehaus-Szene, die Szenen wechseln mühelos
       
       Mit ernstem Blick sortiert ein Herr im Anzug seine Unterlagen, telefoniert
       konzentriert, die schwarze Hornbrille unterstreicht das Gewicht seines
       Tuns. Ein Wust aus Papieren bedeckt seinen Tisch, der in einer Reihe mit
       anderen Tischen vorne den Bühnenraum begrenzt. Plötzlich strömt eine Gruppe
       Menschen in den Raum, unterbricht die arbeitsame Ruhe. Sie tanzt
       ausgelassen zur Musik aus einem knallbunten Kinderradio. Ein assoziativer
       Reigen aus fiktiven Erzählungen, musikalischen Einlagen auf dem Horn und
       Tanzelementen beginnt.
       
       In immer neuen Variationen entfalten sich die titelgebenden „Zwanzig
       Minuten“ im inklusiven [1][Theater Thikwa] in Berlin-Kreuzberg. Anhand von
       gewöhnlichen Gegenständen und Szenen erkundet Regisseurin Judith Kuckart
       mit dem Tanzensemble Skoronel Reloaded die Ausmaße von zwanzig Minuten.
       
       Denn: Ein Leben wird durch 20-minütige Routinen stabilisiert – Einkaufen
       oder Sex dauern im Schnitt 20 Minuten, ebenso das Warten auf den Bus. In
       derselben Zeit kann der Alltag aber auch aus den Fugen geraten, können sich
       Situationen entspinnen, die später fast bildlich unsere Vergangenheit
       pointieren. Die zehn Protagonist:innen stellen sich vor: Hilarius, der
       Mann mit der Hornbrille, gähnt gerne und viel, André arbeitet mit Holz,
       Lulu (gespielt von Elise Neumann) liebt es, mit einer Ratte im Haar zu
       tanzen.
       
       Im Verlauf des Stücks werden die Tische, Besen und Stühle des sparsamen wie
       wirkungsstarken Bühnenbilds von Isolde Wittke immer neu auf der Bühnen
       drapiert. Gestisch wird der Bewegungsspielraum dessen vermessen, was man
       nicht grundlos „Mobiliar“ nennt. Bald wird es um imaginierte Möbel ergänzt.
       Ein Bett, ein Besteckkasten, ein Zierkissen, ein Fernseher, auf dem nur
       Spiderman läuft, werden für einen Augenblick zu Menschen.
       
       ## Realität und Fiktion verweben sich
       
       Sie setzen sich achtsam auf die nun rechts an der Wand aufgereihten Stühle,
       während halb auf Englisch, halb auf Deutsch eine Geschichte über ihren
       Verkauf aus Lautsprechern erklingt. Eine Haushaltsauflösung, ein Flohmarkt
       vielleicht. Oder wird die Geschichte doch live von den Figuren in die
       herabhängenden Mikrofone gesprochen?
       
       Während wir erfahren, wie Fernseher und Bett die Besitzer:innen
       wechseln, heben die Personen, die sich als Frank, Estrella und André
       vorgestellt haben, André aus dem Rollstuhl. Die drei legen sich mit den
       Köpfen sternförmig zueinander und beginnen langsam auf dem Boden im Kreis
       zu rotieren – ein Mensch gewordener Deckenventilator, der die müde
       Sommerluft über jenen antreibt, deren Besitz gerade die Hände wechselt.
       
       Realität und Fiktion verweben sich, während die Fantasie behände den
       Stimmen und Rhythmen folgt. Als unzuverlässig scheinen sich zunehmend auch
       die Einblicke zu entpuppen, die die Figuren in ihre Leben geben – tanzt
       Lulu wirklich gerne mit einer Ratte im Haar? War Franks Vater wahrlich bei
       der Fremdenlegion? Doch welche Rolle spielen solche Fragen? Alles ist wahr,
       solange wir den Geschichten folgen.
       
       Mühelos wechseln die Szenen: Gerade noch vollführt Estrella, die Schwester
       von Hilarius, einen Handstand auf dem Tisch; schon entsteht eine fiktive
       Kaffeehaus-Szene aus erzählten Fragmenten präzise skizzierter Charaktere;
       bald wieder werden die Stühle in einer Reihe aufgestellt und die
       Schauspielenden lassen sich darauf nieder, um im nächsten Moment in
       burlesker Manier wieder auszuschwärmen.
       
       Schließlich teilt Torsten, der sagt, er habe Tapezierer gelernt, seine
       Leidenschaft für das Zeichnen mit Kohle, die anderen sinken in einen von
       kleinen Schnarchern durchzogenen Schlaf – bis ein Wecker jäh den Raum
       durchschrillt. Man erwacht wie aus einem traumdurchzogenen
       Nachmittagsschläfchen: „Waren das jetzt wirklich zwanzig Minuten?“, und
       fällt langsam zurück in den eigenen Alltag, zu den eigenen poetischen
       Dingen.
       
       6 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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