# taz.de -- Krise in Russland: Alle Zeichen stehen auf Eskalation
> Russlands Präsident Putin ist in die Enge gedrängt – militärisch,
> wirtschaftlich und politisch. Es gibt bereits Berichte über eine
> Generalmobilmachung.
IMG Bild: Vorbereiten auf die Generalmobilmachung, ob im Herbst oder in ein paar Jahren
In Russland scheint ein feines Gespür für die reale Lage trotz aller
Durchhalte- und Schönfärbungsparolen im Staatsfernsehen zu herrschen: Der
Verkauf von Büchern zum Umgang mit Angstgedanken ist im Vergleich zum
Vorjahreszeitraum um 85 Prozent gestiegen. Eine Erhebung des Instituts für
Psychologie der Russischen Akademie der Wissenschaften stellt fest, dass
bei 42 Prozent der Befragten [1][Symptome einer Depression oder schwer zu
bewältigender Angst] festgestellt wurden. Forschende führen dies auf
wirtschaftlichen Pessimismus, Kriegsmüdigkeit und schwindende Hoffnungen
auf ein baldiges Kriegsende zurück.
Tatsächlich grassieren seit Wochen Nachrichten in dem Riesenreich, die
vielen Angst machen: Wegen der erfolgreichen ukrainischen
[2][Drohnenattacken auf die russische Ölindustrie] kommen aus nahezu allen
Teilen des Landes [3][Meldungen über Benzinmangel und Bezinrationierung]
sowie nächtelanges Anstehen vor Tankstellen. Die Treibstoffproduktion ist
um ein Viertel gegenüber dem Juni des Vorjahres abgesackt.
## Russische Generalmobilmachung ab Frühherbst
Hinzu kommen Berichte, dass in den Provinzen bereits Vorbereitungen für
eine Generalmobilmachung im Frühherbst getroffen werden – wegen der
schwierig gewordenen militärischen Lage. Das hatte Kremlherrscher Wladimir
Putin bisher immer vermieden, um eine Massenpanik zu verhindern. Doch nun
ist nach Berichten russischer Medien die Zahl der Russen, die sich von
hohen Anwerbeprämien in die Armee locken lassen, so stark eingebrochen,
dass von einer Söldner- auf eine Wehrpflichtigenarmee umgestellt werden
müsse. „Die Anzahl der Idioten, die für Geld kämpfen, ist ausgeschöpft“,
titelte das oppositionelle Magazin Wjorstka.
In Videos auf offiziellen Telegram-Kanälen von Regionalverwaltungen konnte
man sehen, wie Mobilisierungszentren aufgebaut werden – etwa in Wolgograd.
Auf Druck der Armeeführung wurden solche Videos gelöscht, denn es besteht
die Sorge, dass ein Bekanntwerden der Generalmobilmachung vor den für Mitte
September anberaumten Dumawahlen Putins Staatspartei Einiges Russland
verheerende Ergebnisse einfährt.
Der „Silowiki“ genannte Machtapparat aus Armee, Geheimdiensten und Polizei
versuche ohnehin bereits, Putin davon zu überzeugen, die Dumawahl aufgrund
wirtschaftlicher Probleme, sinkender Umfragewerte Putins und
[4][verstärkter ukrainischer Drohnenangriffe] zu verschieben. Das hatten
zwei der Präsidialverwaltung nahestehende Quellen gegenüber dem
oppositionellen, aber gewöhnlich gut unterrichteten Internetportal Meduza
berichtet. Die „Silowiki“ wollten demnach mittels Ausrufung des Ausnahme-
oder Kriegsrechts die Wahlen verschieben.
## Krise auf russischem Kraftstoffmarkt
Dazu kommt die sich ständig verdüsternde Wirtschaftslage: „Die Krise auf
dem russischen Kraftstoffmarkt entwickelt sich zu einem regelrechten
Sturm“, sagt der Ökonom Kirill Rodionow. Dies stellt eine weitere Lockerung
der Geldpolitik infrage, schreiben die Analysten der Moskauer
Investmentgesellschaft Solid: „Die Beschleunigung der Inflation vor dem
Hintergrund der Kraftstoffkrise macht dieses Szenario (Senkung der hohen
Leitzinsen) immer unwahrscheinlicher.“
Mit den aktuell 14,25 Prozent Leitzinssatz bei offiziell 5,3 Prozent
Inflation könne die russische Wirtschaft in ihrer derzeitigen Lage „nicht
lange bestehen“. Das sagte der Putin-Getreue und Vorstandschef der
mehrheitlich staatlichen Sberbank, German Gref, am Dienstag auf der
Hauptversammlung von Russlands größtem Geldhaus. Die russische Wirtschaft
sei seiner Meinung nach bereits „überkühlt“. Das Statistikamt Rosstat
meldet seit Monaten ein Sinken der Industrieproduktion.
Private Investitionen werden angesichts von Bankkrediten zu Zinssätzen von
über 14 Prozent fast verunmöglicht. Staatliche Investitionsprogramme wurden
radikal zusammengestrichen. Denn der Kreml will die Militärausgaben um
weitere 40 Prozent erhöhen – obwohl das Haushaltsdefizit bereits Anfang
Juni umgerechnet 67 Milliarden Euro erreicht und damit den Wert des
gesamten Vorjahres übertroffen hat. Russland gibt inzwischen zwei Drittel
seines Haushalts für Militär aus.
Die Zeichen stehen also auf weitere militärische Eskalation. Indes forderte
sogar China am Dienstag Moskau und Kyjiw „nachdrücklich“ auf, die
Verhandlungen zur Beendigung des Krieges wieder aufzunehmen. Das sagte Sun
Lei, stellvertretender Ständiger Vertreter Chinas bei den Vereinten
Nationen. „Wir fordern nachdrücklich, den Konflikt so schnell wie möglich
zu beenden“, forderte Sun im UN-Sicherheitsrat, „echten politischen Willen
zu zeigen“. Zuvor hatte bereits die EU den Kreml zu echten Verhandlungen
gedrängt.
30 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Mathias Brüggmann
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