# taz.de -- LGBTQIA+ in Russland: Mehrjährige Haft wegen „Extremismus“
> Ein Gericht in Orenburg verurteilt drei Betreiber*innen queerer Klubs
> zu Gefängnisstrafen. Es ist der erste Richterspruch dieser Art in
> Russland.
IMG Bild: Ein Bild aus besseren Nächten: Drag in Jekaterinburg, 2018
Queerer Extremismus ist in Russland strafbar, so absurd dieser Vorwurf auch
klingen mag. Ein Gericht in Orenburg hat am Montag Haftstrafen von bis zu
sieben Jahren gegen zwei Männer und eine Frau verhängt, weil sie gegen
Paragraf 282.2 des russischen Strafgesetzbuches verstoßen haben sollen.
Darin ist von der „Organisation von Aktivitäten einer extremistischen
Vereinigung und Beteiligung an den Aktivitäten einer solchen Vereinigung“
die Rede. Nachdem das Oberste Gericht im November 2023 die „internationale
LGBT-Bewegung“ als [1][extremistisch] eingestuft hatte, war es nur noch
eine Frage der Zeit, bis ein erstes Strafverfahren gegen die queere Szene
in die Gänge kommt.
Im März 2024 war es dann so weit. Auf Betreiben der rechtsnationalistischen
„Russischen Gemeinschaft Orenburg“, die sich als staatsnahe Ordnungshüterin
versteht und in der Vergangenheit durch ausländerfeindliche Aktionen von
sich reden gemacht hatte, fand im lokalen Klub Pose eine Razzia statt.
Dabei sollen Frauenkleidung, Frauenperücken und künstliche Brüste
beschlagnahmt worden sein. Das reichte für die Festnahme und die Einleitung
von Ermittlungen des künstlerischen Klubdirektors Alexander Klimow, der
Geschäftsführerin Diana Kamiljanowa und des Klubinhabers Wjatscheslaw
Chasanow aus.
Das Gericht hob im Verlauf des für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen
Verfahrens gesondert hervor, dass es sich bei den Beschuldigten um
„Personen nicht traditioneller sexueller Orientierung“ handele. Kamiljanowa
habe Travestie-Künstler*innen bei ihren Auftritten gefilmt, Klimow Treffen
organisiert und queere Beziehungen im Instant-Messaging-Dienst Telegram
propagiert.
## Nicht schuldig
Das Urteil gegen Chasanow lautet auf sieben Jahre Haft, Kamiljanowa wurde
zu sechs Jahren und drei Monaten, Klimow zu zwei Jahren und drei Monaten
Haft verurteilt. Alle drei Angeklagten plädierten auf nicht schuldig.
Pose wurde 2021 als erste „thematische Einrichtung“ in der Stadt eröffnet,
so die verklausulierte Umschreibung in der damals auf Social Media dezent
gestreuten Werbung. Die queeren Klubgäste sollten sich dort völlig
ungezwungen und sicher fühlen können, weshalb sich die Leitung um diverse
Sicherheitsvorkehrungen bemühte.
Die Klubadresse wurde nirgendwo veröffentlicht, Zugang erhielt nur, wer die
strenge Gesichtskontrolle am Eingang durchlief, externer Wachschutz auf
Abruf stand bereit und für den Notfall war ein Verlassen durch den
Hinterausgang vorgesehen.
Nach dem ersten Strafverfahren in Orenburg folgten weitere im Gebiet
Uljanowsk, in Kirowsk, Woronesch und Tschita. In den meisten bekannten
Fällen richten sich die Extremismusvorwürfe gegen Mitarbeitende von Bars
und Klubs oder Veranstalter*innen von privaten queeren Partys.
## Heikles Thema
Iwan Chaitbajew, Stylist und Inhaber des Woronescher Zebra-Klubs, wartet in
Untersuchungshaft auf seinen Prozessbeginn. Am Montag verschärfte ein
Gericht in Tschita in zweiter Instanz ein im März gefälltes Urteil gegen
Tatjana Sorina. Anstatt vier Jahre soll die Besitzerin des geschlossenen
Klubs „Jackson“ in Tschita nun sechs Jahre und zwei Monate in einer
russischen Strafkolonie einsitzen.
Oft sind Details über die Strafverfolgung vermeintlicher „Extremist*innen“
allerdings rar gesät; zu heikel ist das Thema für Betroffene, die aufgrund
der Kriminalisierung der LGBTIQIA+-Szene in Russland vormals
funktionierender Netzwerke beraubt wurden und kaum mehr mit offener
Unterstützung rechnen können.
So war das russische „Ressourcen-Zentrum für LGBT“ in der vergangenen Woche
mit einer Berufungsklage gegen die Einstufung als extremistisch
gescheitert, eine Zusammenarbeit steht ab sofort unter Strafe.
Am späten Montagabend äußerte sich auch Igor Kochetkow – einer der Gründer
des [2][LGBT-Netwerks] und mittlerweile im Ausland ansässig. Das Urteil und
die Verfolgung seien der „Gipfel der Sinnlosigkeit“, sagte er. Die
Betroffenen seien alle völlig unpolitisch. Sie hätten nie etwas mit der
Opposition zu tun gehabt und lediglich ihr legales Geschäft betrieben.
30 Jun 2026
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## AUTOREN
DIR Vera Bessonova
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