URI: 
       # taz.de -- Comedian gegen Zeitung: Nuhr gedroht
       
       > Der Kabarettist Dieter Nuhr wollte Kritik an seinem Femizid-Witz zum
       > Verschwinden bringen – und drohte, die Zeitung „Der Standard“ zu
       > verklagen. Nun kommen andere Töne.
       
   IMG Bild: Der Versuch, den Deckel auf seine missglückten Witze draufzuhalten, ist gründlich misslungen
       
       Meinungsfreiheit ja, aber nur, wenn sie nicht gegen einen selbst geht?
       Diesen Vorwurf muss sich [1][Dieter Nuhr] gefallen lassen, der von der
       österreichischen Zeitung Der Standard [2][in einem Kommentar] kritisiert
       wurde, weil er einen Witz im Zusammenhang mit Frauenmorden gemacht hatte.
       Nuhrs Produktionsfirma forderte die Zeitung auf, den Kommentar zu löschen,
       [3][andernfalls würde sie klagen].
       
       Stein des Anstoßes ist die [4][ARD-Sendung „Nuhr im Ersten“ vom 18. April].
       „Es gibt etwa 300 bis 350 Frauenmorde jedes Jahr. Natürlich sind das 300
       bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage“, sagte Nuhr da.
       
       „Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer. Die Wahrscheinlichkeit,
       in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null.
       Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem
       Geschlechtsverkehr einfach erst mal kennenlernen würde.“ Gelächter.
       Nachsatz: „Vielleicht einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als
       Frauenmörder tätig ist.“
       
       Der Standard war das erste Medium, das diese eher unlustigen Aussagen
       aufgriff und problematisierte. In ihrem Kommentar verwies
       Standard-Journalistin Beate Hausbichler darauf, dass es gar 938 versuchte
       oder vollendete Tötungsdelikte binnen eines Jahres in Deutschland gegeben
       habe. Diese Zahlen seien für Nuhr aber „kein Grund, neben seinem ganzen
       Frauen-Männer-Witzprogramm und dem verbissenen Anti-Wokismus-Diskurs das
       Thema Gewalt gegen Frauen ruhen zu lassen“. Nachsatz Hausbichlers: „Das ist
       widerlich.“
       
       ## „Weder anwaltlich noch gerichtlich“
       
       Der Text verletze Nuhrs Persönlichkeitsrechte und sei geschäftsschädigend,
       hieß es von Produktionsfirma NUHR TV GmbH. Eigentliches Thema Nuhrs seien
       nicht die Opfer von Femiziden gewesen, „sondern die Sprache, mit der heute
       pauschale Vorurteile gesellschaftsfähig gemacht werden“. Die Firma forderte
       den Standard auf, den Text zu löschen, andernfalls rechtliche Schritte
       gegen Medienhaus und Autorin vorzunehmen.
       
       Nuhr selbst schrieb auf Facebook von einer „Falschmeldung“ des Standards
       und einer damit losgetretenen „Empörungsdebatte“. Die
       Standard-Chefredaktion hingegen stellte sich hinter Hausbichlers
       Berichterstattung: „Die Meinungsfreiheit, die Dieter Nuhr in der
       Vergangenheit oft selbst gefährdet sah, gilt natürlich auch für Kommentare
       und journalistische Meinungsbeiträge, die nicht seiner Meinung
       entsprechen.“
       
       Die öffentlich-rechtliche ARD hingegen stellte sich hinter Nuhr. Sie
       erklärte [5][gegenüber dem Onlinemedium Watson,] sie könne die Kritik
       nachvollziehen, verwies aber auf die Kunstfreiheit und das Recht des
       Satirikers, „zugespitzt und provozierend“ zu formulieren. Auf die
       taz-Anfrage, ob dieses Verständnis auch die angedrohte Klage umfasst, bat
       die ARD „direkt an die Firma Nuhr TV GmbH zu wenden“.
       
       Für eine neue Wendung sorgte dann die Antwort auf eben diese taz-Nachfrage
       bei der Produktionsfirma: „Die NUHR TV GmbH und Herr Nuhr gehen aktuell
       weder anwaltlich noch gerichtlich gegen den Standard vor.“ Eine Nachfrage
       zu diesem Sinneswandel blieb unbeantwortet.
       
       ## Deckel nicht draufgehalten
       
       Einschüchterungsklagen gegen Redaktionen und Journalisten häufen sich in
       Österreich. Den Standard-Kolumnisten [6][Florian Scheuba] brachte der Chef
       des Bundeskriminalamts wegen übler Nachrede vor Gericht. Scheuba hatte ihm
       in einer satirischen Kolumne „Untätigkeit“ beim Aufarbeiten der
       Ibiza-Affäre vorgeworfen. Scheuba wurde verurteilt, auch die zweite Instanz
       bestätigte 2025 das Urteil.
       
       Besonders fragwürdig: Der seit 2025 wegen Spionageverdachts angeklagte
       Ex-Verfassungsschützer Egisto Ott erwirkte gegen Profil-Chefredakteurin
       Anna Thalhammer einen sofort vollstreckbaren Unterlassungsauftrag. Grund
       war der bloße Retweet eines kritischen Postings eines anderen Journalisten.
       Das Gericht prüfte den Fall nicht inhaltlich, sondern erließ die Anordnung
       allein gestützt auf das Hass-im-Netz-Gesetz, auf das sich Ott berief.
       
       Viele dieser Verfahren berufen sich vorgeblich auf Persönlichkeitsrechte,
       wollen aber insgeheim kritische Berichterstattung unterbinden.
       
       Wie existenzgefährdend solche sogenannten SLAPP-Klagen werden können, zeigt
       sich beim Investigativmedium ZackZack, dem dadurch binnen weniger Monate
       Kosten von über 76.000 Euro aufgelaufen sind. Vorgeworfen werden ihm unter
       anderem üble Nachrede und Datendiebstahl im Zusammenhang mit Recherchen zum
       [7][Tod des Spitzenbeamten Christian Pilnacek]. Das Medium ist nach eigenen
       Angaben in seiner Existenz gefährdet.
       
       Im Fall Nuhr dürfte es bei der bloßen Drohung bleiben. Der Versuch, den
       Deckel auf seine missglückten Witze draufzuhalten, ist jedenfalls gründlich
       misslungen: Erst die Klageandrohung machte die Geschichte richtig groß. Der
       [8][Streisand-Effekt] lässt grüßen.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Femizid-Aeusserung/!6191722
   DIR [2] https://www.derstandard.at/story/3000000328281/bei-dieter-nuhr-muessen-selbst-femizide-fuer-eine-pointe-herhalten
   DIR [3] https://www.derstandard.at/story/3000000329021/dieter-nuhr-verlangt-loeschung-eines-kommentars-und-droht-dem-standard-mit-klage
   DIR [4] https://www.ardmediathek.de/video/nuhr-im-ersten/nuhr-im-ersten-xxl/rbb/Y3JpZDovL3JiYl9jNmI0MWViMS0yMjMyLTQ1ZDMtODVjZS1kY2Y5ZWVmYjgxNDVfcHVibGljYXRpb24
   DIR [5] https://www.watson.de/unterhaltung/exklusiv/993980166-dieter-nuhr-empoert-mit-witz-ueber-gewalt-gegen-frauen-ard-reagiert-auf-kritik
   DIR [6] /Kabarettist-ueber-Populismus-in-Oesterreich/!5416928
   DIR [7] /Der-Fall-Pilnacek/!6145588
   DIR [8] /Pimmelgate/!5797050
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Florian Bayer
       
       ## TAGS
       
   DIR Dieter Nuhr
   DIR Pressefreiheit in Europa
   DIR Satire
   DIR Schwerpunkt Femizide
   DIR Comedy
   DIR GNS
   DIR Kolumne Flimmern und Rauschen
   DIR Schwerpunkt Femizide
   DIR Schwerpunkt Femizide
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Femizid-Äußerung: Nuhr von der Kunstfreiheit gedeckt
       
       Der Comedian Dieter Nuhr ist selbst dran schuld: Er, der Anti-Böhmermann
       der ARD, beschwert sich über die mediale Darstellung, die er selbst ändern
       könnte.
       
   DIR Dieter Nuhrs Femizid-Witze: Er füttert ein misogynes Weltbild
       
       In einer ARD-Sendung macht Kabarettist Nuhr Witze über Frauenmorde. Weder
       eine rote Linie für ihn noch für den öffentlich-rechtlichen Sender.
       
   DIR Bundesratsinitiative gegen Femizide: Nordländer für Strafrechtsreform
       
       Femizide sollen als Straftatbestand präziser verankert werden. Das fordern
       Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Niedersachsen m Bundesrat.