# taz.de -- Männergewalt in Stade: „Hunde, die bellen, beißen oft“
> Ein Vater tötete sechs Menschen. Dass er gefährlich ist, war bekannt. Wie
> Prävention aussehen müsste, erklärt die Expertin für Familienrecht
> Christina Mundlos.
IMG Bild: Spezialist:innen der Spurensicherung am Tatort in Stade, 30. Juni
taz: Frau Mundlos, in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade wurden sechs
Menschen getötet. Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD)
bezeichnet die Gewalttat als singulären Fall. Sehen Sie das auch so?
Christina Mundlos: Der Fall ist natürlich schockierend, aber singulär ist
er ganz und gar nicht. Ich war überrascht, dass sich Kanzler Friedrich Merz
„schwer erschüttert“ gezeigt hat. Ich frage mich, wo diese Erschütterung
bei Hunderten von Femiziden ist, die es jedes Jahr in Deutschland gibt.
taz: Die Tat soll sich [1][während eines Termins in einem Sorgerechtsfall
ereignet haben]. Der Vater war bereits durch Bedrohungen aufgefallen, wurde
von der Polizei aber nicht als gewalttätig eingestuft. Warum wurden die
Drohungen nicht ernster genommen?
Mundlos: Dass Bedrohungen als unbedeutend abgetan werden, erleben wir im
Familienrecht, im Jugendamt und bei der Polizei oft. Und das, obwohl es
bereits [2][eine Studie der Bundesregierung gab], die belegt, dass die
Hälfte solcher Drohungen in Taten münden. Hunde, die bellen, beißen oft,
und das wird nicht erkannt.
taz: Sie arbeiten als Coachin für Konflikte beim Sorge- und Umgangsrecht.
Gibt es wiederkehrende Muster im Umgang mit Männergewalt, die Sie aus Ihrer
Arbeit kennen?
Mundlos: [3][Gewaltbereite Männer] fallen im Familiengericht und Jugendamt
eigentlich schon früh auf. Durch das, was sie tun oder sagen, durch
psychische Gewalt, durch Morddrohungen, durch sexuelle, finanzielle oder
körperliche Gewalt. Aber in den Behörden haben Täter drei Vorteile.
taz: Welche?
Mundlos: Zum einen fehlt dem Personal im Familiengericht und im Jugendamt
oft das Wissen über Tätertechniken.
taz: Was verstehen Sie unter Tätertechniken?
Mundlos: Die kann man sich wie ein Trojanisches Pferd vorstellen. Vor dem
Amt und den Gerichten wird alles für eine Täter-Opfer-Umkehr getan, um so
den Rechtsstreit zu gewinnen. Die Täter verlagern die Verantwortung auf das
Opfer, sie sagen dann Dinge wie: „Seht, wozu sie mich gebracht hat.“ Wenn
die Verfahrensbeteiligten richtig geschult wären, müssten sie das
eigentlich erkennen, das tun sie aber oft nicht.
taz: Und die anderen zwei Vorteile?
Mundlos: Der zweite Vorteil, den Täter haben, ist, dass dem Grundsatz der
Amtsermittlung im Familiengericht nicht gefolgt wird. Behauptungen werden
nicht überprüft. Weder werden Beweise und Belege berücksichtigt, noch
werden Zeug:innen angehört. Wer also besser lügen kann, gewinnt. Und
narzisstische, gewaltbereite Männer können großartig lügen, sonst hätten
diese Frauen ja oft gar keine Beziehung mit ihnen geführt. Und der dritte
Vorteil: Es mangelt am institutionellen Willen, diese Täter zu bremsen oder
einzugrenzen.
taz: Wie bereiten Sie Ihre Mandantinnen denn auf das vor, was in
Familiengerichten und Jugendämtern passiert?
Mundlos: Grundsätzlich rate ich dazu, jegliche Gewalt und Bedrohungen zu
dokumentieren und im Zweifelsfall auch heimlich Mitschnitte zu machen. Auch
wenn diese vor Gericht aktuell wenig Gewicht haben, hat man wenigstens
Belege. Und sie sollten sich frühestmöglich Geld zur Seite schaffen, denn
ein juristischer Kampf gegen diese Gewalt kostet viel Geld. Wenn die Frauen
erst während des laufenden Verfahrens zu mir kommen, ist die Situation oft
noch schwieriger. Wenn sie keine Belege für die Gewalt haben, muss ich in
Sorgerechtsfällen sogar dazu raten, nicht mehr über Gewalt in der Beziehung
zu sprechen. Denn [4][wenn Mütter Gewalt anprangern, führt das oft dazu,
dass Gerichte für den Täter entscheiden] und Mütter ihre Kinder gar nicht
mehr sehen können.
taz: Wie kann das sein?
Mundlos: Das ist das Ergebnis erfolgreicher Täter-Opfer-Umkehr: Wenn
Fachkräfte Beweise nicht prüfen, glauben sie oft dem charmanten Täter und
platzieren die Kinder zu ihm um. Ganz aktuell erhielt zum Beispiel sogar
ein Mann unter Mordverdacht die Kinder.
taz: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte diesbezüglich eine
Änderung im Sorge- und Umgangsrecht angekündigt. Familiengerichte sollen
Gewalt gegen Mütter stärker berücksichtigen. Sehen Sie denn, dass sich in
Zukunft etwas ändert?
Mundlos: Nein. [5][Was aktuell versucht wird], ist vor allem Kosmetik. Wir
brauchen einen kompletten Systemwandel, und das heißt: Die
Istanbul-Konvention muss endlich konsequent umgesetzt werden. Das fängt in
den Behörden an. Oft genug erlebe ich, dass sich Mitarbeitende vom
Jugendamt oder im Gericht nicht schützend vor Mutter und Kind stellen, weil
sie selbst befürchten müssen, Ziel der Wut und der Aggression des Vaters zu
werden. Ich habe schon mit Verfahrensbeiständen gesprochen, die von Tätern
bedroht und getrackt worden sind.
taz: Im Fall von Stade waren offenbar extra viele Mitarbeitende vor Ort,
weil der Kindsvater zuvor bereits als auffällig galt. Man wollte Mutter und
Kind sehr wohl schützen.
Mundlos: Es gab also schon ein Bewusstsein dafür, dass dieser Mann
gefährlich ist. Nur traurigerweise hat die Menge an Menschen den Täter
nicht stoppen können, gewalttätig zu werden.
taz: Wie lassen sich diese Risiken besser vorhersagen?
Mundlos: Es gibt verschiedene Modelle zur Risikoanalyse, zum Beispiel das
Acht-Stufen-Modell bis zum Femizid der britischen Kriminologin Jane
Monckton Smith. Die können vorab durchgeführt und gegebenenfalls können
bestimmte Schutzmechanismen eingerichtet werden, zum Beispiel, dass bei
einem Treffen auch Polizeibeamte anwesend sind. Die Realität sieht jedoch
oft anders aus. Mitarbeitende vom Jugendamt sind nicht auf eine potenzielle
Gewaltsituation vorbereitet, sie sind nicht im Nahkampf erprobt und können
gewaltbereite Männer auch nicht in Handschellen legen.
taz: In Stade hat der Täter nicht seine Partnerin getötet, deren Rolle in
dem Fall ist derzeit noch unklar, und auch nicht sein Kind, sondern die
Mitarbeitenden des Jugendamtes. Trotzdem steht die [6][Femizid-Frage] im
Raum. Wie sehen Sie das?
Mundlos: Im Englischen wird dieses Muster Coercive Control genannt,
Zwangskontrolle. Wir haben es mit Männern zu tun, die die Kontrolle über
die Frau und das Kind beanspruchen und bereit sind, alles zu tun, um sie zu
unterwerfen, über sie zu bestimmen und sie zu besitzen. Das beinhaltet
jegliche Formen von Gewalt – von finanzieller, sexueller und psychischer
Gewalt über körperliche Gewalt bis hin zu Mord. Der Fall in Stade zeigt
sehr deutlich, dass sie auch bereit sind, Personen umzubringen, die ihnen
beim Zugriff auf Kind und Frau vermeintlich im Weg stehen. Es ist natürlich
wichtig, wie wir diese Gewalttaten nennen. Aber solange klar wird, dass sie
alle demselben Muster folgen, ist für mich zweitrangig, ob wir sie
„Femizid“, „erweiterter Femizid“ oder „Mord in Folge von Zwangskontrolle“
nennen.
taz: Wie wird Zwangskontrolle konkret sichtbar?
Mundlos: Beispielsweise will der Täter bestimmen, was die Frau essen,
welche Kleidung sie tragen oder wen sie treffen darf. Oder [7][es wird
IT-Technik genutzt, um sie zu überwachen]. Im Familiengericht müssten
solche Dinge eigentlich erkannt werden. Wenn da ein Vater sitzt, der nach
der Trennung bestimmen will, wohin die Mutter in den Urlaub fahren darf,
ist das ein Warnsignal. Doch psychische Gewalt und Zwangskontrolle – als
systematische Form psychischer Gewalt – bleibt flächendeckend
unberücksichtigt. Es gibt in Jugendämtern und Familiengerichten höchstens
einzelne Personen, die sich bei dem Thema zufälligerweise auskennen.
taz: In der öffentlichen Debatte wird [8][stark auf die Staatsbürgerschaft
des Täters Bezug genommen]. Gibt es da Ihrer Erfahrung nach irgendeinen
Zusammenhang?
Mundlos: In meiner Praxis habe ich sowohl Fälle von Männern mit deutscher
Staatsbürgerschaft als auch von Männern, die in einem anderen Land
aufgewachsen sind oder eine andere Staatsbürgerschaft besitzen. Auf die
Staatsbürgerschaft abzuheben, dient ausschließlich dem Zweck, die deutschen
Täter unsichtbar zu machen. Es mag ja sein, dass im Fall von Stade die
Kultur und Sozialisierung des Täters mit hineingespielt hat. Das heißt aber
nicht, dass jemand, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, nicht ganz
genauso zu Zwangskontrolle neigt, gewalttätig ist oder sogar Femizide
begeht.
1 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Gewalttat-in-Stade/!6192131
DIR [2] https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/93970/%20957833aefeaf612d9806caf1d147416b/gewalt-paarbeziehungen-data.pdf
DIR [3] /Anwaeltin-zur-Dunkelfeldstudie-Das-Ausmass-der-Gewalt-in-Beziehungen-ist-erschuetternd/!6153546
DIR [4] /Soziologe-ueber-Familien-Justiz/!6108285
DIR [5] /Gesetz-gegen-haeusliche-Gewalt/!6177839
DIR [6] /Verschaerfung-des-Strafrechts-Haertere-Strafen-fuer-Femizide-geplant/!6177824
DIR [7] /Projekt-gegen-digitale-Gewalt-gestartet/!6172677
DIR [8] /Sechs-Tote-in-Jugendhilfeeinrichtung/!6191890
## AUTOREN
DIR Amelie Sittenauer
## TAGS
DIR Schwerpunkt Femizide
DIR Männergewalt
DIR Gewalt gegen Frauen
DIR häusliche Gewalt
DIR Sorgerecht
DIR Tötungsdelikte
DIR Sexualstrafrecht
DIR Reden wir darüber
DIR Social-Auswahl
DIR Stade
DIR Georgien
DIR Reden wir darüber
DIR Sorgerecht
DIR Niedersachsen
DIR Reden wir darüber
DIR Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Georgische Abgeordnete Elene Khoshtaria: Hoffen aufs Krankenhaus
Die inhaftierte georgische Oppositionelle Elene Khoshtaria kämpft seit zwei
Wochen um die Verlegung in eine Klinik. Am Donnerstag könnte es so weit
sein.
DIR Tote in Stade: Was wir aus Stade lernen sollten
Nein, das war keine Clankriminalität und auch kein Femizid. Stade lenkt den
Blick auf ein unterbelichtetes Problem: den Schutz von Sozialarbeitenden.
DIR Nach Schüssen in Stade: Mehr Schutz für Sozialarbeiter:innen gefordert
Nach den tödlichen Schüssen in einer Jugendeinrichtung: Gewerkschaften
fordern Debatte über bessere Schutzkonzepte in der sozialen Arbeit.
DIR Schüsse in Jugendeinrichtung: Motiv für Tode in Stade vermutlich Sorgerechtsstreit
Bei Schüssen in einer Jugendeinrichtung in Stade westlich von Hamburg sind
mehrere Menschen gestorben. Die Polizei spricht von einer
„Familientragödie“.
DIR Härtere Strafen für Femizide: Gegen patriarchales Besitzdenken
Femizide sollen künftig generell als Mord bestraft werden. Bisher gelten
sie häufig als Totschlag. Das könnte das Verständnis solcher Taten
verbessern.
DIR Hamburger Soziologe über Familien-Justiz: „Müttern wird systematisch Lüge unterstellt“
Wolfgang Hammer hilft seit Jahren Müttern, die man von ihren Kindern
trennte. Nun kann er das nicht mehr leisten, will aber politisch weiter
kämpfen.