# taz.de -- Dubiose Wettanbieter bei Fußball-WM: Die Geschichte hinter der Bande
> Dass die Fifa sich ihre Partner nicht nach ethischen Kriterien aussucht,
> ist bekannt. Bei dieser WM wird für dubiose Sportwetten geworben.
IMG Bild: Pedro Porros Torjubel – in vielen Gehirnen jetzt wohl unbewusst, aber unmittelbar verbunden mit dem Logo von ADI Predictstreet
Sie flimmert, leuchtet mal pink auf, mal blau, wieselt während der gesamten
Spiele ständig im Hintergrund herum. Nervig, ja. Aber Bandenwerbung gehört
längst so selbstverständlich zum Sport, dass sie auch bei der Fifa-WM nur
Thema ist, wenn ein jubelnder Ersatzspieler über sie stürzt und sich
verletzt. Was da im Stadion beworben wird?
Egal, Fifa-Sponsoren halt. Dabei ploppt zwischen Adidas und Aramco auch
immer wieder ein Name auf, der dort eigentlich nichts zu suchen hat –
nicht, wenn die Banden auch in Deutschland zu sehen sind. Diesen Verdacht
hat jedenfalls die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder, die GGL, und
sie untersucht, ob und wie sie dagegen angehen kann.
## Ohne Lizenz sogar im Kika
Es geht um ADI predictstreet, ein Sportwettenanbieter, der in Deutschland
keine Lizenz hat, der mit seinem Logo aber während der übertragenen
WM-Spiele sogar im Kika für sein verbotenes Glücksspiel werben kann. Nicht
absichtlich, sagt das Unternehmen. Nicht regulierbar, sagt die Fifa.
Das Hintergrundflimmern, so normal es bei Sportveranstaltungen geworden
ist, ist nicht zu unterschätzen. Forscher:innen der Universität
Hohenheim kamen 2025 [1][in einer Studie zu dem Schluss]: „Fußballfans
nehmen Glücksspiel zunehmend als selbstverständlichen, harmlosen Teil des
Sporterlebnisses wahr.“
Das erscheint den Suchtexpert:innen schon bei hierzulande erlaubten
Wettanbieter wie betano (übrigens auch ein Fifa-Regionalsponsor) als
hochproblematisch. Wie ist es dann erst, wenn das Unternehmen auch noch
hierzulande aus guten Gründen nicht erlaubtes Glücksspiel anbietet?
ADI predictstreet ist ein sogenannter Prognosemarkt, eine Plattform, auf
der Sportwetten ganz anders funktionieren als bei klassischen Anbietern:
Gewettet werden kann auf jedes beliebige Ereignis, es gibt keine festen
Quoten, kein Einzahlungslimit, keine Buchhaltermarge.
Die Nutzer:innen handeln untereinander wie an einer Börse, jedes Mal
geht es einfach um die Frage, ob ein Ereignis eintritt oder nicht –
scheidet Deutschland aus, verschießt Messi den Elfmeter, wird England
Weltmeister? In anderen Bereichen sind auch andere, auch ethisch
verwerfliche Fragen etwa zu Kriegshandlungen denkbar. Der Preis bewegt
sich, wenn andere Wettenr:innen mit einsteigen.
## Glücksspiel oder Finanzmarkt?
Das ist für viele attraktiv – und für Suchtanfällige besonders riskant.
Lizenzierte Anbieter in Deutschland und den meisten europäischen Ländern
sind verpflichtet, Maßnahmen wie Einzahlungslimits, Selbstsperrung,
Warnhinweise [2][zum Spielerschutz] zu ergreifen. Prognosemärkte bezeichnen
sich selbst als Finanzmärkte und entziehen sich so dem gesamten
Schutzrahmen des Glücksspielrechts in Deutschland und vielen anderen
Ländern.
Die Aufsichtsbehörden aus neun europäischen Staaten haben deshalb zu Beginn
der WM gemeinsam [3][eine Warnung vor Prognosemärkten] veröffentlicht.
Darin weisen sie auf „erhebliche Risiken für Verbraucherinnen und
Verbraucher“ und nennen namentlich: „unzureichende
Spielerschutzmechanismen, ein erhöhtes Suchtpotenzial sowie Risiken durch
Marktmanipulation, Betrug und fehlende Transparenz bei der Abwicklung von
Einsätzen und Auszahlungen“.
Interessant sind Prognosemärkte aber nicht nur für Glücksspieler:innen,
sondern auch für Beobachtende. Denn, was ein Kontrakt wert ist, spiegelt
die kollektive Einschätzung aller Teilnehmer:innen für das jeweilige
Ereignis wider. Damit sind die Plattformen auch Tools, die Informationen
sammeln und zugänglich machen, etwa, wie die Teilnehmer:innen über
bestimmte Möglichkeiten denken.
Das ist einer der Gründe, warum die Fifa dringend nach einem entsprechenden
Partner gesucht hat: So eine Plattform bringt nicht nur einmal
Sponsorengeld – Branchenmedien sprechen von 150 Millionen US-Dollar. Sie
zieht auch ständig und immer wieder Wettbegierige und Interessierte an und
ist so ein riesiges Marketinginstrument. Auch die Trump-Regierung ist ein
Fan solcher Märkte, sie reguliert sie als Warenterminbörsen. Entsprechend
erfreut hatte Fifa-Präsident Gianni Infantino Anfang April auf seinem
Instagram-Account die Vertragsunterzeichnung verkündet.
## Für die Fifa vielfach interessant
Neben der bloßen Tatsache, dass es der erste Sponsoringvertrag des
Verbandes mit einem Prognosemarkt war, zeigten sich Branchenkenner vor
allem irritiert über die Wahl des Partners. Denn ADI predictstreet kannte
bis dato eigentlich niemand. Erst am [4][26. März erhielt das Unternehmen
in Gibraltar, das sich als Markt für Glücksspiele etablieren möchte, eine
Lizenz] – zu einem Zeitpunkt, als sie noch gar kein fertiges Produkt hatte.
Umso bekannter sind die Strippenzieher hinter dem Unternehmen. ADI
predictstreet nämlich gehört zu einem Geflecht von Holdings, die zur
Herrscherfamilie der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) führen. Die
Plattform ist die Tochter einer Gesellschaft der International Holding
Company, eines gigantischen Imperiums, das Sheikh Tahnoon bin Zayed al
Nahyan leitet, der Bruder des Präsidenten der VAE. Die Familie steckt auch
tief im Fußballbusiness: Ein dritter Bruder, Sheikh Mansour, besitzt
Manchester City. Geopolitisch könnte die Partnerschaft also auch der
Versuch von Infantino sein, eine weitere Allianz mit einem Fossilstaat zu
schmieden – nach Katar und Saudi-Arabien.
## Das System Fifa
Erkennbar wird hier ein System, in dem der größte Sportverband der Welt aus
Eigeninteressen heraus globale Werberechte verkauft – ohne Rücksicht
darauf, ob diese vereinbar sind mit den Gesetzen in den Ländern, in denen
die Spiele zu sehen sind. Dass das technisch kein Problem wäre, ist sogar
in der Bundesliga zu sehen, wo in den Stadien sogenanntes Virtual Board
Replacement (VBR) eingesetzt wird, die physischen LED-Banden also im
TV-Signal digital überblendet werden. VBR würde jedoch den kommerziellen
Wert für die Sponsoren abschwächen – und die schützt die Fifa konsequent,
zumal sie selbst kein Interesse daran hat, wenn in einzelnen Ländern
womöglich Marken zu sehen wären, die nicht vertraglich an sie gebunden
sind.
Interessant ist aber noch, dass ADI predictstreet trotz der Sichtbarkeit
zunächst nicht besonders gut performen konnte. Während Wettbewerber etwa im
Siegermarkt auf Einsätze von mehreren Hundert Millionen bis über 3
Milliarden US-Dollar kamen, waren auf der Plattform gerade einmal rund
57.000 US-Dollar gehandelt worden, wie Front Office Sports berichtete – bis
ihr Logo Ende Juni plötzlich nicht mehr allein auf der Bandenwerbung stand,
sondern „in partnership with Kalshi“.
Das Unternehmen war eine Zusammenarbeit mit dem zigfach größeren
Konkurrenten eingegangen, der eine US-Lizenz hat, in den ersten zwei
WM-Wochen auf ein Handelsvolumen von 17 Milliarden US-Dollar kam und eine
gigantische Menge an Spieler:innen mitbringt. Und dieser Tage erst wurde
bekannt, dass ADI predictstreet seine Lizenzen in Gibraltar über
Sportwetten hinaus erweitern konnte.
## Welche Optionen hat die GGL?
Wohin die Ermittlungen der GGL führen, ist noch nicht absehbar. Ihre
Möglichkeiten sind eingeschränkt, Maßnahmen womöglich schwer umzusetzen:
Sie kann den Betrieb in Deutschland untersagen, Netzsperren prüfen, mit
ausländischen Behörden kooperieren und Zahlungsströme erschweren. Das
meiste dürfte wenig aussichtsreich sein, weil ADI predictstreet zumindest
in Teilen kryptobasiert arbeitet und Gibraltar wenig Interesse daran haben
dürfte, seine eigenen Lizenzen abzuschwächen.
Und die Netzsperre? ADI predictstreet hat inzwischen den direkten Zugriff
von Deutschland auf seine Webseite gesperrt. Für Kalshi, das in Deutschland
natürlich [5][ebenfalls keine Lizenz] hat, gilt das bislang nicht. Ohnehin
sind die Seiten unter Umgehung von Geoblocking weiter zu erreichen.
Wer bei dieser ganzen Geschichte verliert, ist ziemlich leicht zu benennen.
Nicht die Fifa, die 150 Millionen US-Dollar kassiert und ein schickes
Marketinginstrument bekommen hat, nicht die Herrscherfamilie der VAE, die
Anschluss an die Fifa erhalten und einen neuen Markt aufgetan hat. Es sind
die, die nicht aufhören können zu wetten – und für die nun die Versuchung
noch größer geworden ist auf einem gigantischen neuen Markt mit tausend
Möglichkeiten, der aktuell weder kontrolliert noch zum Spielerschutz
verpflichtet werden kann.
9 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://agrar.uni-hohenheim.de/detailansicht-extern?tx_ttnews%5Btt_news%5D=69566&cHash=26dff54ab3242d58dd2a02f783e80b0f
DIR [2] /Schutz-Jugendlicher-vor-Sportwetten/!6185624
DIR [3] https://www.gluecksspiel-behoerde.de/images/pdf/20260617_Joint_Statement_by_gambling_regulators.pdf
DIR [4] https://igamingbusiness.com/prediction-markets/gibraltar-licenses-first-prediction-market-operator/
DIR [5] https://www.gluecksspiel-behoerde.de/de/fuer-spielende/uebersicht-erlaubter-anbieter-whitelist
## AUTOREN
DIR Beate Willms
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