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       # taz.de -- Linker Fußballpatriotismus: Fette Henne statt schlanker Adler
       
       > Das deutsche WM-Aus trifft auch ein spannendes Projekt: Fans wollen einen
       > linken Fußballpatriotismus etablieren – mit eigenen Nationaltrikots.
       
   IMG Bild: Nicht nur für viele Linke ganz schön gruselig: schwarz-rot-goldener Deutschlandrausch bei der WM
       
       „Ich hab’ weirde Feelings für den Adler auf der Brust“, singt Rapper Pimf
       auf seinem neuen Track „Deutschlandfahne“. Und weiter: „Fick auf
       Public-Viewing, wir geh’n auf die Straße wegen Frust.“ Wie er hadern viele
       Linke mit dem [1][schwarz-rot-goldenen Party-Patriotismus,] den eine
       Großveranstaltung wie die Fußballweltmeisterschaft auslöst. Eine Gruppe
       junger Berliner versucht einen Kompromiss.
       
       Sechs Freunde, die im letzten Jahr gemeinsam das Abitur abgelegt haben,
       vertreiben ein eigenes Deutschlandtrikot mit der Beflockung „Germany
       against fascism“ (GAF) auf dem Rücken – in Eigenregie und ohne Sponsor.
       Fußballpatriotismus von links, kann das funktionieren?
       
       „Wir wollten eine klare Botschaft senden“, sagt Max Denker, Initiator des
       Projekts. Die Idee entwickelte sich im vergangenen Winter. Damals hatte
       sich bei ihm viel Frust angestaut – über die ICE-Razzien in den USA, über
       die [2][Maßlosigkeit der Fifa] und ihren lächerlichen [3][Friedenspreis für
       Trump]. „Ich konnte mir nicht vorstellen, bei der WM einfach im DFB-Trikot
       zu sitzen und so zu tun, als wäre alles normal“, sagt der 18-Jährige.
       
       So rekrutierte er Freunde aus der Schulzeit. „Wir sind alle links
       orientiert“, gibt Denker an, „und wir alle lieben Fußball.“ Im Anschluss an
       das Abitur waren sie über verschiedene Zeitzonen und Kontinente verteilt.
       Design, Logistik, die bürokratischen Tücken einer Firmengründung: All das
       wurde gemeinsam in Gruppenchats und Videoanrufen improvisiert.
       
       ## Eine Rückennummer für alle
       
       „Wir haben den Adler auf der Brust aus rechtlichen Gründen etwas
       abgewandelt“, sagt Denker. „Er sieht etwas netter aus, nicht ganz so
       kämpferisch.“ Tatsächlich erinnert er weniger an das schlanke
       DFB-Wappentier als an den staatstragenden Bundestagsadler (Spitzname: fette
       Henne). Senkrechte Streifen mit Farbverlauf in Schwarz-Rot-Gold zieren die
       Seiten des Trikots. Jedes Shirt trägt die Rückennummer 12 – für die
       Gemeinschaft der Fans als sprichwörtlicher zwölfter Mann beziehungsweise
       als zwölfte Frau. Im Nacken des Trikots, wo der FC Bayern selbstbewusst
       „Mia san mia“ trägt, steht die etwas wolkige Parole „Liebe statt Hass“.
       
       Das GAF-Team bewirbt sein Trikot mit [4][Kurzvideos in sozialen Medien].
       Darin versucht die Gruppe einen Balanceakt: Deutschland anfeuern, während
       man sich klar gegen Nationalismus und die AfD positioniert. Die WM feiern,
       während man Trumps Politik und die Kommerzialisierung der Fifa kritisiert.
       Mitfiebern, ohne so zu tun, als wäre alles normal.
       
       Die Linke in Deutschland hat ein schwieriges Verhältnis zur
       Nationalsymbolik, auch im Fußball. Während der WM 2018 rief die Linksjugend
       solid etwa dazu auf, Deutschlandfahnen abzureißen oder anzuzünden. Beim
       Public Viewing auf dem kürzlichen [5][Parteitag der Linkspartei] wurde
       gemahnt, auf Fahnen und Nationalismus zu verzichten. Einige Abgeordnete
       beantragten, die Übertragung des Spiels kritisch einzuordnen. Ohne Erfolg.
       
       ## Wer hat die Deutungshoheit?
       
       Die jungen Männer hinter GAF kennen dieses Unbehagen. „Wenn ich in einem
       Vorgarten die Deutschlandfahne hängen sehe, gibt mir das erst mal ein
       komisches Gefühl“, gesteht Mitgründer Samuel Kerhart. In Deutschland habe
       nationale Symbolik aus historischen Gründen eine zweifelhafte Konnotation –
       zu Recht, findet er. Zu oft wurde und wird Nationalstolz genutzt, um
       Menschen auszugrenzen und abzuwerten.
       
       Zugleich versucht das Team, die Deutungshoheit von AfD, Pegida und Co.
       anzufechten. „Wir wollen uns die Flagge zurückholen“, sagt Denker. Er
       verweist auf die Wurzeln von Schwarz-Rot-Gold in der Demokratiebewegung des
       19. Jahrhunderts, angefangen mit dem [6][Hambacher Fest]. „Heute steht
       diese Flagge für eine intakte Demokratie, in der man seine Meinung frei
       äußern kann und in der man lieben kann, wen man will“, so Denker.
       
       In Frankreich ist es selbstverständlich, dass Linke die Flagge der Republik
       schwenken. In Deutschland dagegen fällt es der Linken nicht so leicht, sich
       nationale Symbolik anzueignen.
       
       Die erste Produktionsrunde von 400 Shirts war laut Denker innerhalb von 15
       Minuten ausverkauft, nun wird die zweite Auflage von 2.500 Stück vertrieben
       – der Großteil ist bereits verkauft. Solange es Nachfrage gibt, wird auch
       nachproduziert, kündigt das junge Team an. Zunächst gingen die jungen
       Männer aus eigener Tasche in Vorleistung; ein Teammitglied setzte
       Ersparnisse ein, die eigentlich für den Führerschein bestimmt waren. Für
       die zweite Runde wurden mehrere Darlehen aufgenommen. Mit 35,99 Euro
       (ermäßigt: 25,99) liegt der Preis deutlich unter jenem des offiziellen
       DFB-Trikots, das stolze 100 Euro kostet.
       
       ## Offene Fragen
       
       „Das Echo ist großartig“, sagt Denker. Doch es gibt auch Gegenwind. Von
       rechts werden die jungen Männer als Antifa-Spinner beschimpft. „Wir sind
       klar antifaschistisch, gehören aber nicht konkret zur Antifa“, betont der
       GAF-Gründer. Von links kommt Kritik, dass ein Nationaltrikot bei allem
       guten Willen immer ein nationalistisches Symbol bleibe.
       
       Im Zeitalter der Alternativ-Trikots von Check24, Edeka und Tedi ist es nur
       konsequent, dass sich auch Trikots mit politischen Botschaften
       herausdifferenzieren. Ein Nationaltrikot mit antifaschistischer Haltung:
       Lässt sich so das Unbehagen auflösen, das viele Linke angesichts des
       Schwarz-Rot-Gold-Fiebers spüren? Vielleicht nicht endgültig. Aber es ist
       ein Versuch.
       
       Nach dem überraschenden WM-Aus von Nagelsmanns Elf herrscht Ernüchterung
       bei der GAF-Truppe. „Die Stimmung ist bedrückt“, sagt Samuel Kerhart. Doch
       in seinen Augen bleibt es unverändert wichtig, die antifaschistische
       Botschaft in die Welt zu tragen – auch außerhalb einer WM. „Wie wir das
       Projekt konkret weiterführen, wird sich zeigen“, so Denker. Eins steht
       fest: Die nächste WM kommt bestimmt. Nach dem Turnier ist immer vor dem
       Turnier.
       
       1 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Florian Kappelsberger
       
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