# taz.de -- Krise in Russland: Jetzt sollen es die Frauen richten
> Die Millionenverluste an der Front sollen nun weibliche Arbeitskräfte in
> Fabriken ausgleichen. Dabei wächst nun auch in Russland die
> Kriegsmüdigkeit.
IMG Bild: Arbeit, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken könnte: weibliches Mitglied einer Such- und Rettungseinheit im russischen Krasnojarsk
Seit der völkerrechtswidrigen Vollinvasion in der Ukraine hat die russische
Armee nach unterschiedlichen Schätzungen 1,2 bis 1,4 Millionen Soldaten
verloren. Die meisten sind schwer verletzt worden, 370.000 gefallen, wie
Nachlassverfahren in russischen Regionen ergeben.
Die Verluste in dem Krieg, der seit Februar 2022 nun schon länger dauert
als der Erste Weltkrieg, und die katastrophale demografische Entwicklung
Russlands hat nach Berechnungen der renommierten Moskauer Höheren Schule
für Wirtschaft (HSE) den Arbeitskräftemangel auf 2,6 Millionen Menschen
anschnellen lassen. Laut Prognose des Arbeitsministeriums werden Russland
bis 2030 3,1 Millionen Arbeitskräfte fehlen.
Nun sollen es die Frauen richten: Die Liste der für Frauen verbotenen
Berufe wurde gerade um mehr als drei Viertel gekürzt, wie die Erste
Stellvertretende Arbeits- und Sozialministerin Olga Batalina mitteilte.
„Immer mehr Berufe, die früher als Männerberufe galten, werden nun auch für
Frauen zugänglich“, sagte sie laut der staatlichen russischen
Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Kürzlich habe die erste Frau als
Lokführerin für Güterzüge ihre Arbeit aufgenommen.
## Liste „unweiblicher Berufe“ wird drastisch verkürzt
Die Liste angeblich „unweiblicher“ Berufe solle laut Batalina bis 2027
weiter verkürzt werden. Aktuell stünden auf dieser Liste noch etwa 100
Berufe, während es vor 2021 noch 456 gewesen seien. Die Liste umfasst
Berufe, die schwere körperliche Arbeit oder gesundheitsschädliche und
gefährliche Bedingungen mit sich brachten, die sich negativ auf ihre
Gesundheit und die Gebärfähigkeit auswirken könnten.
Ausgerechnet auf dem Forum „Der Norden vereint: Die Rolle der Frauen bei
der Stärkung der Einheit der Völker Russlands“ erklärte Batalina, dass
„Frauen nun auch an automatisierten Anlagen im Bergbau arbeiten dürfen.“
Das sei besonders für die nördlichen Gebiete wichtig, betonte sie.
## Traditionelle Geschlechterrollen versus Arbeitskräftemangel
Das Arbeitsverbot für Frauen betraf vor allem Untertagearbeit in Kohle-,
Erz- und Salzminen, Tätigkeiten mit besonders giftigen Chemikalien und
Schwermetallen, Arbeiten in Kokereien und Metallurgie, Schweiß- und
Gießereiarbeiten unter hoher Belastung, Arbeiten mit Explosivstoffen.
Arbeiten wie das Befreien von Schiffen aus dem Eis im Winter wurden indes
neu in die Verbotsliste aufgenommen. Eine endgültige Liste liegt laut der
Staatsagentur Tass noch nicht vor; der Katalog werde aber gerade überprüft.
Interessant ist der Widerspruch, dass der Kreml traditionelle
Geschlechterrollen offiziell hochhält und die Verbote mit dem Schutz der
Mutterschaft begründet. Andererseits zwingt der Arbeitskräftemangel die
Regierung dazu, Frauen für immer mehr technische und industrielle Berufe
zuzulassen. Viele Arbeitsmarktexperten sehen darin den eigentlichen Motor
der „Reform“.
## Kriegsdienst, Massenemigration und Tod an der Front
Der Demograf Igor Efremow nennt als Gründe für den Kursschwenk die
Mobilisierung und Anwerbung für den Krieg (etwa 1,7 Millionen Menschen
allein zwischen 2022 und 2025), Massenemigration ([1][nach Schätzungen
zwischen 600.000 und über 1 Million Menschen]) sowie den Rückgang der
Arbeitsmigration um etwa 1 Million Menschen nach Verschärfung der
Migrationsregeln.
Während inzwischen auch in Russland die Kriegsmüdigkeit wächst, versucht
die Politik, die hohen Verluste und deren Folgen für Arbeitsmarkt und
Gesellschaft einzudämmen: Der Putin-Getreue und Vorstandschef der
mehrheitlich staatlichen Sberbank German Gref sagte laut der privaten
Moskauer Wirtschaftsagentur RBK am Montag auf der Hauptversammlung des
größten russischen Geldhauses: „Ich glaube nicht, dass es im Land einen
Menschen gibt, [2][der andere Sorgen hat als die möglichst schnelle
Beendigung der Militäroperationen], das ist offensichtlich.“ Nach der
Veröffentlichung des Posts mit dem Zitat des Sberbank-Chefs löschte die
Redaktion die Nachricht, veröffentlichte sie jedoch eineinhalb Stunden
später erneut.
## Russlands demografische Katastrophe
Die Präsidentin des Oberhauses, Walentina Matwijenko, rief indes dazu auf,
staatlichen Unternehmen nur noch dann zinsvergünstigte Kredite zu geben,
wenn die Beschäftigten dort mehr Kinder bekämen. Nur so sei [3][Russlands
demografische Katastrophe zu bekämpfen]. Im Übrigen sollten sich ihre
Landsleute wegen des aktuell grassierenden Benzinmangels „nicht so haben“.
Die Moskauer Kinderbeauftragte Olga Jaroslawskaja schlug vor, Kindern ab 12
Jahren zu erlauben, zu jobben.
[4][In der überfallenen Ukraine arbeiten seit vielen Jahren auch Frauen] im
Bergbau.
2 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Mathias Brüggmann
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