# taz.de -- Umweltschutz in Ecuador: Der Preis des Goldes
> Im ecuadorianischen Cuenca will ein Unternehmen aus Kanada Gold abbauen.
> Umweltaktivisten organisieren sich dagegen, denn ihr Trinkwasser ist in
> Gefahr.
IMG Bild: Auch der Lebensraum der Lamas ist durch den Goldabbau bedroht
Es ist früh am Morgen, als der weiße Bus der Universität Cuenca endlich am
Ende der Straße auftaucht. Klappernd öffnen sich die Türen für einen
hageren Mann mit grauer Baseballkappe und die Frau neben ihm. Edgar
Pintado, Ingenieur beim lokalen Wasserversorger der Region Tarquí, und
Wasseraktivistin María Neli Pizarro steigen ein.
Die beiden gehen mit auf Exkursion in den Páramo Quimsacocha. Páramos sind
nass-feuchte Hochlandsteppen, die nur in den Anden in Höhenlagen von 3.400
bis 4.400 Meter vorkommen. Ein bis zweimal pro Semester bietet der
Soziologieprofessor José Astudillo so eine Exkursion im Rahmen eines
Umweltsoziologieseminars an. Astudillo will den wissenschaftlichen
Nachwuchs auf die Risiken von Bergbau in sensiblen Ökosystemen aufmerksam
machen.
Edgar Pintado war schon oft bei diesen Exkursionen dabei und das hat seinen
Grund. Wie kaum ein anderer weiß er Bescheid über den Wasserhaushalt der im
Süden Ecuadors liegenden Region, über die Entnahmemengen aus dem Río
Irquis, wie hier das Trinkwasser aufbereitet und die Abwässer geklärt
werden. Das Wasser für die gesamte Region der Kleinstadt Tarquí, wo Pintado
als Ingenieur für den lokalen Wasserversorger arbeitet, kommt aus dem
Páramo Quimsacocha.
„In den Páramos entspringen viele Flüsse. Ein Páramo funktioniert wie ein
Schwamm, er saugt den Regen auf und gibt ihn später in kleinen Portionen
wieder ab“, erklärt der 56-jährige Familienvater leise, um den Professor
nicht zu stören. Der erzählt seinen Studenten und Studentinnen gerade von
Dundee Precious Metals (DPM). Das kanadische Unternehmen hält seit 2021
eine Konzession für die Förderung von Gold und, in geringeren Mengen,
Silber und Kupfer. Übernommen hat es die Konzession für das „Bergbauprojekt
Loma Larga“ vom ebenfalls kanadischen Bergbaukonzern INV Metals. Angesichts
des Widerstands gegen die Umsetzung des Projekts hatte INV nach 21 Jahren
schließlich aufgegeben.
Zurecht, so Soziologieprofessor Astudillo. Er ist seit der Gründung
Mitglied im „Cabildo por el Agua“, der „Versammlung für das Wasser“. Hier
formiert sich seit 2015 der Widerstand gegen den Bergbau in direkter Nähe
von Wasserquellen wie Páramos, Seen oder Quellgebieten von Flüssen. Ihre
größte Sorge ist, dass das Wasser durch Schwermetalle und andere Giftstoffe
kontaminiert werden könnte.
„Wasser muss oberste Priorität haben angesichts von Klimawandel und
Dürreproblemen. 2024 mussten wir unser Wasser bereits über Wochen
rationieren“, erzählt der 60-jährige Soziologe, just als der Bus das erste
Camp mit dem Logo von DPM passiert. Anders gesagt: Die Region um Tarquí
kann auf keinen einzigen Tropfen verzichten.
Mit dem Minenbetreiber könne man aber nicht reden. Die habe
Umweltaktivisten, darunter den ehemaligen Präfekten der Region Azuay, zu
der Cuenca gehört, sogar angezeigt, sagt Professor Astudillo. Bei einer
Aktion haben Wasseraktivist:innen Plastikabfälle rund um das Camp
eingesammelt. „Dabei sind sie angeblich auch auf dem Grund und Boden der
Mine gewesen“, erzählt Astudillo.
Für ihn ist das Verhalten des Bergbauunternehmens typisch. „Dundee hat
meinen Informationen zufolge nur eine Fläche von 60 oder 70 Hektar gekauft,
beansprucht aber rund 300 Hektar und führt sich lokal wie ein
Großgrundbesitzer auf. Ich musste unsere Daten angeben, als ich die
Exkursion angemeldet habe“, ärgert sich der engagierte Professor und winkt
dem vermummten Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma zu.
Es wird frischer, je höher man kommt. Doch zum Glück bleibt es trocken. Am
zweiten DPM-Camp wartet ein weiterer Mitarbeiter der Sicherheitsfirma, er
hat die Zufahrt mit einer Kette abgesperrt. Ein Zaun aus verwitterten
Holzlatten markiert das Territorium des kanadischen Unternehmens, das laut
den geologischen Studien auf einem Schatz sitzt. Auf sieben Milliarden
US-Dollar wird allein der Wert des Goldes geschätzt, das in Margen von
170.000 bis 200.000 Unzen pro Jahr im Laufe von rund zwölf Jahren gefördert
werden soll, so ist es auf der Homepage des Unternehmens zu lesen.
Angesichts des Goldpreises, der derzeit bei rund 4.053 US-Dollar pro Unze
steht, aber auch schon bei 5.416 US-Dollar lag, dürften die potenziellen
Einnahmen der Mine deutlich höher ausfallen als ursprünglich kalkuliert.
Genau da liegt das Problem, glauben Experten wie der Umweltaktivist und
ehemalige ecuadorianische Energieminister [1][Alberto Acosta]. „Die
Regierung will die sinkenden Einnahmen aus dem Erdölsektor durch den Ausbau
des Bergbaus kompensieren – allerdings ohne die Bevölkerung zu fragen und
ohne die Gesetze zu respektieren“, kritisiert der in Quito lebende
ehemalige Vorsitzende der verfassungsgebenden Versammlung von 2008.
## Natur mit Recht
Die hat festgelegt, dass die Natur in Ecuador Rechte hat. Artikel 71 der
Verfassung besagt, dass die Natur, Pachamama genannt, ein Recht auf
Existenz, Erhalt und Regeneration hat. Das gilt generell, vollkommen egal,
ob es sich um ein Schutzgebiet handelt, um ein ganzes Ökosystem wie ein
Páramo, oder um einen Fluss allein, wie den Río Irquis. Zudem können alle
Bürger, Frauen wie Männer, Gemeinden, sowie indigene und
afroecuadorianische Völker im Namen der [2][Natur diese Rechte vor Gericht
einfordern]. Das ist auch schon mehrfach erfolgreich geschehen.
Yaku Pérez, Umweltaktivist, Jurist und Politiker in Personalunion, ist in
einfachen Verhältnissen in einem Dorf im Großraum Cuenca aufgewachsen. Als
Teenager hat er das Trinkwasser für seine Familie nach Hause geschleppt.
Der Respekt vor der Natur, den ihm seine Familie beigebracht habe, habe ihn
geprägt, erzählt er.
Heute ist er in Ecuador und den Nachbarländern als versierter
Wasseraktivist bekannt. Für den 59-Jährigen, der gerade seine Kandidatur
für das Amt des Bürgermeisters von Cuenca eingereicht hat, sind die
Wasserquellen heilig. Eine Einstellung, die auch María Neli Pizarro teilt.
Die 62-Jährige ist gerade aus dem Bus ausgestiegen, wirft einen Blick auf
das Schild, welches neben dem zweiten Camp von Dundee Precious Metals
aufgestellt ist. Dann lässt sie den Blick zum Wachmann hinter der
Absperrkette wandern, der sie aufmerksam mustert. „Ich darf sie nicht
passieren lassen“, erklärt er, dann zieht er das Handy, lässt es aber
wieder Sinken, ohne Fotos zu machen. Das gehört eigentlich zu seinem Job.
Dokumentieren, wer die öffentliche Straße passiert, die DPM nutzt und auch
kontrolliert.
María Neli Pizarro zieht ein mürrisches Gesicht, zuckt dann mit den
Schultern und wendet sich dem Trampelpfad zu, der ein paar Meter neben dem
Zaun von DPM verläuft und zu den drei Lagunen führt, denen der Páramo
seinen Namen verdankt: Quimsacocha bedeutet drei Lagunen. „Ich, meine
Kinder, meine Familie und alle meine Freunde treten ein für den Schutz
dieses Páramo. Deshalb nehme ich an solchen Exkursionen teil, ich will die
Jüngeren sensibilisieren“, sagt sie.
Bisher hat sie immer Glück gehabt, ist nie angezeigt worden, wie so viele
andere. „Ich war aber auch immer schneller als die Polizisten und
Wachmänner, wenn wir flüchten mussten“, erklärt sie mit einem verschmitzten
Grinsen. Das gefällt den acht Studenten, fünf Frauen und drei Männern, die
heute mit von der Partie sind, gerade die Gummistiefel anziehen, die
Regencapes und den Proviant einpacken und anerkennend nicken.
Dann geht es los in Richtung der ersten Lagune, die umgeben ist von den
charakteristischen Moosen und dickstieligen Gräsern, die Wasser in großen
Mengen aufnehmen können und zwischen denen kleinen Rinnsale zu sehen sind.
Dazwischen wächst immer mal wieder ein Aguarongo, eine der
charakteristischen Pflanzen des Páramos, die ebenfalls Wasser speichern und
entfernt an eine Agave erinnert.
In Páramos werden immer wieder noch unbekannte Frösche, Amphibien und
manchmal auch Reptilien entdeckt. Lamas, Tapire und der Kondor sind hier
heimisch – und wie bestellt für die Besuchergruppe weidet eine kleine
Gruppe Lamas an der ersten der drei Lagunen. Neugierig mustern sie die
Exkursion, machen aber keine Anstalten, abzuziehen. Als eines der Lamas im
Sprint auf die kleine Herde zu galoppiert, gibt es spontan Beifall. „Schön
wäre es, wenn wir es schaffen, dieses Schauspiel für andere Besucher zu
erhalten“, meint José Astudillo.
## Unterstützung vom Präsidenten
Das wird jedoch alles andere als einfach, denn der ecuadorianische
[3][Präsident Daniel Noboa] unterstützt den Bergbau, wo er nur kann. Im
Juli 2025 wurde das Umweltministerium mit dem Ministerium für Bergbau- und
Energie fusioniert. „Deutlicher hätte das Signal kaum ausfallen können,
dass der Bergbau fortan Priorität hat“, so Astudillo. Auch das „Gesetz für
soziale Transparenz“, das Ende August 2025 das Parlament passierte, sei als
politisches Instrument nutzbar. Nun müssen Nichtregierungsorganisationen
nachweisen, wofür sie Gelder internationaler Partner verwenden, um – so die
offizielle Begründung – Geldwäsche zur Finanzierung von Terrorismus zu
verhindern.
Zugleich wird Umweltorganisationen verboten, über Bergbauprojekte mit
offizieller Konzession kritisch zu berichten. Das könnte auch dem „Cabildo
por el agua“ drohen, glaubt Astudillo und verweist auf das Beispiel von
David Fejardo Torres. Im September seien private und Geschäftskonten des
31-jährigen Anwalts für Umweltrecht, ebenfalls Mitglied im Cabildo, ohne
Vorwarnung blockiert worden. Gegen Torres werde wegen Terrorismus und
Geldwäsche ermittelt. Das sei auch anderen Aktivisten passiert, so wie Yaku
Pérez und dem Chef des lokalen Wasserversorgers in Tarquí, bei dem Edgar
Pintado arbeitet.
„Für mich ist das Schikane aus politischen Motiven heraus“, meint Edgar
Pintado wenig später unter einer Felsnase an der zweiten Lagune. Auf einer
Plane werden jetzt mitgebrachte Salate, Teigtaschen, Käse, Kartoffeln und
vieles mehr ausgebreitet. Pintado, der selbst fünf Kinder hat, denkt an die
kommenden Generationen. „Wir leben in der Region von Cuenca jedoch von der
Landwirtschaft, die Milchwirtschaft hier ist für die landesweite Versorgung
entscheidend“, sagt er.
## Bergbau mit großen Risiken
Zusammen mit Etapa, dem städtischen Wasserunternehmen von Cuenca, hat er im
letzten Frühjahr eine Broschüre mit Fakten zur Wasserversorgung in der
Region zusammengestellt, in der die Ingenieure auf die Risiken des Bergbaus
hinweisen. Das Gefahr einer Kontaminierung sei immens, denn die
Gesteinsformationen unter dem Pflanzenteppich des Páramo enthalten
Schwefel, Schwermetalle und vieles mehr. Werden sie freigelegt und kommen
mit Sauerstoff in Berührung, setzen sich Oxidationsprozesse in Gang.
Das könnte Folgen für das aus dem Páramo abfließende Wasser haben, das
Flüsse wie den Río Irquis oder den Río Tarquis speist. [4][Für die
Trinkwasserversorgung der Region] hätte das fatale Folgen. 630.000 Menschen
können bislang ihr Wasser ohne Bedenken aus dem Hahn trinken. „Das ist in
Ecuador die Ausnahme, das wissen die Menschen in der Region zu schätzen,
und dafür sind sie im September 2025 auf die Straße gegangen“, sagt
Ingenieur Pintado.
Mehr als 100.000 waren es, die damals durch die Straßen Cuencas liefen und
gegen die Regierungspläne und einen allzu bergbaufreundlichen Präsidenten
protestierten. Wenige Wochen zuvor war Präsident Noboa auf einer
Bergbaumesse in Toronto, seine Frau Lavinia Valbonesi hatte ausgerechnet
von Dundee Precious Metals reichlich Spenden für ihre soziale Stiftung
erhalten. Wenig später hatte das kanadische Bergbauunternehmen dann die
noch fehlende Umweltlizenz für die Aufnahme der Bauarbeiten für „Loma
Larga“ erhalten.
Ein Zufall? Viele Umweltaktivisten glauben nicht daran und eine Klage von
Yaku Pérez wollte Klarheit erzwingen und eine detaillierte Untersuchung auf
den Weg bringen. „Doch die Klage wurde abgewiesen, die Umweltlizenz nach
der Megademo aber auf Eis gelegt“, fasst Astudillo zusammen, während er
eine Empanada ist und etwas Tee trinkt. Er ist stolz, dass die große
Mehrheit in der Region einer Meinung ist und daran bleibt nach einem
Rundgang durch Cuenca kein Zweifel. Im Stadtzentrum, rund um die Uni, aber
auch außerhalb des Stadtkerns fallen Fahnen, Graffitis und Aufkleber auf:
„Wasser ist Leben“, oder: „Gold kann man nicht essen“.
Doch Wasseraktivistin María Neli Pizarro bleibt vorsichtig. „Die
Umweltlizenz ist ausgesetzt, nicht mehr. Das ist ein Erfolg, aber sicher
können wir erst sein, wenn die Konzession aufgehoben wird.“ Das hätte
eigentlich schon längst geschehen müssen, schließlich hat es drei
Referenden in der Region gegeben. Beim letzten, vom 7. Februar 2021,
stimmten mehr als 80 Prozent der Wählerinnen dafür, Bergbau in Regionen zu
verbieten, in denen Flüsse und Seen entspringen. „Nur akzeptiert hat die
Politik das nicht“, klagt Astudillo und María Neli Pizarro nickt
zustimmend.
Inzwischen ist das Picknick eingepackt und die Gruppe macht sich im
Sprühregen auf den Weg zur letzten Lagune. Die ist zum Glück nicht weit
entfernt. Auf einer Anhöhe mit Blick auf die dritte Lagune fasst María Neli
Pizarro zusammen: „Also müssen wir weitermachen, denn sie lassen nicht
locker.“ Sie schlägt den Weg ins Tal ein. Zügig folgt ihr die Gruppe.
Ein Beispiel für das hartnäckige Festhalten der Bergbaukonzerne an ihrer
Förderstrategie ist das neue Bergbaugesetz, das Auflagen so stark
abgeschwächt hat, dass Umweltgutachten zukünftig kaum mehr nötig sein
werden. Für Präsident Noboa ein Meilenstein, denn Angaben seiner Regierung
zufolge sollen Bergbauprojekte mit Investitionen in Höhe von elf Milliarden
US-Dollar geplant sein. Dundee Precious Metals ist mit rund 450 Millionen
US-Dollar Baukosten für die unterirdische Mine eher noch ein kleiner
Player.
Die nächste Demo in Cuenca ist für den 16. September geplant. Denn DPM
lässt nicht locker und arbeitet derzeit an einem neuen Umweltgutachten für
den Betrieb der Mine. Kommt zur Demo, schärft Astudillo seinen Studierenden
ein, als sie zurück im Bus sind. Auch er lässt nicht locker.
30 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Oekonom-ueber-Rechte-der-Natur/!6047512
DIR [2] /Die-Natur-hat-Rechte/!5923733
DIR [3] /Anti-Drogenkrieg-in-Ecuador/!6160097
DIR [4] /Umweltkrise-in-Ecuador/!6182457
## AUTOREN
DIR Knut Henkel
## TAGS
DIR Bergbau
DIR Trinkwasser
DIR Goldabbau
DIR Umweltverschmutzung
DIR Recherchefonds Ausland
DIR Lesestück Recherche und Reportage
DIR Ecuador
DIR Amazonien im Fokus
DIR Goldabbau
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Anti-Drogenkrieg in Ecuador: Militäreinsatz im Buhlen um Trumps Gunst
Ecuadors Präsident will sich als Hauptverbündeter Donald Trumps in der
Region profilieren. Jetzt haben gemeinsame Aktionen mit US-Truppen
begonnen.
DIR Goldabbau in Venezuela: Das Gift, das wir atmen
Im Süden Venezuelas sichert der Bergbau Tausende von Existenzen. Zugleich
zerstört er sie langsam von innen und befeuert die Entwaldung.
DIR Illegaler Goldabbau in Peru: Wo Gold und Elend fließen
Am Río Santiago in Peru boomt das illegale Schürfgeschäft nach dem
Edelmetall. Das schnelle Geld führt zu Armutsprostitution, Gewalt und
Korruption.