# taz.de -- die ortsbegehung: Bei dieser Orgel geht es ohne Pomp
> Der Schriftsteller Hans Henny Jahnn hat auch Orgeln gebaut. Seine größte
> erhaltene in Hamburg in einer Schule hätten in den 1920ern
> Deutschnationale fast noch verhindert
IMG Bild: Die Orgel mit einer Fülle an Klangfarben, ganz transparent
Aus Hamburg Petra Schellen
Wer da reinsteigt, wähnt sich in einem wundersamen Gehäuse: Pfeifen,
Drähte, Schrauben, feine Bretter bilden ein filigranes Geflecht, dessen
Ordnung nur der Kundige erfasst. Die Rede ist vom Innenleben der
Hans-Henny-Jahnn-Orgel der Hamburger Heinrich-Hertz-Schule, der größten und
am besten erhaltene der drei Hamburger Jahnn-Orgeln.
Genau diese komplexe Mechanik – damals Anachronismus oder Avantgarde, je
nach Perspektive – ist auch das Besondere des denkmalgeschützten
Instruments. Gebaut wurde es zwischen 1926 und 1931 vom Orgelreformer Hans
Henny Jahnn, [1][besser bekannt als Autor], Musikverleger, Utopist, Atom-
und Kriegsgegner, der offen mit Ehefrau und Geliebtem lebte. Die
Einberufung zum Ersten Weltkrieg vermied er durch Flucht nach Norwegen. Die
NS-Zeit überlebte er im dänischen Exil.
Die Liebe zur Orgel entstand früh. Autodidaktisch brachten sein Gefährte
und er sich den Orgelbau bei. Und lange schon beobachteten beide mit
Unbehagen die damals gängige Praxis, Orgeln nicht mehr mechanisch, sondern
elektrisch zu betreiben. Die Verbindung von der Tastatur zur zugehörigen
Orgelpfeife erfolgte dabei nicht mehr physisch über Luftdruck und
Registerzüge, sondern durch einen elektrischen Impuls.
Das spielt sich zwar leichtgängiger und ist auch günstiger im Bau, weil die
komplexe Mechanik durch Elektrokabel ersetzt wird. Elektrische Traktur – so
der Fachbegriff – erzeugt aber auch den (damals üblichen) pompösen
spätromantischen, leicht verwaschenen Klang, der dem des Orchesters
gleicht.
## Zurück zu den barocken Wurzeln
Solche „sinfonischen Orgeln“ verfälschten den Charakter des Instruments,
fand Jahnn, man müsse zurück zu den barocken Wurzeln, sprich: zu einer
Orgel, bei der man jede Stimmlage, jede Klangfarbe einzeln heraushören
könne wie bei einem Kammerorchester. Dieses Klangideal aber ermögliche
nur die klassische mechanische Konstruktion.
Dieser Gedanke war nicht neu: Schon Albert Schweitzer hatte 1906 in seiner
Schrift „[2][Deutsche und französische Orgelbaukunst und Orgelkunst]“ gegen
die „modernen Fabrikorgeln“ gewettert, aber wenig Gehör gefunden.
Orgelreformer Jahnn trat 1923 deutlich massiver auf, indem er – gegen
Widerstände – dafür sorgte, dass die zum Abriss bestimmte barocke
Arp-Schnitger-Orgel in der Hamburger St.-Jacobi-Kirche restauriert wurde.
Da war es folgerichtig, dass Jahnn bald mit dem Bau einer Orgel für die
besagte Heinrich-Hertz-Schule betraut wurde, eine Reformschule im Geiste
des Kunsthistorikers und Kunstpädagogen [3][Alfred Lichtwark], die Kultur
und Gemeinschaftssinn ins Zentrum stellte.
Also entwarf Jahnn ganz nach eigenen Vorstellungen jene klanglich und
handwerklich hochwertige Orgel, die einem in der Schul-Aula wie eine
wichtige Persönlichkeit entgegentritt: riesig, aber nicht wuchtig, sondern
klar und schlicht dem Neuen Bauen verpflichtet. Wie ein Wandschrank mit
angedeuteten Fächern wirkt die Vorderseite, wie aufgereihte Buntstifte die
Orgelpfeifen oben drüber. Schulgerecht eben.
Oberbau- und Schuldirektor Fritz Schumacher hat diese Schauseite entworfen
– eine würdige Hülle für das, was Jahnn klanglich darunter legte: eine neue
Transparenz ohne Pomp, und so klingt sie auch: fein, klar und
differenziert. Nicht sakral überwältigend wie manche Kirchenorgel, sondern
freundlich, weltlich und klar.
Dabei wäre der Einbau des Instruments, das fast die ganze Bühne der Aula
einnimmt, fast in letzter Minute gescheitert, weil Deutschnationale in
Hamburgs Bürgerschaft eine Lieferverzögerung nutzten, um nochmals gegen das
moderne Projekt zu wettern. Auch klanglich wollte man nur ungern vom
wilhelminischen Pathos lassen.
Wobei die Orgel spieltechnisch durchaus anspruchsvoll ist. Den Jahnn hat
mehr Pedale, dafür weniger Manualtasten als üblich angelegt. Daran muss
sich manch Gastorganist erst gewöhnen, damit er nicht daneben tritt und den
falschen Ton triff. Auch verstimmt sich die Mechanik etwa bei plötzlicher
Hitze rasend schnell. Es ist eben ein empfindliches Instrument.
## Eine Konferenz mit Helmut Schmidt
Das im übrigen 1985 so stark (und kostspielig) restaurierungsbedürftig war,
dass man eine Konferenz einberief, an der auch [4][Ex-Schüler Helmut
Schmidt] teilnahm. Die Folge war der bis [5][heute bestehende
Förderverein], der nach fünf Jahren das Geld beisammen hatte. 1991 war
fertig restauriert.
Bald steht die nächste Überholung an, das Geld des Kulturstaatsministers
ist bereits bewilligt. Und damit die Orgel nicht nur die Schülerschaft,
sondern auch die breite Öffentlichkeit erfreut, gibt es auf Initiative des
Vereins viermal jährlich erlesene Konzerte darauf zu hören.
18 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /!5642715&SuchRahmen=Print
DIR [2] https://www.walcker-stiftung.de/Downloads/Registrierungsanweisungen/Schweitzer_Deutsche_und_franzoesische_Orgelkunst_1906.pdf
DIR [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Lichtwark
DIR [4] /!5250782&SuchRahmen=Print
DIR [5] https://hhjahnn-orgelverein.de/
## AUTOREN
DIR Petra Schellen
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