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       # taz.de -- Verwundete aus Gaza in Jordanien: „Irgendwann waren wir so hungrig wie in Gaza“
       
       > Jordanische Stiftungen ermöglichen Kranken aus Gaza eine Behandlung in
       > Jordanien. Doch einige der Betroffenen fühlen sich im Stich gelassen.
       
   IMG Bild: Bussi al-Masri und eines ihrer Kinder im Bus, der sie nach Jordanien brachte
       
       Sie sind schwer in Worte zu fassen, die Gefühle, die sich auf den
       Gesichtern von Menschen ablesen lassen, die gerade aus einem Kriegsgebiet
       kommen. Entkräftung, Unwohlsein – aber auch Freude. Erleichterung. Das
       Gefühl, das Schlimmste im Leben überstanden zu haben, dem Sumpf aus
       Verzweiflung und Leiden entkommen zu sein. All diese Gefühle konnte man in
       den Gesichtern der Menschen aus dem Gazastreifen lesen, die Anfang Dezember
       am Grenzübergang Allenby Bridge aus dem Bus stiegen und den Fuß auf
       jordanischen Boden setzten.
       
       Unter ihnen war Ahmed al-Masri, auch er war erleichtert, vorläufig in
       Sicherheit zu sein. Doch jetzt ist er sauer. Er ist aus Gaza nach Jordanien
       gebracht worden, damit seine kranken und verletzten Kinder dort behandelt
       werden können. Doch hier im haschemitischen Königreich dürfen er und seine
       Frau nicht arbeiten, und jetzt müssen sie auch noch sehen, wo sie etwas zum
       Essen finden.
       
       Vor wenigen Wochen [1][hat die taz über das Schicksal der al-Masris
       berichtet], eins der Kinder war an Augenkrebs erkrankt, die Familie fand
       deshalb Zuflucht in Jordanien. Das Kind war eines von mehreren hundert, die
       Jordanien in den vergangenen Monaten aufgenommen hat. Israels Nachbarland
       zählt zu den Staaten, die seit Beginn des Kriegs die meisten Menschen aus
       Gaza aufgenommen haben, um sie gesund zu pflegen. Verschiedene
       Organisationen beteiligen sich an der medizinischen Versorgung und den
       finanziellen Kosten. Denn die Patient*innen und deren Angehörige müssen
       je nach Schwere der Krankheit Monate, teils Jahre in Jordanien bleiben.
       
       Die al-Masris zum Beispiel fanden Unterstützung durch die
       König-Hussein-Krebsstiftung. Gegründet und geleitet von einem Mitglied der
       Königsfamilie, gilt die Stiftung als größte medizinische Hilfsorganisation
       Jordaniens. Bis Mitte Mai konnte Familie al-Masri in einem Hotel mit
       Vollpension leben, dann musste sie in ein Apartment umziehen. Das sei das
       normale Prozedere, wenn die akute Behandlungsphase vorbei ist, sagt ein
       Sprecher der König-Hussein-Krebsstiftung.
       
       ## Nachbar*innen helfen, mal mit Essen, mal mit etwas Geld
       
       So wie das Hotel ist die neue Bleibe der al-Masris modern eingerichtet,
       drei Zimmer mit Kochnische, glänzend weiße Fliesen im Gemeinschaftsbereich,
       ein Pferdebild schimmert an der Wand. Doch hier im Apartment muss sich die
       Familie ihre Mahlzeiten selbst besorgen. Kein Problem eigentlich. Doch von
       der königlichen Stiftung kommt seit drei Monaten kein Taschengeld mehr. Die
       al-Masris, sie sind jetzt auf Spenden von wohlwollenden Jordanier*innen
       angewiesen. „Ich bin sprachlos“, sagt Vater Ahmed al-Masri. „Wir haben
       einmal einen Punkt erreicht, an dem wir so hungrig waren wie in Gaza.“
       Nachbar*innen und andere Menschen brächten ihnen inzwischen
       Nahrungsmittel, mal ein Teller Reis mit Fleisch, mal etwas Geld.
       
       Auf schriftliche Anfrage der taz bestritt ein Sprecher der
       König-Hussein-Stiftung zunächst, dass die Schilderung der al-Masris stimme.
       Bei einem Gespräch am Telefon jedoch bestätigte eine andere Mitarbeiterin,
       dass die Stiftung seit April kein Taschengeld mehr ausgezahlt hat. Nicht
       nur den al-Masris, sondern allen Familien aus Gaza in Obhut der Stiftung.
       Das Problem liege bei einer Veränderung des entsprechenden
       Zahlungsverfahrens und solle bald behoben werden. In ein, zwei Wochen
       vielleicht.
       
       Vor dem „Problem“, sagen die al-Masris, hätten sie 87 Dinar pro Monat
       bekommen, etwa 108 Euro. Selbst im günstigen Jordanien ist das nicht
       besonders viel Geld, wenn man damit eine elfköpfige Familie ernähren soll.
       Ohne Pass, der nach Angaben der Familie von den Behörden einbehalten wurde,
       und ohne Arbeitserlaubnis, können sich die Eltern kaum legale
       Einnahmequellen suchen.
       
       Es ist unklar, wie vielen anderen Familien es so ergeht. In letzter Zeit
       gab es in den jordanischen Whatsapp-Chatgruppen jedenfalls mehrere
       Spendenaufrufe für Menschen aus Gaza, die in Jordanien behandelt werden und
       um Essen, Kleidung oder Geld bitten. Manchen scheint es noch schlimmer zu
       gehen als den al-Masris.
       
       Eine junge Frau, die anonym bleiben möchte und mit drei Kindern in einem
       Zimmer mit Kochnische lebt, blickt etwas verwirrt, wenn man sie nach dem
       Taschengeld für Essen und Kleidung fragt. Taschengeld habe sie nie
       bekommen, sagt sie. Ihre Kinder versorge sie von Anfang an aus eigener
       Tasche und durch Spenden. Die vier werden nicht von der
       König-Hussein-Stiftung betreut, sondern von einer anderen Organisation. Für
       eine Stellungsnahme war die nicht zu erreichen.
       
       Die Behandlung ihres Kindes und die Unterkunft, das werde übernommen, sagt
       die Frau mit Kopftuch. Es ist heiß, auf einem der zwei Betten neben ihr
       liegt ein Junge in Windeln, der so aussieht, als wäre er nur einige Monate
       alt. Eigentlich ist er schon zwei. Im Flur kreischen weitere Kinder, eines
       fährt Dreirad.
       
       ## Jordanien hat über 2.000 Menschen aus Gaza evakuiert
       
       Monther Howarat ist der stellvertretende Abteilungsleiter für
       Patientenangelegenheiten im König-Hussein-Krebszentrum, das von der
       gleichnamigen Stiftung getragen wird. Howarat betreut auch Menschen aus
       Gaza. Angesprochen auf das Versorgungsproblem der al-Masris sagt er, man
       brauche mehr Spenden. Doch Howarat sagt auch: „Wir sind ein armes Land.“
       Man habe schon viel getan, sagt die Mitarbeiterin der
       König-Hussein-Stiftung am Telefon. Sie klingt genervt.
       
       Die Stiftung habe schon mehr als 6 Millionen Euro in die Versorgung der
       Menschen aus Gaza investiert, sagt eine leitende Ärztin des Krebszentrums.
       Über 2.000 Menschen hat Jordanien aus Gaza evakuiert. Die Regierung brüstet
       sich mit der Initiative. Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate und
       Katar haben noch mehr Kranke aufgenommen. Auch Länder wie Italien und
       Spanien sind dabei. Deutschland hat seit Kriegsbeginn nur zwei Kinder
       aufgenommen und behandelt. Von der Bundesregierung hieß es, man wolle
       lieber die Länder in der Region unterstützen, die Kranken und Verletzten
       aufzunehmen.
       
       Doch die haben teils eigene Probleme. Arbeitslosigkeit, Armut, autoritäre
       Regime. Auf Nachfrage schrieb das Auswärtige Amt, man habe Ägypten
       Hilfsgüter im Wert von 3,1 Millionen Euro zur Verfügung gestellt sowie über
       110.000 Euro der NGO Kinder Relief. Auf Fragen zu Hilfen an Jordanien für
       die Behandlung von Gazaner:innen antwortete das Ministerium nicht.
       
       Ahmed al-Masri ist frustriert von der Situation: „Sollen sie uns wenigstens
       unsere Pässe geben, damit wir nach Europa auswandern können, wo es
       menschlicher zugeht.“ Doch das sieht schwierig aus. Die Familien werden in
       der Regel nach Gaza zurückgebracht, sobald die Behandlung in Jordanien
       abgeschlossen ist. Es heißt, man wolle nicht zur Vertreibung der
       Palästinenser*innen beitragen. In der Zwischenzeit müssen die
       al-Masris sehen, wo sie ihre nächste Mahlzeit finden.
       
       23 Jul 2026
       
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       ## AUTOREN
       
   DIR Serena Bilanceri
       
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