# taz.de -- Sparkurs in der Pflege: Sie will in ihrem Job bleiben – eigentlich
> Im Gesundheitswesen wird stark gekürzt. Dadurch stünden alle
> Errungenschaften in der Pflege auf dem Spiel, berichtet Intensivpflegerin
> Schaffernicht.
IMG Bild: Während der Pandemie wurde Pflegekräften applaudiert. Jetzt wird wieder gespart
Ein heftiger Regenschauer ist gerade über Berlin gezogen, entfernt sind
Sirenen eines Einsatzfahrzeuges zu hören, als ein junger Pfleger die Bühne
betritt. Er berichtet von Strapazen in der Notaufnahme, 110
Patient*innen am Abend. Versorgen, fixieren, reanimieren – das volle
Programm. „Wir kümmern uns um alle“, sagt er. Egal ob geflüchtet oder
obdachlos, egal ob mit oder ohne Krankenversicherung, alle eben. Er bekommt
große Zustimmung auf dieser Kundgebung Anfang Juli, zu der Beschäftigte der
Charité und die Gewerkschaft Verdi aufgerufen haben, um gegen die Kürzungen
im Gesundheitswesen zu protestieren.
Viele von denen, die gekommen sind, sind Pflegekräfte, auch Renate
Schaffernicht. „Es steht gerade alles auf dem Spiel, wofür wir so lange
gekämpft haben“, sagt die Intensivfachpflegerin und überzeugte
Gewerkschafterin. An diesem Tag trägt die 62-Jährige keine blaue
Klinikkleidung, sondern eine gelbe Weste über einem schwarzen T-Shirt mit
dem Schriftzug „Rebell“. Mit drei Kolleg*innen hält sie ein Banner hoch.
„Krankenkassen-Spargesetz stoppen!“, steht darauf.
Am Tag der Kundgebung hoffen noch einige darauf, dass sich das umstrittene
Sparpaket verzögert. Grüne und Linke versuchen, die Abstimmung im Bundestag
[1][per Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht aufzuschieben]. Aber am 10.
Juli wird das Gesetz in Bundestag und Bundesrat beschlossen. Schaffernicht
steht an diesem Tag wieder auf der Straße, diesmal vor dem Bundestag. Das
Beitragssatzstabilisierungsgesetz, wie es offiziell heißt, soll die prekäre
Finanzlage der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) verbessern. Allein im
kommenden Jahr sollen 19 Milliarden Euro eingespart werden – mit
Einschnitten für Versicherte, Krankenhäuser und Arztpraxen. Es gilt [2][der
Grundsatz, nicht mehr auszugeben, als eingenommen wird].
Von einem „Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen“ spricht
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) in ihrer Rede im Bundestag.
–„Wir sind nur noch Ware“, sagt Pflegerin Renate Schaffernicht. Den
Krankenhäusern steht vermutlich eine harte Sparzeit bevor, das betrifft
auch die Pflege. Künftig sollen die Tariflohnsteigerungen von
Krankenhausbeschäftigten nicht mehr vollständig refinanziert werden. Das
Pflegebudget, das 2020 erst wieder eingeführt wurde, damit Krankenhäuser
nicht mehr am Pflegepersonal sparen müssen, soll nun gedeckelt werden.
Gekürzt werden auch die Mittel, die Kliniken bisher erhalten, um
Pfleger*innen von fachfremden Aufgaben zu entlasten. Auch die
Personalbemessung soll sich verändern.
## Bitte keine „überzogenen Forderungen“
Der Bundesrat stimmte dem GKV-Gesetz zwar nur zu, weil den Bundesländern
zusätzlich 550 Millionen Euro für die Krankenhausfinanzierung zugesagt
wurden. Aber das wird vermutlich nicht reichen, und viele Krankenhäuser
steuern bereits um. Das zeigt sich auch am Beispiel der eigentlich
privilegierten Berliner Charité.
Bereits in diesem April kündigte sie den im Jahr 2021 hart erkämpften
[3][Entlastungstarifvertrag zum Jahresende.] Und das, obwohl sich der
Klinikalltag für das Pflegepersonal dadurch spürbar verbessert hatte und
der Entlastungstarifvertrag bundesweit als Erfolgsmodell gefeiert wurde,
auch von der Charité selbst. „Ich arbeite auf einer Intensivstation, die
sich einen Eins-zu-zwei-Betreuungsschlüssel erkämpft hat“, sagt Pflegerin
Renate Schaffernicht. Ein notwendiger Goldstandard sei das, denn die Pflege
auf der Intensivstation ist hochkomplex.
Die Klinikleitung der Charité begründete ihre Entscheidung mit der
Krankenhausreform und dem drohenden Sparpaket für die gesetzliche
Krankenversicherung. Würde der aktuelle Tarifvertrag auch 2027 gelten,
entstünde eine riesige Finanzierungslücke, in der Pflege wären mindestens 7
Prozent der Arbeitsplätze gefährdet, hieß es [4][in einer
Pressemitteilung]. Darin wird die Gewerkschaft Verdi gebeten, in den
Verhandlungen für einen neuen Tarifvertrag keine „überzogenen Forderungen“
zu stellen.
Renate Schaffernicht sieht das anders. Sie guckt bei ihrer Arbeit auch
nicht auf Zahlen, sondern auf Menschen, und begleitet zum Beispiel
Patient*innen, die auf eine neue Lunge hoffen, während sie an einer
speziellen Herz-Lungen-Maschine (ECMO) hängen, die die Funktion der Organe
überbrücken kann. „Die sind psychisch oft am Ende – nicht atmen zu können,
fühlt sich wie sterben an“, sagt sie. Um diese Menschen zu betreuen,
brauche es Zeit. „Ich muss auf sie einwirken, ihnen Ängste nehmen, sie
mobilisieren.“
Nur wenn die Patienten in dieser Ausnahmesituation wach, ansprechbar und
möglichst fit seien, hätten sie eine Chance auf ein Spenderorgan. Das
klappe nicht immer, aber auch dann sei sie noch da. Manchmal versorge sie
auch hochinfektiöse Menschen – zum Beispiel, als vor wenigen Wochen [5][ein
Ebolapatient an der Charité behandelt] wurde. Das habe sie nur machen
können, weil dank Entlastungstarifvertrag genug Personal da war, um für
diese besondere Tätigkeit zu schulen und zu qualifizieren. All das werde
nun wieder infrage gestellt. „Vor fünf Jahren wurde noch gesagt: Wir
brauchen euch, kommt zurück in den Beruf. Und jetzt heißt es wieder: Ihr
seid ein Kostenfaktor“, sagt die Pflegerin.
Wie in der Pandemie für sie geklatscht wurde, daran kann sich Renate
Schaffernicht noch gut erinnern. Sie arbeitete damals auf einer
Covid-Station mit 17 Herz-Lungen-Maschinen. „Ich habe junge Menschen
gesehen, die mit etwas Atemnot ins Krankenhaus kamen, und drei Tage später
waren sie tot.“ Die FFP-Masken waren knapp und wurden mehrfach verwendet.
Schaffernicht arbeitete weiter, drehte im Team Patient*innen, teils 140
Kilo schwer, auf den Bauch, damit sie besser beatmet werden können. Kein
Schlauch darf sich dabei lösen. Schaffernicht hat gesehen, wie Leichen in
Säcke gepackt wurden und der Reißverschluss zugezogen wurde. Wie sich
Angehörige nicht richtig verabschieden konnten. „Die Pandemie hat uns alle
an die Grenzen gebracht, psychisch und körperlich, auch mich.“
## Das Sparpaket könnte die Versorgung verschlechtern
Das sagt eine, die auf 45 Arbeitsjahre in der Pflege zurückblickt. Renate
Schaffernicht hat 1981 ihre Ausbildung zur Pflegerin in Gießen begonnen –
seitdem arbeitet sie in ihrem Beruf, in unterschiedlichen Häusern und
Fachbereichen, machte die zweijährige Zusatzausbildung zur
Intensivfachpflegerin. Seit 2013 ist sie in Berlin. Sie habe schon eine
Waffe am Hals gehabt, als ein Patient auf sie losging, habe die ersten
Aidspatienten versorgt und die Einführung der DRGs miterlebt, erzählt
Schaffernicht. DRGs steht für Diagnosis Related Groups, auch bekannt als
Fallpauschalen.
Das 2003 eingeführte DRG-System trieb die [6][Ökonomisierung des
Gesundheitswesens voran], schaffte Anreize in den Kliniken, das zu machen,
was lukrativ ist, und nicht das, was medizinisch notwendig ist. Gespart
wurde lange vor allem am Pflegepersonal. Unter dem Eindruck der Pandemie
und dank des Pflegebudgets wurde diese verheerende Entwicklung abgemildert.
Auch die noch von der Ampel beschlossene Krankenhausreform verfolgt ein
Stück weit die Abkehr von diesem System. Wie gut das gelingt, ist
allerdings unklar. Die Strukturreform, die die Qualität der Behandlung in
den Krankenhäusern verbessern soll, wurde [7][von der aktuellen
schwarz-roten Regierung auf später verschoben].
Schaffernicht ist sich sicher, dass das neue Sparpaket die
Gesundheitsversorgung stattdessen verschlechtern wird. „Krankenhäuser
werden sich auf Bereiche konzentrieren, die Geld bringen“, sagt sie. „Es
werden reihenweise Krankenhäuser schließen.“ Mit dieser Einschätzung ist
sie nicht allein. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt vor einem
„kalten Kliniksterben“ zulasten der Patient*innen.
Zuerst würden Kliniken die Notaufnahmen, Geburtshilfen und Kinderstationen
schließen – das seien in den Häusern die größten Verlustbringer. Ähnlich
sieht es der Bundestagsabgeordnete Armin Grau (Grüne), der als Neurologe
selbst mal Klinikleiter in Ludwigshafen war und nun neben den
Verschärfungen für die Pflege [8][auch Stellenabbau bei Ärzt*innen
befürchtet]. Die Koalition trage „die Verantwortung für die Insolvenzen der
Kliniken und Praxen, die jetzt folgen werden“, sagt Grau.
Die Bundestagsabgeordnete Stella Merendino (Linke) spricht von einer
„Kampfansage an alle Pflegekräfte“. Auch sie ist vom Fach, Merendino ist
Gesundheits- und Notfall-Krankenpflegerin. Dass Tariflohnverbesserungen
nicht mehr vollständig refinanziert werden, habe schwerwiegende Folgen:
„Wenn sich die Tariflöhne und Arbeitsbedingungen verbessern, steigt der
Druck auf die Krankenhäuser, am Personal zu sparen.“
Offenbar sei das so gewollt, das zeige sich auch darin, dass „sowohl
verbindliche Personalschlüssel als auch die Personalbemessungskommission
abgeschafft werden“. Merendino verweist auf Studien, die belegen, dass
Personalmangel in der Pflege zu einer höheren Sterblichkeit führt. Sie
plädiert für ein Finanzierungssystem, „das gemeinwohlorientiert und
bedarfsgerecht funktioniert“, und für ein Profitverbot im
Gesundheitsbereich. Die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, Jana
Luntz, warnt vor einem „kalten Pflexit“ – eine Wortschöpfung aus Pflege und
Exit. Sie befürchtet, dass vermehrt Pfleger*innen ihren Beruf aufgeben
könnten.
Renate Schaffernicht will weitermachen. Eigentlich. Nur manchmal überlege
sie, den Job zu wechseln, wenn sich die Arbeitsbedingungen wieder
verschlechtern. An eine Supermarktkasse vielleicht. Auch das sei ein sehr
wichtiger Job in der Daseinsvorsorge, sagt sie. Aber mit weniger
Verantwortung für die, mit denen man arbeitet. „Dort lasse ich im
schlimmsten Fall eine Dose fallen.“
20 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Abstimmung-zur-Gesundheitsreform/!6194405
DIR [2] /Sparplaene-fuer-das-Gesundheitssystem/!6170382
DIR [3] /Einsparungen-bei-den-Krankenkassen/!6176128
DIR [4] https://www.charite.de/service/pressemitteilung/artikel/detail/ueberzogene_forderungen_bei_tarifverhandlungen_gehen_zu_lasten_von_patientinnen_patienten_und_mitarbeitenden
DIR [5] /Ebola-Patient-in-Charite/!6181456
DIR [6] /Karl-Lauterbach-zu-Krankenhausreform/!5974864
DIR [7] /Bundestag-verabschiedet-Klinikreform/!6160528
DIR [8] /Gruenen-Politiker-zu-Gesundheitsreformen/!6191503
## AUTOREN
DIR Jasmin Kalarickal
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