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       # taz.de -- Unterwegs mit Jungesellen: Die Verzweiflung in den müden roten Gesichtern
       
       > Unsere Kolumnistin, die eigentlich allen alles gönnt, trifft auf einen
       > Junggesellenabschied in freier Wildbahn … und kommt dann doch ins
       > Grübeln.
       
   IMG Bild: Unterwegs zwischen Fest und Fest: Es gibt ja immer was zu feiern
       
       Dies ist eine urlaubsbedingt vorzeitig geschriebene Kolumne. Sie wird
       geschrieben worden sein, nach den heißen Tagen in Hamburg, die woanders
       noch heißer waren als hier. Aber auch hier ist es sehr heiß gewesen, und am
       Samstag musste ich dennoch raus, weil ich auf einem Sechzigsten eingeladen
       war. In der S-Bahn ein Haufen Männer im gleichen T-Shirt, die
       offensichtlich zu einem Junggesellenabschied gehörten. Vierzig Grad in der
       S-Bahn und [1][ein Haufen Alkohol ausdünstender Männer]. Das ist mein
       Thema.
       
       Darüber habe ich nachgedacht, während die Männer jede Menge Spaß um sich
       herum verteilten. Darum geht es bei einem Junggesellenabschied, um Spaß.
       Und wenn man selbst darauf irgendwie nicht wohlwollend reagiert, dann ist
       man was? Genau, dann ist man eine Spaßbremse. Ich gönne allen alles, was
       andere nicht schädigt oder verletzt.
       
       Das stimmt eigentlich nicht. Ich gönne schlechten Menschen gar nichts. Aber
       davon mal ab. Ich weiß nicht, ob diese Männer schlecht oder gut waren, sie
       waren nur laut und alles, was sie sagten, soweit man das verstehen konnte,
       war nicht intelligent. Aber muss ja auch nicht.
       
       In meiner Jugend feierte niemand einen Junggesellenabschied, deswegen kam
       auch keine*r auf die Idee. Es gab einen Polterabend, am Abend vor der
       Hochzeit, zu dem jede*r kommen konnte, eingeladen oder nicht, und an dem
       in der Regel mehr getrunken wurde als auf der Hochzeit, weswegen die
       Hochzeit am nächsten Tag dann für Involvierte ein harter Akt der
       Selbstbeherrschung war. Aus amerikanischen Filmen erfuhr ich das erste Mal
       vom Junggesellenabschied, und dann gab es das plötzlich überall.
       
       ## Wo trinkt es sich besser als hier?
       
       Hamburg ist ein beliebter Junggesell*innenabschiedsfeierort. [2][Auf die
       Reeperbahn] wollen sie alle, wo kann man sich besser betrinken, die große
       Freiheit und die kleine Freiheit, Pornografie und Prostitution. Warum?
       Keine Ahnung. Aber irgendwas mit Sex muss sein. Der Bräutigam – die Braut –
       werden von sich, die/der sie vorher waren, verabschiedet. Obwohl sie dann
       immer noch die Gleichen sind, die gleichen Menschen, aber anders.
       
       Zu diesem Zweck werden sie von ihren „besten Freunden“ verkleidet und zu
       albernen Spielen gezwungen, sie müssen trinken und sich lächerlich machen.
       Das Sich-lächerlich-Machen ist unverzichtbarer Bestandteil. Warum? Keine
       Ahnung.
       
       ## Die Basics eines JGA
       
       Auch das muss sein. Alle müssen trinken, kotzen, sich lächerlich machen und
       fremde Leute belästigen. Das sind die Basics eines JGA. Das Leben vor der
       Hochzeit war die Freiheit, das Leben danach ist ein Gefängnis. Wenn man das
       so sieht, warum wählt man das dann? Keine Ahnung. Aber es muss irgendwie
       sein. Die schöne Zeit ist zu Ende, die schönere Zeit beginnt. Alles wird
       immer schöner, aber eben auch schlechter, anders geht es nicht.
       
       In Hamburg sind manche Menschen manchmal von diesen JGA-Menschen genervt.
       Es gibt Kneipen, die verbieten ihnen gar den Zutritt. Obwohl sie doch viel
       trinken und also viel zahlen.
       
       Aber ja, sie haben oft etwas Seltsames an sich, diese Junggesellenfreunde.
       Ihr Spaß scheint ihnen bitterernste Pflicht, während der eine oder andere
       vielleicht insgeheim weinen möchte. Diesem Frohsinn wohnt oft etwas
       Verzweifeltes inne, das ist, was ich sehe, in diesen müden, roten
       Gesichtern. Oft ist es alles aber auch nur vollkommen bedeutungslos und ich
       denke, zwinge mich dazu: Sie sind anders als du, aber auch sie dürfen
       glücklich sein. Und dann wünsche ich ihnen das, dass sie glücklich sind
       oder es bald werden. Mit ihren roten Gesichtern und den Pappkartons voller
       kleiner Feiglinge.
       
       18 Jul 2026
       
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