URI: 
       # taz.de -- Wechseljahre mit 30: Beim Gesundheitssystem brennt's
       
       > Die Autorin wurde wegen einer chronischen Krankheit frühzeitig in die
       > Menopause versetzt. Die Symptome sind schwer. Doch von der Arztpraxis
       > gibt es nur Absagen.
       
   IMG Bild: Ohnehin schon gespannt: die gynäkologische Versorgung in Frauenarztpraxen
       
       Meine Ärztin ist so unerreichbar wie viele Träume. Ständig muss ich mir bei
       Anrufen „Für Elise“ anhören, dann werde ich ohne Vorwarnung aus der
       Telefonleitung gekickt. E-Mails gehen verloren wie die Post, nie kommt eine
       Antwort. Also bleibt nur der Weg in die Praxis. Eine Stunde hin, eine
       Stunde zurück. 
       
       An einem Tag vor zwei Monaten nehme ich erst die S-Bahn, dann die U-Bahn,
       den Bus, es ist ein elendiger Weg, einmal quer durch Berlin. Aber ich muss,
       denn mein Körper spielt verrückt. Mein Kopf dröhnt, ich fühle mich wie in
       Watte gepackt, die Gelenke schmerzen, und immer wieder rollt eine Welle
       über mich hinweg. Erst wird mir warm, ich glühe, dann brenne ich. Wie ein
       Fieber, das in Sekunden steigt. 
       
       Der Deutsche Wetterdienst nennt so etwas [1][Hitzewelle]. Meine kommt von
       innen. Ich bin Anfang 30 und wegen Medikamenten gegen meine Endometriose
       unfreiwillig in den künstlichen [2][Wechseljahren]. Seitdem fühlt sich
       jeder Tag ein bisschen an wie Hochsommer. 
       
       Ich stehe also am Empfang meiner Gynäkologin. Hoffe, mit ihr sprechen zu
       können, schließlich hat sie mich in diesen Schlamassel gebracht, sie hat
       mir die Medikamente verschrieben, denke ich kurz. Ein unfairer Gedanke, wie
       ich sofort merke. Ich will Antworten: Sind diese Nebenwirkungen normal?
       Muss ich das Medikament weiternehmen? Gibt es Alternativen?
       
       ## „Halten Sie es aus“
       
       Als ich endlich dran bin, heißt es, die Ärztin sei nicht da. Ich schüttle
       den Kopf und bitte um einen Rückruf. Die Mitarbeiterin nickt und
       verspricht, mein Anliegen weiterzugeben.
       
       Zwei Stunden später klingelt tatsächlich das Telefon. „Die Ärztin lässt
       ausrichten: ‚Da müssen Sie jetzt durch. Halten Sie es aus‘ “, sagt die
       Mitarbeiterin aus der Praxis. – „Kann ich nicht doch kurz mit ihr
       sprechen?“, frage ich. –„Nein, nein, auf keinen Fall“, antwortet die Frau,
       sagt „Toi, toi, toi“ und legt auf.
       
       Tagelang denke ich über diese vier Worte nach. „Halten Sie es aus.“ Ich bin
       wütend, empört. Dabei glaube ich nicht, dass meine Ärztin mich absichtlich
       abgewimmelt hat. Im Gegenteil, sie ist so gefragt, weil sie gut ist auf
       ihrem Feld. Ich bin mir sicher, sie hatte schlicht keine Zeit. 
       
       Als Frau mit chronischen Krankheiten bin ich auf Ärztinnen wie sie
       angewiesen. Seit Jahren merke ich, wie die Versorgung bröckelt. Telefone,
       die niemand abnimmt. Termine Monate, manchmal ein Jahr später. Praxen, die
       längst an ihrer Belastungsgrenze angekommen sind, keine neuen Patientinnen
       aufnehmen können. Einer der häufigsten Sätze, die ich aus dem
       Gesundheitswesen höre, ist: „Bloß nicht krank werden.“ 
       
       ## Gesundheitssystem überlastet
       
       Ausgerechnet jetzt will die Bundesregierung weitere Einsparungen im
       Gesundheitssystem. Der Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte
       warnt, dass die Kürzungen die ohnehin angespannte gynäkologische Versorgung
       noch verschärfen könnten. Wer Frauengesundheit stärken wolle, dürfe die
       Versorgung nicht schwächen, mahnt der Verband.
       
       [3][Endometriose] ist dafür nur ein Beispiel. Es könnten genauso gut
       extreme Regelschmerzen sein, die jahrelang nicht ernst genommen werden.
       Beschwerden nach einer Geburt. Krebsvorsorge. Frauengesundheit wird
       inzwischen häufiger diskutiert. Die Bundesregierung hat sie sich sogar auf
       die Fahnen geschrieben. Das passt schwer zusammen. 
       
       Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto mehr glaube ich, dass er
       nicht nur mir galt. Er beschreibt die Haltung, die Patientinnen viel zu oft
       begegnet – und die mit einem überlasteten Gesundheitssystem eher häufiger
       als seltener werden könnte.
       
       Jede meiner Hitzewellen ebbt irgendwann ab. Auch die Hitze draußen wird
       irgendwann verschwinden. Nur im Gesundheitswesen brennt es weiter. Am Ende
       habe ich übrigens ausgehalten. Glücklich bin ich damit aber nicht.
       
       20 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Hitzewelle-und-Uebersterblichkeit/!6195895
   DIR [2] /Zeichnerin-ueber-Wechseljahre/!6164311
   DIR [3] /Leben-mit-Endometriose/!6137083
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Erica Zingher
       
       ## TAGS
       
   DIR Frauengesundheit
   DIR Menopause
   DIR Kolumne Grauzone
   DIR Gesundheit
   DIR Gesundheitspolitik
   DIR Social-Auswahl
   DIR Gebärmutter
   DIR Kolumne Grauzone
   DIR Menstruation
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Betroffene über Endometriose: „Trink' einfach mehr Cranberrysaft“
       
       Viele Jahre lebte Larissa mit einer chronischen Erkrankung, nur durch
       Zufall wurde ihre Endometriose entdeckt. Heute spricht sie öffentlich
       darüber.
       
   DIR Chronisch kranke Frauen: Wenn Schmerzen bagatellisiert werden
       
       Frauen und Kinder stehen im Gesundheitssystem an hinterster Stelle, sagt
       ein Arzt zu unserer Kolumnistin für diesem Text. Soll das wirklich so
       bleiben?
       
   DIR Medizinische Forschung zur Menstruation: Unterschätztes Blut
       
       Menstruationsblut könnte helfen, Krankheiten besser zu erkennen. Bisher
       blieb das Potenzial ungenutzt. Obwohl erste Ansätze vielversprechend sind.