# taz.de -- Liebe zu Lateinamerika: Das ist nicht nur eine Phase
> Früher war Lateinamerika für unsere Autorin ein exotisierter
> Sehnsuchtsort. Jetzt kehrt sie zurück und erkennt viel Vertrautes. Zeit
> für einen Neustart.
IMG Bild: Blick auf die Stadt San Cristobal de las Casas in Chiapas
Es ist ein seltsames Gefühl, nach Hause zu kommen an einen Ort, an dem man
nie war. Mein Flug landet spät [1][in Chiapas], Mexiko, ich habe rund 20
Stunden Reise hinter mir. Ich bin [2][für die Fußball-WM der Männer] da,
ein bisschen nervös angesichts von fast zwei Monaten [3][mit sehr viel
Recherchearbeit]. Und doch, es fühlt sich vage vertraut an.
Ein Fahrer der Unterkunft holt mich ab, wir reden die ganze Fahrt über
Fußball und das Leben. „Du wirst Chiapas lieben und wiederkommen“, sagt er.
Und ich ignoriere, dass das ein Taxifahrersatz ist, den er vielleicht jedem
sagt. Wir kommen an einer Kirmes vorbei. Ich sage, dass ich Kirmes sehr
liebe. Er nickt enthusiastisch: „Wollen wir hingehen?“ Ich muss lachen. Ich
bin todmüde, also nein, aber mit dem Taxifahrer spontan um Mitternacht aufs
Riesenrad gehen, das ist eines dieser Dinge, die in Deutschland undenkbar
wären. Ein Lateinamerikading. Fremd und vertraut.
In meinen Zwanzigern war ich viel in Lateinamerika unterwegs. Ich war
privilegiert genug, um als Studentin reisen zu können, und die Frage war
nur: Wohin in Lateinamerika? Es war in meinem Milieu der mit Abstand
populärste Kontinent, viele Mitstudent:innen hatten Profilbilder mit
irgendwelchen Kindern in Peru. Und viele hatten lateinamerikanische
Boyfriends, was manchmal sogar hielt, aber meist bloß Abenteuer war.
Lateinamerika war exotischer und erotischer Sehnsuchtsort. Natürlich
[4][war das neokolonial]. Und was für eine absurde Annahme, einen ganzen
Kontinent mit seinen Sprachen und Traditionen als einen Ort zu betrachten.
Irgendwann war ich damit durch. Ich war müde von Hostels und Partys und der
Crowd mit Dreadlocks und Yogapants. Südamerika, dachte ich, war eben eine
Phase. Aber so einfach ist es nicht. Man kann einer Liebe entwachsen, aber
was tut man, wenn sie wieder vor einem steht?
Ich wohne in Tuxtla Gutiérrez, einer Stadt mit einer so uncharmanten
Mischung aus Fast-Food-Läden und Neubauten, wie ich es nur von
lateinamerikanischen Hauptstädten kenne. Und Erinnerungen kommen hoch. Ich
[5][reise nach San Cristóbal de las Casas], pittoresk und touristisch mit
bunten Häusern, indigener Kultur und Straßenmärkten voller schreiender
Händler:innen. Wieder ist vieles vertraut. Ich trinke Horchata, eine Art
Reismilch, esse Reis mit Bohnen, höre den weichen Akzent.
Chiapas ist etwas Neues und Eigenes, aber auch ein Flickenteppich aus
Erinnerungen. Und ich schätze, ich werde noch mal wiederkommen. Der
Taxifahrer und ich schreiben uns bis heute. Damals hatte ich keine lokalen
Freund:innen, es interessierte mich nicht. Was, wenn man die Chance
bekommt, mit einer alten Liebe besser umzugehen?
18 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Alina Schwermer
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