# taz.de -- Fundsachen im Hamburger Seemannsheim: Seemann, kommt nie wieder
> Im Seemannsheim lagern Koffer und Kisten, die Seeleute zurückgelassen
> haben. Was davon erwartbar nicht mehr abgeholt wird, kommt unter den
> Hammer.
IMG Bild: … und zum Dritten: Seemannsmission-Geschäftsführer Felix Tolle versteigert den zurückgelassenen Koffer eines Seemanns
Zu finden ist das Hamburger Seemannsheim auch für Landratten leicht.
„Schräg gegenüber vom Michel“ lautet die Anfahrtsbeschreibung, also schräg
gegenüber von Hamburgs berühmtester Kirche, da steht ein nüchternes Gebäude
aus rotem Backstein, gebaut 1959. Über eine Treppe geht es hoch in die Bar:
Dort gibt es Holzstühle mit dunkelroten Polstern, die Lampen hängen an
einem Tau, es gibt Brettspiele und einen Billard- und einen Kickertisch –
weil Billard und Kicker die Spiele sind, die man auf hoher See nicht
spielen kann. An der Wand hängt das Relief einer Weltkarte mit Uhren für
die jeweiligen Zeitzonen. Die Zeiger sind stehen geblieben. Das
Seemannsheim ist ein Ort der Ruhe.
An diesem Vormittag aber drängeln sich zahlreiche Journalist*innen mit
Mikrofonen und Kameras durch das Heim. In der Bar ist ein Klapptisch
aufgebaut, dahinter steht Heimleiter Felix Tolle und wuchtet alte Koffer
und Kisten auf den Tisch. Es sind die Koffer und Kisten von Seeleuten, die
diese zurückgelassen und nicht mehr abgeholt haben. Nun werden sie
versteigert: „Wir fangen an mit 10 Euro. Wer bietet 10 Euro für diesen
Koffer?“
Die Koffer sind alle um die zehn Jahre alt, so lange warten Tolle und sein
Team, ob der Besitzer doch nochmal kommt. Vor der Versteigerung werden die
Koffer und Kisten kurz inspiziert auf persönliche Dokumente – Pässe,
Tagebücher, Geburtsurkunden, Dinge dieser Art hält das Heim zurück. Alles
andere kommt nach dem Prinzip Wundertüte unter den Hammer – wer einen
Koffer ersteigert weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was drin ist.
Gekommen sind neben den Journalist*innen eine Berufsschulklasse und
Angestellte aus dem Haus, ein breiteres Publikum hat die Terminankündigung
nicht erreicht. Rund 25 Koffer und Kisten stehen zur Versteigerung. Wobei
man sagen muss: Es handelt sich um Alltagskoffer, keine Seesäcke. Außerdem
handelt es sich um Kartons und keine Seemannskisten. Eine Ahnung entsteht,
dass in diesen Behältnissen keine Schlangenhäute, Schatzkarten oder
Südseeperlen sind. Aber was dann?
Von den Koffern und Kartons gehen nicht alle weg – und die, die weggehen,
bleiben oft beim Mindestgebot. Auch die taz ersteigert einen Karton,
gefüllt mit harten Gegenständen, es rumpelt schwer, wenn man ihn schüttelt.
Im Nebenraum packen die ersten neuen Besitzer*innen bereits aus, die
Reporter*innen drumherum halten mit Mikros und Kameras drauf. Und, was
ist es? Nur irgendwelche Klamotten? Nein, es sind alte, aufwändig designte
Blechdosen. Wertvoll? Für Sammler*innen bestimmt.
## Kofferweise Seemannssachen
Und dann geht es Schlag auf Schlag: Lampen, Feuerzeuge, ein Laptop,
Werkzeug, Geschirr, eine Zahnbürste. Oft auch nur Hemden, Schals, Hosen,
darunter dann aber ein Ordner mit Gehaltszetteln. Werthaltiges mischt sich
mit Wertlosem. Der Karton der taz enthält neben Spielzeugautos ein
ledergebundenes Tagebuch ohne Eintrag und eine umfangreiche
Küchenmessersammlung.
Ein Grund dafür, dass die Koffer eher Alltagsgegenstände als Souvenirs
enthalten, liegt in der [1][Veränderung der Seefahrt] selbst. Die Seeleute
[2][arbeiten heute auf Containerschiffen], die mit möglichst kleiner
Besatzung möglichst schnell ihre Aufträge abarbeiten. Die Liegezeiten in
den Häfen werden [3][immer kürzer.] Es bleibt also keine Zeit für Einkäufe.
Von der vermutlich oft [4][schmalen Heuer] ganz zu schweigen.
Für das [5][Seemannsheim] ist die Versteigerung eine Möglichkeit,
Aufmerksamkeit zu schaffen: Das Gebäude braucht dringend eine Sanierung,
die Elektronik ist marode, mitunter versetzt ein alter Fön das ganze Haus
in Dunkelheit. Spenden müssen her zur Finanzierung. Außerdem nimmt man
längst nicht nur Seeleute auf, sondern auch Touristen, die sich mit einer
Übernachtung im Seemannsheim den authentischen Kick geben, bevor sie ihr
Konzert in der [6][Elbphilharmonie] besuchen.
Der Erlös der Versteigerung kommt dem Heim zu Gute. In zwei Jahren ist die
nächste Versteigerung geplant. Über 200 Koffer lagern noch im Keller.
18 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Arbeitsbedingungen-auf-Containerschiffen/!5892748
DIR [2] /Alltag-auf-einem-Containerschiff/!5821280
DIR [3] /Abegail-Fortich-ueber-das-Leben-der-Seeleute/!5043538
DIR [4] /Gewerkschaft-fuerchtet-Lohndumping/!5976052
DIR [5] https://www.seemannsheim.hamburg/
DIR [6] /Abegail-Fortich-ueber-das-Leben-der-Seeleute/!5043538
## AUTOREN
DIR Klaus Irler
## TAGS
DIR Hamburg
DIR Schifffahrt
DIR Containerschifffahrt
DIR Koffer
DIR Versteigerung
DIR Kolumne Großraumdisco
DIR Schwerpunkt Stadtland
DIR Lesestück Recherche und Reportage
DIR Ausbeutung
DIR Hamburg
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Arbeitsbedingungen auf Containerschiffen: „Ozeane gleichen dem Wilden Westen“
Auf vielen Schiffen herrschen miserable Arbeitsbedingungen.
Hafen-Kontrollen der Gewerkschaften sollen das ändern. Die taz ist mit an
Bord gegangen.
DIR Psychologe über die Sorgen auf See: „Ich wurde zur Unperson“
Hans-Joachim Jensen ist früher selbst zur See gefahren. Später hat er sich
als Psychologe für bessere Arbeitsbedingungen der Seefahrer eingesetzt.
DIR Seemannsdiakon über Krisenbewältigung: „Oft sitzen wir erst mal nur da“
Seemannsdiakon Dirk Obermann koordiniert die Hamburger Notfallbetreuung für
Seeleute. Nach Unglücken geht er an Bord.