# taz.de -- Gewerkschaftlerin über Solidarität: „Viele Kollegen wussten nichts von unseren Problemen“
> Irina Vavitsa kam 1971 nach Deutschland, zwei Jahre später organisierte
> sie ihren ersten Streik. Inzwischen, sagt sie, ist Lippstadt ihre Heimat
> geworden.
IMG Bild: Sie kennt genug Gründe, auch mit Mitte Siebzig bei der IG Metall aktiv zu sein: Irina Vavitsa
taz: Frau Vavitsa, Sie haben in den 70er Jahren mit anderen
Gastarbeiter*innen einen spontanen Streik bei ihrem Arbeitgeber, dem
Autozulieferer Hella in Lippstadt, organisiert, weil nur die deutschen
Kolleg*innen eine Lohnerhöhung bekommen hatten. Wie war das, dort damals
auf der Straße zu stehen und für die eigenen Rechte zu kämpfen?
Irina Vavitsa: Wir haben gejubelt, vier Tage lang. Wir haben so viele
Menschen auf unsere Seite geholt. Viele Kollegen aus dem Betrieb oder
Menschen in der Stadt wussten nichts von unseren Problemen. Aber als die
erfahren haben, um was es ging, waren die alle auf unserer Seite. Ich
glaube, unser Streik hat Erfolg gehabt, weil wir auch viel Solidarität von
außen gekriegt haben, von anderen Kollegen aus dem Ruhrgebiet, aus anderen
Werken.
taz: Welche Bedeutung hatte dieser Streik politisch?
Vavitsa: Das waren mehr als 350 Streiks, [1][die Migranten fast allein
organisiert haben]. Wir haben gezeigt, dass wir in der Lage sind, für
unsere Rechte zu kämpfen. Die Arbeitgeber brauchten Arbeitskräfte und haben
uns geholt – mit dem Hintergedanken, solange wir Arbeit haben, sollen wir
hier bleiben. Wenn der Arbeitgeber keine Arbeit mehr hat, was auch später
oft in wirtschaftlichen Krisen der Fall war, dann sollen wir wieder
zurückgehen. So haben die gedacht. Das ist traurig.
taz: Was hat dieses „[2][Gastarbeiter]“-Sein für Sie bedeutet?
Vavitsa: Wir haben ein provisorisches Leben gehabt. Wir waren nicht richtig
hier. Und wir waren nicht richtig in unseren Heimatländern. Es gab
Wohnungsnot. Es war schwierig, eine private Wohnung zu finden. Wir haben in
Barackenwohnheimen gewohnt, in denen zur NS-Zeit auch Zwangsarbeiter bei
Hella gewohnt haben. Die Politik hat nie darüber nachgedacht, dass wir
junge Leute sind und wir auch Kinder kriegen werden. Deswegen gab es auch
keine Kinderbetreuung. Wir haben unsere Kinder „Kofferkinder“ genannt.
taz: Was meinen Sie mit „Kofferkinder“?
Vavitsa: Zwei Monate nach der Geburt musste ich wieder arbeiten. Mein Kind
ist nach Griechenland zu seinen Großeltern. Meine Mutter konnte mit den
Kindern für vier oder fünf Wochen nach Deutschland kommen, dann musste sie
wieder weg. Sie durfte nicht lang hierbleiben, denn sie war als Touristin
hier. Irgendwann hat mein Mann in der Nachtschicht gearbeitet, damit wir
uns um unsere Kinder kümmern konnten, weil die eine zur Schule musste und
die anderen zwei waren noch klein. Von drei Kindern haben wir nur für eins
einen Kindergartenplatz gekriegt. Später durfte meine Mutter hierherziehen
und uns helfen. Dieses Trauma, das unsere Kinder erlebt haben, das kann man
nie wiedergutmachen. Vieles war schlimm und traurig. Aber Kinder von Eltern
zu trennen, es gibt nichts Schlimmeres. Das war die schlimmste Zeit für
mich, von meinen Kindern getrennt zu sein.
taz: Für westdeutsche Verhältnisse war es ja auch eher ungewöhnlich, dass
eine Frau Kinder hat und berufstätig ist.
Vavitsa: Viele konnten das nicht akzeptieren, dass eine verheiratete Frau
mit drei Kindern noch arbeitet und politisch aktiv ist. Für mich war es
wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen, zu arbeiten und unabhängig von einem
Mann zu sein. Das hat nichts mit Liebe zu tun. Ich wollte unabhängig sein,
weil ich ganz genau weiß, was Frauen alles durchmachen müssen aus
wirtschaftlichen Gründen. Als ich damals in der griechischen Gemeinde für
den Vorstand kandidiert habe, haben die gefragt, ob ich zu Hause nichts zu
tun hätte. Die Meinung war, ich wäre entweder zu jung für die Politik oder
ich müsste als Frau anderes zu tun haben.
taz: Wieso hatten Sie und Ihr Mann da so andere Vorstellungen?
Vavitsa: Ich habe einen Mann, der politisch so wie ich eingestellt war. Der
ist auch in der ehemaligen Sowjetunion aufgewachsen. Und er hat viel
Respekt gehabt für Frauen. Also für uns war selbstverständlich, dass die
Frau die gleichen Rechte wie der Mann hat.
taz: War er auch politisch aktiv?
Vavitsa: Mein Mann war auch IG Metaller. Sein ganzes Leben. Wir mussten
damals entscheiden, wer aktiver ist. Er war mein bester Berater, mein
Kumpel, mein bester Mann. Arbeit, drei Kinder, als normaler Mensch schaffst
du es nicht. Er hat die Kinder abgeholt, den Haushalt gemacht. Es meinte
mal jemand zu mir: „Dein Mann ist ein seltenes Exemplar.“ Ohne ihn hätte
ich das nicht geschafft.
taz: Welchen Einfluss hatte Ihre Familie auf Ihre Politisierung?
Vavitsa: Meine Eltern waren Widerstandskämpfer und sind als politisch
Verfolgte in die Sowjetunion gegangen. Ich bin da geboren, also habe ich
damals als Kind, als Jugendliche das sowjetische Regime erlebt. Wir haben
ein schönes Leben gehabt in der ehemaligen Sowjetunion. Dann kamen wir 1965
zurück nach Griechenland. Kurz danach kam aber die Militärdiktatur. Meine
Eltern waren wieder verfolgt. Wir haben keine Papiere gehabt. Mein Vater
war öfter im Gefängnis.
taz: Wieso sind Sie denn zurück nach Griechenland gegangen?
Vavitsa: Meine Eltern durften wieder zurück. Es gab eine Amnestie, aber das
war ein Bluff. Die wollten die alten Partisanen wieder zurückholen und
bestrafen. Dann haben die uns auch richtig bestraft, ich durfte nicht zur
Schule, ich durfte nicht studieren, wir durften überhaupt nichts. Hätte ich
jetzt nicht einen Griechen geheiratet, weiß ich auch nicht. Dadurch habe
ich die griechische Staatsbürgerschaft bekommen und wir konnten 1971
[3][mit dem Anwerbeabkommen] nach Deutschland.
taz: Wie war das, in Deutschland anzukommen?
Vavitsa: Nach Erzählung von unseren Verwandten, die schon vorher hier
lebten, war Deutschland ein Paradiesland. Klar. Unser Dorf in Griechenland
war fast leer, zerstörte Häuser nach dem Zweiten Weltkrieg. Junge Menschen
sind alle ins Ausland gegangen. Die meisten nach Deutschland, einige in
andere Länder Europas, nach Kanada oder in die USA. Für die Menschen aus
unserem Dorf, aus vielen Dörfern Griechenlands, war das ein besseres Leben
hier, weil du in einer Fabrik arbeiten konntest. Du warst nicht draußen im
Winter, um auf Vieh aufzupassen. Für meinen Mann und mich war das aber kein
Paradiesland.
taz: Wieso war das für Sie anders?
Vavitsa: Wir wussten schon, was es bedeutet, wenn eine Fabrik verstaatlicht
ist oder dem Unternehmer gehört. In der Sowjetunion war Arbeitslosigkeit
ein unbekanntes Wort. Alle Menschen waren krankenversichert. Keiner war
obdachlos. Es war jetzt auch kein Luxusleben dort, aber Bus und Bahn waren
ziemlich günstig. Das war schon anders. Also wir kannten den Unterschied
zwischen zwei Systemen. Zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Und wir
waren froh, hier zu sein. Aber wir waren auch so ein bisschen enttäuscht.
taz: Sie waren sehr politisiert. Wie war das bei den anderen im Betrieb,
wie haben sie sich zusammengeschlossen?
Vavitsa: Viele Menschen waren unpolitisch. Das Klassenbewusstsein von zwei
Klassen, den Arbeitgebern und Arbeitern, war nicht da. Der Dolmetscher im
Betrieb sagte zu uns: „Du kriegst weniger, aber sei froh, dass du hier
arbeiten darfst.“ Und ich habe immer wieder zu meinen Kollegen gesagt: „Ich
kann ohne Arbeitgeber. Der Arbeitgeber kann nicht ohne uns.“ Viele Kollegen
haben es nicht verstanden. Aber wenn du jahrelang zusammen am gleichen Band
arbeitest, die gleiche Arbeit und die gleichen Stunden machst und wir dann
aber unterschiedliche Löhne kriegen … Am Ende konnten wir uns von unserem
Geld nicht mal einen Kassettenrekorder leisten. Es wurde Miete abgezogen.
Dann hattest du noch Familie in deinem Heimatland, die du noch unterstützt,
und viele hatten zwei, drei Kinder. Diese Ungerechtigkeit hatten wir satt.
Wir wollten schon ein besseres Leben, aber nicht als Sklaven. Es gab zwar
eine Sprachbarriere, aber wir wussten schon, was Sklave bedeutet. Das war
die gemeinsame Sprache. Also das Wort „Sklave“ war jeden Tag auf der
Tagesordnung.
taz: Wie haben Sie damals den Rassismus im Betrieb erlebt?
Vavitsa: Da war ein älterer Kollege im Betrieb. Er hat über eine junge
griechische Kollegin von mir geschimpft und als ich ihn darauf angesprochen
habe, ich konnte ein wenig Schuldeutsch, da hat er gesagt: „Ich hasse alle
Kretaner.“ Dann habe ich ihn gefragt, warum er mit mir schimpfe. Er sagte,
dass er Russen noch mehr hasse. Wir haben keine sozialen Räume gehabt. In
der Pause haben wir alle, also Spanier, Italiener, alle Kollegen, uns neben
das Fließband auf Pappe gesetzt und gegessen. Der ältere Kollege kam immer
vorbei, hat geguckt, was wir gegessen haben und direkt vor unsere Nase
gespuckt. An einem Tag hatte ich Oliven dabei und dann fragte er: „Irene,
darf ich probieren, was ist denn das?“ Ich habe ihm eine Olive gegeben. Er
hat sich die in den Mund gesteckt, gespuckt und gesagt: „Wie kann man
solche Scheiße essen?“ Meine spanischen Kollegen haben immer gesagt, dass
die Deutschen keine Kultur haben. Dann habe ich denen gesagt: „Doch, die
Deutschen haben Kultur“ und Brecht, Bach und Beethoven erwähnt. Den
Rassismus damals haben viele ganz anders wahrgenommen.
taz: Und heute?
Vavitsa: Also strukturelle Diskriminierung gibt es immer noch im Betrieb.
Zuerst werden Deutsche eingestellt und dann ausländische Kollegen, auch
wenn beide die gleiche Qualifikation haben. Ein deutscher Kollege wird
höher entlohnt. Über die gewerkschaftlichen Strukturen im Betrieb können
wir da was machen. Aber der Arbeitgeber findet immer wieder was. Oder der
Betriebsrat hat zum Beispiel ein Mitbestimmungsrecht, und bei einer
Anstellung von ausländischen Kollegen, obwohl er Deutsch spricht und
hochqualifiziert ist, gibt es Enthaltungen oder Stimmen dagegen. Also die
sind immer noch der Meinung, Arbeitsplätze erst mal den Deutschen. Es
braucht einen starken Betriebsrat mit politischem Bewusstsein. Ein Mensch
wird bestraft, weil er nicht Schmidt oder Meier heißt, weil er dunkle
Hautfarbe hat, weil er eine andere Sprache spricht. Das ist ungerecht.
taz: Fühlen Sie sich mittlerweile hier angekommen?
Vavitsa: Viele glauben das vielleicht nicht, aber für mich ist Lippstadt
meine neue Heimat geworden. Ich habe zwar ein Haus in Griechenland und
Verwandte dort. Aber meine Freunde sind in Lippstadt. Die Jahre in
Griechenland, das war die schlimmere Zeit. Ich habe keine schöne Erinnerung
an Griechenland. Ich habe die Militärdiktatur erlebt, dann habe ich meine
Kinder dort gelassen. Wenn ich an Griechenland denke, tut das immer so in
der Seele weh. Es ist ein schönes Land, um Urlaub zu machen. Aber es tut
mir weh, was dort politisch passiert.
taz: Was bedeutet die Gewerkschaft heute für Sie?
Vavitsa: Die IG Metall für mich ist alles. Die IG Metall war da, als ich
sie brauchte. Nicht ganz am Anfang, aber danach. Als Gewerkschaften klar
geworden ist, dass sie uns nicht ausschließen dürfen.
taz: Wie sieht die Gewerkschaftsarbeit für Sie aus?
Vavitsa: Wir machen die Vorschläge ganz unten an der Basis. Die Vorschläge
gehen nach oben und von oben kommen wieder die Entscheidungen runter. Wir
diskutieren. Wir als ältere Kollegen unterstützen auch die Jüngeren bei
Streiks, beim Flugblätter verteilen. Bei Demos gegen Rechtspopulismus sind
wir auch dabei.
taz: Haben Sie sich jemals allein gefühlt?
Vavitsa: Allein war ich nie. Mein Mann war immer da. Und jetzt, wo mein
Mann nicht mehr da ist, sind meine Kinder da und meine Freunde sind da.
Also in diesen schwierigen Zeiten, als mein Mann gestorben ist, waren zwar
meine Kinder da, aber die hatten die gleichen Schmerzen wie ich. Da konnten
mich die Kollegen von der IG Metall besser trösten. Und dann war ich
unterwegs mit der IG Metall und das konnte mich ablenken. Ich war nicht
ständig in dieser Trauer. Wenn ich zu Hause sitze und weine, bringt das
meinen Mann nicht wieder zurück. Aber wenn ich was Gutes tue, das hilft
auch vielen anderen Menschen.
taz: Sie sind jetzt 76, wieso genießen Sie nicht Ihre Rente?
Vavitsa: Wenn es Frieden auf der Erde gäbe, wenn alle Menschen
gleichgestellt wären und jeder Mensch eine Chance kriegen könnte, das zu
werden, was er sich wünscht, dann würde ich sagen: ich genieße es jetzt.
Ich setze mich in den Garten in die schöne Sonne. Aber so ist es nicht. Wir
haben überall Krieg. Warum wird so viel Geld ausgegeben für die Kriege?
Weil die einen daran verdienen, aber nicht wir. Es gibt noch viel
Ungerechtigkeit. Die AfD mit ihrer „Remigration“, [4][das macht mir schon
große Angst]. In Hanau wurden junge Menschen mit Migrationshintergrund
umgebracht. Also willst du jetzt noch zu Hause bleiben und deine Rente
genießen? Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren.
20 Jul 2026
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