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       # taz.de -- Eine persönliche WM-Bilanz: Einem XXL-Turnier auf der Spur
       
       > Diese WM war unglaublich vielschichtig. Unsere Autorin berichtet, welche
       > Eindrücke sie auf ihrem Roadtrip von Südmexiko bis nach New York
       > gesammelt hat.
       
   IMG Bild: In Mexiko war die Fußballbegeisterung am intensivsten zu erleben
       
       Nie wieder war die WM so groß wie in diesem Moment: als der Bus sich vom
       Stadion in Guadalajara Richtung Innenstadt durchkämpfte und Stunden
       brauchte, weil jede Kreuzung voll feiernder Mexikaner:innen war.
       Mexiko hatte gerade gegen Südkorea vorzeitig die K.-o.-Phase erreicht. Ganz
       Guadalajara war in der Nacht in Grün gekleidet, die Party ging bis in die
       Früh. Autokorsos legten die Innenstadt lahm, Fans im Bus und außerhalb
       dichteten spontane Gesänge, Menschenmassen versuchten erfolglos, den Bus
       umzuschubsen.
       
       Manchmal war diese kollektive Energie furchteinflößend, bei anderen solchen
       Szenen in Mexiko starben mehrere Menschen. Kollegen bei der WM waren
       neidisch auf solche Erlebnisse. Unter Journalist:innen galt es als
       Privileg, beim Turnier überhaupt mal in Mexiko zu sein – dort, wo das Herz
       der WM schlug – statt in den USA, wo man in den Downtowns bisweilen lange
       nach Fußball suchen musste und die größte Begeisterung von angereisten
       Südamerikaner:innen kam.
       
       Ich durfte die WM anders erleben als viele. Mein Turnier war ein Roadtrip.
       Rund 4.000 Kilometer [1][vom südmexikanischen Chiapas] bis nach Kansas City
       in den USA habe ich nur im Bus zurückgelegt, bis auf einen Flug über die
       Grenze. Es ging durch die Gastgeberstädte Mexiko City und Guadalajara,
       Monterrey und Houston, Dallas und Kansas City und zusätzlich für Recherchen
       nach Tuxtla Gutiérrez, Morelia und San Cristóbal de las Casas. Ich hatte
       anfangs Respekt davor. Ich mag lange Reisen und schräge Ideen. Aber fast
       zwei Monate lang oft zwölf- bis zwanzigstündige Busfahrten, dazu fast
       täglich liefern – würde das funktionieren? Tat es.
       
       Das Motiv dahinter war gewesen, die WM klimafreundlicher zu begleiten und
       anders zu erzählen. Aber die entschleunigte und wörtlich bodenständigere
       Art erwies sich auch als viel entspannter im Vergleich zur Rumfliegerei
       anderer Medien. Kollegen berichteten mir, sie seien völlig erschöpft von
       den Flügen und zig Spielen. Sie hatten schon mittendrin keinen Bock mehr
       auf das Mammutturnier. Ich hätte dagegen gut weitermachen können. Warum
       nicht im Bus bis zur Ostküste?
       
       ## Andere Möglichkeiten der Begegnung
       
       [2][Dank des Roadtrips] und des limitierten Budgets, in Vororten statt
       Glamourhotels übernachtend, kam ich überall mit Menschen ins Gespräch. Wie
       sich die WM anfühlte und welche Themen diskutiert wurden, das ließ sich
       erst so erleben. In Mexiko waren die größten Gefühle wohl die Liebe und der
       Frust. Liebe zum Fußball, Frust wegen der Fifa. Unendlich viele Menschen
       haben mir erzählt, dass sie so gern zum Turnier gegangen wären, sich aber
       kein Ticket hätten leisten können. „Das ist ein Turnier für die Bonzen“,
       sagte eine Gastgeberin. „Die richtige Party findet woanders statt.“ Die
       Fanfeste der Fifa wurden eine Stadionminiatur für alle, für die das Stadion
       unerreichbar war.
       
       Nirgendwo waren die Gefühle zur WM so durchwachsen wie in Mexiko.
       Gentrifizierung, Umweltzerstörung, Ablenkung von innenpolitischen Problemen
       wie dem der Verschwundenen, der Kartelle oder des unterfinanzierten
       Bildungssystems – vor allem Mexiko City war ein Hort des Protests.
       
       Dabei waren viele Protestierende nicht per se gegen die WM. Für sie war der
       Fußball eine Bühne für ihre Forderungen. Mancher trug sogar [3][im
       Protestcamp] stolz das Mexikoshirt. Es waren auch diese Brüche, die den
       Aufenthalt spannend machten. Dass das in den USA anders war, lag nicht an
       fehlenden Themen, sondern an fehlender Fußballzivilgesellschaft. Wen würde
       interessieren, wenn jemand gegen Soccer demonstriert? Am eindrücklichsten
       für mich war, unter welchen Bedingungen viele Aktivist:innen kämpften.
       Ob bei Recherchen zur mörderischen internationalen Rohstoffgier in Chiapas
       oder zum Leben unter Kartellherrschaft, [4][zum illegal im
       Wasserschutzgebiet gebauten Stadion in Guadalajara] oder [5][zu US-Giftmüll
       und seinen Folgen in Monterrey] – oft musste mit Aktivist:innen penibel
       jedes Wort im Zitat abgesprochen werden, weil sie ein tödliches Risiko
       eingehen. Ein krasses Land in vielerlei Hinsicht.
       
       Mit welcher Hartnäckigkeit sie weitermachen und wie viel von ihrer knappen
       Zeit sie zu geben bereit waren, das war umwerfend. Ein Interview führte ich
       nach Dienstschluss des Protagonisten nachts in der Notaufnahme eines
       Krankenhauses. Sehr zur Skepsis seiner Vorgesetzten, die insistierten, das
       Krankenhaus dürfe nicht vorkommen. Bloß nicht reingezogen werden in
       Politik. Und es tat mir weh, wie viele Hoffnungen manche in die Texte
       setzten. Ein Mann, der unter Kartellherrschaft in Chiapas lebt, sagte, die
       Reportage sei seine einzige Hoffnung, dass die Regierung vielleicht was
       unternimmt, um den Bewohner:innen zu helfen. Ich brachte es nicht über
       mich, ihm zu sagen, dass es Mexikos Regierung wahrscheinlich egal ist, was
       in der taz steht.
       
       ## So viel Liebe
       
       Zugleich war da so viel Liebe für das mexikanische Team und vor allem für
       Supertalent Gilberto Mora, den viele el niño, das Kind, nannten. Trotz
       aller Wut – das Team wurde auf Händen getragen. Außerhalb der Spieltage
       liefen halbe Städte im Trikot rum, in jedem Kiosk ließ man auf dem
       Fernseher die WM laufen. Ja, so allgegenwärtig wie hier war die WM nie
       wieder. Und bei allen Übeln hinterließ sie auch Positives, zum Beispiel die
       Werbung für indigenen Sport. Die Partie eines indigenen Hockeyspiels mit
       brennendem Ball beim Team Waldeulen in Morelia bleibt mir unvergesslich.
       Was soll ich sagen, einen zischenden Feuerball zu schießen, ist ziemlich
       spektakulär. Und bei so viel engagierter Gesellschaft gab es viele gute
       Ideen zu bestaunen, [6][etwa bei den Utopías in Mexiko City] zu kostenlosem
       Sport.
       
       Wer mit dem Bus fährt, erlebt, wie konstruiert die Idee einer Nation ist.
       Das indigen geprägte Chiapas und der kosmopolitische Chic von Mexiko City
       wirkten wie zwei Welten. Monterrey war halb US-amerikanisch vom Einfluss
       der US-Großkonzerne, Texas halb mexikanisch vom Einfluss der Migrant:innen.
       Dallas mit seinen riesigen lateinamerikanischen Vierteln, in denen man
       lebt, einkauft und die Freizeit verbringt wie in Mexiko, war ein völlig
       anderes Land als die menschenleere Vorstadtöde von Kansas City oder das
       Berliner Flair von Philadelphia und New York. Im Flieger sieht man diese
       Übergänge nicht.
       
       Sobald ich die USA erreichte, nahm die WM eine ganz andere Rolle ein.
       Suchen musste man sie hier, denn in aller Regel gab es nur den
       kommerziellen WM-Schmuck. Die Fanmassen verliefen sich in den Städten, die
       nur auf Autoverkehr ausgelegt sind. Es ging hier nicht um Liebe und Frust,
       sondern um eine Frage: Wird Soccer jetzt richtig Fuß fassen? Auf endlos
       vielen Uber-Fahrten – der ÖPNV hatte Dorftaktung oder war inexistent –
       sprach ich mit Fahrern über ihre WM-Erfahrungen. Wie oft hörte ich: „Ich
       habe zum ersten Mal so richtig Fußball geguckt, und jetzt bin ich voll
       drin.“ Viele waren ehrlich interessiert. Manche fuhren nur deshalb
       hobbymäßig Uber, um mal mit Fans aus aller Welt zu sprechen. Aber wirklich
       über die WM oder die Fifa diskutieren ließ sich nur mit Latinx oder
       Eingewanderten.
       
       [7][Wie beim Dallas Texans Soccer Club], von einem Iraner gegründet. Einem
       Machertyp, der seinen Angestellten anrief mit den Worten: „Hier ist eine
       deutsche Journalistin, die noch jemanden sprechen will, und ich habe dich
       ausgewählt. Ich hab dir ja gesagt: Halt dich an mich, und du wirst
       berühmt.“ Ein bisschen augenzwinkernd war das, aber vielleicht nicht ganz.
       Ob Soccer in den USA nun groß wird, darüber gab es geteilte Meinungen.
       
       ## Überwältigende Freundlichkeit
       
       Für manche war die WM der große Durchbruch, für andere blieb Soccer
       Kindersport. Und oft begannen Gesprächspartner mit: „Ich gucke eigentlich
       Football, Baseball, Basketball, aber …“ [8][Diskussionen über Trump oder
       Balogun] führte ich hier nicht. In Mexiko empörten sich Menschen über ihre
       Regierung, über Trump, über die Diskriminierung [9][des somalischen
       Schiedsrichters Omar Artan], der nicht in die USA einreisen durfte. In den
       USA mieden sie Politik penibel. Die Nettigkeit von US-Amerikaner:innen war
       überwältigend, sie waren viel kontaktfreudiger als die Leute in Mexiko,
       aber bald war ich auch etwas erschöpft vom ewigen Small Talk. Engagiert
       waren viele hier, aber eher karitativ als politisch.
       
       Nur ein Einwanderer aus Kenia warf einen kritischen Halbsatz zur
       US-Regierung hin, ein anderer Uber-Fahrer sagte, er sei genervt „von der
       Polarisierung zwischen rechts und links“. Vielleicht etwas wild,
       US-Demokraten als links zu bezeichnen. Seine Tochter hätte unbedingt ins
       Stadion gewollt, sagte der Mann noch, aber selbst 600 Euro pro Ticket, das
       hätte er nicht bezahlen können. Ein ugandischkanadischer Mann war extra für
       die WM angereist und wollte spontan ein Ticket kaufen, aber er war zu spät
       dran, als die Preise schon bei 2.000 Dollar lagen. Er ging dann zum
       Fanfest. Nein, auch hier war es keine WM für alle. Bei einem Besuch in
       Obdachlosencamps lernte ich eine Parallelwelt in Stadionnähe kennen, in der
       das Turnier keine Rolle spielte. Und von palästinensischen
       US-Amerikaner:innen lernte ich, wie viel einigen die WM als Plattform
       [10][der Solidarität für Palästina] bedeutete, wieder ein anderes
       Engagiertsein.
       
       Ja, es war ein unglaublich vielschichtiges Turnier. Auch, was die Rolle der
       Fifa angeht. In Mexiko war Fifa ein Synonym für Gier und Korruption. In den
       USA dagegen fragten viele Menschen angesichts meiner Akkreditierung am Hals
       begeistert: „Arbeitest du für die Fifa?“ Ich musste sie enttäuschen.
       
       Für große Fußballstimmung im Land sorgten vor allem die Gästefans. Fast
       70.000 singende Argentinier:innen in Kansas City – auch das wird mir
       in Erinnerung bleiben. Für viele angereiste Fans, mit denen ich sprach, war
       das Turnier einer der größten Momente in ihrem Leben. Trotz Fifa. Trotz
       allem.
       
       18 Jul 2026
       
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