# taz.de -- Streit zwischen Polen und Ukraine: Frischer Konflikt mit alten Wurzeln
> Ausgerechnet jetzt müssen Polen und die Ukraine miteinander streiten.
> Grund ist die unterschiedliche Perspektive auf über 80 Jahre alte
> Ereignisse.
IMG Bild: Die polnische Regierung unter Donald Tusk ist vielmehr bestrebt, den Konflikt zu mäßigen
In den letzten Wochen hat sich eine der schwersten Krisen in den
polnisch-ukrainischen Beziehungen entwickelt – und dies nicht über
gegenwärtige, sondern über historische Fragen. Sie begann Ende Mai damit,
dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einer militärischen
Spezialeinheit den Beinamen [1][„Helden der UPA“] verlieh, was in Polen als
Provokation empfunden wurde. Die Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) wird dort
vor allem in Verbindung mit dem brutalen Massenmord 1943 an mehreren
zehntausend Polen in Wolhynien, einer Region in der heutigen Westukraine,
erinnert.
Was Selenskyj dennoch zu der späten Ehrung veranlasst, ist die Tatsache,
dass seine Landsleute die UPA in erster Linie als Teil des ukrainischen
Unabhängigkeitskampfs betrachten. Die Partisanen kämpften seit Anfang 1943
nicht nur gegen die Soldaten aus Nazideutschland, sondern vor allem gegen
die erneute sowjetische Besetzung der Westukraine im Jahr 1944.
Im Zuge des Eklats entzog der polnische Präsident Karol [2][Nawrocki
Selenskyj den polnischen Orden] des Weißen Adlers, der ihm von seinem
Amtsvorgänger Vorgänger Andrzej Duda erst drei Jahre zuvor verliehen worden
war. Selenskyj und weiten Teilen der ukrainischen Öffentlichkeit erschien
dies wiederum als Ausdruck fehlenden Respekts und mangelnder Anerkennung
für die enormen Leistungen, Leiden und Opfer der Ukraine im Krieg gegen
Russland, [3][von denen nicht zuletzt Polen profitieren würde.]
[4][Selenskyj] reagierte wenig beschwichtigend und schickte seinen Orden
per Post zurück nach Warschau. Viele ukrainische Politiker, darunter auch
die ehemaligen Präsidenten, folgten seinem Beispiel. Zusätzlichen Zündstoff
in diesem Geschichtskonflikt lieferten schließlich die ukrainischen
Vorbereitungen für einen nationalen Pantheon, faktisch eines staatlichen
Ehrenfriedhofs für bedeutende Personen der ukrainischen Geschichte vom
Mittelalter bis in die Gegenwart, den das ukrainische Parlament Ende Juni
beschloss.
## Wolhynien 1943 und die polnische Innenpolitik
In Polen entstand daraufhin der Verdacht, dass das eigentliche Ziel dieses
Vorhabens darin bestehe, Kommandeure der UPA oder auch Stepan Bandera, die
umstrittene Symbolfigur des radikalen ukrainischen Nationalismus, in das
Pantheon zu integrieren. Das neue Gesetz nennt zwar keine konkreten
Personen, wohl aber die UPA als eine der militärischen Formationen, deren
Repräsentanten berücksichtigt werden sollten.
Nawrockis Umfragewerte stiegen nach dem Entzug des Ordens für Selenskyj
beträchtlich an. Dabei blieb es aber nicht. Polnische Politiker drohten mit
einer Blockade des ukrainischen EU-Beitritts. Der Vorsitzende der
Oppositionspartei PiS, Jarosław Kaczyński, schrieb den Parteimitgliedern am
1. Juli in einem Brief, dass „die Ukraine mit dem Kult Banderas und anderer
Verbrecher und der Glorifizierung von UPA und OUN (Organisation
ukrainischer Nationalisten) der Europäischen Union nicht beitreten wird!
Wenn wir die Wahlen gewinnen, werden wir dies nicht zulassen.“ Kaczyński
dürfte hier an 2015 anknüpfen wollen. Damals hatte der Vorwurf der PiS
gegen den Präsidenten Bronisław Komorowski und die Regierung, aus Rücksicht
auf die Ukraine die Geschehnisse in Wolhynien 1943 nicht als Genozid zu
bezeichnen, zum [5][Wahlsieg der PiS] bei den Wahlen beigetragen.
2016 erklärte die neue Mehrheit im Sejm die Morde an Polen zum Genozid und
den 11. Juli zum „Nationalen Gedenktag für die Opfer des von den
ukrainischen Nationalisten an den Bürgern der polnischen Zweiten Republik
begangenen Völkermords“. Anlass gab damals unter anderem, dass in der
Ukraine nach dem [6][Euro-Maidan 2015] ein Gesetz die UPA und ihre
Veteranen als Kämpfer für die ukrainische Unabhängigkeit anerkannte. Daran
knüpft auch das jüngste Gesetz über das nationale Pantheon an.
## Die Verbrechen der UPA in ukrainischer Erinnerung
Dementgegen ist die polnische Regierung unter [7][Donald Tusk] vielmehr
bestrebt, den Konflikt zu mäßigen. Die Mitte-links-Koalition in Warschau
sieht das vorrangige polnische Interesse in einer Stärkung der Ukraine
gegenüber der russischen Aggression und einer Heranführung der Ukraine an
die EU.
Nachdem Selenskyj, dem ein geringes Verständnis für die polnischen
Empfindlichkeiten und Wissen über die entsprechenden historischen Fragen
nachgesagt werden, den Konflikt zunächst durch die Rücksendung des Ordens
und die Vorbereitungen des Pantheon verschärft hatte, finden endlich
Beratungen zwischen dem polnischen und dem ukrainischen Außenminister
statt, und es gab von ukrainischer Seite Initiativen für einen gemeinsamen
Dialog über die historischen Fragen.
Die schwierige Mission ist, die gegensätzlichen Perspektiven in Einklang zu
bringen. „Wolhynien ’43“ ist in der polnischen Öffentlichkeit zu einem
zentralen Symbol des polnischen Martyriums während des Zweiten Weltkriegs
geworden. In der Ukraine aber wird die UPA in erster Linie mit dem
Widerstand gegen das nationalsozialistische Deutschland und vor allem gegen
die Sowjetunion in Verbindung gebracht.
Tatsächlich begann mit der UPA der militärische Widerstand der von
[8][Stepan Bandera geführten OUN] gegen die deutsche Besatzung 1943
zunächst in Wolhynien, das durch zahlreiche Wald- und Sumpfgebiete günstige
Voraussetzungen für den Partisanenkrieg bot. Die Zusammenarbeit der
Bandera-OUN mit den Deutschen war schon wenige Wochen nach dem deutschen
Angriff auf die Sowjetunion vorbei, als Bandera sich weigerte, die von der
OUN am 30. Juni 1941 in Lemberg verkündete ukrainische Staatsgründung
zurückzunehmen, und deshalb wenige Tage später von der Gestapo festgenommen
wurde, wo er bis zum Herbst 1944 blieb.
## Sowjetische Propaganda
In den Monaten nach Beginn des Widerstands kam es zu einer komplizierten
Überlagerung von Konflikten zwischen der UPA, den deutschen Besatzern,
sowjetischen Partisanen und dem polnischen Untergrund, der an der
Zugehörigkeit Wolhyniens und Ostgaliziens zum polnischen Staat festhielt.
Das Ziel der UPA war die „ethnische Säuberung“ Wolhyniens von Polen durch
Massenmord und Terror. Schätzungsweise 40.000 bis 60.000 Polen fielen den
Morden zum Opfer.
Umgekehrt gab es auch eine beträchtliche Zahl ukrainischer Opfer von
Gewalttaten des polnischen Untergrunds. Ihre Zahl wird auf mindestens
15.000 geschätzt, wobei der größere Teil nicht in Wolhynien und Galizien zu
Tode kam, sondern in den westlichen polnisch-ukrainischen Grenzregionen, in
denen der Konflikt bereits 1942 begonnen hatte und bis 1947 andauerte.
Zudem forderten die Kämpfe des ukrainischen Widerstands gegen die erneute
sowjetische Besatzung ab 1944 zehntausende Tote auf beiden Seiten.
Erst Anfang der 1950er Jahre betrachteten die sowjetischen
Sicherheitsorgane den ukrainischen militärischen Widerstand als besiegt.
Gut 200.000 Ukrainer wurden unter dem Verdacht, dem Widerstand anzugehören,
ins Innere der Sowjetunion verschleppt. Begleitet wurde das sowjetische
Vorgehen von einer Propagandakampagne, die die ukrainischen Nationalisten
und die UPA als faschistische deutsche Marionetten beschrieb. Solche Motive
blieben auch in den folgenden Jahrzehnten in sowjetischen Darstellungen
bestimmend.
Die Verbrechen an Polen wurden dabei kaum thematisiert, nur die gegen
prosowjetische Ukrainer. In der Westukraine war es wiederum eine
Fortsetzung des Widerstands, eine positive Erinnerung an die UPA zu
bewahren. Eine kritische Auseinandersetzung mit Verbrechen an Polen blieb
in der Ukraine nach der Unabhängigkeit 1991 noch lange auch dadurch
blockiert, dass das sowjetische Narrativ über die UPA und die ukrainischen
Nationalisten als faschistische deutsche Kollaborateure in den
innenpolitischen Konflikten in der Ukraine weiterhin eine Rolle spielte.
## Konfliktlösung über Aufklärung
Prorussische Kräfte um [9][Präsident Viktor Janukowitsch] nutzten die
Erzählung um politische Gegner, die in der UPA in erster Linie Kämpfer für
die ukrainische Unabhängigkeit sahen, zu diskreditieren, und damit
letztlich die russischen imperialen Absichten durchzusetzen. Es zeigte sich
auch noch in Wladimir Putins Vorwurf, mit dem er den [10][Angriff auf die
Ukraine] im Februar 2022 rechtfertigte, dass die Ukraine von einem
„Naziregime“ regiert werde.
Größeres Wissen über die umstrittenen Fragen im Verhältnis zu Polen hat
sich in weiten Kreisen der ukrainischen Öffentlichkeit nur sehr zögerlich
verbreitet. Letztlich scheint ein Ausweg aus dem polnisch-ukrainischen
erinnerungspolitischen Gegensatz nur durch breiteres gesellschaftliches
Wissen über die Geschichte der UPA und die Anerkennung der Ambivalenzen
ihrer Geschichte in beiden Ländern möglich.
Für die polnische Seite müsste dies heißen, die UPA und die
polnisch-ukrainischen Beziehungen in der Phase der Weltkriege nicht nur auf
Wolhynien ’43 zu reduzieren, für die ukrainische Seite hingegen, in die
Erinnerung an die UPA neben ihrem Kampf für die Unabhängigkeit auch die
Anerkennung ihrer Verbrechen und ihre Opfer aufzunehmen.
19 Jul 2026
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