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       # taz.de -- Schulen in der Hitzewelle: Hitzefrei fürs Hirn
       
       > Der Klimawandel macht Schule. Eine taz-Analyse zeigt, dass die
       > Hitzefrei-Tage deutlich zunehmen. Zu Besuch bei schwitzenden
       > Schüler:innen in Stuttgart.
       
   IMG Bild: Wie warm wird es in Schulen wirklich? Die taz hat in Stuttgart nachgemessen
       
       Die Kinder aus der 1a halten ihr Gesicht abwechselnd dicht vor den
       Ventilator. „Haloooo-oo-oo, ich bin ein Roboteeerrrr“, sagt ein Mädchen in
       den Windstrom und freut sich, wie blechern ihre Stimme klingt. Um Viertel
       nach acht, zum Unterrichtsbeginn, ist die Luft abgestanden, die Fenster
       sind offen, die Rollos unten und die Erstklässler:innen beginnen den
       Morgen mit Klatschübungen. Die 1a, die Elefantenklasse, hat den heißesten
       Raum der Helene-Fernau-Horn-Schule in Stuttgart erwischt. Zum
       Unterrichtsbeginn zeigt das Thermometer knapp 28 Grad.
       
       „Was ist heute für ein Tag?“, fragt die Lehrerin Frau Albrecht in die
       Runde. „Ein ganz heißer Tag“, sagt ein Mädchen. Freitag wollte die Lehrerin
       hören, aber heiß stimmt auch. Es ist Mitte Juni, eine [1][Hitzewelle
       breitet sich über Deutschland] aus und die Kinder der 1a haben noch sechs
       Wochen bis in Baden-Württemberg die Sommerferien beginnen. Für den
       Unterricht ist es aber jetzt schon zu heiß.
       
       Schulen leiden massiv unter der Klimakrise. Angesichts des
       [2][menschengemachten Klimawandels] gibt es mehr heiße Tage, längere
       Hitzeperioden und Nächte, in denen es nicht mehr richtig abkühlt. Unsere
       taz-Datenrecherche zeigt: In den letzten 30 Jahren ist die mittlere Anzahl
       der Tage, an denen es zu heiß zum Lernen war, in fast allen Regionen
       Deutschlands gestiegen.
       
       Gezählt haben wir dafür die Schultage, an denen es schon vormittags um 10
       Uhr wärmer als 25 Grad Celsius war. An diesem Wert orientieren sich etwa
       Schulen in Brandenburg und einigen anderen Bundesländern für
       [3][Hitzefrei]. Ferien, Wochenenden und Feiertage haben wir aussortiert.
       Die Analyse auf Basis von Daten des Deutschen Wetterdienstes zeigt: In
       manchen Gegenden gibt es heute viermal so viele Tage, an denen es Hitzefrei
       geben müsste, wie vor 30 Jahren.
       
       Das Ausmaß wird deutlich, wenn man besonders betroffene Regionen wie zum
       Beispiel Hessen und Rheinland-Pfalz betrachtet. In Büttelborn bei Darmstadt
       etwa gab es Ende der 1990er im Mittel 5 Tage pro Jahr, an denen die Hitze
       das Lernen in der Schule schwer machte. Mittlerweile sind es 14,5 Tage. Die
       Hitzeperiode, auf die sich Schulen einstellen müssen, wird mit jedem Jahr
       länger.
       
       Steigen draußen die Temperaturen, wird es auch in den meisten
       Klassenzimmern heiß. Die Elefantenklasse ist im oberen Stockwerk des
       60er-Jahre-Flachdachgebäudes der Helene-Fernau-Horn-Schule untergebracht.
       Hier, auf der Südostseite des Gebäudes sind die Schüler:innen der Hitze
       ausgeliefert. Die taz hat in ihrem Klassenzimmer Mitte Juni Thermometer
       aufgestellt und nachgemessen.
       
       Im Raum der Elefantenklasse zeigt das Thermometer mittlerweile 32 Grad, es
       ist 11.15 Uhr. Die Kinder werden ungeduldiger, sie stehen auf. Ein Mädchen
       kniet sich neben den Ventilator, im nächsten Moment legt sie sich ein
       nasses Tuch auf die Stirn. „Können wir die Schule nicht absagen?“, fragt
       ein Junge seinen Freund auf dem Flur, „es ist so heiß.“ Die Haare an seinen
       Schläfen sind nass.
       
       Die [4][Konzentration lasse über den Tag stark nach], sagt Lehrerin
       Albrecht. Zweimal in der Woche haben die Erstklässler:innen bis Viertel
       vor drei Unterricht. „Das finde ich grenzwertig“, sagt sie, „Ist man da
       noch produktiv?“ Vielleicht lernen sie an heißen Tagen auch mehr auf dem
       Spielplatz, sagt Albrecht, ein gutes Miteinander zum Beispiel.
       
       Eine Woche lang hat die taz gemessen. Am heißesten Tag knackt der Raum um
       13 Uhr die 35-Grad-Marke. Über den gesamten Zeitraum sinkt die Temperatur
       im Raum nicht einmal unter 28 Grad. Selbst wenn es draußen nachts kälter
       wird. Drinnen staut sich die Hitze. Auch im kühlsten Raum der Schule, das
       Klassenzimmer der 3b im Erdgeschoss, ist es morgens schon wärmer als 25
       Grad. Unterricht ist da kaum mehr möglich.
       
       ## Hitze und Lernen sind keine produktive Mischung
       
       Denn: Lernen fällt schwerer, wenn es zu warm ist. Eine [5][Metastudie mit
       Daten von Schüler:innen aus 58 Ländern] konnte nachweisen: je mehr heiße
       Tage, desto schlechter schnitten die Schüler:innen etwa in der
       Pisa-Studie ab. „Heiße Tage“ bedeutet in dem Fall Tage mit einer Temperatur
       von mehr als 26,7 Grad Celsius. Nicht nur im Vergleich mit anderen Ländern,
       sondern auch innerhalb desselben Landes. Bei jüngeren Kindern ist der
       Effekt sogar noch stärker.
       
       Eine [6][Studie aus China] kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Über acht
       Jahre verglich man hier die Leistung der Studienteilnehmer:innen an
       heißen Tagen und solchen mit niedrigeren Temperaturen. An Tagen mit
       Temperaturen über 32 Grad Celsius schnitten sie bei Mathetests schlechter
       ab.
       
       Ein [7][Arbeitspapier der Harvarduniversität] stellt sogar einen direkten
       Zusammenhang zwischen Klassenräumen mit und ohne Klimaanlage her. In der
       Studie heißt es, mit jedem Grad Fahrenheit mehr in der jährlichen
       Durchschnittstemperatur im Klassenzimmer, wird ein Prozent weniger gelernt.
       In Grad Celsius umgerechnet bedeutet das: Wenn es 0,56 Grad heißer ist,
       wird 1 Prozent weniger gelernt.
       
       Dazu, wieso das Gehirn bei steigenden Temperaturen nicht mehr richtig
       mitmachen will, gibt es mehrere wissenschaftliche Ansätze.
       
       Eine Erklärung könnte sein, dass die [8][Kommunikation zwischen
       verschiedenen Gehirnarealen] nicht mehr gut funktioniert, weil Botenstoffe
       nicht mehr ausreichend produziert werden. Auch der bei Hitze sinkende
       Sauerstoffgehalt im Blut kann das Gehirn in Schwierigkeiten bringen.
       
       Wie Hitze und Denkkapazität im Detail zusammenhängen, wird aktuell noch
       tiefergehend erforscht. Klar ist aber, wenn der Körper mit Runterkühlen
       beschäftigt ist, ist die Konzentration dahin.
       
       ## Regelungen in Bundesländern
       
       Für den Lernerfolg bringt es also wenig, Schüler:innen an heißen Tagen
       in Klassenzimmern schwitzen zu lassen. Eine Alternative: Hitzefrei. In
       jedem Bundesland sind die Regelungen dafür ein bisschen anders.
       
       Viele sprechen Empfehlungen aus, ab wann Hitzefrei ausgerufen werden kann.
       In Hamburg muss im Klassenzimmer mindestens eine Temperatur von 27 Grad
       herrschen. In Nordrhein-Westfalen wird anders gemessen, hier liegt der
       Richtwert zwar auch bei 27 Grad, allerdings Außentemperatur und im
       Schatten. Bei vielen anderen Bundesländern geht es schon ab 25 Grad los,
       etwa in Brandenburg. Da muss um 10 Uhr gemessen werden.
       
       Andere legen gar keine Rahmenbedingungen fest. Etwa in Sachsen. Nach dem
       Motto: Wann es zu heiß zum Lernen ist, merken die Schulen schon selbst.
       Unabhängig vom Bundesland: Die finale Entscheidung trifft immer die
       Schulleitung.
       
       Dabei ist Hitzefrei die letzte Eskalationsstufe. Davor können
       Unterrichtsstunden verkürzt werden, sodass zwar alle Fächer stattfinden,
       aber die Schule früher aus ist. Alternativ kann der Unterricht auch an
       einen kühleren Ort verlegt werden. In Sachsen kann das sogar das Schwimmbad
       sein.
       
       Grundsätzlich gilt in den meisten Bundesländern, dass es für
       Schüler:innen nach der zehnten Klasse kein Hitzefrei gibt. Wer also
       Abitur, Fachabitur oder eine Berufsausbildung macht, muss schwitzen. Eine
       Ausnahme bildet Niedersachsen, wo Schüler:innen aller Altersklassen
       Hitzefrei bekommen können.
       
       ## Ist Hitzefrei sozialverträglich?
       
       „Mittlerweile sind es mehrere Wochen im Jahr, in denen Unterricht nicht
       wirklich möglich ist“, sagt Michael Hirn. Seit 18 Jahren ist er Schulleiter
       an der Helene-Fernau-Horn-Schule. Außerdem ist er stellvertretender
       Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das Problem
       mit der sommerlichen Hitze in den Klassen sei nicht neu, aber [9][werde
       immer größer].
       
       Aber auch vor der Oberstufe stellt sich die Frage, ob Hitzefrei wirklich
       die Lösung für hohe Temperaturen in Klassenzimmern sein kann. Schulleiter
       Hirn zweifelt: „Privatwohnungen, gerade die von bildungsbenachteiligten
       Familien, sind oft auch nicht gegen Hitze geschützt.“ Selbst wenn kein
       Unterricht stattfindet, müssten die Kinder irgendwie mit den hohen
       Temperaturen zurechtkommen. „Sie nach Hause zu schicken, verschiebt das
       Problem nur“, sagt er.
       
       Was braucht es also gegen Hitze in Klassenzimmern? Gunnar Grün, Leiter der
       Bauphysik beim Fraunhofer-Institut, kennt sich mit allem aus, was mit
       Gebäuden in Kombination mit Luft, Schall und Wärme zu tun hat.
       
       Damit sich Klassenzimmer nicht ungewollt aufheizen, gibt es laut Grün zwei
       Wege: einer ist, zu lüften. Das funktioniert aber nur, wenn es draußen
       kälter als drinnen ist. Prallt die Sonne schon auf die Fenster, ist es
       schon zu spät. Gelüftet werden muss also in den Nacht- oder frühen
       Morgenstunden. „In Schulen ist wohl nur Letzteres möglich“, sagt Grün. Denn
       nachts die Fenster offen zu lassen, ist nicht so einfach. Einbruchgefahr.
       Zumal es in den letzten Jahren [10][immer mehr sogenannter Tropennächte]
       gab. Eine Folge des Klimawandels. In ihnen fallen die Temperaturen auch
       nachts nicht unter 20 Grad. „Abkühlen durch Lüften funktioniert dann nicht
       mehr so gut“, sagt Grün. Ventilatoren könnten aber helfen.
       
       Die Alternative: dafür sorgen, dass die Wärme gar nicht erst hineinkommt.
       Zum Beispiel durch [11][Schattenwurf]. Entweder durch Auskragung – also
       Bauteile wie Balkone oder Erker, die außen am Gebäude sind. Oder durch
       Vorhänge oder Rollos. Dabei sei es besonders wichtig, dass diese nicht nur
       installiert, sondern auch gewartet werden, sagt Grün. Allzu schnell hängen
       die Lamellen schief in den Seilen.
       
       Allgemein sei wichtig, dass es verschiedene Reaktionsmöglichkeiten gebe.
       „Die Lehrer:innen müssen wissen, was sie tun können“, sagt Grün. Etwa,
       dass Schüler:innen entsprechend der Hitze gekleidet sind und es
       ausreichend Getränke gibt.
       
       Wie schlimm es mit der Sommerhitze im Klassenzimmer wird, hängt
       unweigerlich mit dem Gebäude zusammen. Es macht einen Unterschied, ob man
       in einem modernen und gut isolierten Schulhaus den Satz des Pythagoras
       verstehen muss, oder in einem Flachdach aus den 1960ern mit riesigen
       Fenstern, durch [12][die die Sonne ungehindert eindringt] – wie es an der
       Stuttgarter Schule der Fall ist.
       
       Für die Gebäude sind die Schulträger zuständig. In den meisten Fällen also
       die Kommunen oder Städte. Allgemein zählen Schulgebäude zu den Bereichen,
       in denen Kommunen die größten Investitionslücken wahrnehmen: 67,8
       Milliarden Euro. Das sind 31 Prozent des gesamten Investitionsstaus. Das
       ergab eine [13][repräsentative Befragung der staatseigenen Kreditanstalt
       für Wiederaufbau]. Die Bank befragt seit 2009 Kommunen zu ihren Finanzen.
       
       Die Befragung liefert zwar einen Hinweis über den Zustand der Schulgebäude,
       eine spezifische Übersicht wie es um den Hitzeschutz an deutschen Schulen
       steht, gibt es aber nicht. Selbst die Bundesländer wissen darüber nichts
       Genaues. Obwohl sie mit ihren Bildungsministerien für die
       Arbeitsbedingungen der Lehrer:innen verantwortlich sind. Laut
       Arbeitsschutz sollte ein Raum nicht wärmer als 26 Grad Celsius sein. Darauf
       könnten sich Lehrkräfte berufen. Für ihre Schüler:innen gilt das nicht,
       da sie in der Schule offiziell auch nicht arbeiten.
       
       Die Ministerien verweisen auf die Hitzeaktionspläne, die mittlerweile in
       vielen Kommunen existieren. Wenn diese konkreten Maßnahmen bei Schulen
       erwähnt werden, geht es dabei meist darum, Informationen über den
       Hitzeschutz weiterzugeben. Konkrete Baumaßnahmen, die es langfristig
       bräuchte, um das Raumklima zu beeinflussen, werden nicht erwähnt.
       
       Dabei sind diese längst überfällig, denn die Zahl der heißen Tage – also
       Tage, an denen die Temperatur mindestens 30 Grad erreicht – steigt überall
       in Deutschland. Das Institut für Klimaservices Gerics hat [14][diese
       Entwicklung berechnet]: In ganz Deutschland wird die Zahl der heißen Tage
       von 4,4 im Mittel zum Ende des vergangenen Jahrhunderts auf 7,4 Mitte
       dieses Jahrhunderts steigen. Etwas differenzierter betrachtet: Zwar gibt es
       viele Kreise in Norddeutschland wo der Anstieg nur um etwa 50 Prozent ist,
       in Süddeutschland aber werden sich die heißen Tage oft mehr als verdoppeln.
       Im Mittel kann es dort dann an mehr als 10 Tagen über 30 Grad heiß werden.
       
       Schaut man auf die Prognosen der Klimakrise, wird sich die Hitze im Sommer
       weiter ausweiten. Was Schüler:innen in der Schule lernen können, hängt
       damit zusammen.
       
       Mangels Alternativen gehen Schulleiter Michael Hirn und sein Co-Rektor die
       Sache pragmatisch an. Sobald die Stadt die jährliche „Achtung, es wird
       heiß!“-Mail an alle Mitarbeitende rumschickt, checken die beiden den
       Rasensprengerbestand der Schule. Die drei vorhandenen Exemplare werden auf
       Tüchtigkeit geprüft. Bei Bedarf werden Ersatzteile beschafft, dieses Jahr
       fehlte eine Schlauchtrommel. Dann sind die drei Rasensprenger wieder im
       Einsatz. Wenigstens auf dem Pausenhof gibt’s nasse Abkühlung.
       
       Schulleiter Michael Hirn spricht ein weiteres Problem an: „Im Sommer ist
       Hitze in der Schule überall Thema“, sagt er. „Aber mit dem Thermometer
       sinkt auch wieder die Aufmerksamkeit“, weiß er schon jetzt. Es muss sich
       etwas ändern. Sonst kommt im nächsten Jahr wieder dieselbe Mail. Wieder
       kommen die drei Rasensprenger zum Einsatz. Und wieder wird es zu heiß zum
       Lernen sein.
       
       18 Jul 2026
       
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