# taz.de -- Authentizität: „Performativ“ zu sein, ist kein Verbrechen
> Ständig werfen wir uns gegenseitig vor, unsere Handlungen und Haltungen
> bloß in Szene setzen zu wollen. Aber wäre das überhaupt so schlimm?
IMG Bild: Mit der Auswahl des Buches kann ein wichtiges Signal gesendet werden. Guckt mal, wie anspruchsvoll ich unterwegs bin
Sonne im Gesicht, Kaffeeduft in der Nase, ein Buch aufgeschlagen – was gibt
es Gemütlicheres als einen Lesetag im Café? Aber Vorsicht bei der Wahl des
Buches. Liest man für alle sichtbar Simone de Beauvoir oder Thomas Mann,
steht schnell der Vorwurf im Raum, dabei bloß gesehen werden zu wollen. Man
betreibe performative reading. Peinlich.
Wer einer hilfsbedürftigen Person über die Straße hilft, ist womöglich gar
nicht freundlich, sondern trägt nur seine performative kindness zur Schau.
Und teilt man einen Demoaufruf in der Instagram-Story – geht es dann um die
Sache oder ist das performative activism?
Die Gen Z liebt den Performative-Stempel. Vor allem in sozialen Medien wird
sich immer wieder über vermeintlich performative Akte anderer lustig
gemacht – was paradox ist, geht es auf den Plattformen doch um die
Sichtbarmachung eigener Handlungen und Haltungen.
## Die allerschlimmsten: performative Männer
Der populärste Performative-Vorwurf betrifft die [1][performative males]:
Männer mit verwuscheltem Mullet, Croptop, Matcha Latte in der Hand. Sie
zeigen Privilegienbewusstsein, sind die größten Kritiker von toxischer
Männlichkeit, verhalten sich aber bei genauerer Betrachtung wie der
stereotyp emotional unzugängliche Mann.
Und ja, wenn sich ein Mann als Feminist gibt, aber keiner ist, sollte das
problematisiert werden. Denn er erhält womöglich Zugang zu Räumen, die
darauf vertrauen, dass es darin kein übergriffiges oder frauenverachtendes
Verhalten gibt. Und wenn alle dieselben politischen Beiträge reposten, aber
niemand auf die Straße geht, dann reicht das nicht, um wirklich etwas zu
bewegen.
Spannend aber ist, dass performatives Verhalten – besonders in der Gen Z –
ausschließlich negativ konnotiert ist. Den Begriff der Performativität gibt
es in der Soziologie schon lange. So schreibt Erving Goffman 1959, dass
soziales Leben einer Theateraufführung gleiche: Menschen schlüpfen in
Rollen und versuchen so, einen bestimmten Eindruck zu machen.
Populär ist vor allem Judith Butlers Begriff der
Geschlechtsperformativität. Sie sagt, Weiblichkeit und Männlichkeit
entstünden durch die ständige Wiederholung gesellschaftlich geprägter
Verhaltensweisen. Auch Geschlecht ist demnach nicht etwas, das wir sind,
sondern etwas, das wir immer wieder herstellen.
Heißt nach Goffman und Butler: Jeder Mensch performt. Wir wollen gefallen,
gesehen werden, Teil von etwas sein. Manches tragen wir dabei stärker nach
außen, um Zugehörigkeit zu sichern. Eigentlich ja niedlich.
## Wunsch nach Sichtbarkeit
Inflationär und willkürlich den Performative-Stempel zu verteilen, ist
Quatsch. Denn der Anspruch, nichts für den Blick anderer zu tun und immer
authentisch zu sein, ist völlig realitätsfern. Dafür müsste man ja erst mal
wissen, wer man selbst ist und ein Leben lang dabeibleiben.
Und selbst wenn hinter einer guten Tat oder einem politischen Post der
Wunsch nach Sichtbarkeit steckt – kann das nicht dennoch echt und hilfreich
sein? Denn vielleicht hat der Post einen Menschen erreicht, der zur Demo
geht. Vielleicht beginnt man ein kleines Engagement, weil man sich
zunehmend als politisch begreift.
Brandmarken wir einander mit dem [2][Performative]-Stempel, hindern wir uns
gegenseitig daran, zu lernen und neue Versionen unserer selbst
auszuprobieren. Wir verbieten uns die Suche nach dem eigenen Platz in der
Welt. Wenn wir uns so urteilend, voller Skepsis und Abschätzigkeit
begegnen, stehen wir einem gesellschaftlichen Miteinander und am Ende bloß
uns selbst im Weg.
Also: Seid ruhig mal performativ!
18 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Hannah Marlene Göschel
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