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       # taz.de -- Reaktionärer Medienstar: Carlson mit Dachschaden
       
       > Tucker Carlson ist eine der Schlüsselfiguren der US-Rechten. Neuerdings
       > finden sogar Linke manche seiner Positionen gut. Was ist da los?
       
   IMG Bild: Carlson ist ein Gradmesser dafür, wohin die Rechte steuert
       
       Die Sache mit Tucker Carlson, also das neue Phänomen um diesen Mann, das
       war erstmals im Juni 2025 zu beobachten. Der Moderator hatte damals den
       texanischen US-Senator Ted Cruz zu Gast in seiner Talkshow und nutzte die
       zwei Stunden des Gesprächs, um den republikanischen Politiker mit
       offensichtlichem Genuss vorzuführen. Carlson warf Cruz Kriegstreiberei vor,
       vor allem wegen dessen Ruf nach einem durch die USA herbeigeführten
       Regimewechsel im Iran. Als Carlson testen wollte, was Cruz überhaupt über
       den Iran wisse, musste dieser zugeben, nicht mal die grobe Bevölkerungszahl
       des Landes zu kennen.
       
       Ein Clip dieses Wortwechsels ging viral, allein auf Youtube wurde er bis
       heute vierzehn Millionen Mal geschaut. „Hervorragend“ sei Carlsons
       Gesprächsführung gewesen, kommentierte der bekannte Journalist Mehdi Hasan
       anschließend. Viele in Hasans progressivem Umfeld stimmten zu. Plötzlich
       bekam Carlson, einer der bekanntesten Rechten der USA, Applaus von links.
       
       Carlson hat seither viele solcher Momente produziert. [1][Im vergangenen
       Februar stellte er Mike Huckabee, den US-Botschafter in Israel, für dessen
       theologische Verteidigung der israelischen Kriegsverbrechen in Gaza bloß].
       Im April sorgte Carlson mit dem Bekenntnis für Schlagzeilen, dass er es
       mittlerweile bedauere, im Wahlkampf 2024 für Donald Trump mobilisiert zu
       haben. Anfang Juli gab der 57-Jährige bekannt, beim Aufbau einer dritten
       Partei mithelfen zu wollen, um das Spektrum der Wahlmöglichkeiten zu
       stärken. Diverse Medienfiguren, die mit Carlson politisch sonst quer
       liegen, haben sich in vergangenen Monaten positiv auf ihn bezogen, darunter
       Barack Obamas früherer Redenschreiber Jon Favreau, der linke israelische
       Journalist Gideon Levy sowie Cenk Uygur, Moderator der Sendung „The Young
       Turks“.
       
       Dass Carlson Schlagzeilen macht, ist nichts Neues. Der Mann prägt seit drei
       Jahrzehnten das amerikanische Fernsehen und ist spätestens seit seiner Zeit
       beim Sender Fox News, wo er zwischen 2016 und 2023 zur Primetime
       moderierte, eine Figur mit globaler Reichweite. Carlson pflegt engen
       Kontakt zu führenden Politikern, hält bei großen rechten Konferenzen die
       Keynote-Reden. Spekuliert wird sogar, ob er bei den Präsidentschaftswahlen
       2028 antreten könnte.
       
       Bemerkenswert ist vielmehr, womit Carlson derzeit Schlagzeilen macht.
       Zuletzt nämlich nicht nur mit reaktionären Aussagen, wie man es von ihm
       gewohnt war, sondern mit Positionen, die man, isoliert betrachtet, als
       vernünftig bezeichnen könnte. Statt zig Milliarden Steuergelder im Ausland
       zu verballern, meint Carlson etwa, sollte sich die Regierung lieber um die
       vielen ökonomischen und sozialen Probleme im eigenen Land kümmern.
       
       ## Warum hat er mit Trump gebrochen?
       
       Wer noch einen letzten Beweis dafür suchte, dass irgendetwas mit Carlson
       los ist, wurde im Mai bedient, als Carlson im Gespräch mit seiner früheren
       Fox-News-Kollegin Megyn Kelly zu einer Verteidigung des Islams ansetzte.
       Genau wie seine Religion, das Christentum, basiere auch der Islam auf einem
       „universellen Weltbild“, sagte er mit ernstem Blick. Bedeutet: Jeder Mensch
       könne Teil davon werden, und genau das entspräche seiner persönlichen
       Überzeugung. Islamfeindlichkeit lehne er prinzipiell ab. „Nennt mich halt
       einen Moslem-Liebhaber, nur zu, na und?“
       
       Halten wir an dieser Stelle kurz inne. Carlsons jüngste Äußerungen werfen
       gleich eine Reihe von Fragen auf, und das nicht nur zu seiner Person,
       [2][sondern zur ideologischen Justierung der US-Rechten, zur Zukunft von
       Trumps „Make America Great“-Bewegung], und auch dazu, was das eigentlich
       für die andere Seite, für „uns“ bedeutet.
       
       Wie ist es gekommen, dass ausgerechnet jener Medienmacher, der in den
       vergangenen zehn Jahren wie kaum ein anderer den Trumpismus diskursiv
       genährt hat, nun mit Trump gebrochen hat? Wie sollte man Carlsons Sorge um
       die iranische Zivilbevölkerung und palästinensische Kinder einordnen? Und
       lässt sich Carlson angesichts seiner Haltungen als strategischer Partner
       für die Linke nutzen, wie es bereits einige fordern?
       
       Das Erste, das man über Carlson wissen sollte: Er ist beides, Ideologe und
       Geschäftsmann. Tiefe politische Überzeugungen sind bei ihm mit einem
       ausgeprägten Sinn für die Medienökonomie verschnürt. Carlson weiß, wen er
       hasst. Aber er weiß auch, was er sagen muss, um durchzukommen.
       
       Deutlich wurde das bereits zu Beginn seiner TV-Karriere, wie der Journalist
       Jason Zengerle in seiner im Januar erschienenen Carlson-Biografie „Hated By
       All the Right People“ erzählt. Als der Sender CNN im Jahr 2001 Carlson als
       rechten Part der Debattenshow Crossfire auserkoren hatte, gab es großen
       Widerspruch aus dem rechten Lager. Carlson sei kein „echter Republikaner“,
       ließ der führende Kongressabgeordnete Tom DeLay über seinen Sprecher
       mitteilen. Selbst TV-Kollege Robert Novak, der sich mit Carlson als
       Moderator von Crossfire abwechseln sollte, machte klar, dass er Carlson für
       eine Fehlbesetzung halte. „Als heimlicher Liberaler bezeichnet zu werden,
       war eine harte Anklage“, gestand Carlson später. Weil er fürchtete, dass
       dieser Vorwurf seinen Aufstieg gefährden könnte, tat Carlson in den
       folgenden Jahren alles dafür, als rechter Vorkämpfer ernst genommen zu
       werden. Sein Kulturkampf wurde schriller, die Demokratische Partei von ihm
       fortan ohne Wenn und Aber zerfetzt.
       
       ## Gott, Nation, Familie sind seine Säulen
       
       Die damalige Episode zeigt, was bis heute gilt: Sobald Carlson etwas
       beweisen will, sei es im Sinne der Karriereerhaltung oder zur politischen
       Argumentation, verbeißt er sich darin. Eine Weile lang geht es dann um
       nichts anderes mehr. Das Obsessive gehört zur Marke. Auch in seinem
       Verhalten steckt bis heute viel Theatralik. Wenn sein Gegenüber etwas sagt,
       das Carlson besonders falsch findet, dann lacht er so laut und schrill, als
       wäre es eine Skriptanweisung – Tucker, spiel dich selbst. Der Verweis auf
       Carlsons Showwesen soll jedoch nicht bedeuten, dass man seine Inhalte
       weniger ernst nehmen muss. Im Gegenteil sogar, man kann Carlson als einen
       Gradmesser verstehen. Er spürt oft vor anderen US-Rechten, wohin die
       politische Reise geht.
       
       Carlson wuchs als „Kind des Kalten Krieges“ auf, schreibt Zengerle in
       seinem Buch. Die Familie lebte in Kalifornien, damals Hauptschauplatz der
       progressiven Gegenkultur. Tuckers Vater Dick stand jedoch auf der anderen
       Seite, als großer Anhänger Ronald Reagans, für den er später auch
       arbeitete. Dass Dick nicht nur Direktor des staatlichen Auslandssenders
       „Voice of America“ war, sondern für den Auslandsnachrichtendienst CIA
       Informationen lieferte, gilt als offenes Geheimnis. Tuckers leibliche
       Mutter verließ die Familie, als er sechs war. „Es gibt fast nichts, was ich
       weniger mag als Leute, die über ihre Kindheit jammern“, hat Carlson dieses
       Erlebnis mal nachdrücklich für bedeutungslos erklärt. Ein paar Jahre später
       heiratete sein Vater eine schwerreiche Frau.
       
       Tucker wurde auf ein konservatives Internat in Rhode Island geschickt, wo
       er Susie kennenlernte, seine heutige Frau, mit der er vier Kinder hat. Von
       Susie inspiriert, wuchs bei Carlson das Interesse an Religion. Er wurde
       Mitglied einer konservativen Strömung innerhalb der ansonsten progressiven
       Episkopalkirche. So formten sich viele seiner Überzeugungen, etwa, dass
       Abtreibungen und Homosexualität Sünden seien. Emanzipatorische Ideen ließ
       Carlson auch im Studium nicht an sich heran. Als einige seiner Kommilitonen
       auf dem Trinity College gegen eine Anwerbungs-Aktion der CIA protestierten,
       bemalte Carlson ein Bettlaken mit der Aufschrift „Welcome CIA“ und hängte
       es aus seinem Fenster. Carlson ging in dieser Zeit zunehmend in der
       Identität eines „WASP“ (weißer angelsächsischer Protestant) auf, wie die
       weiße Oberschicht der Ostküste mit englischen Vorfahren bezeichnet wird.
       Zum Selbstverständnis vieler WASPs gehört der Glaube, die wahren
       Repräsentanten Amerikas zu sein.
       
       Mit Rückblick auf Carlsons Politisierung lässt sich festhalten: Der Mann
       ist sich in vieler Hinsicht bis heute treu. Gott, Nation, Familie sind die
       Säulen seines Weltbildes. Daraus ergeben sich auch wesentliche Fronten
       seines ideologischen Kampfes. Wer das Christentum, die USA und
       traditionelle Geschlechterrollen infrage stellt, ist der Feind. Die
       emanzipatorischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte, die genau das
       taten, sind für Carlson deshalb Ausdruck eines Zerfalls. Er sieht die USA
       schon seit langer Zeit auf einem Weg ins Verderben. Carlson will zurück in
       die Vergangenheit. Als die Verhältnisse aus seiner Sicht geordneter waren.
       Ein typischer Konservativer, könnte man sagen. Doch unter Konservativen ist
       nicht geklärt, um welches Früher es dabei eigentlich geht.
       
       Um Carlsons gegenwärtige Bedeutung zu verstehen, muss man sich dem
       Schlüsselkonflikt der US-Rechten zuwenden. Es geht um den Konflikt zwischen
       Neokonservativen und Paläokonservativen. Die zwei Camps haben nicht nur
       unterschiedliche Vorstellungen davon, wann die USA in ihrer Blüte standen,
       sondern vor allem davon, welche Rolle die USA in der Welt spielen sollten.
       
       ## Er besuchte selbst den Irak
       
       Neokonservative setzen auf eine interventionistische Außenpolitik und
       entfesselten Marktliberalismus. Sie wollen, dass die USA als globale Macht
       agieren, militärisch und ökonomisch. Das schließt auch die Öffnung für eine
       bestimmte Form der Arbeitsmigration ein. Als außerparlamentarischer
       Vordenker gilt der Autor Irving Kristol, der zwischen 1972 und 1997 eine
       Kolumne für das Wall Street Journal schrieb. Machtpolitisch relevant wurden
       die „Neocons“ zwischen den neoliberalen Reagan-Reformen und der
       kriegswütigen Außenpolitik der Nullerjahre unter Präsident Bush Junior.
       
       In Reaktion auf den Neokonservatismus verbreitete sich in den 1980er-Jahren
       der Begriff des Paläokonservatismus. Figuren wie Pat Buchanan, der sich
       mehrfach als Präsidentschaftskandidat versuchte, wollten die Rechte zu
       ihrem „Ursprung“ zurückführen. Sie setzten auf stramme Abschottung der USA
       durch Mauern und Zölle, forderten eine Rückbesinnung auf „traditionelle
       Werte“. Supranationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation, den
       Internationalen Währungsfonds und die Vereinten Nationen lehnten sie ab.
       Während sich manche „Paläos“ nach dem „Vergoldeten Zeitalter“ Ende des 19.
       Jahrhunderts zurücksehnen, glorifizieren andere die Mitte des 20.
       Jahrhunderts. Die Reise geht jedenfalls in eine Zeit, bevor das Civil
       Rights Moment und der Feminismus der zweiten Welle ihre Spuren hinterlassen
       konnten.
       
       Carlson stand am Anfang seiner Karriere auf Seite der Neocons. Er glaubte
       an das Anrecht der USA auf die Rolle einer Weltpolizei. Seine erste
       Festanstellung war beim Magazin Weekly Standard, so etwas wie die
       neokonservative Bibel. Als die USA nach den Anschlägen am 11. September
       2001 erst in Afghanistan und später in den Irak einmarschierten, war
       Carlson zunächst lautstark dafür. Nachdem Carlson Ende 2003 selbst in den
       Irak reiste, um dort US-Soldat:innen zu besuchen, wich diese Überzeugung
       jedoch. Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen hatten sich zu diesem
       Zeitpunkt bereits als US-Propaganda herausgestellt.
       
       „Ich schäme mich dafür, den Krieg im Irak unterstützt zu haben“, sagte
       Carlson im Sommer 2004. Schuld gab er den Neokonservativen, deren
       Propaganda er gefolgt sei. „Nie wieder“ werde er diesen Fehler machen.
       Carlson rief sogar persönlich bei Pat Buchanan an, dem paläokonservativen
       Chefideologen, um sich für seine früheren Angriffe auf ihn zu
       entschuldigen. Sukzessive wuchs bei ihm in dieser Zeit eine
       anti-interventionistische „America First“-Haltung. Mit anderen Worten:
       Carlson wurde zum Paläo. Und zwar nicht aus moralischer Ablehnung des
       US-Imperialismus, nicht weil er sich um die irakische Bevölkerung sorgte,
       die er als „halbgebildete primitive Affen“ beleidigte. Carlson erkannte in
       Nation Building schlichtweg keinen Nutzen für das eigene Land.
       
       ## Was Carlson sagte, wiederholte Trump
       
       Als Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, sah Carlson, der mit der
       Fox-News-Show Tucker Carlson Tonight eine Woche nach Trumps Wahlsieg
       erstmals on air ging, die historische Chance auf eine paläokonservative
       Wende. Trump hatte im Wahlkampf die „endlosen Kriege“ kritisiert, harten
       Grenzschutz und eine protektionistische Wirtschaftspolitik gefordert –
       allesamt Carlsons Überzeugungen. Schnell merkte Carlson, dass er die
       Regierungspolitik aktiv mitsteuern kann: Was er abends im Fernsehen sagte,
       wurde vom Präsidenten oft am nächsten Tag gegenüber der Presse wiederholt.
       Carlson hat seine mediale Präsenz in den vergangenen zehn Jahren vor allem
       für Hetze gegen Immigrant:innen und trans* Menschen genutzt. 2021 verlegte
       er sein Studio für eine Woche nach Budapest, um dort für Viktor Orbán
       Werbung zu machen. Er hat immer wieder die Verschwörungstheorie des „Großen
       Austauschs“ verbreitet, wonach die weiße Bevölkerung gezielt ersetzt werde.
       Und er lädt gerne Holocaustleugner in seine Show ein, im vergangenen
       Oktober etwa den jungen Online-Agitator Nick Fuentes, der offen Adolf
       Hitler preist. Applaus kriegt Carlson dafür regelmäßig von rechtsextremen
       Medien wie The Daily Stormer und Breitbart.
       
       Wie erklärt sich vor diesem Hintergrund, dass Carlsons Inhalte in jüngster
       Zeit auch von Linken geteilt werden?
       
       Ein Faktor ist, dass Carlson seit einigen Jahren zunehmend eine Kritik an
       den ökonomischen Verhältnissen formuliert, die tatsächlich Spuren einer
       linken Analyse enthält. Carlson wirft beispielsweise der Pharmabranche vor,
       die Opioid-Epidemie produziert zu haben und am Leid Zehntausender
       Drogensüchtiger zu verdienen. Carlson verurteilt Tech-Milliardäre für ihre
       Gier, fordert höhere Steuern auf Kapitalerträge. Auch der Kryptowelt,
       vielen KI-Entwicklungen sowie der Kreditkartenindustrie gegenüber ist
       Carlson kritisch eingestellt.
       
       „Wenn du reich wirst, indem du Leuten Geld zu unglaublich hohen Zinsen
       leihst, dann ist das etwas, worüber du mit Gott sprechen musst“, sagte
       Carlson bei einer Konferenz im vergangenen Jahr. Dass so viele Menschen in
       den USA tief verschuldet sind, sieht er als weiteren Beweis des
       amerikanischen Zerfalls. Kürzlich forderte er sogar einen Massenstreik
       aller Verschuldeten.
       
       Manchmal, für ein paar Sätze, klingt Carlson fast wie Bernie Sanders. Bei
       bestimmten Fragen steht er tatsächlich links vom Establishment der
       Demokratischen Partei. Carlsons Populismus zielt jedoch nicht auf die
       nachhaltige Ermächtigung der Arbeiter:innenklasse. Eine Erhöhung des
       Mindestlohns, eine staatliche Krankenkasse für alle, eine Stärkung der
       Gewerkschaftsrechte, all das, was das Leben arbeitender Menschen besser
       machen würde, lehnt er ab. Carlsons Subjekt der Geschichte ist die in der
       Vorstadt lebende Mittelschicht, deren Mythos er kultiviert. „Wenn du einen
       Vorgarten mit Rasen hast, glaub mir, dann denkst du langfristig“, sagte
       Carlson in derselben Rede, in der er die Kreditkartenindustrie angriff.
       
       In Carlsons reaktionärer Utopie soll der amerikanische Mann so viel Geld
       verdienen, dass er sich ein Haus in der Vorstadt leisten und die Frau zu
       Hause bleiben kann. Nicht der Kapitalismus sei das Problem, sagt Carlson,
       sondern seine aktuelle Ausprägung, die er als „Fake“ bezeichnet. Carlson
       propagiert das, was die linke Soziologin Melinda Cooper
       „Familien-Kapitalismus“ nennt: ein Wirtschaftssystem, das sich auf große
       und kleine Familienbetriebe stützt – und nicht von Aktienkonzernen bestimmt
       wird.
       
       ## Er hat die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich
       
       Der Hauptgrund dafür, dass Carlson zunehmende Resonanz jenseits des rechten
       Lagers erfährt, ist jedoch ein anderer. Es liegt an seiner kritischen
       Position gegenüber der israelischen Politik. An dieser Stelle wird es
       kompliziert. Manche der Fragen, die Carlson diesbezüglich stellt, haben
       nämlich zweifellos eine Berechtigung.
       
       Woran liegt es, fragt Carlson etwa, dass der israelische Regierungschef
       Benjamin Netanjahu einen solchen Einfluss auf Trump zu haben scheint, dass
       er diesen – wie die New York Times und andere große Medien berichteten –
       von der Richtigkeit eines Kriegs mit dem Iran überzeugen konnte? Auch
       Carlsons Beschäftigung mit der israelische Lobbyorganisation AIPAC, die
       regelmäßig mit großen Kampagnen in US-Wahlkämpfe eingreift, um Erfolge
       israelkritischer Kandidat:innen zu verhindern, ist legitim. Genauso wie
       seine scharfe Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza.
       
       Carlson hat in vielen dieser Kritikpunkte die Mehrheit der Bevölkerung
       hinter sich. Ein Großteil der Amerikaner:innen ist der Meinung, dass Israel
       zu viel Einfluss auf die US-Politik hat. Ein Großteil hält das israelische
       Vorgehen in Gaza – wie viele Genozid-Forscher:innen auch – für einen
       Völkermord, und Waffenlieferungen an Israel für falsch. Ein Großteil will,
       dass Israel behandelt wird wie jeder andere Staat. Während der
       durchschnittliche Amerikaner die israelische Politik inzwischen negativ
       betrachtet, gibt es in vielen etablierten Medien immer noch eine
       Befangenheit zu Gunsten Israels. Carlson profitiert von dieser Diskrepanz,
       als vermeintlicher Rebell gegen den Medienmainstream.
       
       Doch Carlson belässt es nicht bei valider Kritik. Bei ihm wird fast alles
       zur Verschwörung. In Bezug auf den Irankrieg etwa geht er so weit zu
       behaupten, dass Trump gar „gegen seinen Willen“ handle, weil die USA von
       zionistischen Kräften „kontrolliert“ seien. Dass die Weltmacht USA eigene
       geopolitische Interessen hat, wird in seiner Erzählung ignoriert. Auffällig
       ist zudem, wie exzessiv er sich immer wieder am Einfluss bestimmter
       jüdischer Menschen abarbeitet, sei es die republikanische Geldgeberin
       Miriam Adelson, der liberale Philanthrop George Soros oder der
       neokonservative Radiomoderator Mark Levin. Als Carlson im Gespräch mit
       seinem Bruder Buckley kürzlich sagte, dass „eine neue Gruppe“ die
       Herrschaftsklasse der USA übernommen habe, war jedem klar, wen er meinte.
       Ein paar Minuten später verteidigte Carlson die Praxis mancher Country
       Clubs in Florida, keine jüdischen Menschen aufzunehmen.
       
       Dass Carlson mit antisemitischen Codes und Anspielungen arbeitet, ist
       längst unüberhörbar. Wenn er etwa mit Bezug auf die Situation in Gaza sagt,
       dass das Töten unschuldiger Menschen nicht mit der christlichen und
       islamischen Religion vereinbar sei, bleibt kein Zweifel daran, welcher
       Religion er es inhärent zutraut. Und wenn Carlson bestimmte Bankgeschäfte
       als Hauptübel des Kapitalismus ausmacht, klingt er wie der Schriftsteller
       Ezra Pound, der in einem antisemitischen Pamphlet 1939 Zinswucher als
       „Krebs der Welt“ bezeichnete.
       
       ## Im Phänomen Carlson steckt ein Auftrag
       
       Schaut man Carlson beim medialen Wirken zu, sticht noch eine andere Sache
       hervor. In fast jedem Interview und jeder Rede warnt er davor, „Sklave zu
       sein“. Zum Sklaven werde man laut Carlson etwa, indem man sich der
       „Meinungszensur“ füge, oder indem man sich verschuldet und dann „den Banken
       gehöre“. Wie könne es sein, fragt Carlson, dass sich ein Land mit 350
       Millionen Menschen (USA) von einem Land mit 9 Millionen Einwohner:innen
       (Israel) „herumbossen“ lasse?
       
       Wir müssten doch der Boss sein, lautet Carlsons Selbstverständnis, womit
       sich der Bogen zu den anfangs genannten Säulen seines Weltbildes spannt.
       Der America-First-Chauvinismus, das reaktionäre Geschlechterbild, die
       antisemitische Fixierung auf Israel, all das verweist auf einen Glauben an
       vermeintlich natürliche Hierarchien. Carlson wirkt wie ein Aristokrat, der
       seine Privilegien in Gefahr sieht; gekränkt davon, dass bestimmte Ordnungen
       ins Schwanken kommen. Er verteidigt, mit der Philosophin Eva von Redecker
       gesprochen, Phantombesitz. Je zerstörerischer diese Verteidigung ausfällt,
       desto faschistischer wird es laut von Redecker.
       
       Jemand, der so denkt wie Carlson und letztlich meist aus falschen Motiven
       ab und zu das Richtige sagt, kann für Linke kein Partner sein.
       
       Zugleich aber steckt im Phänomen Carlson ein Auftrag.
       
       Zum einen sollte man Carlson als Nutznießer der Medienökonomie verstehen.
       Die meisten Menschen kriegen Politik über Social-Media-Schnipsel mit, und
       im unendlichen Stream der Schnipsel gelingt es Carlson, mit verschiedenen
       Inhalten verschiedene Publika anzusprechen. Nationalistische Ressentiments
       für die einen, pseudo-populistische Wutreden und Anti-Kriegs-Appelle für
       die anderen.
       
       Zum anderen ist Carlson ein Profiteur des politischen Klimas. Spätestens
       seit der Finanzkrise 2008 gibt es in den USA einen breiten Hass auf das
       Establishment. Die meisten Amerikaner:innen geben ökonomische Not als ihre
       größte Sorge an, die meisten fühlen sich von der Politik in Washington
       entfremdet. Der Fall Jeffrey Epstein hat die Vorstellung einer völlig
       enthemmten Elite untermauert. Für die Macht eines Elon Musk gibt es kaum
       einen präziseren Begriff als den der Plutokratie. Angesichts von
       Medicare-Kürzungen und wachsender Inflation erscheinen die Milliarden
       verschlingenden Kriegsmanöver der USA noch desaströser. Der tiefsitzende
       Frust der amerikanischen Bevölkerung wird, bis auf wenige Ausnahmen, weder
       von Demokraten noch von Republikanern aufgefangen.
       
       ## Er ist ein Gradmesser
       
       In dieser Atmosphäre kommt Carlson zur Geltung. Er präsentiert sich als
       enttäuschter Patriot, als jemand, der doch nur will, dass Trump seine
       Versprechen erfüllt, als Anführer einer Bewegung von Betrogenen,
       Verbitterten, Desillusionierten. So passt es auch, dass Carlson, dessen
       Markenzeichen früher die Fliege war, inzwischen in Holzfällerhemden
       auftritt, seine Sendungen in einer umgebauten Scheune aufnimmt und
       Erstmilch vom Rind verkauft.
       
       Nicht alle, die Carlsons Inhalte teilen, sind hoffnungslose Faschos. Für
       alle irgendwie Progressiven sollte sich daraus die Dringlichkeit einer
       Antwort ergeben. Carlsons Kritik an bestimmten Auswüchsen des
       Finanzkapitalismus müsste man Alternativen zum ökonomischen System
       entgegenstellen. Seiner nationalistischen Ablehnung des
       US-Interventionismus lässt sich mit einem stabilem Anti-Imperialismus
       erwidern. Und Carlsons antisemitische Kritik an der USA-Israel-Verbindung
       erfordert einen antirassistischen Universalismus.
       
       Carlson ist ein Gradmesser dafür, wohin die Rechte steuert. Und er zeigt,
       wie man gegensteuern muss.
       
       19 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /US-Botschafter-in-Israel/!6156525
   DIR [2] /USA-unter-Trump/!6169880
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Lukas Hermsmeier
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt USA unter Trump
   DIR Donald Trump
   DIR Antisemitismus
   DIR GNS
   DIR Lesestück Recherche und Reportage
   DIR Alexander Dobrindt
   DIR Schwerpunkt USA unter Trump
       
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   DIR US-Konferenz mit Außenminister Rubio: Bundesregierung nimmt an Trumps Anti-Antifa-Gipfel teil
       
       Die US-Regierung macht Wahlkampf mit einer Konferenz zur angeblichen Gefahr
       von links. Das deutsche Innenministerium macht mit.
       
   DIR Rechter Talkshowhost: Tucker Carlson ist für Linke kein Verbündeter
       
       In einem Interview schlägt Tucker Carlson scheinbar linke Töne an, vor
       allem in Außen- und Wirtschaftspolitik. Fallt nicht drauf rein!
       
   DIR US-Botschafter in Israel: Mike Huckabee erzürnt mit Bibel-Auslegung arabische Welt
       
       Laut Bibel hätte Israel ein Recht auf weite Teile des Nahen Ostens, findet
       Huckabee im TV-Interview mit Tucker Carlson. In arabischen und muslimisch
       geprägten Staaten reagiert man empört.