# taz.de -- Reaktionärer Medienstar: Carlson mit Dachschaden
> Tucker Carlson ist eine der Schlüsselfiguren der US-Rechten. Neuerdings
> finden sogar Linke manche seiner Positionen gut. Was ist da los?
IMG Bild: Carlson ist ein Gradmesser dafür, wohin die Rechte steuert
Die Sache mit Tucker Carlson, also das neue Phänomen um diesen Mann, das
war erstmals im Juni 2025 zu beobachten. Der Moderator hatte damals den
texanischen US-Senator Ted Cruz zu Gast in seiner Talkshow und nutzte die
zwei Stunden des Gesprächs, um den republikanischen Politiker mit
offensichtlichem Genuss vorzuführen. Carlson warf Cruz Kriegstreiberei vor,
vor allem wegen dessen Ruf nach einem durch die USA herbeigeführten
Regimewechsel im Iran. Als Carlson testen wollte, was Cruz überhaupt über
den Iran wisse, musste dieser zugeben, nicht mal die grobe Bevölkerungszahl
des Landes zu kennen.
Ein Clip dieses Wortwechsels ging viral, allein auf Youtube wurde er bis
heute vierzehn Millionen Mal geschaut. „Hervorragend“ sei Carlsons
Gesprächsführung gewesen, kommentierte der bekannte Journalist Mehdi Hasan
anschließend. Viele in Hasans progressivem Umfeld stimmten zu. Plötzlich
bekam Carlson, einer der bekanntesten Rechten der USA, Applaus von links.
Carlson hat seither viele solcher Momente produziert. [1][Im vergangenen
Februar stellte er Mike Huckabee, den US-Botschafter in Israel, für dessen
theologische Verteidigung der israelischen Kriegsverbrechen in Gaza bloß].
Im April sorgte Carlson mit dem Bekenntnis für Schlagzeilen, dass er es
mittlerweile bedauere, im Wahlkampf 2024 für Donald Trump mobilisiert zu
haben. Anfang Juli gab der 57-Jährige bekannt, beim Aufbau einer dritten
Partei mithelfen zu wollen, um das Spektrum der Wahlmöglichkeiten zu
stärken. Diverse Medienfiguren, die mit Carlson politisch sonst quer
liegen, haben sich in vergangenen Monaten positiv auf ihn bezogen, darunter
Barack Obamas früherer Redenschreiber Jon Favreau, der linke israelische
Journalist Gideon Levy sowie Cenk Uygur, Moderator der Sendung „The Young
Turks“.
Dass Carlson Schlagzeilen macht, ist nichts Neues. Der Mann prägt seit drei
Jahrzehnten das amerikanische Fernsehen und ist spätestens seit seiner Zeit
beim Sender Fox News, wo er zwischen 2016 und 2023 zur Primetime
moderierte, eine Figur mit globaler Reichweite. Carlson pflegt engen
Kontakt zu führenden Politikern, hält bei großen rechten Konferenzen die
Keynote-Reden. Spekuliert wird sogar, ob er bei den Präsidentschaftswahlen
2028 antreten könnte.
Bemerkenswert ist vielmehr, womit Carlson derzeit Schlagzeilen macht.
Zuletzt nämlich nicht nur mit reaktionären Aussagen, wie man es von ihm
gewohnt war, sondern mit Positionen, die man, isoliert betrachtet, als
vernünftig bezeichnen könnte. Statt zig Milliarden Steuergelder im Ausland
zu verballern, meint Carlson etwa, sollte sich die Regierung lieber um die
vielen ökonomischen und sozialen Probleme im eigenen Land kümmern.
## Warum hat er mit Trump gebrochen?
Wer noch einen letzten Beweis dafür suchte, dass irgendetwas mit Carlson
los ist, wurde im Mai bedient, als Carlson im Gespräch mit seiner früheren
Fox-News-Kollegin Megyn Kelly zu einer Verteidigung des Islams ansetzte.
Genau wie seine Religion, das Christentum, basiere auch der Islam auf einem
„universellen Weltbild“, sagte er mit ernstem Blick. Bedeutet: Jeder Mensch
könne Teil davon werden, und genau das entspräche seiner persönlichen
Überzeugung. Islamfeindlichkeit lehne er prinzipiell ab. „Nennt mich halt
einen Moslem-Liebhaber, nur zu, na und?“
Halten wir an dieser Stelle kurz inne. Carlsons jüngste Äußerungen werfen
gleich eine Reihe von Fragen auf, und das nicht nur zu seiner Person,
[2][sondern zur ideologischen Justierung der US-Rechten, zur Zukunft von
Trumps „Make America Great“-Bewegung], und auch dazu, was das eigentlich
für die andere Seite, für „uns“ bedeutet.
Wie ist es gekommen, dass ausgerechnet jener Medienmacher, der in den
vergangenen zehn Jahren wie kaum ein anderer den Trumpismus diskursiv
genährt hat, nun mit Trump gebrochen hat? Wie sollte man Carlsons Sorge um
die iranische Zivilbevölkerung und palästinensische Kinder einordnen? Und
lässt sich Carlson angesichts seiner Haltungen als strategischer Partner
für die Linke nutzen, wie es bereits einige fordern?
Das Erste, das man über Carlson wissen sollte: Er ist beides, Ideologe und
Geschäftsmann. Tiefe politische Überzeugungen sind bei ihm mit einem
ausgeprägten Sinn für die Medienökonomie verschnürt. Carlson weiß, wen er
hasst. Aber er weiß auch, was er sagen muss, um durchzukommen.
Deutlich wurde das bereits zu Beginn seiner TV-Karriere, wie der Journalist
Jason Zengerle in seiner im Januar erschienenen Carlson-Biografie „Hated By
All the Right People“ erzählt. Als der Sender CNN im Jahr 2001 Carlson als
rechten Part der Debattenshow Crossfire auserkoren hatte, gab es großen
Widerspruch aus dem rechten Lager. Carlson sei kein „echter Republikaner“,
ließ der führende Kongressabgeordnete Tom DeLay über seinen Sprecher
mitteilen. Selbst TV-Kollege Robert Novak, der sich mit Carlson als
Moderator von Crossfire abwechseln sollte, machte klar, dass er Carlson für
eine Fehlbesetzung halte. „Als heimlicher Liberaler bezeichnet zu werden,
war eine harte Anklage“, gestand Carlson später. Weil er fürchtete, dass
dieser Vorwurf seinen Aufstieg gefährden könnte, tat Carlson in den
folgenden Jahren alles dafür, als rechter Vorkämpfer ernst genommen zu
werden. Sein Kulturkampf wurde schriller, die Demokratische Partei von ihm
fortan ohne Wenn und Aber zerfetzt.
## Gott, Nation, Familie sind seine Säulen
Die damalige Episode zeigt, was bis heute gilt: Sobald Carlson etwas
beweisen will, sei es im Sinne der Karriereerhaltung oder zur politischen
Argumentation, verbeißt er sich darin. Eine Weile lang geht es dann um
nichts anderes mehr. Das Obsessive gehört zur Marke. Auch in seinem
Verhalten steckt bis heute viel Theatralik. Wenn sein Gegenüber etwas sagt,
das Carlson besonders falsch findet, dann lacht er so laut und schrill, als
wäre es eine Skriptanweisung – Tucker, spiel dich selbst. Der Verweis auf
Carlsons Showwesen soll jedoch nicht bedeuten, dass man seine Inhalte
weniger ernst nehmen muss. Im Gegenteil sogar, man kann Carlson als einen
Gradmesser verstehen. Er spürt oft vor anderen US-Rechten, wohin die
politische Reise geht.
Carlson wuchs als „Kind des Kalten Krieges“ auf, schreibt Zengerle in
seinem Buch. Die Familie lebte in Kalifornien, damals Hauptschauplatz der
progressiven Gegenkultur. Tuckers Vater Dick stand jedoch auf der anderen
Seite, als großer Anhänger Ronald Reagans, für den er später auch
arbeitete. Dass Dick nicht nur Direktor des staatlichen Auslandssenders
„Voice of America“ war, sondern für den Auslandsnachrichtendienst CIA
Informationen lieferte, gilt als offenes Geheimnis. Tuckers leibliche
Mutter verließ die Familie, als er sechs war. „Es gibt fast nichts, was ich
weniger mag als Leute, die über ihre Kindheit jammern“, hat Carlson dieses
Erlebnis mal nachdrücklich für bedeutungslos erklärt. Ein paar Jahre später
heiratete sein Vater eine schwerreiche Frau.
Tucker wurde auf ein konservatives Internat in Rhode Island geschickt, wo
er Susie kennenlernte, seine heutige Frau, mit der er vier Kinder hat. Von
Susie inspiriert, wuchs bei Carlson das Interesse an Religion. Er wurde
Mitglied einer konservativen Strömung innerhalb der ansonsten progressiven
Episkopalkirche. So formten sich viele seiner Überzeugungen, etwa, dass
Abtreibungen und Homosexualität Sünden seien. Emanzipatorische Ideen ließ
Carlson auch im Studium nicht an sich heran. Als einige seiner Kommilitonen
auf dem Trinity College gegen eine Anwerbungs-Aktion der CIA protestierten,
bemalte Carlson ein Bettlaken mit der Aufschrift „Welcome CIA“ und hängte
es aus seinem Fenster. Carlson ging in dieser Zeit zunehmend in der
Identität eines „WASP“ (weißer angelsächsischer Protestant) auf, wie die
weiße Oberschicht der Ostküste mit englischen Vorfahren bezeichnet wird.
Zum Selbstverständnis vieler WASPs gehört der Glaube, die wahren
Repräsentanten Amerikas zu sein.
Mit Rückblick auf Carlsons Politisierung lässt sich festhalten: Der Mann
ist sich in vieler Hinsicht bis heute treu. Gott, Nation, Familie sind die
Säulen seines Weltbildes. Daraus ergeben sich auch wesentliche Fronten
seines ideologischen Kampfes. Wer das Christentum, die USA und
traditionelle Geschlechterrollen infrage stellt, ist der Feind. Die
emanzipatorischen Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte, die genau das
taten, sind für Carlson deshalb Ausdruck eines Zerfalls. Er sieht die USA
schon seit langer Zeit auf einem Weg ins Verderben. Carlson will zurück in
die Vergangenheit. Als die Verhältnisse aus seiner Sicht geordneter waren.
Ein typischer Konservativer, könnte man sagen. Doch unter Konservativen ist
nicht geklärt, um welches Früher es dabei eigentlich geht.
Um Carlsons gegenwärtige Bedeutung zu verstehen, muss man sich dem
Schlüsselkonflikt der US-Rechten zuwenden. Es geht um den Konflikt zwischen
Neokonservativen und Paläokonservativen. Die zwei Camps haben nicht nur
unterschiedliche Vorstellungen davon, wann die USA in ihrer Blüte standen,
sondern vor allem davon, welche Rolle die USA in der Welt spielen sollten.
## Er besuchte selbst den Irak
Neokonservative setzen auf eine interventionistische Außenpolitik und
entfesselten Marktliberalismus. Sie wollen, dass die USA als globale Macht
agieren, militärisch und ökonomisch. Das schließt auch die Öffnung für eine
bestimmte Form der Arbeitsmigration ein. Als außerparlamentarischer
Vordenker gilt der Autor Irving Kristol, der zwischen 1972 und 1997 eine
Kolumne für das Wall Street Journal schrieb. Machtpolitisch relevant wurden
die „Neocons“ zwischen den neoliberalen Reagan-Reformen und der
kriegswütigen Außenpolitik der Nullerjahre unter Präsident Bush Junior.
In Reaktion auf den Neokonservatismus verbreitete sich in den 1980er-Jahren
der Begriff des Paläokonservatismus. Figuren wie Pat Buchanan, der sich
mehrfach als Präsidentschaftskandidat versuchte, wollten die Rechte zu
ihrem „Ursprung“ zurückführen. Sie setzten auf stramme Abschottung der USA
durch Mauern und Zölle, forderten eine Rückbesinnung auf „traditionelle
Werte“. Supranationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation, den
Internationalen Währungsfonds und die Vereinten Nationen lehnten sie ab.
Während sich manche „Paläos“ nach dem „Vergoldeten Zeitalter“ Ende des 19.
Jahrhunderts zurücksehnen, glorifizieren andere die Mitte des 20.
Jahrhunderts. Die Reise geht jedenfalls in eine Zeit, bevor das Civil
Rights Moment und der Feminismus der zweiten Welle ihre Spuren hinterlassen
konnten.
Carlson stand am Anfang seiner Karriere auf Seite der Neocons. Er glaubte
an das Anrecht der USA auf die Rolle einer Weltpolizei. Seine erste
Festanstellung war beim Magazin Weekly Standard, so etwas wie die
neokonservative Bibel. Als die USA nach den Anschlägen am 11. September
2001 erst in Afghanistan und später in den Irak einmarschierten, war
Carlson zunächst lautstark dafür. Nachdem Carlson Ende 2003 selbst in den
Irak reiste, um dort US-Soldat:innen zu besuchen, wich diese Überzeugung
jedoch. Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen hatten sich zu diesem
Zeitpunkt bereits als US-Propaganda herausgestellt.
„Ich schäme mich dafür, den Krieg im Irak unterstützt zu haben“, sagte
Carlson im Sommer 2004. Schuld gab er den Neokonservativen, deren
Propaganda er gefolgt sei. „Nie wieder“ werde er diesen Fehler machen.
Carlson rief sogar persönlich bei Pat Buchanan an, dem paläokonservativen
Chefideologen, um sich für seine früheren Angriffe auf ihn zu
entschuldigen. Sukzessive wuchs bei ihm in dieser Zeit eine
anti-interventionistische „America First“-Haltung. Mit anderen Worten:
Carlson wurde zum Paläo. Und zwar nicht aus moralischer Ablehnung des
US-Imperialismus, nicht weil er sich um die irakische Bevölkerung sorgte,
die er als „halbgebildete primitive Affen“ beleidigte. Carlson erkannte in
Nation Building schlichtweg keinen Nutzen für das eigene Land.
## Was Carlson sagte, wiederholte Trump
Als Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, sah Carlson, der mit der
Fox-News-Show Tucker Carlson Tonight eine Woche nach Trumps Wahlsieg
erstmals on air ging, die historische Chance auf eine paläokonservative
Wende. Trump hatte im Wahlkampf die „endlosen Kriege“ kritisiert, harten
Grenzschutz und eine protektionistische Wirtschaftspolitik gefordert –
allesamt Carlsons Überzeugungen. Schnell merkte Carlson, dass er die
Regierungspolitik aktiv mitsteuern kann: Was er abends im Fernsehen sagte,
wurde vom Präsidenten oft am nächsten Tag gegenüber der Presse wiederholt.
Carlson hat seine mediale Präsenz in den vergangenen zehn Jahren vor allem
für Hetze gegen Immigrant:innen und trans* Menschen genutzt. 2021 verlegte
er sein Studio für eine Woche nach Budapest, um dort für Viktor Orbán
Werbung zu machen. Er hat immer wieder die Verschwörungstheorie des „Großen
Austauschs“ verbreitet, wonach die weiße Bevölkerung gezielt ersetzt werde.
Und er lädt gerne Holocaustleugner in seine Show ein, im vergangenen
Oktober etwa den jungen Online-Agitator Nick Fuentes, der offen Adolf
Hitler preist. Applaus kriegt Carlson dafür regelmäßig von rechtsextremen
Medien wie The Daily Stormer und Breitbart.
Wie erklärt sich vor diesem Hintergrund, dass Carlsons Inhalte in jüngster
Zeit auch von Linken geteilt werden?
Ein Faktor ist, dass Carlson seit einigen Jahren zunehmend eine Kritik an
den ökonomischen Verhältnissen formuliert, die tatsächlich Spuren einer
linken Analyse enthält. Carlson wirft beispielsweise der Pharmabranche vor,
die Opioid-Epidemie produziert zu haben und am Leid Zehntausender
Drogensüchtiger zu verdienen. Carlson verurteilt Tech-Milliardäre für ihre
Gier, fordert höhere Steuern auf Kapitalerträge. Auch der Kryptowelt,
vielen KI-Entwicklungen sowie der Kreditkartenindustrie gegenüber ist
Carlson kritisch eingestellt.
„Wenn du reich wirst, indem du Leuten Geld zu unglaublich hohen Zinsen
leihst, dann ist das etwas, worüber du mit Gott sprechen musst“, sagte
Carlson bei einer Konferenz im vergangenen Jahr. Dass so viele Menschen in
den USA tief verschuldet sind, sieht er als weiteren Beweis des
amerikanischen Zerfalls. Kürzlich forderte er sogar einen Massenstreik
aller Verschuldeten.
Manchmal, für ein paar Sätze, klingt Carlson fast wie Bernie Sanders. Bei
bestimmten Fragen steht er tatsächlich links vom Establishment der
Demokratischen Partei. Carlsons Populismus zielt jedoch nicht auf die
nachhaltige Ermächtigung der Arbeiter:innenklasse. Eine Erhöhung des
Mindestlohns, eine staatliche Krankenkasse für alle, eine Stärkung der
Gewerkschaftsrechte, all das, was das Leben arbeitender Menschen besser
machen würde, lehnt er ab. Carlsons Subjekt der Geschichte ist die in der
Vorstadt lebende Mittelschicht, deren Mythos er kultiviert. „Wenn du einen
Vorgarten mit Rasen hast, glaub mir, dann denkst du langfristig“, sagte
Carlson in derselben Rede, in der er die Kreditkartenindustrie angriff.
In Carlsons reaktionärer Utopie soll der amerikanische Mann so viel Geld
verdienen, dass er sich ein Haus in der Vorstadt leisten und die Frau zu
Hause bleiben kann. Nicht der Kapitalismus sei das Problem, sagt Carlson,
sondern seine aktuelle Ausprägung, die er als „Fake“ bezeichnet. Carlson
propagiert das, was die linke Soziologin Melinda Cooper
„Familien-Kapitalismus“ nennt: ein Wirtschaftssystem, das sich auf große
und kleine Familienbetriebe stützt – und nicht von Aktienkonzernen bestimmt
wird.
## Er hat die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich
Der Hauptgrund dafür, dass Carlson zunehmende Resonanz jenseits des rechten
Lagers erfährt, ist jedoch ein anderer. Es liegt an seiner kritischen
Position gegenüber der israelischen Politik. An dieser Stelle wird es
kompliziert. Manche der Fragen, die Carlson diesbezüglich stellt, haben
nämlich zweifellos eine Berechtigung.
Woran liegt es, fragt Carlson etwa, dass der israelische Regierungschef
Benjamin Netanjahu einen solchen Einfluss auf Trump zu haben scheint, dass
er diesen – wie die New York Times und andere große Medien berichteten –
von der Richtigkeit eines Kriegs mit dem Iran überzeugen konnte? Auch
Carlsons Beschäftigung mit der israelische Lobbyorganisation AIPAC, die
regelmäßig mit großen Kampagnen in US-Wahlkämpfe eingreift, um Erfolge
israelkritischer Kandidat:innen zu verhindern, ist legitim. Genauso wie
seine scharfe Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza.
Carlson hat in vielen dieser Kritikpunkte die Mehrheit der Bevölkerung
hinter sich. Ein Großteil der Amerikaner:innen ist der Meinung, dass Israel
zu viel Einfluss auf die US-Politik hat. Ein Großteil hält das israelische
Vorgehen in Gaza – wie viele Genozid-Forscher:innen auch – für einen
Völkermord, und Waffenlieferungen an Israel für falsch. Ein Großteil will,
dass Israel behandelt wird wie jeder andere Staat. Während der
durchschnittliche Amerikaner die israelische Politik inzwischen negativ
betrachtet, gibt es in vielen etablierten Medien immer noch eine
Befangenheit zu Gunsten Israels. Carlson profitiert von dieser Diskrepanz,
als vermeintlicher Rebell gegen den Medienmainstream.
Doch Carlson belässt es nicht bei valider Kritik. Bei ihm wird fast alles
zur Verschwörung. In Bezug auf den Irankrieg etwa geht er so weit zu
behaupten, dass Trump gar „gegen seinen Willen“ handle, weil die USA von
zionistischen Kräften „kontrolliert“ seien. Dass die Weltmacht USA eigene
geopolitische Interessen hat, wird in seiner Erzählung ignoriert. Auffällig
ist zudem, wie exzessiv er sich immer wieder am Einfluss bestimmter
jüdischer Menschen abarbeitet, sei es die republikanische Geldgeberin
Miriam Adelson, der liberale Philanthrop George Soros oder der
neokonservative Radiomoderator Mark Levin. Als Carlson im Gespräch mit
seinem Bruder Buckley kürzlich sagte, dass „eine neue Gruppe“ die
Herrschaftsklasse der USA übernommen habe, war jedem klar, wen er meinte.
Ein paar Minuten später verteidigte Carlson die Praxis mancher Country
Clubs in Florida, keine jüdischen Menschen aufzunehmen.
Dass Carlson mit antisemitischen Codes und Anspielungen arbeitet, ist
längst unüberhörbar. Wenn er etwa mit Bezug auf die Situation in Gaza sagt,
dass das Töten unschuldiger Menschen nicht mit der christlichen und
islamischen Religion vereinbar sei, bleibt kein Zweifel daran, welcher
Religion er es inhärent zutraut. Und wenn Carlson bestimmte Bankgeschäfte
als Hauptübel des Kapitalismus ausmacht, klingt er wie der Schriftsteller
Ezra Pound, der in einem antisemitischen Pamphlet 1939 Zinswucher als
„Krebs der Welt“ bezeichnete.
## Im Phänomen Carlson steckt ein Auftrag
Schaut man Carlson beim medialen Wirken zu, sticht noch eine andere Sache
hervor. In fast jedem Interview und jeder Rede warnt er davor, „Sklave zu
sein“. Zum Sklaven werde man laut Carlson etwa, indem man sich der
„Meinungszensur“ füge, oder indem man sich verschuldet und dann „den Banken
gehöre“. Wie könne es sein, fragt Carlson, dass sich ein Land mit 350
Millionen Menschen (USA) von einem Land mit 9 Millionen Einwohner:innen
(Israel) „herumbossen“ lasse?
Wir müssten doch der Boss sein, lautet Carlsons Selbstverständnis, womit
sich der Bogen zu den anfangs genannten Säulen seines Weltbildes spannt.
Der America-First-Chauvinismus, das reaktionäre Geschlechterbild, die
antisemitische Fixierung auf Israel, all das verweist auf einen Glauben an
vermeintlich natürliche Hierarchien. Carlson wirkt wie ein Aristokrat, der
seine Privilegien in Gefahr sieht; gekränkt davon, dass bestimmte Ordnungen
ins Schwanken kommen. Er verteidigt, mit der Philosophin Eva von Redecker
gesprochen, Phantombesitz. Je zerstörerischer diese Verteidigung ausfällt,
desto faschistischer wird es laut von Redecker.
Jemand, der so denkt wie Carlson und letztlich meist aus falschen Motiven
ab und zu das Richtige sagt, kann für Linke kein Partner sein.
Zugleich aber steckt im Phänomen Carlson ein Auftrag.
Zum einen sollte man Carlson als Nutznießer der Medienökonomie verstehen.
Die meisten Menschen kriegen Politik über Social-Media-Schnipsel mit, und
im unendlichen Stream der Schnipsel gelingt es Carlson, mit verschiedenen
Inhalten verschiedene Publika anzusprechen. Nationalistische Ressentiments
für die einen, pseudo-populistische Wutreden und Anti-Kriegs-Appelle für
die anderen.
Zum anderen ist Carlson ein Profiteur des politischen Klimas. Spätestens
seit der Finanzkrise 2008 gibt es in den USA einen breiten Hass auf das
Establishment. Die meisten Amerikaner:innen geben ökonomische Not als ihre
größte Sorge an, die meisten fühlen sich von der Politik in Washington
entfremdet. Der Fall Jeffrey Epstein hat die Vorstellung einer völlig
enthemmten Elite untermauert. Für die Macht eines Elon Musk gibt es kaum
einen präziseren Begriff als den der Plutokratie. Angesichts von
Medicare-Kürzungen und wachsender Inflation erscheinen die Milliarden
verschlingenden Kriegsmanöver der USA noch desaströser. Der tiefsitzende
Frust der amerikanischen Bevölkerung wird, bis auf wenige Ausnahmen, weder
von Demokraten noch von Republikanern aufgefangen.
## Er ist ein Gradmesser
In dieser Atmosphäre kommt Carlson zur Geltung. Er präsentiert sich als
enttäuschter Patriot, als jemand, der doch nur will, dass Trump seine
Versprechen erfüllt, als Anführer einer Bewegung von Betrogenen,
Verbitterten, Desillusionierten. So passt es auch, dass Carlson, dessen
Markenzeichen früher die Fliege war, inzwischen in Holzfällerhemden
auftritt, seine Sendungen in einer umgebauten Scheune aufnimmt und
Erstmilch vom Rind verkauft.
Nicht alle, die Carlsons Inhalte teilen, sind hoffnungslose Faschos. Für
alle irgendwie Progressiven sollte sich daraus die Dringlichkeit einer
Antwort ergeben. Carlsons Kritik an bestimmten Auswüchsen des
Finanzkapitalismus müsste man Alternativen zum ökonomischen System
entgegenstellen. Seiner nationalistischen Ablehnung des
US-Interventionismus lässt sich mit einem stabilem Anti-Imperialismus
erwidern. Und Carlsons antisemitische Kritik an der USA-Israel-Verbindung
erfordert einen antirassistischen Universalismus.
Carlson ist ein Gradmesser dafür, wohin die Rechte steuert. Und er zeigt,
wie man gegensteuern muss.
19 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /US-Botschafter-in-Israel/!6156525
DIR [2] /USA-unter-Trump/!6169880
## AUTOREN
DIR Lukas Hermsmeier
## TAGS
DIR Schwerpunkt USA unter Trump
DIR Donald Trump
DIR Antisemitismus
DIR GNS
DIR Lesestück Recherche und Reportage
DIR Alexander Dobrindt
DIR Schwerpunkt USA unter Trump
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR US-Konferenz mit Außenminister Rubio: Bundesregierung nimmt an Trumps Anti-Antifa-Gipfel teil
Die US-Regierung macht Wahlkampf mit einer Konferenz zur angeblichen Gefahr
von links. Das deutsche Innenministerium macht mit.
DIR Rechter Talkshowhost: Tucker Carlson ist für Linke kein Verbündeter
In einem Interview schlägt Tucker Carlson scheinbar linke Töne an, vor
allem in Außen- und Wirtschaftspolitik. Fallt nicht drauf rein!
DIR US-Botschafter in Israel: Mike Huckabee erzürnt mit Bibel-Auslegung arabische Welt
Laut Bibel hätte Israel ein Recht auf weite Teile des Nahen Ostens, findet
Huckabee im TV-Interview mit Tucker Carlson. In arabischen und muslimisch
geprägten Staaten reagiert man empört.