# taz.de -- Bezahlkarte für Geflüchtete: „Eine nicht gerechtfertigte Diskriminierung“
> Laut einem von den Grünen beauftragten Gutachter widerspricht die
> Bezahlkarte dem Landesantidiskriminierungsgesetz. Berlin will sie im Juli
> einführen.
Ein von den Berliner Grünen in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem
Schluss, dass die Bezahlkarte, auch in ihrer abgeschwächten Berliner
Variante, gegen Grund- und Menschenrechte sowie das
Landesantidiskriminierungsgesetz (LADG) verstößt und rechtlich anfechtbar
ist. Nach Auffassung des Gutachters Reza F. Shafaei, einem Juristen für
Arbeits- und Sozialrecht, der an der Hochschule für Angewandte
Wissenschaften in Kiel lehrt, ist insbesondere die Begrenzung der
Bargeldabhebung auf 50 Euro im Monat diskriminierend, weil sie zu
„[1][Autonomieverlust] und [2][Stigmatisierungseffekten]“ führt, wie er der
taz sagte.
Der Grünen-Abgeordnete und Sprecher seiner Fraktion für Migration,
Partizipation und Flucht, Jian Omar, kommt zu dem Schluss: „Das Gutachten
zeigt eindeutig: Eine Bezahlkarte ist grundsätzlich möglich. Rechtswidrig
wird ihre konkrete Ausgestaltung dort, wo Geflüchtete pauschal
schlechtergestellt und in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt werden.“
Die Ministerpräsidentenkonferenz (MPK) hatte 2023 und 2024 die Einführung
einer Bezahlkarte für Geflüchtete mit einer Bargeldobergrenze beschlossen,
um angeblichen „Pull-Effekten“, also Anreizen für Migranten, nach
Deutschland zu kommen, entgegenzutreten. Zudem sollten so Überweisungen in
die Heimatländer oder an „Schlepper“ unterbunden werden. In der späteren
Diskussion wurde auch Entbürokratisierung als Argument genannt. Bis auf
Berlin haben inzwischen alle Bundesländer die Karte eingeführt, allerdings
verweigern sich einzelne Kommunen, etwa Potsdam.
In Berlin soll sie nun im Juli kommen, sagte der Sprecher von
Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe (SPD) der taz. Im Vergleich zu
anderen Bundesländern wird die [3][Berliner Variante] der Karte weniger
restriktiv ausfallen: Sie wird nur für Neuankömmlinge gelten, die
50-Euro-Obergrenze für Bargeld soll nach den ersten sechs Monaten
entfallen, man kann mit ihr bundesweit bezahlen. Auch Onlinegeschäfte sind
mit ihr grundsätzlich möglich, auch wenn einzelne Waren/Dienstleistungen
vom Amt gesperrt werden können. Menschen, für die eine Nutzung nicht
barrierefrei möglich wäre, etwa Menschen mit Behinderungen oder mit
bestimmten Krankheiten, bekommen die Karte nicht, sondern beziehen
weiterhin Bargeld vom Landesflüchtlingsamt (LFU). Nach sechs Monaten wird
die Karte zusammen mit Wohlfahrtsverbänden evaluiert.
## Gegen das Landesantidiskriminierungsgesetz
Laut Gutachter Shafaei stellt jedoch auch die Berliner Variante eine nicht
gerechtfertigte Diskriminierung dar und kollidiert mit dem LADG, dass
Diskriminierungen etwa hinsichtlich des sozialen Status durch
Landesbehörden wie das LFU verbietet. Das bedeutet, erklärt Shafaei, der
Staat darf nur dann jemanden diskriminieren, also ungleich behandeln, wenn
„sachliche und hinreichende Gründe“ dafür vorliegen. Dies sei aber nicht
der Fall. Denn um die vorgeblichen Ziele der Bezahlkarte zu erreichen, „ist
die Bezahlkarte weder erforderlich noch geeignet“. Im Gutachten heißt es
dazu: „Sozialleistungen (sind) im wissenschaftlichen Diskurs als sogenannte
Pull-Faktoren gerade nicht nachgewiesen.“
Was die angeblichen Erleichterungen für die Verwaltung angeht, die
besonders Kiziltepe als Ziel in den Vordergrund gestellt hat, sagte Shafaei
der taz: Zwar sei es gut, dass in Berlin jeder Einzelfall geprüft werde, da
Kranke und Behinderte die Karte nicht bekommen sollen. „Aber das führt
natürlich das Argument des Bürokratieabbaus ad absurdum.“ Hätte man weniger
Bürokratie gewollt, wäre es das einfachste gewesen, allen Geflüchteten
Zugang zu einem Bankkonto mit Girocard zu gewähren. „Die Bezahlkarte ist
reine Symbolpolitik“, folgert Shafaei.
Für die Grünen fordert Omar eine diskriminierungsfreie und damit
rechtssichere „BerlinCard“, die die Verwaltung wirklich entlastet und
alltagstauglich ist. „Digitalisierung muss der Modernisierung der
Verwaltung dienen und darf niemals zum Instrument der Ausgrenzung werden“,
sagt er.
2 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Susanne Memarnia
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