# taz.de -- Angriffe auf Schwule über Dating-Apps: Online in die Falle gelockt
> Über Apps wie „Grindr“ werden Schwule zu vermeintlichen Dates animiert –
> und dann beraubt, angegriffen, gedemütigt. Auch Sänger Leopold wurde
> Opfer.
IMG Bild: „Sie wollen uns bestrafen, weil sie meinen, queere Personen hätten das verdient“, sagt der queere Sänger Leopold
Die Wange ist abgeschwollen, das Auge nicht mehr blau. Aber die Tat
hinterlässt unsichtbare Spuren. „Ich habe mich so beschämt, erniedrigt und
hilflos gefühlt“, erzählt Leopold. Er schüttelt den Kopf. „Sie wollen uns
bestrafen, weil sie meinen, queere Personen hätten das verdient.“ Der
queere Sänger mit Künstlernamen Leopold sitzt in seiner Wohnung in Mitte.
„Human, Love, Freedom“ steht auf seinem cremeweißen Shirt.
Ende Mai wurde der 32-Jährige bei einem vermeintlichen Grindr-Date in
seiner eigenen Wohnung überfallen, angegriffen und über drei Stunden
festgehalten. Über Grindr, die weltweit größte schwule
Online-Datingplattform, habe er mit dem Profil eines Mannes in der Nähe
geschrieben und Fotos ausgetauscht, erzählt Leopold. Kurze Zeit später habe
der Mann wie vereinbart gemeinsam mit einem Freund vor der Tür gestanden.
Wie die Täter aussahen, möchte der Sänger aus ermittlungstaktischen Gründen
nicht sagen.
„Dann ging alles sehr schnell“, erzählt Leopold. Einer der Täter habe ihm
das Handy aus der Hand genommen, der andere unvermittelt auf seinen Kopf
eingeschlagen. Die beiden hätten nach Bargeld gesucht, jedoch erfolglos.
Anschließend hätten sie die Zugangsdaten zu seinem Online-Banking erpresst
und eine große Summe überwiesen.
„Ich musste in Unterwäsche auf einem Stuhl sitzen. Wenn ich aufstehen
wollte, haben sie mir gedroht und angetäuscht, mich wieder zu schlagen und
zu treten“, erzählt Leopold. Die Täter hätten einen Dritten hinzugerufen,
gemeinsam seine Wohnung durchsucht und seine Klamotten durchwühlt, darunter
High Heels, Paillettenkleider und Schminke. „Sie haben auf den Boden
gespuckt, mich queerfeindlich beleidigt und gedemütigt.“ Sie hätten Videos
von ihm in Unterwäsche gemacht und ihn zwingen wollen, Kokain zu nehmen.
Nach drei Stunden seien sie schließlich gegangen.
„Sie wollten Geld, aber darum ging es ihnen nicht vorrangig“, glaubt
Leopold. „Sie wollten mich demütigen.“ Die Täter würden wissen, dass
schwule Männer „leichte Beute“ seien. Das habe mit der Art des Datens zu
tun: Man treffe sich schneller, kurzfristiger und unverbindlicher.
Der Fall Daniel F. stützt Leopolds Einschätzung. Er habe Opfer gesucht, die
leicht zu überwältigen seien, sagte der 20-Jährige Anfang Juni vor dem
Berliner Landgericht. F. soll sieben Männer über Grindr zu Dates gelockt
und sie unter Vorhalt einer Schusswaffe und eines Messers ausgeraubt haben.
Eins seiner Opfer soll er gezwungen haben, sich vor laufender Kamera als
„Schwanzlutscher“ zu bezeichnen, einen anderen Mann, ein Vogelskelett in
den Mund zu nehmen und darauf herumzukauen.
Ein anderer Fall systematischer fingierter Online-Dates ereignete sich im
Sommer 2025 in Brandenburger Landkreis Märkisch-Oderland. Anfang Mai wurden
dort sieben junge Männer – Deutsche, Syrer und Tschetschenen – verurteilt.
Sie sollen in fünf verschiedenen Fällen schwule Männer über Dating-Apps in
die Falle gelockt, sie ausgeraubt, misshandelt und dabei gefilmt haben.
## Hohe Dunkelziffer
Die [1][Opferberatungsstelle Maneo] zählte 2025 insgesamt elf Fälle
queerfeindlicher Angriffe, die mit Datingportalen in Verbindung stehen. Es
wird jedoch von einer extrem hohen Dunkelziffer ausgegangen. Laut dem
Maneo-Report 2025, der im Mai veröffentlicht wurde, bearbeitete und
dokumentierte das Antigewaltprojekt in Berlin 2025 insgesamt 1.014 neue
Meldungen – „ein neuer Höchststand“.
Die Autoren gehen von einem Dunkelfeld von 80 bis 90 Prozent aus. Die
meisten Opfer meldeten sich demnach nie bei einer Beratungsstelle und
zeigten die Angriffe nicht bei der Polizei an. Viele von ihnen hätten in
der Vergangenheit Diskriminierung und fehlenden Beistand erfahren und seien
skeptisch gegenüber Strafverfolgungsbehörden, heißt es.
Leopold tat das Gegenteil. Er habe nach dem Angriff sofort die Polizei
gerufen, erzählt er. Die Beamten seien sehr respektvoll gewesen, ein
Polizist habe ihm sogar gut zugesprochen und gesagt, dass er sich nichts
vorzuwerfen habe. „Trotzdem habe ich die Schuld bei mir selbst gesucht“,
sagt er. Während des Angriffs habe er die Bilder seiner Freund*innen und
Familie an der Wand gesehen und gedacht: „Was denken die bloß von mir?“
Hannes Püschel von der [2][Beratungsstelle Opferperspektive e.V.] kennt
diese Gefühle aus der Beratung: „Sich zum Sex verabredet zu haben und in
eine Falle gelockt zu werden, ist hochgradig schambehaftet“, sagt er.
Verstärkt werde das Gefühl dadurch, dass die Täter sehr auf Erniedrigung
setzten und ihre Taten oftmals filmten, wodurch das Risiko einer
Veröffentlichung bestehe.
„Diese drei Faktoren verunmöglichen für viele einen offenen Umgang mit der
Tat“, so Püschel. Zudem könne man sich nicht darauf verlassen, dass
Sicherheitsbehörden und Justiz sensibel mit dem Thema umgingen. Nicht immer
würden die Taten als politisch motiviert eingestuft, mitunter übernehme die
Polizei die Darstellung der Täter.
## Rechtsextreme Narrative
Immer wieder rechtfertigen Täter ihre Gewalt gegen schwule Männer damit,
vermeintlich Pädokriminelle jagen und bestrafen zu wollen. Zwischen
„pädophil“ und „schwul“ wird beim sogenannten „Pädo-Hunting“ nicht
unterschieden. „Bestrafungsfantasien gegen schwule Männer sind ein
Klassiker der radikalen Rechten“, sagt Hannes Püschel. Entsprechende
Narrative finden sich auch in NPD-Parolen wie „Todesstrafe für
Kinderschänder“ oder in AfD-Aussagen, wie der, dass die Regenbogenfahne für
„Machenschaften pädophiler Lobbygruppen“ stehe.
Die Täter fingierter Online-Dates seien in den meisten Fällen Jugendliche
aus der rechtsradikalen Szene, so Püschel. Es komme aber auch zu
ungewöhnlichen Allianzen: „Es kommt vor, dass rechte, deutsche Jugendliche
und migrantische, homophobe Jugendliche gemeinsam solche Taten begehen.“ In
den Sozialen Medien würden sich Gewaltfantasien und entsprechende Konzepte
rasend schnell verbreiten, außerdem könne man sich dort innerhalb weniger
Stunden mit anderen Tätern vernetzen.
Die Dating-Apps sind dafür nicht gewappnet. Bei Grindr gibt es zum Beispiel
keine Profilcodes, also Identifikationsnummern. Dadurch sei die
Nachverfolgung „praktisch aussichtslos“, hieß es in einer Antwort des
Senats auf eine Schriftliche Anfrage von Klaus Lederer, dem
queerpolitischen Sprecher der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Zudem
werden einem auf Grindr blockierte Profile und Chats nicht mehr angezeigt.
Für die Strafverfolgung sind diesee aber von großer Bedeutung.
Leopold berichtet, nach dem Angriff direkt auf Grindr nach dem Profil des
Täters gesucht zu haben, doch es sei für ihn nicht mehr sichtbar gewesen.
„Sie haben mich blockiert, während sie bei mir waren.“ Profile müssten
verifiziert werden, fordert er, und zwar mit Personalausweis und nicht nur
über den Instagram-Account. Auch brauche es einen angemessenen Service der
Plattform, an den man sich nach einem Übergriff wenden kann. „Das, was
Grindr bislang macht, ist lächerlich“, findet Leopold. Es würden einem
lediglich Tipps gegeben, wie man sich präventiv schützen kann, wenn es
bereits zu spät ist.
## Angriffe in Cruising-Areas
Klaus Lederer fordert indes mehr Verantwortungsübernahme vom Senat. Es
werde zu wenig getan, um solche Taten präventiv zu verhindern, kritisiert
der Politiker. Er hat auch eine Anfrage zu organisierten Überfällen in
Cruising-Gebieten gestellt. Anlass war ein Übergriff Ende Mai, bei dem eine
Gruppe von 15 jungen Männern im Volkspark Friedrichshain gezielt Schwule
gejagt und einen Mann schwer im Gesicht verletzt hatte.
Der Volkspark im Friedrichshain hat sich seit vielen Jahren als
Cruising-Area, also als ein Gebiet für spontanen, offenen Sex im Freien,
etabliert. Immer wieder kommt es dort auch zu queerfeindlichen Übergriffen.
Berlinweit hat Maneo im vergangenen Jahr 29 Gewaltvorfälle in
Cruising-Gebieten erfasst, davon 24 Fälle mit schwulenfeindlichem
Hintergrund. Die Friedrichshainer Bezirksverordnetenversammlung hat nun
beschlossen, dass die dortige Cruising-Area besser geschützt werden soll.
Durch den Beschluss wird das Bezirksamt aufgefordert, sich mit Maßnahmen zu
beschäftigen, es muss diese allerdings nicht umsetzen.
Klaus Lederer fordert zudem eine bessere Erfassung der Straftaten: Ohne
Daten zur Anzahl und Entwicklung queerfeindlicher Übergriffe in Park- und
Grünanlagen und Gewalt nach fingierten Grindr-Dates sei „weder politische
Initiative noch fakten-basiertes polizeiliches und staatsanwaltschaftliches
Handeln denkbar“. Der queerpolitische Sprecher kritisiert, dass die
Landesstrategie gegen Queerfeindlichkeit kaum Prävention enthalte und
LSBTIQ+ im Berliner Gewalthilfegesetz, anders als zunächst vorgesehen,
nicht als besonders schutzbedürftige Gruppe berücksichtigt sind. Für ihn
steht fest: „Wer queere Menschen real vor Gewalt schützen will, darf so
nicht weitermachen.“
6 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://maneo.de/
DIR [2] https://www.opferperspektive.de/verein/
## AUTOREN
DIR Lilly Schröder
## TAGS
DIR Queer
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