# taz.de -- Kritik an CDU-Vorschlag: Zwangsweises Deutschlandticket für einkommensarme Menschen
> CDUler in NRW wollen Empfänger*innen der Grundsicherung zur Kasse
> bitten. Das sei Bevormundung ohne Vorteile für die Betroffenen, sagen
> Kritiker*innen.
IMG Bild: Erst wurde Werbung für das Deutschlandticket gemacht, nun soll es für Empfänger*innen der Grundsicherung verpflichtend sein
Der Vorschlag aus der CDU, das Deutschlandticket für Empfänger*innen
der sogenannten Grundsicherung verpflichtend zu machen, sorgt für scharfe
Kritik. Der in der Grundsicherung – vormals Bürgergeld – vorgesehene Posten
für Mobilität würde dann wegfallen.
Über einen entsprechenden Antrag der CDU-Bezirksverbände Ruhr und
Niederrhein soll am Samstag auf dem Landesparteitag in Nordrhein-Westfalen
abgestimmt werden. Nur: „Es geht bei dem Vorschlag gar nicht darum, was für
die Menschen gut ist“, sagte Michael Spörke, Abteilungsleiter für Soziales
und Kommunales beim Sozialverband Deutschland in NRW, der taz.
Wenn eine Person Grundsicherung bezieht, bekommt sie aktuell etwa 50 Euro
zur Deckung der Mobilitätskosten. Damit sollen theoretisch alle Fahrten
abgedeckt werde, egal ob kurz oder lang, mit Rad, Auto oder ÖPNV. Das
Deutschlandticket hingegen umfasst ausschließlich den öffentlichen
Nahverkehr, dafür ist es bundesweit gültig.
Der Grund für den Vorschlag: In NRW hätten nur 80.000 von 1,5 Millionen
[1][Empfänger*innen der Grundsicherung] das Deutschlandticket, sagte
Frank Heidenreich, der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Verkehrsverbund
Rhein-Ruhr (VRR). Das sei zu wenig. Zur Einordnung: Das Deutschlandticket
für Menschen, die Sozialleistungen empfangen, kostet in NRW 53 Euro, also 3
Euro mehr als der vorgesehene Mobilitätssatz.
## Nicht alle nutzen nur den ÖPNV
Bei dem Vorschlag gehe es darum, die Einnahmen des Nahverkehrs zu steigern,
sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion und
Bezirkschef der CDU Niederrhein, Günter Krings. „Das ist nicht zuletzt auch
im Interesse der Grundsicherungsempfänger“, sagte Krings.
Nicht unbedingt, meint Spörke vom Sozialverband: „Es gibt eine ganze Reihe
von Menschen in der Grundsicherung, die hätten von dem Deutschlandticket
gar nicht viel.“ Etwa weil sie auf dem Land leben würden, wo es keine
öffentliche Anbindung gäbe oder weil [2][die Verkehrsmittel nicht
barrierefrei seien].
Annika Fuchs, Mobilitätsreferentin beim Umweltschutzverein Robin Wood,
kritisiert zudem, dass dann kein Geld übrig wäre, um auf andere Weise von A
nach B zu kommen. „Es ist klar, dass ich im Monat auch noch andere Ausgaben
habe“ – etwa die Reparatur des Fahrrads. Eine bessere Mobilitätsteilhabe
sieht Fuchs in dem Vorschlag nicht.
Der Vorstandssprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr, Oliver Wittke (CDU),
rechnet sich 2,5 Milliarden Euro Einnahmen aus, die mit dem zwangsweisen
Deutschlandticket dem ÖPNV zugutekommen würden. Die Zweckgebundheit sei
wichtig, denn: „Es gibt einen hohen Betrag, der bei Bürgergeldempfängern
für Mobilität vorgesehen ist, aber wahrscheinlich nicht für Mobilität
ausgegeben wird“, kritisierte der Christdemokrat.
[3][Helena Steinhaus, Gründerin des Vereins „Sanktionsfrei“], setzte dem
entgegen: „Es ist völlig normal, dass Leute im Bürgergeld auf Posten
zugreifen, die für andere Sachen vorgesehen sind.“ Eine derartige
Aufteilung entspreche nicht der Lebensrealität, zumal die Leistungen
ohnehin zu knapp bemessen seien. Dass man Menschen in Grundsicherung ein
Deutschlandticket vorschreiben will, nennt sie „komplette Bevormundung“.
## Es geht auf Kosten der Armen
Die CDU wiederum will den Nahverkehr stärken, auch um die Klimaschutzziele
zu erreichen, wie Thomas Kufen, Essener Oberbürgermeister und
Bezirksvorsitzender der CDU Ruhr sagte. Mobilitätsexpertin Fuchs hat dafür
andere Ideen: „Es gibt Möglichkeiten, Menschen, die viel Geld haben, zur
Kasse zu bitten.“
Das wären zum Beispiel eine Dienstwagenbesteuerung, von der im Moment vor
allem gutverdienende Menschen profitieren würden. Oder die Einführung einer
Kerosinsteuer im Flugverkehr, da hier momentan die klimaschädlichste
Mobilitätsform bevorzugt würde. „Natürlich braucht es eine auskömmliche
Finanzierung des Nahverkehrs, aber das kann nicht dadurch erreicht werden,
dass die Finanzierung auf Kosten der Armen sichergestellt wird“, sagte
Fuchs.
2 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Forderung-von-CSU-Chef-Markus-Soeder/!6189365
DIR [2] /Barrierefreiheit-in-Berlin/!6191842
DIR [3] /Neue-Grundsicherung-tritt-in-Kraft/!6181983
## AUTOREN
DIR Charlotte Gabel
## TAGS
DIR Grundsicherung
DIR Bürgergeld
DIR Deutschlandticket
DIR CDU
DIR Social-Auswahl
DIR Reden wir darüber
DIR Jobcenter
DIR Deutschlandticket
DIR Hartz IV
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Deutschlandticket als Pflicht in NRW: Was für ein absurder Vorschlag
Die NRW-CDU will Bürgergeldempfänger:innen zum Kauf eines
Deutschlandtickets verpflichten. Ausgerechnet die, die ohnehin fast nichts
haben.
DIR Neue Grundsicherung und Mietkosten: Sinnlose Wohnungssuche auf Befehl vom Jobcenter
Ab 1. Juli sind nur noch niedrige Wohnkosten in der neuen Grundsicherung
erlaubt. Betroffene müssen dann eine oft sinnlose Wohnungssuche nachweisen.
DIR Streit um Deutschlandticket: Fürs Auto ist immer Geld da
Deutschland fördert Bus und Bahn nur widerwillig – und subventioniert
gleichzeitig weiter den Verbrenner. Absurd ist das nicht nur fürs Klima.
DIR Bürgergeld und Grundsicherung: Das „Bürgergeld“ ist Geschichte
Der Bundestag hat das neue „Grundsicherungsgeld“ beschlossen. Sanktionen
werden verschärft, Wohnkosten gedeckelt. Kritik kommt von der Opposition.