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       # taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Eine Misswahl? Für Kinder? Im Krieg?
       
       > In Ternopil gibt es Talentwettbewerbe, um Mädchen zur „Mini-Miss Ukraine“
       > zu küren. Doch die Kinder stellen dort auch soziale Projekte vor.
       
   IMG Bild: Gesucht wird die Mini-Miss von Tschortkiw, eine Stadt im Oblast Ternopil in der Westukraine, 2016
       
       Vor 25 Jahren habe ich einen Kinderwettbewerb gewonnen. Da wurde ich zur
       „Mini-Miss Ukraine“ gewählt. Es ging damals nicht um Äußerlichkeiten,
       sondern im Mittelpunkt standen Talente: Das Tanzen, Singen oder andere
       kreative Darbietungen der Kinder wurden bewertet.
       
       Ich lebte damals in [1][Luhansk], nur 30 Kilometer von der russischen
       Grenze entfernt. 2014 wurde die Stadt von Russland besetzt. Damals bekam
       ich eine vergoldete Siegerkrone aufgesetzt. Sie wurde 1999 in Kramatorsk
       gefertigt – einer Stadt, die heute selbst zum Kriegsschauplatz geworden
       ist.
       
       Ein Vierteljahrhundert nach meiner Wahl bewerben sich andere Kinder um
       dieselbe Krone. Und ich wurde eingeladen, Mitglied der Jury des Wettbewerbs
       „Mini-Miss und Mini-Mister Ukraine“ zu werden. Seit 2022 lebe ich als
       Geflüchtete in [2][Lettland]. Hier bin ich heute als Aktivistin und
       Buchautorin aktiv, [3][ich arbeite im Bereich zeitgenössische Kunst] und
       Medien. Als die Einladung kam, fragte ich mich, ob ein solcher Wettbewerb
       in einem Land, das sich im Krieg befindet, überhaupt noch möglich ist.
       Gewiss, die Welt der Kinderwettbewerbe sieht überall ähnlich aus, es gibt
       festliche Kleider, große Bühnenshows, lachende Kinder und Geschenke. Doch
       zum anderen ist da diese Frage: Lässt sich dieses Gefühl von
       Unbeschwertheit mitten im Krieg bewahren?
       
       Ich bin hingefahren. Der Wettbewerb fand in Ternopil statt, im Westen der
       Ukraine, denn hier ist ein vergleichsweise sicherer Ort für eine
       Veranstaltung dieser Größenordnung. Da der ukrainische Luftraum seit Beginn
       des Krieges geschlossen ist, dauerte meine Reise von [4][Riga] aus 26
       Stunden. Um die Zeit zu nutzen, lernte ich unterwegs Lettisch.
       
       Umso überraschter war ich, als ich beim Einchecken in mein Hotel in
       Ternopil plötzlich [5][Lettisch] in der Lobby hörte. Zunächst hielt ich es
       für eine Täuschung – nach stundenlangem Lernen mit Podcasts. Doch ich hatte
       mich nicht verhört: Mein Zimmernachbar war ein lettischer Freiwilliger, der
       regelmäßig Fahrzeuge für die ukrainische Armee liefert. Er erzählte, dass
       sein Team nach einem Treffen mit dem Bürgermeister von Ternopil zu einer
       Hilfsmission nach Saporischschja und anschließend nach Slowjansk aufbrechen
       würde. Nachdem ich mich für die Unterstützung der Ukraine bedankt hatte,
       ging ich weiter, um mich auf den Wettbewerb vorzubereiten, denn ich hatte
       auch Workshops für Kinder zu leiten.
       
       ## Handy-Beleuchtung und Hilfe für die Front
       
       In den folgenden drei Tagen besuchte ich jeden Morgen einen
       Schönheitssalon. Fällt während der planmäßigen Stromabschaltungen der Strom
       aus, springen sofort laute Generatoren an. Als einem dieser Geräte der
       Treibstoff ausging, während mir gerade Make-up aufgelegt wurde, blieb die
       Visagistin gelassen. Sie schaltete einfach die Taschenlampe ihres Handys
       ein und schminkte mich im Dunkeln weiter.
       
       Das ist nicht die einzige Änderung, die der Wettbewerb erlebt hat. In den
       letzten Jahren kamen neue Regeln dazu. Heute treten Jungen und Mädchen
       gleichberechtigt an. Zudem zeigen die Kinder nicht nur ihre Bühnentalente,
       sondern sie präsentieren auch eigene soziale Projekte. Einige unterstützen
       Tierheime, andere besuchen Zentren für Kinder mit Down-Syndrom und geben
       dort Bastelkurse. Die Vielfalt beeindruckt.
       
       Die meisten Projekte der Kinder stehen jedoch im Zusammenhang mit der Hilfe
       für die [6][Front]. Jugendliche besuchen an Wochenenden verwundete Soldaten
       in Krankenhäusern und helfen bei deren Rehabilitation. Viele
       Teilnehmer:innen haben Väter oder ältere Brüder, die derzeit im Krieg
       sind.
       
       Am Finaltag standen 51 Kinder aus allen Teilen der Ukraine auf der Bühne.
       Ein ausverkaufter Saal feierte sie mit langanhaltendem Applaus. Die
       Teilnehmer:innen präsentierten Kostüme, Gesang und Choreografien auf
       beeindruckendem Niveau. Im Saal herrschte eine festliche Atmosphäre. Gerade
       weil alle wussten, unter welchen Bedingungen sich diese Kinder auf ihren
       Auftritt vorbereitet hatten, war dieser Abend so bewegend.
       
       [7][Daria Kalashnikova] stammt aus Lugansk in der Ukraine und lebt seit
       2022 in Lettland. Sie ist Aktivistin, Buchautorin und arbeitet im Bereich
       der zeitgenössischen Kunst und Medien. Sie war Teilnehmerin eines
       [8][Osteuropa-Workshops der taz panterstiftung].
       
       Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan]. 
       
       Durch Spenden an die [10][taz panterstiftung] werden unabhängige und
       kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
       „Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
       
       10 Jul 2026
       
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   DIR Daria Kalashnikova
       
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